# taz.de -- Vor den Wahlen in Sachsen-Anhalt und MV: Die lebendigste Zivilgesellschaft der Republik
> Viele Menschen in Sachsen-Anhalt und Mecklenburg-Vorpommern versuchen,
> der AfD die Landtagswahlen zu vermiesen. 19 von ihnen verraten ihre
> Strategien
(IMG) Bild: Längst nicht so allein wie dieser Luftballon während des CSDs in Neubrandenburg: die demokratische Zivilgesellschaft
Woran denken Sie als Erstes, wenn Sie Sachsen-Anhalt hören? Vielleicht
denken Sie an plattes Land, Martin Luther oder Tokio Hotel. Und was fällt
Ihnen zu Mecklenburg-Vorpommern ein? Die Ostsee, die Seenplatte, Timmy,
Hansa Rostock? Vielleicht denken Sie auch an 35 Prozent und 42 Prozent –
daran, wie viele Menschen die rechtsextreme AfD aktuellen Umfragen zufolge
in beiden Ländern wählen könnten? Woran Sie vielleicht nicht denken: an die
lebendigste Zivilgesellschaft in ganz Deutschland.
Was bei den Landtagswahlen im Herbst in beiden Bundesländern droht, ist
allen klar, die es wissen wollen. Erstmals seit 1945 könnte wieder [1][eine
rechtsextreme Partei] in einem Bundesland eine Regierungsmehrheit erreichen
– und im Kleinen ihre völkische Politik durchsetzen. Die Frage ist: Wie
gehen wir damit um? Und vor allem: Wie gehen die Menschen in Sachsen-Anhalt
und Mecklenburg-Vorpommern damit um?
Wer in den beiden Bundesländern den Blick einmal weg von der AfD wendet,
stellt fest: Dort gibt es eine starke Bürger*innenschaft, die für die
Demokratie einsteht. Die gerade jetzt kämpft und im Privatleben
zurücksteckt, an ganz vielen Orten. Diese Menschen leiten die Jugendzentren
der Region, sind einer freiwilligen Feuerwehr beigetreten, in der Kirche
organisiert oder in Gewerkschaften. Sie bieten auf Social Media Paroli,
stellen Festivals auf die Beine oder bringen das Hinterland zum Leuchten.
Und sie vernetzen sich. In Mecklenburg-Vorpommern haben sich als „Zusammen
bewegen“ über 1.000 Initiativen, Vereine, Gruppen und Einzelpersonen
zusammengeschlossen. Hunderte sind es im Bündnis „Sachsen-Anhalt.
Weltoffen!“. Und unter dem Motto „Kultur ist Vielfalt und Heimat“ zieht
dort die komplette Kulturszene an einem Strang.
All das beweist: In beiden Ländern ist gerade die lebendigste
Zivilgesellschaft der Republik aktiv! Wir stellen sie den ganzen Sommer
über vor. Den Auftakt machen 19 Aktive, die in Sachsen-Anhalt und
Mecklenburg-Vorpommern die Wahlen noch nicht verloren geben – und die
Strategien aufzeigen, wie die Demokratie jetzt verteidigt werden kann.
Schafft eine positive Erzählung!
Ende Juni atmete die Kulturszene in Sachsen-Anhalt kurz auf. Der Landtag
hatte einen Antrag der AfD abgelehnt, der alle Kultureinrichtungen und
-projekte im Land betroffen hätte. Sie sollten nur noch Geld bekommen, wenn
sie vorher ein „Bekenntnis zu Staat, Demokratie und deutscher Kultur“
abgeben.
Sollte die AfD im Herbst gewinnen, ist die Idee wieder auf dem Tisch. Die
rechtsextreme Partei will Kultur nur fördern, wenn sie „einen Beitrag zu
deutscher Identitätsfindung leistet“. Dabei liegt die ganze Kraft von
Kultur darin, keinen Zweck erfüllen zu müssen, keine Grenzen zu kennen oder
diese gezielt zu überschreiten. Oder, wie Annegret Laabs es sagt: „Wir
können nicht deutsch denken, weil es keine deutsche Kultur gibt.“
Laabs ist Direktorin des Kunstmuseums Magdeburg und Sprecherin einer
Initiative namens Kultur ist Vielfalt und Heimat. Das Netzwerk formierte
sich, als die kulturpolitischen Pläne der AfD für Sachsen-Anhalt in diesem
Frühjahr bekannt wurden. Mittlerweile sind fast alle Kulturinstitutionen
des Landes dabei – große wie das Bauhaus Dessau, kleinere wie das
Schachmuseum Halberstadt – und ganze Netzwerke wie die Kulturfördervereine
in Sachsen-Anhalt.
„Heimat ist dort, wo Vielfalt gelebt und Kunstfreiheit verteidigt wird“,
steht im Statement der Initiative. Das funktioniere, weil es ein positiver
Aufruf sei, sagt Laabs: „Es geht um kulturelle Vielfalt, die erhalten
bleiben soll an dem Ort, an dem die Menschen leben.“
Laabs wurde im sachsen-anhaltinischen Eisleben geboren, studierte in
Bamberg und Marburg, arbeitete dann in den Staatlichen Kunstsammlungen
Dresden und ist nun bereits seit 25 Jahren Museumsdirektorin in Magdeburg.
Bis vor Kurzem beeindruckte sie ihre Besucher*innen dort mit einem
riesigen, weißen Nashorn. Itamar Gov erinnert mit diesem Kunstwerk an „Die
Nashörner“ von Eugène Ionesco, ein Theaterstück, in dem eine ganze Stadt
sich nach und nach in ebensolche verwandelt, zum autoritären Kollektiv
wird. „In der Kultur sind zum Glück keine Nashörner unterwegs“, sagt Laabs.
Zur Mahnung zieht dieses eine aus Magdeburg nun weiter nach Halle (Saale),
Salzwedel und Dessau-Roßlau.
Unterstützt Betroffene!
Manchmal übersetzt Saaeid Saaeid einfach nur einen Brief. Manchmal
begleitet er Menschen auf Behörden. Und manchmal organisiert er
Kulturangebote oder Informationsveranstaltungen. Auf diese Weise engagiert
sich der 26-jährige Student in Sachsen-Anhalts Landeshauptstadt Magdeburg
quasi täglich für Integration und Teilhabe.
„Als ich selbst aus Syrien nach Deutschland gekommen bin, habe ich gemerkt,
wie schwer es sein kann, wenn man die Sprache nicht kennt oder nicht weiß,
wie man mit den Behörden richtig umgeht“, sagt er. 2018 war das. Er habe
gesehen, dass es anderen genauso geht, und sich entschieden, sie zu
unterstützen. „Ich wollte nicht nur zuschauen, wie Menschen wegen kleiner
Hürden große Probleme bekommen.“
Inzwischen ist Saaeid Vorstandsvorsitzender des Syrisch-Deutschen
Kulturvereins in Magdeburg, Mitglied in Magdeburgs Integrationsbeirat und
hauptamtlich Sprecher des Flüchtlingsrats von Sachsen-Anhalt. In dieser
Rolle war Saaeid Ende Juni auch bei der Linksfraktion im Landtag zu Besuch.
Er wolle auf die Herausforderungen aufmerksam machen, vor denen
zugewanderte Menschen stehen. Aktuell seien diese größer denn je. „Viele
sind erschöpft, haben Angst, Fehler zu machen. Besonders, wenn es eine neue
Rechtslage gibt, zum Beispiel bei der Verlängerung des Aufenthaltstitels.“
Erfolg spüre er, wenn jemand verstehe, was in einem Brief steht, sagt er.
„Wenn eine Familie weniger Angst hat, weil Informationen geklärt wurden.
Oder wenn Menschen zu einer Veranstaltung kommen und merken: Ja, wir
gehören dazu.“
Geht in die Dörfer!
Alicja Orlows Devise lautet: „Erst mal zuhören – und dann anpacken.“ Die
38-Jährige ist auf Usedom aufgewachsen, ging für Studium und Arbeit nach
Bremen, Hamburg, Berlin, bis nach Benin und Krakau, wirkte dort in
Demokratie- und Kulturprojekten. Vor fünf Jahren kehrte sie zurück, in ein
600-Einwohner*innen-Dorf zwischen Greifswald und Usedom.
Sie fühle sich sehr wohl dort, sagt Orlow. Anfangs wirkten die Menschen
vielleicht distanziert – begegne man ihnen offen, seien sie es aber auch.
Orlow engagiert sich mit einnehmender Art und immer einem Lächeln für die
Demokratie als stellvertretende Geschäftsführerin des Vereins RAA –
Demokratie und Bildung Mecklenburg-Vorpommern und in anderen Projekten vor
Ort.
Dabei setzt sich Orlow erst mal zu den Menschen, findet raus, was sie
umtreibt – und erarbeitet dann mit ihnen, was es braucht, um [2][den
demokratischen Zusammenhalt zu stärken]. Ein Fest, ein Sportevent, ein
Vernetzungstreffen für ehrenamtlich Engagierte? „Wenn die Menschen sehen,
dass das Projekt ihrem Dorf weiterhilft, packen sie immer mit an.“ Ohnehin
würden sich viele ehrenamtlich engagieren, ohne sich dabei als
Zivilgesellschaft zu benennen. „Aber genau das ist demokratisches
Engagement.“
Und Orlow geht auch dahin, wo es vermeintlich ungemütlich wird. In ihrem
Dorf trat sie vor gut einem Jahr in die Feuerwehr ein. Weil sie sich vor
Ort einbringen wollte, weil die Feuerwehr eine wichtige Instanz sei. Am
Ende sei sie selbst wohl am skeptischsten gewesen, doch „sehr nett“
aufgenommen worden, sagt sie. „Das war auch mal ein guter Anlass, zu
reflektieren, wo wir selbst Vorurteile mitbringen.“
Es sind auch solche Erfahrungen, die Alicja Orlow Hoffnung machen, dass die
Demokratie längst nicht verloren ist, auch nicht bei der Wahl im September.
Die Mehrheit der Menschen im Land sei nicht rechtsextrem, ist sie
überzeugt. Und: „Ich bin Optimistin, immer schon.“
Schafft Begegnungsräume!
Katja Thiede nennt sich „Pingpongaktivistin“, ihre Demokratiearbeit findet
an der Tischtennisplatte statt. Im September 2024 hat sie mit Freunden
einen ehemaligen Friseursalon in Neustrelitz angemietet und zwei
Tischtennisplatten reingestellt. Mehrmals in der Woche sind dort Eintritt
und Mitspielen kostenlos. An den Platten träfen sich Leute, die sich sonst
wohl nie begegnen würden, sagt Thiede. „Egal, ob sie jung oder alt sind,
arm oder reich oder wo sie politisch stehen: Wichtig ist, dass sie sich
wohlwollend den Raum teilen.“ Thiede hofft, so gesellschaftliche Blasen
aufzubrechen, damit fange für sie Demokratie und Frieden an.
Den Tischtennissalon labelt sie bewusst nicht als linken Ort, das würde
viele abschrecken, denkt sie. Die Regenbogenflagge flattert nicht vor dem
Salon, sie steckt drinnen in einer Blumenvase. Trotz der Offenheit gibt es
rote Linien: Wer Menschen beleidigt oder diskriminiert, sei es durch
Kleidung oder Symbole, muss gehen. Vorgekommen sei das aber noch nie, sagt
Thiede.
Im Gegenteil, das Tischtennisprojekt wächst. Im Sommer organisieren sie und
ihr Verein ein jährliches Tischtennisfestival in Neustrelitz, das „Ping
Pong Palooza“. Gerade haben sie außerdem einen zweiten Salon in einem
ehemaligen Schuhgeschäft eröffnet. Dort steht die „Pixelplatte“, eine
Tischtennisplatte mit integrierter Computertechnik für Kinder und
Jugendliche.
Katja Thiede ist in Mirow bei Neustrelitz geboren und aufgewachsen, nach
der Schule aber erst mal weg – Australien, Neuseeland, Berlin. 2019 zog es
sie und ihre Familie zurück.
Die erste öffentliche Tischtennisplatte hat sie mit Freunden zu Beginn des
Kriegs in der Ukraine aufgestellt, um Spenden für das Land zu sammeln. Bis
heute schultern Thiede und ihr kleines Team das Projekt ehrenamtlich. Die
Möbel der Sitzecken sind gebraucht, die Tischtennisplatten teilweise
ebenfalls. Das Projekt wird punktuell von Stiftungen gefördert und hat
kürzlich den Deutschen Nachbarschaftspreis der nebenan.de Stiftung
gewonnen. Damit zahlt Katja Thiede die Miete für die beiden Salons. Neues
Equipment schafft sie über Spendengelder an.
Bringt euch ein vor Ort!
Das Dorf Dornburg liegt idyllisch an der Elbe, eine gute halbe Stunde von
Magdeburg entfernt. Überregional bekannt wurde es durch die örtliche
Fußballmannschaft: einen Verein, in dem militante Neonazis spielten. Der
Verfassungsschutz hat ihn beobachtet, Schiedsrichter weigerten sich, seine
Spiele zu pfeifen, schließlich wurde er verboten. Unweit des ehemaligen
Sportplatzes veranstaltet Marcel Böge mit seiner Crew seit zwei Jahren ein
Festival, das „Contrasts in Symbiosis“, kurz CoSy.
Einmal im Jahr bringt das CoSy als Non-Profit-Veranstaltung Kunst und
elektronische Musik in das historische Barockschloss Dornburg. Damit geriet
es schnell in den Blick der AfD. Die stellte die Finanzierung infrage sowie
Anfragen im Kommunalparlament und Landtag. Doch Böge und sein Team halten
durch.
Marcel Böge lebt in Magdeburg und ist Teil der Love Foundation, eines
Kollektivs aus Künstlern und Musikern, das Kulturveranstaltungen
organisiert. Das Schloss Dornburg, sagt er, sei ein großes Glück. Die
historische Kulisse locke DJs und Künstler aus aller Welt. Die Bevölkerung
des Orts sei am Anfang skeptisch gewesen. Dem ist das Team mit der
Strategie der Umarmung begegnet. Die CoSy-Leute bringen sich ein: Schon vor
dem Festival sammeln sie Müll auf, besuchen das traditionelle
Maibaumrichten. Die Kartoffeln für die Festivalverpflegung pflanzen sie bei
lokalen Bauern, die Bewohner:innen Dornburgs haben am ersten
Festivaltag freien Eintritt.
Und das funktioniert. Von 280 Bewohner:innen kämen mittlerweile 100 auf
das Festival und schätzen das bunte Angebot, sagt Böge. Auch in diesem Jahr
steigt das CoSy wieder, vom 7. bis zum 10. August.
Organisiert politische Feste!
Christopher Street Days sind in letzter Zeit Hauptangriffsziele von
Rechtsextremen geworden. Rachel Hanf schreckt das nicht ab – im Gegenteil.
Sie hat genau dort einen CSD ins Leben gerufen, wo die Rechten besonders
stark sind: in der mecklenburgischen Kleinstadt Grevesmühlen. „Stadtfeste,
auf denen sich Leute besaufen, gibt es hier schon genug“, sagt Rachel Hanf.
„Viel dringender brauchen wir ein buntes, tolles, politisches Fest.“
Hanf stammt aus der Nähe von Grevesmühlen. Die 20-Jährige engagiert sich
seit fünf Jahren politisch, war Anne-Frank-Botschafterin für die Region,
hat Demos gegen Rechtsextremismus veranstaltet. In Wismar hat sie 2024 zum
ersten Mal einen CSD mitorganisiert, im Herbst 2025 dann den ersten in
Grevesmühlen. Der sei eine besondere Herausforderung gewesen, sagt Hanf,
weil es seit den 90er Jahren hier eine gefestigte Neonaziszene gebe. Das
Team um Hanf wurde angefeindet und bedroht, Hanf von Rechtsextremen zu
Hause aufgesucht. Sie bekam Polizeischutz für die Zeit vor und während des
CSDs. Schön war das nicht, aber sie sei abgehärtet, sagt sie nun.
Der erste CSD in Grevesmühlen wurde ein Erfolg: Mehr als 1.000
Teilnehmer*innen kamen, ließen sich nicht einschüchtern von den 350
Neonazis, die die Parade zu verhindern suchten. In diesem Jahr pausiert der
CSD in Grevesmühlen, dafür wird es wieder einen in Wismar geben, den Rachel
Hanf ebenfalls mitorganisiert. Er findet am 12. September statt, zehn Tage
vor der Landtagswahl.
Geht auf die Straße!
Kurz nach der Correctiv-Recherche zum Geheimtreffen der AfD findet im
Februar 2024 die erste große Demo in Magdeburg statt. Kurz darauf gründet
sich das Bündnis „Sachsen-Anhalt. Weltoffen!“. Mittlerweile sind 264
Organisationen sowie 168 Einzelpersonen darin vertreten, darunter lokale
Demokratieinitiativen, Wohlfahrts- und Umweltverbände, die Kirchen,
Gewerkschaften, Theater. Katrin Skirlo ist eine der Vertreterinnen des
Bündnisses und Landesleiterin des DGB in Sachsen-Anhalt.
Zur Landtagswahl hat das Bündnis eine Kampagne gestartet: „Vielfältig.
Demokratisch. Solidarisch. – Wir haben die Wahl.“ Seit April finden unter
diesem Motto im ganzen Bundesland Veranstaltungen statt. Das große Finale
soll am 5. September in Magdeburg stattfinden – eine große Demo, die
mittags durch die Innenstadt führt und ab 15 Uhr in eine bunte Versammlung
auf dem Domplatz mündet. Skirlo rechnet mit mehreren Tausend
Demonstrierenden.
„Wir rufen dazu auf, an diesem Tag nach Magdeburg zu kommen, um mit uns
gemeinsam zu demonstrieren und ein Zeichen für Vielfalt, Zusammenhalt und
Demokratie zu setzen“, sagt sie. Prominente Gäste werden Reden halten,
darunter die Publizistin Carolin Emcke, die Holocaustüberlebende Henriette
Kretz und der Social-Media-Aktivist „Maximal Demokratisch“. Musik kommt vom
Hamburger Popstar Berq und der schwäbischen Indieband Provinz.
„Uns ist wichtig, einen Tag vor der Wahl die Zivilgesellschaft noch einmal
richtig sichtbar zu machen“, sagt Skirlo. Mit der Veranstaltung wolle man
zeigen, dass es viele seien, die sich in Sachsen-Anhalt für die Demokratie
einsetzten. Es soll ein Tag werden, der allen Mut macht – für die Wahl,
aber auch darüber hinaus.
Engagiert euch in Kommunalparlamenten!
Als Cathleen Hoffmann 2024 mit ihrem Bündnis lebenswertes Land in den
Stadtrat von Salzwedel gewählt wird, ist sie eine Besonderheit. Der
Frauenanteil in deutschen Kommunalparlamenten beträgt nur 30,5 Prozent, nur
9 Prozent aller Kommunen werden von einer Frau geführt. In Cathleen
Hoffmanns Bündnis sind nur Frauen. Sie sitzt in den Ausschüssen für Bau,
Verkehr, Ökologie, Stadtmarketing und Standortentwicklung.
Die 46-Jährige war erst Mitglied der Grünen, empfand dies im Gespräch mit
den Menschen vor Ort aber als Hemmnis. In die Politik gegangen ist sie, um
ihre Perspektive einzubringen: die einer alleinerziehenden Frau. Um ihr
Kind großzuziehen, kehrte sie aus Berlin in ihre Geburtsstadt Salzwedel
zurück.
Hoffmann arbeitet beim Miteinander e. V. als Bildungsreferentin. In dieser
Rolle wollte sie in Salzwedel ein Demokratieprojekt für Schüler*innen
umsetzen. Das Geld aus dem [3][Fördertopf „Demokratie leben!“] war schon
bewilligt, es fehlte nur noch der kommunale Eigenanteil von gerade einmal
4.500 Euro im Jahr. Der Stadtrat stimmte mithilfe der CDU dagegen.
Aktuell hält sich die CDU vor Ort eher bedeckt. Alle anderen demokratischen
Akteur*innen seien so aktiv wie nie, sagt Hoffmann. „Das gibt mir
Hoffnung.“ Sie fürchtet allerdings, dass es um sie herum einsamer werden
würde, sollte die AfD im September gewinnen. „Damit Frauen bleiben, braucht
es ein progressives Klima, mehr Jobs und Sensibilisierung derjenigen, die
aktiv sind. Wenn eine Frau sich im Ortschaftsrat engagieren will, dann darf
sie nicht nur als Protokollantin herhalten.“ Dass sich Engagement lohne,
davon ist Hoffmann überzeugt. „Man bewegt immer was, kann Impulse setzen“,
sagt sie. „Man muss sich an den Tisch der Männer setzen.“
Stört die Rechtsextremen!
Torsten Franz erfuhr schon in den 90er Jahren in Quedlinburg, was
rechtsextreme Gewalt bedeutet. Als Teil der autonomen Szene in der Stadt
erlebte er wiederholte Angriffe von Neonazis auf linke Hausprojekte vor Ort
und in der Umgebung, auch mit Steinen und Brandsätzen. Fast jedes
Wochenende musste man „zum Schutz“ ausrücken, hatte eine Telefonkette für
Notrufe, erinnert sich Franz. „Es war eine Zeit voller Gewalt, aber auch
des antifaschistischen Zusammenhalts.“ Zugleich unterstützten Franz und
andere Autonome auch soziale Kämpfe wie die Besetzung des Kaliwerks in
Bischofferode durch 500 Kumpel im Jahr 1993.
Nach einer Zeit in Berlin lebt Torsten Franz seit mehreren Jahren wieder in
Quedlinburg, arbeitet dort als Anwalt und engagiert sich weiter
antifaschistisch. Franz ist vor Ort in einem Antifa-Bündnis aktiv, das etwa
Aktionen des Gedenkens an NS-Verbrechen organisiert – und immer wieder auch
gegen die AfD protestiert.
Damit ist er in Sachsen-Anhalt nicht allein. Auch dort gibt es
Antifa-Gruppen in mehreren Städten, autonome Zentren in Salzwedel oder in
Halle. Das widersetzen-Bündnis, das gerade in Erfurt gegen den
AfD-Bundesparteitag protestierte, hat Ortsgruppen in Magdeburg und Halle.
Und wenn die AfD im Bundesland zu Wahlkampfaktionen lädt, werden diese auch
dort immer wieder von antifaschistischen Protesten begleitet.
Torsten Franz hält diese Proteste für unverzichtbar. „Wir dürfen diese
Partei nicht normalisieren. Sie ist und bleibt rechtsextrem und
gefährlich.“ Gegen die rechtsextreme Raumnahme seien alle Mittel
gerechtfertigt, sagt Franz. Wenn es nicht anders gehe, auch Militanz.
„Einfach zuschauen, wie sich Menschenfeindlichkeit ausbreitet und
Betroffene konkret bedroht werden, kann keine Option sein.“ Wolle man aber
wieder in die Offensive kommen, müssten alle progressiven Kräfte
zusammenhalten und ein eigenes Gesellschaftsbild vorleben, ist Franz
überzeugt.
Selbst wenn die AfD in Sachsen-Anhalt regieren sollte, werde er bleiben.
„Dann braucht es ja umso mehr Leute, die sich den Rechtsextremen
entgegenstellen.“
Geht in die Fußballstadien!
Anne Geisler wird gerufen, wenn es in Jugendgruppen brenzlig wird. Wenn
Kinder in Sportvereinen rechte Parolen rufen, wenn Lehrerinnen nicht mehr
gegen Diskriminierung ankommen, wenn in Jugendclubs rechtsextreme Symbole
auftauchen. Geisler leitet das Projekt Lernort Ostseestadion. Sie macht
klassische Jugendbildungsarbeit – aber im Fußballstadion von Hansa Rostock.
„Der Verein strahlt ins ganze Bundesland“, sagt sie. „Wenn wir die Kinder
und Jugendlichen dort treffen, dann bricht das Eis sofort.“
Geisler und ihre Kolleg:innen vermitteln Demokratiethemen über den
Fußball: Fairplay im Klassenraum oder auch Deeskalation bei Gewalt auf dem
Schulhof. Gleichzeitig komme auch Heikles im Stadion schneller hoch,
„Themen und Dynamiken aus der Fußball- und Fankultur. Manche davon stehen
dem gegenüber, was wir in der Bildungsarbeit mit Kindern und Jugendlichen
bearbeiten und vermitteln möchten.“ Damit professionell umzugehen, sei
nicht immer leicht, sagt sie. Geisler spricht mit den Kindern also über die
Sätze auf den Transparenten in der Fankurve oder über sexistische
Fangesänge.
Dabei beobachten Geisler und ihre Kolleg:innen eine zunehmende
Radikalisierung: Kinder, die mit rechten Sprüchen provozieren, die sich
offen rassistisch äußern und Fake News verbreiten. Das Team um Geisler
lässt sich fortlaufend dazu schulen, wie es in solchen Situationen
reagieren kann. Manchmal helfe nur noch, die Klassen zu treffen, um jene
Kinder zu schützen, die unter der Diskriminierung leiden.
Was Geisler dabei gelernt hat: Leute nicht zu schnell aufzugeben.
„Natürlich grenzen wir uns ab von rassistischen Aussagen. Aber wir grenzen
nicht aus. Unsere Aufgabe ist es, Jugendliche davor zu bewahren, Täter zu
werden.“ Dafür helfe es, ihnen zuzuhören, ihre Aussagen zu hinterfragen,
dranzubleiben. Das habe sich für sie auch im Umgang mit Erwachsenen
bewährt.
Was Geisler momentan Sorgen mache, sei die langfristige Finanzierung des
Lernorts Ostseestadion, sagt sie. Das Projekt wird unter anderem von der
Bundesliga Stiftung sowie durch kommunale und Landesmittel gefördert.
Gerade plane Geisler daher vor allem bis zu den Landtagswahlen im Herbst.
Wie es danach für das Projekt weitergeht, hängt auch davon ab, wie stark
die AfD wird.
Findet überraschende Formate!
Der ländliche Raum, heißt es, sei besonders abgehängt. Deswegen bepacken
Mel Neu und ihre Mitstreiter*innen Ende August für neun Tage ihre
Fahrräder und radeln durch die Region im äußersten Norden Sachsen-Anhalts,
die Altmark. Auf ihrem Weg besuchen sie demokratische Vereine und
Initiativen in Dörfern und Kleinstädten, bauen dort ihre kleine Küche und
eine solarbetriebene Bühne auf und machen sich gegenseitig Mut – mit
Theater, Zirkus, Musik, Lesungen, Diskussionen, Kundgebungen und Küfa.
„Wir hören hier immer wieder, dass Leute sich nicht mehr trauen, offen im
Kollegenkreis, in der Familie oder in ihrem Verein gegen den rechten
Mainstream zu sein“, sagt Neu. Für sie alle sei ihre Demokratiekarawane
gedacht. Am 21. August starten sie und ihre Mitstreiter*innen in
Arendsee. In zehn Tagen wollen sie an zehn Orten Station machen, darunter
Bismark, Kalbe, Klötze, Gardelegen und am 23. August Stendal. Im dortigen
Kulturzentrum Kunstplatte werden sie ein Kinderfest feiern. Eingeladen sind
auch die Menschen aus der nahe gelegenen Geflüchtetenunterkunft. Dort sind
besonders vulnerable Personen untergebracht, teils mit besonderem
Schutzbedarf. Mel Neu organisiert gerade einen Shuttleservice für sie.
Neu hat in Salzwedel die Omas gegen Rechts mitgegründet und hatte mit ihnen
die Idee zur Demokratiekarawane. „Wir arbeiten uns so stark an dem ab, was
wir nicht wollen: gegen die AfD, gegen Rassismus. Mit der Karawane wollen
wir zeigen, dass wir vor allem für etwas sind, nämlich für eine offene
Gesellschaft“, sagt sie.
Mittlerweile haben sich auch andere der Initiative angeschlossen,
Studierende aus Halle, Unterstützer*innen aus dem Wendland. Für einige
Etappen reisen auch die Omas gegen Rechts aus Potsdam an. Neu schätzt, dass
sie mit 20 bis 50 Personen durch die Altmark ziehen und pro Tag etwa 25
Kilometer zurücklegen werden. Am 29. August, acht Tage vor der Wahl, wollen
sie wieder in Salzwedel ankommen und dort den Abschluss mit verschiedenen
Bands feiern.
Klärt auf, dass die AfD wirtschaftlich schadet!
Wenn Manfred Keiper daran denkt, welche wirtschaftlichen Auswirkungen eine
AfD-Landesregierung hätte, dann befürchtet er Schlimmstes – gerade für die
Kultur. „Da ist mit einem beträchtlichen Kahlschlag zu rechnen.“ Keiper ist
Inhaber der „anderen Buchhandlung“ im Zentrum Rostocks. 1990 gründete seine
verstorbene Frau den Laden, seit 31 Jahren führt er ihn.
Dass Kulturstaatsminister Wolfram Weimer in diesem Jahr [4][drei linke
Buchläden vom Deutschen Buchhandlungspreis ausschließen ließ], sei für
Keiper ein Warnschuss gewesen. Er hat ein wütendes Statement gegen diese
Entscheidung veröffentlicht. 2021 hatte er den Preis selbst erhalten. Die
linke Ausrichtung seiner Buchhandlung sei kein Geheimnis gewesen, schreibt
Keiper in dem Statement. Im Gegenteil, die Jury habe das außerordentliche
kulturelle Engagement seiner Buchhandlung ausdrücklich gewürdigt.
Sein Laden bietet Literatur jenseits großer Konzernverlage, Veranstaltungen
der Lese- und Bildungsförderung und Raum für gesellschaftspolitische
Veranstaltungen. Der Buchhandel ist für Keiper seit jeher politisches
Terrain. „Meine Frau hatte den Grundsatz: Bücher verkaufen, um Kultur zu
fördern.“ Ein Grundsatz, den er bis heute verfolgt.
Manfred Keiper ist seit fast zehn Jahren Teil der Vollversammlung der
Industrie und Handelskammer (IHK) in Mecklenburg-Vorpommern.Bei einer
möglichen AfD-Regierung fürchtet er nicht nur Auswirkungen für die Kultur,
sondern auch, dass ausländische Fachkräfte das Land verlassen würden oder
müssten. „Das setzt unsere Gesellschaft zurück und gefährdet den
Wohlstand“, sagt Keiper. Außerdem befürchtet er: „Der Ruf der Region wird
beschädigt. Im Handel und Tourismus werden wir ebenfalls verlieren.“
Aus der Literatur zieht Keiper viel, vor allem Schlussfolgerungen für die
Zukunft. Schon die antiken Dramen hätten die Folgen von Ausgrenzung und
Diktatur in der Politik thematisiert. „Literatur ist auch dazu da,
Erfahrungen zu vermitteln, die man lieber nicht erleben möchte“, sagt
Keiper. Eine AfD-Landesregierung gehöre für ihn dazu.
Haltet auf Social Media dagegen!
Bei seiner ersten Wahl, in seiner Heimatstadt Gommern in Sachsen-Anhalt,
machte Hannes Kreschel sein Kreuz noch bei der AfD. 16 Jahre alt war er da,
die Stimme sei ein Protest „gegen die da oben“ gewesen, sein Vater habe ihm
das damals eingeredet, erzählt er. Dann aber sei er Teil einer linken Band
geworden und habe gemerkt, dass der Frust soziale Gründe habe und
komplexere Antworten verlange.
Seit einem Jahr ist Hannes Kreschel, der inzwischen in Halle wohnt, nun für
etwas anderes bekannt: seine Social-Media-Videos. Die dokumentieren, wie er
auf AfD-Veranstaltungen und anderen Rechts-außen-Events Teilnehmende
interviewt und mit seinen hartnäckigen Fragen ihre Widersprüche und platten
Parolen offenlegt. „Die eingefleischten AfD-Leute werde ich damit nicht vom
Weg abbringen. Aber vielleicht kommen andere, die zu der Partei neigen, ins
Grübeln“, sagt Kreschel. Der 23-Jährige hat inzwischen eine üppige
Reichweite: mehr als 75.000 Menschen folgen ihm allein auf Instagram.
Kreschel kontert mit seinen Videos auch eine AfD-Strategie. Seit Jahren
setzt die Partei massiv auf Social-Media-Inhalte und hat dort große
Reichweiten. „Die demokratischen Parteien haben das verpennt“, kritisiert
Kreschel, der auch SPD-Mitglied ist. Umso aktiver ist er nun selbst auf
Social Media. „Man muss die Leute da abholen und überzeugen, wo sie sind“,
sagt er.
Für seine Arbeit zahlt Kreschel einen Preis. Auf Drehs wird er bedroht. Mit
seinem Vater, der ihn für die Videos beschimpfte, hat er gebrochen. Aber
Kreschel macht weiter. Und er ärgert sich, dass viele die Wahl im September
schon an die AfD verloren geben. „Wahlen werden immer erst in den letzten
zwei, drei Wochen entschieden. Noch kann man die Leute von einer anderen
Sache überzeugen.“ Auch in Sachsen-Anhalt sei die AfD schlagbar.
In seiner Heimatstadt Gommern kam der AfD-Kandidat bei der letzten
Bürgermeisterwahl auf gerade einmal 12 Prozent, auf der AfD-Party zur
Landratswahl im Saalekreis sei nur eine Handvoll Leute gewesen. „Auch wenn
die AfD das anders inszeniert: Sie ist hier nicht allmächtig. Alles ist
noch möglich.“
Haltet die Kirchen stabil!
Bettina Schlauraff macht kein Geheimnis daraus, wo sie ihre Kirche
verortet. In einem Video auf Instagram posiert sie in einem T-Shirt mit der
Aufschrift „Antifaschistische Kirche“, in einem anderen plädiert sie gegen
das Sachsen-Anhalt-Bashing. „Wir leben nämlich gerne hier“, schreibt sie
dazu.
Schlauraff ist Regionalbischöfin von Magdeburg, zuständig für das Gebiet
zwischen Halberstadt, Salzwedel und Stendal. Sie hat ein Buch geschrieben
mit Empfehlungen dazu, wie sich Gemeinden dem Rechtsextremismus
entgegenstellen können. Sie ist Ansprechpartnerin für queere Menschen in
der Kirche. Und sie predigt im Gottesdienst zum CSD von Wernigerode.
Schlauraff steht damit für alles, was die AfD ablehnt.
300.000 Christ*innen leben in Sachsen-Anhalt, evangelische und
katholische zusammengezählt. In jedem Dorf steht eine Kirche. „Wir sind der
größte Verein neben der Feuerwehr“, sagt Bettina Schlauraff, und damit geht
für sie Verantwortung einher, nämlich Flagge zu zeigen. Ihre Kirche hat
Banner drucken lassen für die Gemeinden, für das Miteinander und gegen
Ausgrenzung. Sie hat Demokratiebündnisse gegründet und engagiert sich in
einigen. Vor der Wahl informiert die Kirche in Zeitschriften und im
Internet, dass nur die Demokratie mit den christlichen Werten vereinbar
sei.
Wichtig ist Schlauraff aber auch, aus ihrer Blase rauszukommen. In ihrem
Collarhemd, der klassischen Pastorenkleidung, besucht sie die Bürgerdialoge
der AfD. „Nicht um das Publikum dort zu bekehren, damit habe ich keine
Chance“, sagt sie. „Aber um zu zeigen: Nicht alle klatschen mit, wenn
Ulrich Siegmund die Bühne betritt. Nicht alle jubeln, wenn gegen Menschen
gehetzt wird.“ Es ist ihre Art des gewaltfreien Widerstands.
Mit ihrem so öffentlichen Bekenntnis zur Demokratie erregt Bettina
Schlauraff auch Widerspruch in der Kirche, sagt sie. Einige ihrer
Kolleg:innen fürchten, dass es der Kirche Nachteile bringen könnte, wenn
sie sich jetzt zu stark gegen die AfD positioniere. „Wir werden so oder so
Nachteile haben, sollte die AfD hier regieren. Dann doch lieber jetzt laut
sein“, sagt Schlauraff.
Kirche und Politik, das lässt sich für sie nicht voneinander trennen. Sie
ist zu DDR-Zeiten geboren und in einer Pfarrersfamilie in der Nähe von
Potsdam aufgewachsen. „Ich bin ein Kind der Friedensbewegung“, sagt
Schlauraff. „Die Bibel ist politisch, Jesus stellt die Machtfrage. Er sagt,
an wessen Seite wir stehen sollen: an der der Armen und derer, die für
Gerechtigkeit streiten.“ Das allein gebe ihr Orientierung. Egal, welche
Partei regiere.
Schafft Widerstandsorte!
Seit 35 Jahren ist die Zora in Halberstadt in Sachsen-Anhalt ein
alternativer Freiraum – und seit fast drei Jahren Robert Fietzke
mittendrin, als Leiter des Soziokulturellen Zentrums. „Einer der
wundervollsten Orte dieser Welt“ sei die Zora, schwärmt Fietzke.
Schülercafés, Fahrradwerkstatt, Konzerte, Siebdruck, Probenraum, Barabende,
Krabbelgruppen finden dort selbst organisiert statt. Und alles mit klarer
Haltung: für eine offene Gesellschaft, gegen Rechtsextremismus. Und damit
auch klar gegen die AfD – was die Zora schon heute ins Visier der Partei
bringt und nach der Wahl im Herbst wohl noch mal mehr bringen wird.
Robert Fietzke aber hält dieses Kontra für alternativlos. „Die Partei macht
faschistische Politik, und das muss man so benennen.“ Der 40-Jährige selbst
ist dabei ein Multitasker mit unbändiger Energie. Er organisiert in der
Zora Programm, Personal und Finanzen. Nebenbei sitzt er für die Linke im
Stadtrat Magdeburg und lehrt an der Hochschule Magdeburg-Stendal. Er
gründete Antifa-Bündnisse, arbeitete für den Flüchtlingsrat.
Die AfD überzieht seine Zora immer wieder mit Anfragen, ein Abgeordneter
tauchte, als Handwerker getarnt, im Zentrum auf und versuchte so, an
Informationen zu kommen. Auch Neonazis bedrohen das Zentrum immer wieder.
Für Fietzke ist all das erst recht Grund, dagegenzuhalten. „Gerade jetzt
braucht es Orte wie die Zora. Wir haben uns immer klar positioniert und
werden das weiterhin tun.“ Es seien genau solche Orte, die Jugendlichen aus
der Gegend ein Angebot schafften, nicht wegzuziehen. Auch Fietzke selbst
wuchs in Halberstadt auf, ging zum Studium der Sozialen Arbeit nach
Magdeburg – und kehrte dann bewusst in seine Heimatstadt zurück.
Gelder der Stadt oder vom Land erhält die Zora nicht, deshalb wird der
Betrieb auch nach der Wahl im September weitergehen – sofern das Zentrum
weiterhin Spenden erhält. Die Wahl im September sieht Fietzke aber noch
nicht als verloren. Überall rege sich derzeit Widerstand gegen die AfD,
würden Bündnisse geschmiedet, sagt er. „Da kommt noch ein Feuerwerk des
antifaschistischen Widerstands.“
Pflegt die Erinnerungen!
Sabine Klemm sorgt dafür, dass die Menschen in Schwerin immer wieder
stolpern – über die Verbrechen des Nationalsozialismus und die Schicksale
seiner Opfer. 2006 veranlasste Klemm mit einem Schulprojekt die erste
Stolperstein-Verlegung, 2011 rief sie die Initiative Stolpersteine in der
Landeshauptstadt ins Leben.
Seitdem wurden in Schwerin 98 Gedenksteine und eine Stolperschwelle von dem
Künstler Gunter Demnig verlegt. So wurden mehr als 100 Schicksale sichtbar
gemacht. Die Stolpersteine erinnern an alle Opfergruppen der NS-Zeit in
Schwerin. Neben Juden wurden dort auch Hunderte Behinderte und Kranke aus
der „Heil- und Pflegeanstalt“ am Sachsenberg ermordet. Die Nazis
bezeichneten das als Euthanasie.
„So etwas muss man wissen, bevor man sich politisch auf eine rechte Partei
einlässt“, sagt Klemm. „Auch damals begann es mit Ausgrenzung. Demütigung,
Vertreibung, Ermordung folgten.“
Heute können Stolpernde mit einer App zu jedem Gedenkstein mehr erfahren.
Auch geführte Rundgänge bieten Klemm und ihre beiden Kollegen an. Ganz
besondere Momente sind für sie die Verlegungen neuer Stolpersteine.
Nachkommen von Opfern der NS-Zeit treffen dabei erstmals aufeinander,
nehmen lange Reisen auf sich, kehren das erste Mal nach Deutschland zurück.
Auch in den Medien ziehen die Geschichten ihre Kreise, und die Nachfahren
anderer Opfer werden auf die Initiative aufmerksam. „So schläft die
Erinnerung nicht ein“, sagt sie. Die Ausmaße der NS-Zeit würden durch die
Stolpersteine vor der eigenen Haustür sichtbar und könnten nicht einfach
ignoriert werden.
Angesichts der anstehenden Wahl im Land sagt Klemm: „Die AfD bietet keine
Lösungen. Nur weil man Leute aus dem Land schmeißt, geht es einem nicht
besser. Das zeigt auch Trump in den USA.“ Dennoch sieht sie ihren Einsatz
für die Erinnerungskultur nicht unbedingt als politisches Statement. „Ich
mach das, um in den Spiegel gucken zu können, nicht um jemanden zu
bekämpfen.“
Jede und jeder solle für sich herausfinden, wie sie oder er sich erinnern
möchte. Wer aber den Holocaust leugne und die Verbrechen der Nazis
relativiere, laufe Gefahr, diese Verbrechen zu wiederholen, sagt Sabine
Klemm.
Schafft Gegenöffentlichkeit!
Seit Januar kann sich Alex Körner kaum vor Anfragen retten. Er ist
Programmkoordinator bei Radio Corax in Halle (Saale). In dieser Rolle
spricht er mit allen Menschen, die gerne etwas zum Programm des freien
Senders beitragen wollen. „Wir bekommen gerade aus ganz Deutschland
Vorschläge für Kooperationen, teilweise sogar aus dem Ausland“, sagt Körner
Mitte Juni am Telefon.
Ausgelöst hatte diese Welle der Solidarität der Entwurf des sogenannten
Regierungsprogramms der AfD in Sachsen-Anhalt. Unter der Überschrift „Radio
Corax den Geldhahn zudrehen“ steht darin als Anklage: „Radio Corax bietet
allen Spielarten des linken Fanatismus, der perversen Regenbogenideologie
und des Genderismus eine Plattform.“
Radio Corax wird von der AfD auch als „antideutsche Terrororganisation“
bezeichnet. Vielleicht, weil das Radio zwischen 2017 und 2020 wichtiger
Bestandteil des erfolgreichen Protests gegen das Haus der Identitären
Bewegung in Halle war?
Als Raum für Austausch und Experimente haben freie Radios in Deutschland
eine lange Geschichte. Sie organisieren sich zumeist als Bürgerradios, die
es Menschen ermöglichen, Gegenöffentlichkeit zu schaffen. Es überrascht
deshalb nicht, dass die AfD laut ihrem Programm freie Radios insgesamt
überprüfen möchte.
Alex Körner hat seine Dissertation über freie Radios geschrieben. Er
zeichnet darin ihre Relevanz für kritischen Journalismus nach. Bei Radio
Corax stieg der Thüringer 2005 über ein Freiwilliges Soziales Jahr ein, war
dann mal im Vorstand, mal im Beirat, mal Koordinator des Tagesprogramms und
ist jetzt Teil des geschäftsführenden Gremiums.
Mit Blick auf die Wahlen im Herbst bleibt Körner betont ruhig. „Die
Relevanz unseres Radios war selten größer als jetzt“, sagt er. Das freie
Radio könnte zu einem der wenigen medialen Orte werden, wo Verständigung
stattfinden könne. Bereits jetzt geht es unter dem Motto „Ein Platz der
Republik“ auf Tour durch Sachsen-Anhalt, um mit Leuten vor Ort über die
Zukunft zu sprechen.
Seit der Nennung im Wahlprogramm der AfD hat sich die Mitgliederzahl des
Förder- und Freundeskreises von Radio Corax mehr als verdoppelt, von 220
auf 450. Sein Ziel sei es jetzt, die Zahl bis zur Wahl noch auf 959 zu
steigern, damit man auch unter einer AfD-Regierung weitersenden könne – auf
der Frequenz 95,9.
Transparenzhinweis: Radio Corax ist auch für den taz panterpreis der taz
panterstiftung nominiert.
Unterstützt einander!
Samer Haj Khamis weiß aus eigener Erfahrung, wie schwierig die ersten
Monate in einem neuen Land sind. Seit seiner Ankunft in Deutschland 2015
setzt er sich daher für Menschen mit Migrationshintergrund ein. „Ich wollte
mich nicht nur integrieren, sondern auch Verantwortung übernehmen“, sagt
er.
Weil seine syrische Ausbildung zum Arzthelfer nicht anerkannt wurde,
bildete er sich zum Sozialassistenten weiter. Ehrenamtlich engagierte er
sich in zahlreichen Initiativen. Seit Anfang 2026 ist er Projektleiter bei
Migranet-MV in Wismar, einem Verein, der migrantische Organisationen in
Ostdeutschland miteinander vernetzt und Menschen bei ihrer Ankunft im
Bundesland unterstützt.
Khamis hilft beim Sprachenlernen und bei Behördengängen oder gibt
Workshops. Vor den Wahlen informiert sein Verein gezielt über die Politik
in Deutschland und ermutigt Menschen, ihre Stimme abzugeben. „Viele Leute
haben gar keine Erfahrung mit Wahlen“, sagt er.
Die Möglichkeit einer AfD-Regierung bereite ihm große Sorgen. „Viele werden
sich weniger sicher und willkommen fühlen.“ Das könne nicht nur
gesellschaftlich spalten, sondern auch dazu führen, dass Migrant:innen,
darunter Fachkräfte, aus Mecklenburg-Vorpommern wegzögen. Auch um die
Zukunft seines Vereins sorge Khamis sich. Dieser wird staatlich finanziert.
Und die AfD würde das wohl beenden. Den politischen Richtungswechsel durch
die jüngste Bundestagswahl hat der Verein bereits zu spüren bekommen – die
Förderung wurde von fünf auf vier Jahre verkürzt.
Ein gesellschaftliches Problem sieht Khamis darin, dass viele Menschen im
Land keinen echten Kontakt zu Migrant:innen haben: „Sie bilden sich ihr
Bild dann daraus, was die Medien über Migranten berichten.“ Dort stünden
meist Fehlverhalten oder Kriminalität im Fokus, über die Leistungen und
gesellschaftlichen Beiträge migrantischer Personen würde hingegen weniger
berichtet.
Um das Problem zu lösen, brauche es mehr Begegnungen zwischen Menschen mit
und ohne Migrationshintergrund, sagt Khamis. Daher richten sich die
Veranstaltungen von Migranet auch ausdrücklich an Personen ohne
Migrationshintergrund. „Wir Migrant:innen brauchen mehr Unterstützung
von den Menschen, mit denen wir hier gemeinsam leben“, sagt er.
„Integration ist keine Einbahnstraße. Sie funktioniert, wenn Menschen
Verantwortung füreinander übernehmen.“
Schmiedet Bündnisse!
Dagmar Freyberg-Schumann wird ihren Berliner Dialekt einfach nicht los.
Seit 1972 lebt sie in Halle (Saale), kam zum Studieren hierher, arbeitete
seit 1984 im Waggonbau. Nach der Wende wird ihr Betrieb erst von Bombardier
übernommen. Als Referatsleiterin in der Personalabteilung muss sie dann
aber später nach und nach viele Kolleg:innen entlassen, schließlich das
Werk 2005 ganz schließen. Bis zum Renteneintritt 2020 arbeitet
Freyberg-Schumann selbstständig.
Geholfen hat der heute 72-Jährigen in dieser ganzen Zeit, nicht alleine zu
bleiben. Sie habe schon immer einen großen Freundeskreis gehabt, habe sich
immer vernetzt. Zu DDR-Zeiten war sie sogar im Nationalrat der Nationalen
Front, einer Dachorganisation der Parteien und Massenorganisationen.
Jetzt ist Freyberg-Schumann bei den Linken, in der IG Metall sowie
stellvertretende Landesvorsitzende der Vereinigung der Verfolgten des
Naziregimes –Bund der Antifaschistinnen und Antifaschisten (VVN-BdA). Und
seit 2021 ist sie auch Oma gegen Rechts in Halle. Schon ihre eigene Oma
habe ihr den Schwur von Buchenwald in die Wiege gelegt, erzählt sie: „Der
Aufbau einer neuen Welt des Friedens und der Freiheit ist unser Ideal“,
heißt es darin.
Die Omas gegen Rechts in Halle sind legendär, weil sie sich jahrelang mit
Trillerpfeifen und Blockaden auf dem örtlichen Marktplatz der
rechtsradikalen Person Marla-Svenja Liebich entgegenstellten. Und weil sie
das Verfahren wegen Volksverhetzung vorangetrieben haben, durch das Liebich
schließlich verurteilt wurde. Ohne Unterstützung hätten sie das nicht
geschafft.
„Man muss immer Bündnisse schaffen, dann ist man stärker“, sagt
Freyberg-Schumann. Ganz konkret kann das auch bedeuten, dass junge Antifas
die Omas schützen. „Wir können ja nicht mehr so einfach wegrennen, wenn uns
jemand angreift. Wenn man zusammensteht, ist man immer stärker.“
Aktuell organisieren die Omas gegen Rechts in Halle Lesungen des Buchs
„Unsere Töchter, die Nazinen“, oder sie gehen in die Außenstadtbezirke,
etwa nach Heide-Nord, wo sie die Rechte des Grundgesetzes auf ein Laken
geschrieben hatten. Passant*innen konnten dann Punkte vergeben für
alles, was ihnen wichtig ist. „So kommt man ins Gespräch, nur so ein
Infotisch bringt ja nichts“, sagt sie.
Ein Ausflug nach Bitterfeld oder Köthen ist auch geplant, da kann Dagmar
Freyberg-Schumann aber nicht mitfahren. Seit sie durch die Pflege ihres
Manns nicht mehr so mobil sei, übernehme sie eben mehr
Koordinationsaufgaben vom Sofa aus. „Bei uns gilt: Jeder, soviel er kann.“
Und das immer im Verbund. Für den 29. August plant das Bündnis Halle gegen
Rechts eine große Demonstration für Demokratie. Mitten drin: die Omas gegen
Rechts.
10 Jul 2026
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