# taz.de -- Omas gegen rechts in Berlin: „Manche Jugendliche fangen an zu weinen“
> Die Berliner Omas gegen rechts gehen in Schulen, um Erstwähler zum Wählen
> zu animieren. Die Gespräche seien oft emotional, berichten zwei
> Aktivistinnen.
(IMG) Bild: Statt Bücher zu lesen und zu Blümchen gießen, engagieren sich Doris Gray (li.) und Marianne Zepp (re.) bei den Omas gegen Rechts
taz: Frau Gray, Frau Zepp, wie blicken Sie als Omas gegen rechts auf die
bevorstehende Abgeordnetenhauswahl im September?
Marianne Zepp: Zunächst: Wir legen sehr viel Wert darauf, dass wir
parteiunabhängig sind. Wir haben die Aussagen der Parteien nebeneinander
gestellt und gucken uns genau an, wie sich die Parteien zu den
entscheidenden Fragen positionieren.
taz: Was sind die entscheidenden Fragen?
Zepp: Wir haben Schwerpunkte in feministischer Politik und uns sehr
intensiv mit Mietenpolitik beschäftigt. Vor allem haben wir uns angeguckt,
welche Pläne die AfD in diese Richtung hat. Zudem haben wir eine AG Frieden
und sind sehr stark im Bildungsbereich unterwegs.
Doris Gray: Hier wenden wir uns sehr an Erstwähler und machen viele
Veranstaltungen in Schulen.
taz: Warum dieser Fokus?
Gray: Weil die Erstwähler eine große Gruppe sind, zumal jetzt schon die
16-Jährigen wählen können. Wir wollen die Schüler und Schülerinnen
bestärken, wählen zu gehen und ihnen klarmachen, wie wichtig ihre Stimme
ist.
Zepp: Hinzu kommt, dass gerade junge Männer, aber auch überhaupt junge
Wähler, zur AfD tendieren. Das hat uns aufgeschreckt. Wir haben in unserem
Plenum über verschiedene Strategien gesprochen, wen wir als Vermittlerinnen
ansprechen können – Sportvereine und Schulen zum Beispiel. Ich bin in
Kreuzberg und Neukölln unterwegs, Doris in Treptow-Köpenick. Zuerst haben
wir ein paar Veranstaltungen an Schulen gemacht, daraufhin kamen andere auf
uns zu und haben gefragt, ob wir auch zu ihnen kommen.
Gray: Leider scheuen sich viele Schulen, uns einzuladen wegen des
„Neutralitätsgebots“. Wir haben uns daher ausführlich mit dem Berliner
Schulgesetz und Hochschulgesetz auseinandergesetzt und festgestellt:
„Neutralitätsgebot“ heißt nicht, die AfD gleichzubehandeln wie alle andern
– sondern, dass die Schulen sich – per Gesetz – für den demokratischen
Prozess einsetzen müssen.
Zepp: Mit den Schülern sprechen wir eigentlich auch nicht über die AfD, es
geht um ganz grundsätzliche Sachen. Es kann uns also nicht vorgeworfen
werden, dass wir in den Schulen irgendwie Anti-AfD agitieren.
taz: Was genau thematisieren Sie in Schulen?
Gray: Erst erzählen ein paar Omas aus ihrem Leben. Da kommt es auf die
Altersgruppe an: Wenn sie eher Ende 80 sind, erzählen sie zum Beispiel, wie
sie nach Kriegsende aus den Ostgebieten flüchten mussten. Oder wie sie in
Trümmern gespielt und Ratten gesehen haben. Oder dass ihre Brüder aufs
Gymnasium durften, sie aber nicht. Dass sie ihren Beruf nicht auswählen
durften, die Brüder schon – solche persönlichen Geschichten. Dann fragen
wir: Wie ist das für euch? Dann geben wir leere Kärtchen aus und bitten die
Schüler: Schreibt mal eure Anliegen auf.
taz: Was kommt da so?
Gray: Gleichberechtigung ist immer das Erste. Auch Bundeswehr ist ein
großes Thema, sie fühlen sich da wirklich alleine gelassen. Es gibt keine
Beratung, das wird wenig oder gar nicht im Unterricht besprochen. Und viele
haben Zukunftsängste. Das war früher anders: Mit 17 habe ich mir keine
Gedanken darüber gemacht, kann ich Miete bezahlen oder kriege ich einen
Ausbildungsplatz oder einen Studienplatz?
Zepp: Klima ist auch ein ganz großes Thema.
taz: Wie reagieren die Jugendlichen auf die Omas?
Gray: Manchmal sind die Gruppen ein bisschen zäh und trauen sich nicht so
richtig. Manchmal bricht was aus ihnen raus. Zum Beispiel, wenn wir alte
Frauen über den Aufbruch der 68er-Zeit reden – plötzlich gab es Rechte für
sexuelle Selbstbestimmung – und wie froh wir sind, dass junge Menschen
endlich ihr Leben selbst gestalten können. Da haben wir öfter erlebt, dass
Jugendliche anfangen zu weinen und sagen, sie werden dazu eigentlich gar
nicht gehört. Oder dass sie vorsichtig sind, wenn sie vielleicht trans sind
oder lesbisch oder schwul. Wir sagen dann: Echt jetzt – ihr müsst
vorsichtig sein, so was zu sagen – 2026?
taz: Kommen wir zur AfD – wo sehen Sie in Berlin deren Hotspots?
Gray: In Reinickendorf, Marzahn, Hellersdorf und Köpenick ist der größte
Gegenwind. Wo wir auch meistens zusammen mit anderen Organisationen
auftreten.
Zepp: Wir waren vor einem Jahr auch viel in Friedrichshain, als da diese
rechten Aufmärsche waren von ziemlich gewaltbereiten Gruppen.
taz: [1][Vor kurzem wurde eine Oma angegriffen]. Passiert so etwas öfter?
Zepp: Tätliche Angriffe gibt es eher selten. Wir gehen kein Risiko ein und
in der Regel nicht vereinzelt zu Demonstrationen oder zu diesen Hotspots.
Und Sitzblockaden haben sich bei uns erübrigt …
Gray: … weil wir nicht mehr hochkommen. (lacht)
taz: Haben Sie bei den vielen Demos von rechter Seite nicht manchmal das
Gefühl, an Ihre Kapazitätsgrenzen zu kommen?
Zepp: Eigentlich nicht – wir sind mittlerweile so viele. Ich sage immer
scherzeshalber, wenn irgendwo nur zwei Rechtsradikale darüber nachdenken,
sich zu versammeln, stehen ihnen drei Omas gegenüber. Wir haben ein großes
Potenzial an Mobilisierungsfähigkeit. Wir sind die erste
Nachkriegsgeneration, die in Frieden aufgewachsen ist, darum fühlen wir uns
dem „Nie wieder!“ besonders verpflichtet.
Gray: Manchmal ist man schon mürbe. Sich immer von rechten Demonstranten
oder auch Passanten anpflaumen zu lassen, macht wirklich keinen Spaß. Aber
dann denke ich: Was würde ich stattdessen machen? Ich würde zu Hause sitzen
und meine Blümchen gießen oder ein Buch lesen. Und diese Zeit jetzt ist so
drängend, dass ich einfach etwas tun muss, es ist zu wichtig. Ich glaube,
das geht vielen Frauen so, die zu den Omas kommen.
taz: Was ist für Sie persönlich die Motivation, sich bei den Omas zu
engagieren?
Gray: Bei vielen ist das die persönliche Biografie. Mein Vater zum Beispiel
war jüdischer Herkunft, seine Familie wurde im Holocaust ermordet, ich habe
väterlicherseits keine Verwandten. Er würde sich im Grabe umdrehen, wenn er
wüsste, was sich jetzt wieder in Deutschland abspielt. Er hatte immer Angst
und hat uns gesagt: Das kann wiederkommen. Ich habe erwidert: Papa, du
spinnst. Und jetzt bahnen sich doch wieder ähnliche Sachen an. Dann denkt
man: Ist jetzt ganz egal, ob mich einer anpflaumt oder ob es zu heiß ist
oder zu kalt – ich gehe jetzt raus. Das bin ich auch meinen Eltern
schuldig.
taz: Sie haben erzählt, viele Omas sagen, diese Zeit ist so drängend, man
muss doch was tun. Was genau meinen Sie?
Gray: Ich glaube, das Nationalvölkische ist für unsere Generation so ein
Trigger. Wenn diese Karte gespielt wird, wie es die AfD macht, sagen wir:
Das geht nicht. Das darf im deutschen öffentlichen Diskurs nicht wieder
auftauchen.
taz: Glauben Sie, man kann Anhänger der AfD mit Argumenten überzeugen?
Gray: Wir haben am Anfang viel Wert darauf gelegt, mit rechtsorientierten
Passanten und auch rechten Demonstranten zu diskutieren und Argumente zu
bringen. Aber wir haben festgestellt: Das gibt nur Streit und beide Seiten
gehen unbefriedigt aus dem Gespräch, das bringt gar nichts. Heute denken
wir: Die Menschen haben ja häufig persönliche Anliegen, die sie dazu
bringen, die AfD als Lösung zu sehen. Deswegen haben wir ein großes Schild,
da steht drauf: „Lasst uns reden“. Damit stellen wir uns manchmal irgendwo
hin.
taz: Und klappt das?
Gray: Dann kommen Menschen auf uns zu und erzählen uns ihre
Lebensgeschichte, oder warum sie so einen Hass auf Ausländer haben oder auf
Migranten oder den Staat, die Politik – was sie so bewegt. Wir hören zu,
sagen dann vielleicht: Das sind natürlich ernsthafte Anliegen, die haben
wir auch. Aber jetzt gucken wir mal, wo die Lösung ist. Die Lösung ist ja
dann nicht in der völkischen, nationalen, radikalen extremistischen Partei.
taz: Das bringt was?
Gray: Wir haben den Eindruck, wenn die Menschen sich gehört, gesehen und
vielleicht auch ein bisschen verstanden fühlen, bricht zumindest etwas auf.
Nicht, dass die Leute jubelnd weggehen und sagen: Nie wieder AfD wählen
oder die Omas sind klasse. Aber zumindest erkennen viele, dass wir keine
„linksversifften Spinner“ sind, sondern vernünftige Frauen, mit denen man
reden kann. Sie merken: Die haben ähnliche Anliegen wie wir und kommen aber
zu einer anderen Schlussfolgerung. Ob das jetzt nun wirklich jemanden
bewegt, anders zu wählen, wissen wir nicht. Aber es hat sich für uns als
bessere Methode herausgestellt, als mit Rechten zu argumentieren.
13 Jul 2026
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