# taz.de -- Rechtsextreme im Wahlkampf: AfD-Landesparteitag beschließt Machtübernahme im September
       
       > Sachsen-Anhalts AfD wählt mitten im Wahlkampf den Vorstand neu und
       > verkündet ein 100-Tage-Programm. Es beinhaltet viel Ideologie und nichts
       > Soziales.
       
 (IMG) Bild: Spitzenkandidat Ulrich Siegmund erreichte als Beisitzer im Landesvorstand mit 99,48 Prozent ein sozialistisches Ergebnis
       
       Welche Partei riskiert zwei Monate vor einer „Schicksalswahl“ noch eine
       Neuwahl des Parteivorstandes? Die AfD Sachsen-Anhalt hätte dafür laut
       Satzung noch bis zum Jahresende Zeit gehabt. Aber die Rechtsextremen
       rechnen siegesgewiss damit, sofort nach der Landtagswahl am 6. September
       ohne lästige Koalitionsverhandlungen die alleinige Macht zu übernehmen. Für
       einen Landesparteitag im Herbst bleibe dann keine Zeit, ist aus AfD-Kreisen
       zu hören – auch wenn in Umfragen noch ein paar wenige Prozentpunkte zur
       absoluten Mehrheit fehlen. Deswegen traf man sich schon diesen Samstag in
       Magdeburg.
       
       „Wir sind die Zukunft“, prahlte dort auch [1][Spitzenkandidat Ulrich
       Siegmund]. Um sogleich im Namen aller Deutschen die Vergangenheit zu
       beschwören: „Wir wollen unser altes sicheres Deutschland zurück!“
       
       Tatsächlich war die Vorstandswahl mitten im Wahlkampf für die AfD aber auch
       gar kein so großes Risiko. Personaldebatten waren in einer so straff
       geführten Partei nicht zu befürchten. Mehrere Redner sonnten sich geradezu
       in der Einschätzung des Verfassungsschutzes, es handele sich in
       Sachsen-Anhalt um den geschlossensten AfD-Landesverband in Deutschland.
       „Keine Experimente“ wurde der erste Bundeskanzler Konrad Adenauer zitiert,
       von „blindem Vertrauen“ war die Rede.
       
       Seinen im martialischen Ton eines früheren Offiziers vorgetragenen
       Rechenschaftsbericht nannte der Landesvorsitzende Martin Reichardt denn
       auch eine „Heer- und Leistungsschau“. Die auf 3.500 gewachsene
       Mitgliederzahl des Landesverbandes und die staatliche Parteienfinanzierung
       bescheren der AfD Sachsen-Anhalt wegen der guten Wahlergebnisse
       Rekordeinnahmen. Bei der Bundestagswahl 2025 gewann sie beispielsweise alle
       sieben Wahlkreise. Dank des „Siegmund-Effektes“, so Reichardt, sind die
       Spendeneinnahmen auf 465.000 Euro geradezu explodiert. Für den aktuellen
       Wahlkampf hat die Landespartei einen Kredit von einer halben Million Euro
       aufgenommen.
       
       ## Nicht ganz wie bei der SED
       
       In diesem Vorab-Siegesrausch war keine unangenehme Spontankandidatur oder
       personelle Überraschung zu erwarten. Eine durchgeplante Parteitagsregie
       ließ nichts anderes als die Wiederwahl des Landesvorstandes zu. Eine
       Handvoll Spitzenfunktionäre hat die Landespartei derzeit fest im Griff. Es
       gab keine lästigen Fragen an die Kandidaten, alle offenen Abstimmungen mit
       der blauen Stimmkarte fielen nahezu einstimmig aus.
       
       Die geheimen elektronischen Voten für die einzelnen Kandidaten erinnerten
       dann allerdings nicht ganz an frühere SED-Parteitage. Sogar der von
       Fraktionschef Oliver Kirchner mit den Worten „Es kann nur einen geben“ zur
       Wiederwahl vorgeschlagene Landesvorsitzende und Bundestagsabgeordnete
       Martin Reichardt bekam nur 89 Prozent der Delegiertenstimmen. Kirchner
       selbst ging mit 90 Prozent durch, Chefideologe Hans-Thomas Tillschneider
       mit 86, Generalsekretär Tobias Rausch nur mit knapp 80 Prozent der Stimmen.
       Zumindest eine Andeutung, dass alte Grabenkämpfe doch wieder aufbrechen
       könnten, sollten Wählerinnen und Wähler die AfD am 6. September wieder auf
       ihre bisherige Oppositionsrolle verweisen.
       
       Einzig der 35-jährige immer strahlende Spitzenkandidat Ulrich Siegmund
       erreichte als Beisitzer im Landesvorstand mit 99,48 Prozent ein
       sozialistisches Ergebnis. Er präsentierte unter dem Titel oder der Drohung
       „Alles ist möglich“ ein Hundert-Tage-Sofortprogramm der AfD nach dem
       erwarteten Wahlsieg, basierend auf einem bereits im April beschlossenen
       „Regierungsprogramm“.
       
       ## Sofortprogramm mit großen Leerstellen
       
       Es enthält ausschließlich ideologisch begründete Maßnahmen und keine
       sozialen Verbesserungen für das arbeitende Volk, in dessen Namen die AfD
       angeblich antritt. An erster Stelle steht die Kündigung des
       MDR-Rundfunkstaatsvertrages, an zweiter Abschiebungen „ab Minute eins“.
       Verbliebene Migrantenkinder will die AfD in Sonderklassen unterrichten
       lassen. Es soll überall deutsch gedacht werden, Regenbogenfahnen sollen
       verschwinden. Den „Altparteienfilz“ will die AfD durch Austrocknung der
       staatlichen Parteienfinanzierung bekämpfen. Ministerien sollen reduziert
       und ein Corona-Untersuchungsausschuss im Landtag eingesetzt werden.
       
       Die wochentaz [2][hatte am 23. Mai schon ausführlich analysiert], was vom
       AfD-„Regierungsprogramm“ in Landeshoheit überhaupt schnell umsetzbar wäre.
       Mehr als der sofortige Austausch von Spitzenpersonal bleibt nicht. Der
       Landtag hatte außerdem im April noch eine Parlamentsreform beschlossen, die
       einen direkten Zugriff auf demokratische Institutionen wie das
       Landesverfassungsgericht abwehrt.
       
       12 Jul 2026
       
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