# taz.de -- Landtagswahl in Sachsen-Anhalt: Wo sich Protest formiert, ist die AfD schon da
       
       > In Sachsen-Anhalt droht der Frust über Politik eine rechtsextreme
       > Regierung an die Macht zu bringen. Wie konnte es so weit kommen?
       
 (IMG) Bild: Wahlkampf in Jeßnitz: Ulrich Siegmund ist schon da, auf dem T-Shirt eines AfD-Anhängers
       
       Vor gut zehn Jahren war das noch ein anderes Land. „Ich kann, ich will, ich
       werde“, ließ der Linken-Spitzenkandidat Wulf Gallert Anfang 2016
       selbstbewusst auf seine Plakate zur Landtagswahl in Sachsen-Anhalt drucken.
       Dazu ein Foto, das den 52-jährigen Lehrer mit Schnauzbart und visionärem
       Blick in die Ferne zeigte. „Ich kann, ich will, ich werde“, das klang nach
       Julius Caesar und Barack Obama – jedenfalls nach [1][Wahlsieg und
       Staatskanzlei]. Tatsächlich galt der Oppositionsführer aus Havelberg im
       Norden Sachsen-Anhalts über viele Jahre hinweg als einer der ganz wenigen
       Linken-Politiker Deutschlands mit echten Chancen auf ein
       Ministerpräsidentenamt.
       
       Heute, im Sommer 2026, lässt die Linke solche Plakate nicht mehr drucken.
       Bald wird der mittlerweile 63 Jahre alte Gallert sein Büro im Landtag in
       Magdeburg für immer räumen. Bei der Wahl im September tritt er nicht mehr
       an, sein großer Traum bleibt unerfüllt. Hoffnung auf die Staatskanzlei hat
       jetzt der neue Oppositionsführer. „Alles ist möglich“, lässt der 35-jährige
       AfD-Spitzenkandidat Ulrich Siegmund auf seine Plakate schreiben. Und: „Hol
       dir dein Land zurück“.
       
       Der Zufall will es, dass Siegmund wie Gallert in Havelberg geboren ist. Und
       auch er will als Oppositionsführer Historisches schaffen.
       
       Denn bei der Landtagswahl im September könnte in Sachsen-Anhalt etwas
       passieren, das es seit 1945 nicht mehr gab in Deutschland: Eine
       rechtsextreme Partei übernimmt die Regierung. Die AfD steht in den Umfragen
       bei gut 40 Prozent, ihr Ziel ist die absolute Mehrheit. „Wir müssen es
       allein schaffen“, kündigte Siegmund bereits im Frühling an. Auch im Ausland
       ist längst angekommen, dass in Sachsen-Anhalt bald Geschichte geschrieben
       werden könnte. Vom Parteitag in Magdeburg berichtete die [2][BBC], über das
       AfD-Programm gibt es Analysen der New York Times.
       
       ## 1990er Jahre: „Tabubruch“ Magdeburger Modell
       
       Wie konnte es dazu kommen – ausgerechnet in Sachsen-Anhalt? Wer Antworten
       sucht, muss in die Geschichte dieses kleinen Bundeslands eintauchen. Sie
       beginnt lange vor dem ersten Einzug der AfD in den Landtag im Jahr 2016.
       
       Denn tatsächlich wird Sachsen-Anhalt schon früh – kurz nach der
       Wiedervereinigung 1990 – zum Labor für unerhörte politische Experimente.
       Weil die ersten CDU-Landesregierungen bis 1994 von Skandalen erschüttert
       scheitern, mischt plötzlich die PDS in der Landespolitik mit. Zum ersten
       Mal in der deutschen Geschichte lässt sich in Sachsen-Anhalt eine
       SPD-geführte Minderheitsregierung von der sozialistischen Oppositionspartei
       tolerieren, das Experiment heißt Magdeburger Modell. In weiten Teilen
       Deutschlands ist von einem „Tabubruch“ die Rede, weil die Nachfolgerin der
       DDR-Staatspartei SED plötzlich wieder den politischen Kurs mitbestimmt.
       
       Selbst für den SPD-Bundesvorsitzenden Rudolf Scharping ist die PDS eine
       „undemokratische Partei“. 1994 erklärt er seinen Genossen in Halle noch:
       „Wer glaubt, dass sich in Deutschland irgendetwas verändern und verbessern
       lässt mit der PDS, der ist auf dem Holzweg.“ Trotzdem hält das Magdeburger
       Modell bis 2002.
       
       Einer, der damals mittendrin war, denkt heute gern daran zurück. „Viele
       fanden das unglaublich, dass so ein Modell mehr als drei Monate halten
       kann“, sagt Wulf Gallert. Für die PDS ist er damals als junger
       Strippenzieher im Landtag einer der Verantwortlichen dieses Experiments.
       „Da haben wir bundesweit Geschichte geschrieben.“ Gallert glaubt: Erst
       durch die Tolerierung in Sachsen-Anhalt sei es der Linkspartei später
       möglich geworden, in anderen Ländern auch selbst zu regieren.
       
       ## Abkehr von der Politik
       
       Was den Erfolg der Oppositionspartei damals befördert: In Sachsen-Anhalt,
       das in den Neunzigerjahren von hoher Arbeitslosigkeit und einem
       Rote-Laterne-Image geprägt ist, stellt sich die PDS als Kümmererpartei dar.
       Mit etlichen Funktionären auch in kleinen Orten und Städten präsentiert sie
       sich als Hilfsdienst bei Alltagssorgen.
       
       Und davon gibt es damals viele, nicht nur die Arbeitslosigkeit. Etliche
       Sachsen-Anhalter finden lediglich Jobs im Niedriglohnsektor, er wächst in
       diesem Bundesland besonders groß. Zudem gilt Sachsen-Anhalt lange nur als
       „verlängerte Werkbank“ für westdeutsche Konzerne, der Lohn ist niedriger
       als drüben.
       
       Eine rechtsextreme Opposition? Die gibt es damals zwar im Bundesland, sie
       ist aber schwach organisiert. Die NPD schafft es nie in den Landtag nach
       Magdeburg. Die [3][DVU] zieht 1998 zwar mit 12,9 Prozent ein, fliegt vier
       Jahre später aber wieder raus.
       
       Und eigentlich geht es auch voran in Sachsen-Anhalt. Die großen Städte
       Halle, Dessau und Magdeburg werden ab den Neunzigern aufwändig saniert.
       Graue, bröckelnde Stadtkerne werden zu modernen Zentren. Auch kleine Städte
       wie etwa Quedlinburg im Harz werden nach der Wende restauriert.
       
       Trotzdem scheint sich in dem Land eine Politikverdrossenheit zu verhärten,
       das zeigen die Wahlbeteiligungen über Jahre hinweg. 2002, 2006 und 2011
       pendelt die Wahlbeteiligung zwischen 44 und 56 Prozent – ein sehr niedriger
       Wert.
       
       Persönlicher Frust, Politikverdrossenheit, ein rechtsextremes
       Wählerpotenzial: 2016 gelingt es der AfD, dieses Gemisch für sich zu
       nutzen. Im Gegensatz zur früheren PDS setzt sie jedoch weniger auf ein
       soziales Kümmererimage. Stattdessen verbreitet sie Untergangsstimmung,
       befeuert Feindbilder und macht demokratische Institutionen verächtlich.
       
       ## Wut wird zum Programm
       
       Bei ihrer ersten Landtagswahl holt die Partei gleich 24 Prozent. Auf der
       Wahlparty in einem Magdeburger Hotel sagt der damalige AfD-Spitzenkandidat
       André Poggenburg: „Wir haben Politik wieder interessant gemacht. Wir haben
       die Leute wieder an die Wahlurne bekommen.“ Da ist was dran. Mit der AfD
       klettert die Wahlbeteiligung im Land wieder auf 61 Prozent. Bis heute
       schöpft die rechtsextreme Partei stark aus früheren Nichtwählermilieus.
       Möglicherweise liegt das daran, dass die AfD ab 2016 konsequent jede neue
       Protestbewegung im Land zu vereinnahmen versucht und Unzufriedene auf ihre
       Seite zieht.
       
       Erst sind es Demos gegen den Zuzug von Flüchtlingen, dann gegen die
       Coronapolitik und gegen steigende Energiepreise infolge des russischen
       Kriegs in der Ukraine. Egal wo sich Protest formiert – die AfD ist meistens
       schon da. Als im Dezember 2024 ein saudischer Amokfahrer auf dem
       Weihnachtsmarkt in Magdeburg sechs Menschen tötet und mehr als 300
       verletzt, trommelt die AfD 3.500 Menschen auf dem Domplatz zusammen. Die
       Menge ruft: „Abschieben! Abschieben!“
       
       Die rechte Oppositionspartei schafft es seit 2016, solche Proteste für sich
       zu nutzen – und sich mit ihnen zu verbünden. Das Rezept geht auf. Lag die
       AfD in Wahlumfragen bis zur Coronapandemie noch bei rund 20 Prozent,
       kletterte sie ab 2023 kräftig nach oben, erst auf 30, jetzt auf gut 40
       Prozent. Gleichzeitig putschen Politiker der Partei ihre Anhänger mit
       Endzeitrhetorik auf. „Nach zwölf Jahren des politischen Kampfes ist klar,
       dass wir tatsächlich die einzige Alternative sind, die das deutsche Volk
       noch hat“, sagt der Landtagsabgeordnete Christian Hecht 2025 auf einem
       Parteitag. Er stehe „ganz vorn in der ersten Frontlinie im Schützengraben“.
       
       AfD-Spitzenkandidat Ulrich Siegmund ist der, der diese Politik nun
       möglichst vielen Sachsen-Anhaltern verkaufen will. Er macht das mit
       freundlichem Lächeln. Siegmund war früher Verkäufer für Raumdüfte, die ein
       gutes Gefühl erzeugen. Die Landtagswahl will er zu seinem größten Erfolg
       machen, zum größten Erfolg der AfD.
       
       In Sachsen-Anhalt gelten mittlerweile 54 Prozent der Menschen als „fragile
       Demokraten“ – sie sind sich nicht mehr sicher, wie klar sie sich im Zweifel
       zur Demokratie bekennen würden. So steht es im neuesten
       [4][Sachsen-Anhalt-Monitor], einer Studie im Auftrag der Landeszentrale für
       politische Bildung. Kommt im September also der große Tabubruch? Alles ist
       möglich, lautet der Wahlkampfslogan der AfD.
       
       Jan Schumann ist landespolitischer Korrespondent der Mitteldeutschen
       Zeitung in Halle.
       
       19 Jul 2026
       
       ## LINKS
       
 (DIR) [1] /Linkspolitiker-Gallert-in-Sachsen-Anhalt/!5280554
 (DIR) [2] https://www.bbc.com/news/articles/cwy3wwgyd6do
 (DIR) [3] /Rechte-Partei-in-der-Krise/!5154886
 (DIR) [4] https://lpb.sachsen-anhalt.de/fileadmin/Bibliothek/Politik_und_Verwaltung/MK/LPB/Uploads/SAM_2025_V0812_1.pdf
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Jan Schumann
       
       ## TAGS
       
 (DIR) Wahlen in Ostdeutschland
 (DIR) Sachsen-Anhalt
 (DIR) Demokratie
 (DIR) Magdeburg
 (DIR) Schwerpunkt AfD
 (DIR) wochentaz
 (DIR) GNS
 (DIR) Schwerpunkt AfD
 (DIR) Schwerpunkt Landtagswahl in Sachsen-Anhalt
 (DIR) Richtig gute Leute
 (DIR) Schwerpunkt Landtagswahl in Sachsen-Anhalt
 (DIR) Schwerpunkt Landtagswahl in Sachsen-Anhalt
 (DIR) Reden wir darüber
 (DIR) Reden wir darüber
 (DIR) Schwerpunkt AfD
 (DIR) wochentaz
       
       ## ARTIKEL ZUM THEMA
       
 (DIR) Wahlkampf in Sachsen-Anhalt: AfD-Politiker geht auf 14-Jährigen los
       
       In Sachsen-Anhalt soll der AfD-Europaabgeordnete Arno Bausemer einen
       Jugendlichen mit einem Baseballschläger angegriffen haben. Das LKA
       ermittelt.
       
 (DIR) Vor der Wahl in Sachsen-Anhalt: Die Stadt, aus der ich weggegangen bin
       
       Unsere Autorin Annett Gröschner hat vor 44 Jahren Magdeburg verlassen. Vor
       den Landtagswahlen blickt sie auf die Schätze – und die Zumutungen der AfD.
       
 (DIR) Theologe und Politiker Frank Richter: 70 in der Kirche wie 70.000 auf der Straße
       
       Einst gestaltete er die friedliche Revolution von 1989 mit. Nun predigt
       Frank Richter in seiner neuen Heimat Sachsen-Anhalt.
       
 (DIR) Vor der Wahl in Sachsen-Anhalt: Auf dem Acker der Vorfahren
       
       Der Bruder unseres Autors kehrte zurück ins Heimatdorf in Sachsen-Anhalt
       und belebte den Familienhof wieder. Wie blickt er auf den Osten und die
       AfD?
       
 (DIR) AfD-Politik für Sachsen-Anhalt: Paradoxon mit schädlichen Folgen
       
       Falls die AfD regiert, ist ein ökonomischer Schaden absehbar, lautet das
       Ergebnis einer neuen Studie. Sachsen-Anhalt wäre davon besonders betroffen.
       
 (DIR) AfD-Wähler in Sachsen-Anhalt: Eine verlorene Generation
       
       Die AfD in Sachsen-Anhalt startet ihren Wahlkampf und hat Zustimmungswerte
       von 40 Prozent. Kein Wunder, die einstigen Neonazis sind nie verschwunden.
       
 (DIR) Parteiprogramm in Sachsen-Anhalt: Noch kann man die AfD verhindern
       
       Die AfD in Sachsen-Anhalt gibt sich so siegesgewiss wie professionell.
       Teile ihres ideologischen Sofortprogramms sind umsetzbar, andere indes
       nicht.
       
 (DIR) Rechtsextreme im Wahlkampf: AfD-Landesparteitag beschließt Machtübernahme im September
       
       Sachsen-Anhalts AfD wählt mitten im Wahlkampf den Vorstand neu und
       verkündet ein 100-Tage-Programm. Es beinhaltet viel Ideologie und nichts
       Soziales.
       
 (DIR) Vor den Wahlen in Sachsen-Anhalt und MV: Die lebendigste Zivilgesellschaft der Republik
       
       Viele Menschen in Sachsen-Anhalt und Mecklenburg-Vorpommern versuchen, der
       AfD die Landtagswahlen zu vermiesen. 19 von ihnen verraten ihre Strategien