# taz.de -- Vor der Wahl in Sachsen-Anhalt: Die Stadt, aus der ich weggegangen bin
       
       > Unsere Autorin Annett Gröschner hat vor 44 Jahren Magdeburg verlassen.
       > Vor den Landtagswahlen blickt sie auf die Schätze – und die Zumutungen
       > der AfD.
       
 (IMG) Bild: Alter Markt, Magdeburg. Der Heimatbegriff der AfD ist eng: Nur Leute mit sortenreinem Ahnenpass dürfen ihr Umfeld Heimat nennen
       
       Wenn jemand mich bei einer öffentlichen Veranstaltung damit vorstellt,
       [1][dass Magdeburg meine Heimatstadt sei], fühlt sich das für mich wie eine
       Behauptung an, die mir nicht behagt. Ja, ich bin dort geboren und habe dort
       gelebt, bis ich volljährig war. Aber Heimat? Wäre dann, analog, die DDR
       mein Heimatland? Das hieße ja, dass man sich Heimat nicht aussuchen kann,
       dass sie Schicksal ist. Noch so ein Wort aus der nationalen Mottenkiste.
       
       Das Grimm’sche Wörterbuch sieht in der „heimat“ neben dem Geburtsort:
       „patria, domicium. das land oder auch nur der landstrich, in dem man (…)
       bleibenden aufenthalt hat“. Meinen bleibenden Aufenthalt habe ich mir
       selbst gesucht, als ich volljährig war. Ich wollte auf der Straße nicht
       mehr damit beschimpft werden, dass man vergessen habe, mich zu vergasen,
       ich wollte nicht von der Polizei angehalten werden, weil ich mir auf der
       Brücke die Haare kämme, ich wollte nicht wegen melancholischer Texte zum
       Psychiater geschickt werden und mich vor dem Brigadier der Patenbrigade der
       Stahlgießerei nicht rechtfertigen müssen, dass sich meine Gedichte nicht
       reimten.
       
       Ich wollte eine freie Künstlerin sein, und das konnte ich in den engen
       Verhältnissen meiner Geburtsstadt nicht. Also suchte ich mir ein neues
       Zuhause – Berlin. Das ist jetzt 44 Jahre her. Ich habe allerdings nie den
       Kontakt zu Magdeburg verloren, denn ich habe dort Familie und viele
       Geschichten im Kopf, die sich lohnen, erzählt zu werden. Es geht mir dabei
       wie Uwe Johnson, der in seinem Text „Versuch, eine Mentalität zu erklären“,
       schreibt: „Hier ist eine Rechnung nicht abgeschlossen. Aber: Es gibt da
       auch Dinge, die der Regen nicht abwischt. Was da an Biographie gestiftet
       wurde, war immerhin nicht alles notwendig zum Leben.“ [2][Es hat seinen
       Vorteil, in der Provinz aufgewachsen und später in eine Großstadt gegangen
       zu sein.] Es ist diese doppelte Erfahrung.
       
       ## Das Internet kann eine sehr kalte Heimat sein
       
       Es ist mir bis heute nicht gleichgültig, was mit und in Magdeburg passiert.
       Das lässt sich schon daran ablesen, dass ich mich immer ärgere, wenn auf
       Veranstaltungen, auf dem Bahnhof oder im Radio jemand das Wort Magdeburg
       falsch betont. Als wäre es die Mühe nicht wert, sich zu erkundigen. Der
       Glanz der Elbstädte fiel immer auf Dresden oder Hamburg, dabei hat die
       Stadt mit dem Magdeburger Recht im Mittelalter europäische Geschichte
       geschrieben. Es galt seit dem 12. Jahrhundert in über 1.000 Städten Mittel-
       und Osteuropas in verschiedenen, regional angepassten Formen und in seinen
       Ausläufern bis ins 19. Jahrhundert. Heute wird es als eine Geschichte der
       städtischen Selbstverwaltung und als Baustein für das moderne Europa
       beschrieben. In Magdeburg war diese Geschichte lange nicht der Erinnerung
       wert.
       
       Es war leicht, nach den Jahren der Transformation, die aus der „Stadt des
       Schwermaschinenbaus“ einen Ort der Industriebrachen gemacht hatte, gekränkt
       zu sein. Die AfD hat aus dem Gekränktsein ein Geschäftsmodell gemacht,
       dessen Währung Schadenfreude und Fremdenfeindlichkeit sind.
       
       Bis vor Kurzem habe ich, wenn das Wort auf Heimat kam, ganz unsentimental
       behauptet: „Heimat ist dort, wo die Rechnungen ankommen.“ Aber dann fiel
       mir auf, dass die meisten Rechnungen inzwischen nicht mehr im Briefkasten,
       sondern im E-Mail-Postfach liegen. Das Internet kann eine sehr kalte Heimat
       sein, in der Leute pöbeln, für die die Würde des Menschen durchaus
       antastbar ist – für die Menschenrechte nur für ihresgleichen gelten und
       Demokratie heißt, dass die Mehrheit Minderheiten nicht schützt, sondern
       vernichtet, wenn nicht physisch, dann psychisch oder wenigstens finanziell.
       Die Schnittmenge dieser Leute mit der AfD ist groß.
       
       ## Ich würde Patriot*in mit Gendersternchen schreiben
       
       Im Regierungsprogramm der AfD Sachsen-Anhalt, mit dem sie die Zeit hundert
       Jahre zurückdrehen will, kommt 41 Mal in verschiedenen Varianten das Wort
       „Heimat“ vor. Der Begriff ist so eng, dass eigentlich nur AfD-Wähler*innen,
       die in Sachsen-Anhalt wohnen und einen sortenreinen Ahnenpass vorweisen
       können, ihr Umfeld als Heimat bezeichnen dürfen. Einmal mehr ein Grund,
       Heimat zurückzuerobern. Das Wort „Patriot“ in allen möglichen Varianten
       kommt 18 Mal im Programm vor. Ich finde, wir sollten auch diesen Begriff
       nicht der AfD überlassen, sondern auf der Definition im Film „Die
       Patriotin“ des großen, gerade verstorbenen Alexander Kluge beharren, der
       ein Weltbürger war, aber Halberstadt immer im Herzen behielt. Die
       Geschichtslehrerin Gabi Teichert gräbt in diesem Film nach den Wurzeln der
       deutschen Geschichte und fragt: Wie konnte es zum Faschismus kommen, zum
       Holocaust, zum Krieg. Unentwegt ist sie auf der Suche nach einer Republik,
       für die der Einsatz lohnt. Ich persönlich würde Patriot*in schön mit
       Gendersternchen schreiben, dem wirksamsten Abwehrzauber gegen die AfD.
       
       Und wenn schon Heimat, dann sollten wir sie sowieso nur im Plural
       betrachten. Die Linke in Sachsen-Anhalt sieht das ähnlich. „Heimat ist für
       alle da“ ist eins ihrer Wahlkampfmotti. Aber wird das reichen? Im Berliner
       Haus der Kulturen der Welt gibt es seit zwei Jahren eine Reihe, die
       „Heimaten“ heißt und die Pluralität von Kunst und Kultur in der
       Bundesrepublik zeigt. Die kurdisch-syrische Lyrikerin Widad Nabi, mit der
       ich seit vielen Jahren ein literarisches Tandem bilde, hat dort über ihren
       Heimat- und Sprachbegriff gesprochen. Sie verglich ihre eigenen kulturellen
       Brüche mit der berühmten japanischen Keramikkunst, die Risse mit Gold
       repariert und so neue, einzigartige Werke schafft.
       
       Mein Leben wäre so viel ärmer, hätte ich Widad nicht kennengelernt. Ich
       fürchte, sie wäre in Sachsen-Anhalt nicht sicher. Die AfD Sachsen-Anhalt
       kündigt für den Fall einer Regierungsübernahme eine „neue patriotische
       Kulturpolitik“ an. Was nichts anderes heißt als Pflege des Deutschtums, für
       das die Geschichte dann kräftig ideologisch zurechtgebogen wird. Die
       Kulturinstitutionen Sachsen-Anhalts haben sich zusammengeschlossen, um der
       nationalistischen Instrumentalisierung von Geschichte und Kultur
       entgegenzutreten. „Wir warnen vor einer Entwicklung, die die Freiheit der
       Kunst, die Offenheit kultureller Institutionen und die demokratisch
       verankerte Erinnerungskultur grundlegend in Frage stellt“, schreiben sie in
       einem Statement.
       
       ## Es braucht eine Neugierde auf fremde Einblicke
       
       Seit ein paar Jahren bin ich wieder gern in Magdeburg. Die Stadt hat sich
       dem Fluss zugewandt, sie hat wunderbare Parks und die Elbauenlandschaft,
       die Luft ist sauber. Es gibt Projekte der Zivilgesellschaft und viel Hoch-,
       Sozio- und Subkultur. Das Theater Magdeburg und das Puppentheater sind über
       die Grenzen der Stadt hinaus als innovativ bekannt. Von außen betrachtet
       frage ich mich, ob die Stadtregierung weiß, welchen Schatz sie da hat, der
       sich gegen Kräfte wie die AfD zu verteidigen lohnt. Ich habe da meine
       Zweifel, seit ich lesen musste, dass die Magdeburger Stadtschreiberstelle,
       in der eine Schriftstellerin oder ein Schriftsteller seit 2012 für ein
       halbes Jahr Stipendium und Wohnung in Magdeburg bekommt, für das nächste
       Jahr nicht mehr ausgeschrieben wird.
       
       Die stellvertretende Oberbürgermeisterin und Beigeordnete für Kultur,
       Regina-Dolores Stieler-Hinz, begründete das mit der „finanziellen und
       personalwirtschaftlichen Gesamtsituation“. Es geht um 15.000 Euro, jede
       Social-Media-Kampagne kostet mehr. Eigentlich gibt es kein preiswerteres
       Stadtmarketing als eine Stadtschreiber*innenstelle. Man muss natürlich auch
       wollen, dass jemand von außen kommt und die Stadt auf wohlwollende,
       kritische, in jedem Falle intellektuelle Art betrachtet. Es braucht eine
       Neugierde auf fremde Einblicke. Und ein Mindestmaß an Gastfreundschaft. Das
       Bemerkenswerte daran ist, dass die Verwaltung selbstständig einen Antrag
       der AfD umsetzte, der zuvor und über Jahre stets vom Stadtrat abgelehnt
       worden war. Das ist nun wahrlich ein kulturelles Armutszeugnis.
       
       Annett Gröschner ist freie Schriftstellerin und Journalistin. Zuletzt
       erschien ihr Roman „Schwebende Lasten“, für den sie unter anderem mit dem
       Evangelischen Buchpreis ausgezeichnet wurde.
       
       7 Aug 2026
       
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