# taz.de -- Recht auf Kultur: Das erste Theaterticket im Leben
> Nina Gühlstorff ist Regisseurin am Mecklenburgischen Staatstheater. Sie
> will Theater für alle machen und geht dafür ins Schweriner
> Plattenbaugebiet.
(IMG) Bild: Szene aus dem Theaterstück „Parlament der Dinge“ am Mecklenburgischen Staatstheater
„Meine Kinder hatten noch nie ein Theaterticket in der Hand“, zitiert Nina
Gühlstorff den Lehrer einer Schulklasse beim Eintritt in das
Mecklenburgische Staatstheater in Schwerin. Gühlstorff ist hier
Hausregisseurin für Öffnungsprojekte. Das heißt, dass sie die Türen des
Theaters für alle möglichen Leute öffnen wolle, wie sie selbst sagt.
Der Lehrer der Schulklasse habe darauf bestanden, dass jedes Kind
persönlich seine Eintrittskarte in die Hand bekommt, um sie anschließend
zum ersten Mal in einem Theater einzulösen. „Wenn man selbst eine
Klassenreise hinter sich hat, dann ist man für solche Themen sensibel“,
sagt Gühlstorff, der die Position als Regisseurin am Staatstheater nicht in
die Wiege gelegt wurde.
Gühlstorff ist knapp 45 Kilometer westlich von Schwerin in der Kleinstadt
Ratzeburg aufgewachsen, die geradeso in Schleswig-Holstein liegt – also im
ehemaligen Westen. Ihre Eltern haben kein Abitur gemacht, deswegen hatte
sie zunächst keine Idee, wie man eigentlich studiert. Der Gedanke, Theater
zu machen, schwirrte ihr aber schon damals durch den Kopf und ließ sie
nicht mehr los.
## Vom Wessi zum falschen Ossi
Schlussendlich studierte die heute 49-Jährige an der Bayerischen
Theaterakademie in München. Ihre Projekte führten sie unter anderem nach
Israel, Polen und Russland. Seit 2021 arbeitet sie als Hausregisseurin am
Mecklenburgischen Staatstheater. Ihr Mann Hans-Georg Wegner wurde im
gleichen Jahr dort Generalintendant.
Dass sie eigentlich Wessi sei, spiele in Schwerin nach all den Jahren kaum
noch eine Rolle, sagt Gühlstorff. Außerdem sei sie dadurch, dass sie
Russisch und Polnisch spreche für viele gar nicht als Westdeutsche zu
erkennen und so eine Art „falscher Ossi“.
Mitte Juni ging die letzte Vorstellung des „Parlaments der Dinge“ über die
Bühne, bei dem Nina Gühlstorff Regie führte. Bei diesem Format bekommen
Dinge wie das Wasser oder das Moor von Schauspieler:innen eine Stimme
geliehen. Etwa 120 Jugendliche waren bei der Vorstellung nicht nur
Zuschauer:in, sondern beteiligten sich in Arbeitsgruppen und anschließend
im „Parlament“ selbst an der Debatte.
Bei den [1][Landtagswahlen in Mecklenburg-Vorpommern] im Herbst dürfen
erstmals Jugendliche ab 16 Jahren wählen. Deswegen sei das „Parlaments der
Dinge“ vom Land Mecklenburg-Vorpommern gefördert worden, erzählt Nina
Gühlstorff. Das sei ein „Gamechanger“ gewesen: So habe man den Eintritt
kostenlos anbieten können und Schüler:innen aus verschiedenen sozialen
Schichten ansprechen können.
Das „Parlaments der Dinge“ tagt in einer Theaterhalle auf dem [2][Dreesch],
einem Plattenbaugebiet. Dort leben vor allem sozial benachteiligte
Menschen. Schwerin gilt bundesweit als die Stadt, deren Einwohner am
stärksten nach Einkommen und sozialem Status voneinander getrennt leben.
Genau dem möchte Nina Gühlstorff mit ihren Theaterstücken entgegenwirken.
Offenbar spiegelte das Theater-Parlament tatsächlich die Gesamtgesellschaft
recht akkurat wieder. Alle Jugendlichen seit der Premiere im September 2024
wurden gefragt: Wen sie bei einer Landtagswahl wählen würden? Die
Ergebnisse hätten bislang immer den Umfrageergebnissen entsprochen, die
Demoskopen in ihrer jeweils nächsten Umfrage [3][für das ganze Land
ermitteln], sagt Gühlstorff. So sei es auch bei der Aufführung im Juni
wieder gewesen.
Im Hinblick auf den wachsenden Einfluss der AfD sagt Nina Gühlstorff:
„Davor habe ich persönlich keine Angst.“ Sie werde ihr eigenes Verhalten
nicht anpassen. Bei anderen erlebe sie das aber bereits. Und um Menschen
mit Migrationshintergund mache sie sich schon Sorgen, denn ihnen gegenüber
habe sich das Klima schon jetzt verändert.
22 Jul 2026
## LINKS
(DIR) [1] /Vor-den-Wahlen-in-Sachsen-Anhalt-und-MV/!6191163
(DIR) [2] https://www.ndr.de/geschichte/schauplaetze/Grosser-Dreesch-in-Schwerin-Von-der-Perle-zu-einem-Brennpunkt,dreesch220.html
(DIR) [3] /Landtagswahl-in-Mecklenburg-Vorpommern/!6192063
## AUTOREN
(DIR) Pascal Maier
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