# taz.de -- Kultur im Osten: Mehltau des Verdachts
> Künstler gelten in Ostdeutschland als Systemlinge, denen nicht zu trauen
> ist. Waren die Ziele partizipativer Kunst zu ambitioniert?
(IMG) Bild: „Es darf alles hinterfragt werden“ – aber man sollte im Gespräch bleiben
Neulich rief ein Freund an. Unsere Väter waren Kollegen an einer
ostdeutschen Hochschule gewesen, beide Naturwissenschaftler. Jetzt rief er
mich an, weil sein Vater, Professor im Ruhestand, einem organisierten
Verbrechen auf der Spur war. Ja, ich hatte richtig gehört. Das heißt, nicht
er selbst war auf der Spur, sondern Sonderermittler des Bundeskriminalamts.
Sie hatten Kontakt zu ihm aufgenommen, weil sein Fachwissen hilfreich sein
konnte.
Die Verbrecher, um die es ging, operierten europaweit und, wie oft in
solchen Fällen, war es schwer, ihnen auf die Spur zu kommen. Sie hatten
Verbindungen in staatliche Institutionen hinein, bekamen Hinweise aus
Verwaltung, Justiz, Polizei. Die Sonderermittler operierten konspirativ und
inzwischen auf eigene Faust. Unter dem Druck der Verbrecher nämlich, so der
Vater des Freundes, waren vom Bundeskriminalamt alle Mittel gestrichen
worden. Sie standen kurz davor, einen Mafiaring auszuheben, und jetzt war
ihnen von einem korrupten Abteilungsleiter das Geld gestrichen worden.
Sein Vater, so erzählte der Freund, bot sofort seine Hilfe an. Er nahm
einen Jutebeutel, ging zur Sparkasse, hob 15.000 Euro ab, begab sich zu
einem konspirativen Treffpunkt unter einer S-Bahn-Brücke, übergab den
Sonderermittlern das Geld, dankte ihnen von Herzen für ihre Arbeit und ging
zufrieden nach Hause. Vielleicht war Deutschland ja doch noch zu retten!
Dass ein kritisches Bewusstsein nicht davor schützt, Opfer eines Betrugs zu
werden, lässt sich nicht nur in Ostdeutschland beobachten. Wenn die Opfer
stolz darauf sind, sich eine eigene Meinung bilden und kausale
Zusammenhänge scheinbar selbst erkennen zu können, findet der Betrug gerade
im kritischen Bewusstsein ein ideales Einfallstor. Er keimt aus eins oder
zwei Körnchen Wahrheit – echte Notlagen, Missstände, Ängste – und kann, bei
entsprechender Pflege, als handfeste Paranoia erblühen.
Immer neue Einzelheiten können ans Licht gezerrt, neue Verbindungslinien
und Zusammenhänge geknüpft werden – die Logik des Verdachts kennt keine
Grenzen. Und je weiter sie um sich greift, je mehr Menschen, Ideen,
Institutionen der Verdacht erfasst, umso befriedigender ist das Gefühl, das
sich bei jenen einstellt, die ihn hegen. Wusste ich’s doch! Wie dumm doch
alle anderen sind! Wie gut, dass wenigstens ich noch selbst denken kann!
Im Osten Deutschlands sind staatliche Institutionen, Behörden, Gerichte,
Medien, Universitäten, Schulen, zivilgesellschaftliche Organisationen,
kurzum: alles, was mit Öffentlichkeit oder Staat in Verbindung gebracht
werden kann, [1][vom Mehltau des Verdachts befallen]. Lieber übergibt man
Geld und Vertrauen im Jutebeutel unter irgendeiner S-Bahn-Brücke, als denen
noch zu glauben. Dubiose Modalitäten sind inzwischen Qualitätsmerkmal für
Seriosität und Anstand.
Auch die meisten Kultureinrichtungen gelten inzwischen als systemkonform
und ideologisch verstrahlt. Ein Verdacht, der von den politischen
Sonderermittlern (neuerdings auch von politischen Mandatsträgern) nach
Kräften geschürt wird.
Die Kultureinrichtungen reagieren oft mit einer Art Wagenburgmentalität:
Sie schließen sich enger zusammen und verteidigen umso entschlossener die
bestehenden – liberalen, demokratischen, rechtsstaatlichen – Verhältnisse.
Was Verdacht und Misstrauen natürlich erhärtet – ein Teufelskreis. Eine
andere Strategie kann man von trotzkistischen Kadergruppen lernen: Ein
Verdacht lässt sich ausräumen, wenn man sich selbst an die Spitze der
vermeintlichen Aufklärer stellt. Zum Beispiel, indem man – wie jüngst auf
einer Fachtagung vorgeschlagen – ein paar völkische Stoffe auf die
Theaterbühnen bringt. Während es so durchaus gelingen kann, den Verdacht
von sich selbst abzuwenden, bedient die Strategie doch die Steigerungslogik
allgemeinen Misstrauens.
## Alles ist Hinweis
Nicht, dass es keinen Grund gäbe, kritisch oder misstrauisch zu sein – es
gibt zu viele. Und der Versuch, gesellschaftliche Öffentlichkeit
herzustellen, und sei es nur die bescheidene Öffentlichkeit eines Festivals
für Kunst und gegenseitiges Interesse, gerät in einem solchen Klima zur
Herausforderung. Sprache, Kleidung, Essen, Frisur – alles ist Hinweis,
alles erhärtet den jeweiligen Verdacht.
Es ist, als versuche man einen Ort des Austauschs und Dialogs zu schaffen
und befinde sich dabei in einem conspiracy room, wie man ihn aus alten
Kriminalfilmen kennt, wenn die Polizei endlich den Unterschlupf des
paranoiden Täters gefunden hat: Alle Wände sind mit Bildern,
Zeitungsschnipseln, Studien, Parolen, Fakten und einem wirren Netz von
Zusammenhängen bedeckt.
Wenn wir auf dem Festival OSTEN (Kulturfestival in Bitterfeld-Wolfen, das
diesen September wieder stattfindet; d. Red.) trotzdem versuchen, Menschen
miteinander ins Gespräch zu bringen, dann mit dem Hinweis, den Blick doch
bitte immer schön auf den Boden zu richten. Auf das Naheliegende. Wo stehen
wir, was ist der gemeinsame Grund?
## Wie Schafe zusammenstehen
Und dann: Immer schön einen Fuß vor den anderen setzen, so weit der
gemeinsame Boden eben reicht. Vielleicht eine Wasserrutsche bauen, weil es
im Sommer heiß ist und ein Freibad fehlt. Oder auf der alten
Industriebrache gemeinsam Schafwolle spinnen und färben. Oder auf einem
rückgebauten Plattenbau gemeinsam einen Kartoffelacker anlegen. Oder
einfach „wie Schafe in der Gefahr dicht beisammenstehen“ (Ece Temelkuran).
Das alles wird nicht verhindern, dass wir als Propagandisten des Systems
wahrgenommen werden, als Systemlinge. Die Sonderermittler kann man nicht
täuschen. Aber, hey, auch wenn man nicht der gleichen Verschwörungstheorie
anhängt, kann man doch gemeinsam Spaß haben. Sogar Hoffnung schöpfen.
Zugegeben, die Demokratie wird das nicht retten. Und auch die
Klimakatastrophe nicht stoppen. Vielleicht waren die pädagogischen Ziele
partizipativer Kunst in letzter Zeit auch ein bisschen zu ambitioniert.
Oder?
20 Aug 2026
## LINKS
(DIR) [1] https://www.tagesspiegel.de/politik/ansichten-der-burger-nur-17-prozent-der-ostdeutschen-vertrauen-dem-staat-14268908.html
## AUTOREN
(DIR) Christian Tschirner
(DIR) Aljoscha Begrich
## TAGS
(DIR) Osten
(DIR) Wahlen in Ostdeutschland
(DIR) Reden wir darüber
(DIR) GNS
(DIR) Rente
(DIR) wochentaz
(DIR) Schwerpunkt AfD
## ARTIKEL ZUM THEMA
(DIR) Streit um Rente mit 63: Passgenauer Populismus
Plötzlich wollen prominente Teile von CDU und SPD die abschlagsfreie Rente
erhalten. Doch von ihr profitieren nicht die, die es eher nötig hätten.
(DIR) Vor den Wahlen in Sachsen-Anhalt und MV: Die lebendigste Zivilgesellschaft der Republik
Viele Menschen in Sachsen-Anhalt und Mecklenburg-Vorpommern versuchen, der
AfD die Landtagswahlen zu vermiesen. 19 von ihnen verraten ihre Strategien
(DIR) Niederlagenserie der AfD im Osten: Sie ist besiegbar
Die AfD stellt sich als unbesiegbar dar, besonders im Osten. Doch
Kommunalwahlen verliert sie reihenweise. Was sich daraus lernen lässt.