# taz.de -- Der Hausbesuch: Einer, der im Osten bleibt
       
       > Viele junge Menschen gehen weg aus dem Osten. Sebastian Hüller nicht. Er
       > arbeitet als Admin, organisiert CSDs – und kandidiert für den Schweriner
       > Landtag.
       
 (IMG) Bild: „Der Mangel hier macht die besten Sachen möglich“, sagt Sebastian Hüller über Mecklenburg-Vorpommern
       
       Sebastian Hüllers Telefon klingelt. Leise. Mehrmals. „Beim dritten Mal gehe
       ich ran. Dann ist es ein Notfall.“
       
       Draußen: „Lebenshauptstadt“, so nennt sich Mecklenburg-Vorpommerns
       Landeshauptstadt Schwerin. Doch in der Altstadt schließen Fachgeschäfte.
       Läden stehen leer. Auch in der Friedrichstraße, gleich um die Ecke von
       Hüllers WG. Hier war in einem historischen Gebäude einst die Staatsbank der
       DDR. Das Vorhaben, dort ein exklusives Hotel zu errichten, ist geplatzt.
       Der Bauherr pleite. Die Zukunft ungewiss. Wie für viele hier. Am Ende der
       Straße weitet sich der Blick auf den Pfaffenteich. Die Schweriner
       „Binnenalster“.
       
       Drinnen: Bei Sebastian Hüller steht die Badewanne direkt unter dem Fenster.
       Ist es geöffnet, kann er beim Baden auf die Straße gucken. „Die Wanne ist
       der Grund, weshalb ich mich für die Wohnung entschieden habe“, sagt er.
       Sein Zimmer hat er in vier Bereiche aufgeteilt: links das Bett und die
       Bücher auf dem Nachttisch, rechts an der Wand das Klavier, vor dem Fenster
       eine Leseecke und sein Homeoffice. Und an der Decke hängt ein Wäscheständer
       aus Holz mit Flaschenzugsystem.
       
       Arbeit: Sebastian Hüller ist 25. Er ist Fachinformatiker für
       Systemintegration. Wenn er morgens aufsteht, schaut er zuerst auf seine
       Handys. Erst privat, dann wegen der Arbeit. Irgendwo ist immer etwas: ein
       Serverproblem; ein Drucker, der streikt; jemand, der etwas braucht. Seit
       drei Jahren arbeitet Hüller für die grüne Landtagsfraktion als ITler. Dort
       ist er auch Betriebsratsvorsitzender.
       
       Engagement: In seiner Freizeit organisiert er zudem
       Christopher-Street-Day-Paraden, plant queere Partys, macht Wahlkampf und
       versucht zwischendurch, einmal in der Woche Freunde zu treffen. Und er geht
       zum Boxtraining. Hüller erzählt schnell, springt zwischen Themen, als
       müsste er gleichzeitig reden, erklären und organisieren. – „Es ballt sich
       in letzter Zeit sehr.“ Manchmal merkt er selbst, dass es zu viel wird. „Ich
       komme da schnell in so eine Spirale rein“, sagt er.
       
       Zuhören: In der Küche steht ein altes Radio zwischen Teetasse und
       Ladegerät. Daneben Kassetten. „Die Schatzinsel“. Kein Streaming. „Ich finde
       es ganz nett, wenn das Radio entscheidet, was ich höre“, sagt Hüller. Auch
       Schallplatten legt er gern mal auf. – Das Telefon klingelt zum zweiten Mal.
       
       Das Dorf: Am Wochenende fährt er aufs Land. Nach Witzin. Dort leben
       Freunde, ist Familie und „die Entenwanderung“. Die ist immer am
       Ostermontag. Dann steht Sebastian Hüller in einer Wathose in der Mildenitz
       [1][und sammelt Plastikenten ein]. 400 Stück treiben den Fluss runter, Er
       fängt sie ein, laut ruft er Zahlen, die auf ihnen stehen und wirft sie ans
       Ufer. Dort stehen Leute und hoffen auf Gewinne. Die ersten zehn und die
       allerletzte Ente zählen. „Es geht nicht ums Gewinnen. Es geht ums Dorf, um
       die Gemeinschaft und das Ehrenamt.“ Irgendwo gibt es Erbsensuppe mit
       Bockwurst.
       
       Die Linkshänderin: Seine Oma war früher oft zum Helfen da, nun ist ihr der
       Weg zu weit. Sie ist Linkshänderin. Als sie jung war, wurde ihr das
       ausgetrieben. Linkshänder galten als falsch. Hüller erzählt die Geschichte
       der Oma gern. Weil sie für ihn etwas erklärt. Seine Oma sei gezwungen
       gewesen, [2][ihre Linkshändigkeit zu verstecken]. „Als das nicht mehr nötig
       war, gab es plötzlich viele Linkshänder.“ So ähnlich spricht er auch über
       das Queersein. Auf dem Dorf hat er das lange nicht gesagt. Es passte nicht.
       Nicht mal ihm. Anderen auch nicht. „Schwul“ ist ein Schimpfwort auf vielen
       Pausenhöfen. Also schwieg er. Erst später, in Rostock, stand er vor einer
       queeren Bar, fragte, ob er dort reindürfe. Durfte er nicht. Er war 17. Zu
       jung. Heute organisiert er selbst solche Räume.
       
       Bedrohung: Zum Beispiel den [3][CSD in Grevesmühlen]. 1.400 Leute auf der
       Straße, etwa genauso viele Gegendemonstranten. „Das waren hartgesottene
       Nazis“, sagt Hüller. Ohne Pathos. Und er macht weiter. Dieses Jahr in
       Wismar. „Aufhören ist keine Option“, sagt er. „Ich kann ja nicht weniger
       queer sein.“
       
       Bewerbungen: In der achten Klasse sagte eine Berufsberaterin zu ihm: „Mehr
       als Verkäufer wird’s nicht.“ Sebastian Hüller erinnert sich genau. „Das hat
       mich runtergezogen.“ Auch, weil der Satz so endgültig klang. Und weil er
       von einer kam, die dem Jungen helfen sollte, seinen Weg zu finden. Seine
       Mutter hielt dagegen. Sie drängte ihn, sich zu bewerben. Viele Bewerbungen,
       viele Absagen. Er war 16, als er zur Ausbildung als Fachinformatiker vom
       Dorf nach Teterow zog. Eine Kleinstadt. Nach der Lehre blieb er. Engagierte
       sich bei den Grünen.
       
       Bleiben: Er hätte auch weggehen können. Nach Berlin, Hamburg, Leipzig. Ist
       er aber nicht. „Ist mir zu viel“, sagt er über die Großstadt. Und dann sagt
       er einen Satz, den man in Mecklenburg-Vorpommern nicht oft hört: „Der
       Mangel hier macht die besten Sachen möglich.“ Er meint das nicht ironisch.
       Leerstand in Dörfern und Städten, wenig Angebote, wenig Struktur – für
       Hüller ist das kein Grund zu gehen, sondern zu bleiben. Weil man etwas
       aufbauen kann.
       
       Einsamkeit: Vielleicht auch, weil er weiß, wie schnell man in der Großstadt
       allein ist. In der Ausbildungszeit, als Hüller in der neuen Stadt war,
       keine Freunde hatte, nur Arbeit und Computer – da war das Gefühl plötzlich
       da. Einsamkeit. Heute redet er darüber, Einsamkeit ist für ihn ein
       politisches Thema.
       
       Der Kandidat: Bei [4][der Wahl am 20. September] kandidiert Hüller für den
       Landtag von Mecklenburg-Vorpommern. Er tritt an für die Grünen, für eine
       Politik gegen [5][Manuela Schwesigs Weiter-so] und gegen die AfD. Hüller
       redet nicht lange darüber, dass er gegen die AfD ist. Das versteht sich für
       ihn von selbst. Interessanter ist, wie er darüber spricht, auch mit denen,
       die sie wählen. Er setzt sich dazu. Hört zu. Lässt sich erzählen, was alles
       schiefläuft. Mieten, Preise, das Gefühl, dass keiner mehr zuhört. „Die
       Ängste sind ja da“, sagt er. „Die sind nicht ausgedacht.“ Und nachdem er
       zugehört hat, widerspricht er. Leise. Ohne die Leute vorzuführen. Wenn
       jemand recht hat, sagt Hüller das auch. Wenn nicht, erklärt er, warum
       nicht. Keine großen Gesten, keine moralische Empörung.
       
       Gespräch: Einmal stand er in einer Bar und geriet an einen, der
       AfD-Mitglied ist. Er sei auch schwul, sagte der. Sie sprachen miteinander.
       Vieles passte nicht zusammen, merkte Hüller. Manches blieb widersprüchlich.
       Am Ende sagte der Mann einen Satz, der hängenblieb: „Das haben wir
       gesellschaftlich verkackt.“ Hüller glaubt nicht, dass man das Problem
       loswird, indem man nur lauter wird. Er glaubt auch nicht, dass alle noch
       erreichbar sind. Aber genügend vielleicht. Also hört er zu. Redet weiter.
       Und setzt darauf, dass sich etwas verschiebt, wenn man Menschen nicht
       sofort aufgibt.
       
       Nehmerqualitäten: Wenn Hüller über Politik spricht, spricht er oft auch
       über seine Eltern. Sein Vater ist Bürgermeister im Dorf. Kein großes Amt,
       eher eines, in dem man sich ständig rechtfertigen muss. Entscheidungen
       erklären, Streit aushalten, auch dann weitermachen, wenn es persönlich
       wird. Hüller hat das früh mitbekommen. „Wie viel mein Vater da ordentlich
       einstecken musste“, sagt er. Und dass er nicht so schnell kneift.
       
       Antrieb: Von seiner Mutter gelernt hat er Druck, im besten Sinne. Sie hat
       ihn angetrieben, Bewerbungen geschrieben, als er selbst noch gezögert hat.
       „Die hätte nicht zugelassen, dass ich einfach stehenbleibe“, sagt Hüller.
       Arbeiten, sich einbringen, nicht abwarten – das war für sie
       selbstverständlich. Und so übernimmt er von beiden die Überzeugung, dass er
       sich kümmern muss. Auch dann, wenn es anstrengend wird.
       
       Bingo: Sebastian Hülller weiß, wie die Zahlen stehen: Ziemlich sicher ist
       er nach den Wahlen seinen Job als Informatiker bei den Grünen los. Entweder
       schafft er es in den Landtag und ist dann Abgeordneter oder die Grünen
       schaffen es nicht, dann ist es das Ende der Fraktion. „Ich kann eigentlich
       nur gewinnen“, sagt er und lacht. „Wenn es nicht klappt, dann werde ich
       Bingo-Spielleiter.“ Er meint das halb im Spaß. Halb im Ernst. Er hat das
       schon gemacht. Mit Musik, mit Zwischenspielen, mit kleinen Shows. „Das ist
       schon eine nette Veranstaltung“, sagt er und geht, als es zum dritten Mal
       klingelt, an sein Handy.
       
       22 Jul 2026
       
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