# taz.de -- Drohende AfD-Regierung in Ostdeutschland: Das Worst-Case-Szenario
       
       > In Sachsen-Anhalt und Mecklenburg-Vorpommern könnte die AfD bald
       > regieren. Was droht konkret Schulen, Verwaltung oder Vereinen? Und wie
       > wappnen sie sich?
       
 (IMG) Bild: Bald nicht mehr nur leere Stühle? Die AfD in Sachsen-Anhalt und Mecklenburg-Vorpommern will die Regierungsbank füllen
       
       Die Lage ist ernst: Wenn es extrem schlecht läuft, könnte die AfD bei den
       Landtagswahlen in Sachsen-Anhalt und Mecklenburg-Vorpommern im September
       wegen der Fünf-Prozent-Hürde [1][auch mit etwas über 40 Prozent eine
       absolute Mehrheit bekommen] – je, nachdem wie viele Parteien es in den
       Landtag schaffen. Sollte es tatsächlich dazu kommen, wäre das eine
       Disruption: Nicht weniger als die liberale und offene Gesellschaft würde
       die AfD mit ihrer Regierung zur Debatte stellen – und zwar in Deutschland
       insgesamt.
       
       Die extrem rechte Partei arbeitet jedenfalls bereits daran, alle Kräfte für
       den Ernstfall zu bündeln und fähige Mitarbeitende aus Fraktionen und
       Landesverbänden zusammen zu ziehen, um tatsächlich eine Landesregierung
       stellen zu können. In der AfD soll es dafür bereits Listen mit Namen geben.
       
       Doch was würde es konkret bedeuten, wenn die AfD Macht auf Landesebene
       bekäme? Die taz hat sich in verschiedenen gesellschaftlichen Bereichen
       umgehört und recherchiert, wo die Partei tatsächlich Hebel ansetzen könnte
       – und wie sich die Institutionen darauf vorbereiten und wehren können. Ein
       übergreifender Befund: Die Sorge ist an vielen Orten in Sachsen-Anhalt und
       Mecklenburg-Vorpommern groß – aber ebenso die Bereitschaft, den Staat und
       seine Institutionen nicht Rechtsextremen zu überlassen.
       
       Viele Akteure beschreiben ein Zusammenrücken, Aktionen und Veranstaltungen
       zur Gegenwehr seien in Planung. Institutionen wollen ihre Verfahren
       rechtlich absichern. Viele warnen davor, welche irreparable Schäden eine
       AfD-Regierung für Land und Republik bedeuten würde. Und viele bewahren die
       Hoffnung, dass es für die AfD am Ende nicht reichen wird und sich die
       Wähler*innen nicht an diesem Zerstörungswerk beteiligen wollen.
       
       Migration
       
       Kein Thema in den AfD-Wahlprogrammen in Sachsen-Anhalt und
       Mecklenburg-Vorpommern ist so präsent wie Migration. Angekündigt wird eine
       „Abschiebeoffensive“ samt entsprechender Taskforce, in Sachsen-Anhalt
       sollen Abschiebehaftplätze auf 300 verzehnfacht werden, das umstrittene
       Wort [2][Remigration] fällt. Geflüchtete will die AfD nur noch außerhalb
       von Städten in zentralen Unterkünften einquartieren – ob das [3][rechtlich
       zulässig] wäre, ist fraglich.
       
       [4][Saeed Saeed] vom Flüchtlingsrat Sachsen-Anhalt fürchtet, für die
       Betreffenden würde eine AfD-Regierung mehr Kontrolle und Unsicherheit im
       Alltag bedeuten. „Das Programm beschreibt Geflüchtete vor allem als
       Sicherheits-, Kosten- und Ordnungsproblem.“ Mehr Menschen dürften dann in
       Sachsen-Anhalt unabhängige Beratung brauchen. „Gleichzeitig würde unsere
       Arbeit politisch und finanziell stärker unter Druck geraten.“
       
       Die AfD will auch Gelder für Integrationsprojekte weitgehend streichen.
       „Gerade in Sachsen-Anhalt, wo viele Menschen lange Wege, Sprachbarrieren
       und komplizierte Behördenverfahren erleben, wären solche Einschnitte
       gravierend“, sagt Saeed. Der Flüchtlingsrat stärke deshalb aktuell seine
       Kontakte zu Anwält:innen, zu bundesweiten Strukturen und Beratungsstellen.
       Im Falle einer AfD-Regierung wolle man vorbereitet sein. „Wir müssen
       schneller reagieren können, wenn Menschenrechte angegriffen werden.“
       
       Auch das Kirchenasyl will die AfD „unterbinden“. Polizei und
       Staatsanwaltschaft sollen angewiesen werden, auch Personen abzuschieben,
       denen Kirchengemeinden Schutz gewähren. Leitende Geistliche der
       evangelischen und katholischen Kirche in Sachsen-Anhalt kritisieren, das
       AfD-Wahlprogramm sei nicht mit dem christlichen Glauben vereinbar. Beide
       Kirchen machen in Kampagnen darauf aufmerksam, welche Folgen eine
       AfD-Regierung hätte.
       
       Mamad Mohamad vom Landesnetzwerk der Migrantenorganisationen in
       Sachsen-Anhalt betont, es gehe nicht nur um Kürzungen bei
       zivilgesellschaftlichen Projekten. „Wir befürchten eine Gesellschaft, in
       der Vielfalt nicht mehr als Stärke gesehen wird, sondern als Problem.“
       Menschen mit Migrationsgeschichte drohten das Bundesland zu verlassen.
       Verloren gingen Ärzte, Handwerker, Pflegekräfte und Menschen, die dieses
       Land jeden Tag mittragen. Schon jetzt hätten viele den Gedanken: Haben wir
       hier überhaupt noch eine Zukunft?
       
       Demokratie
       
       Über ein „Netz linker bis linksextremer Institutionen“ ätzt die AfD in
       ihren Programmen und kündigt ihnen den Kampf an. In Sachsen-Anhalt nennt
       sie konkret etwa den Verein Miteinander, der dort seit Jahren
       Demokratiearbeit macht. Dieser und andere sollen künftig eine Patriotismus-
       und Demokratieerklärung abgeben, um noch Fördergelder zu erhalten. „Wir
       würden so eine Patriotismuserklärung keinesfalls unterschreiben“, sagt
       David Begrich von Miteinander. Natürlich bereite sich sein Verein auf eine
       mögliche AfD-Regierung vor, schließlich stehe man seit Jahren oben auf der
       Abschussliste. Wie genau, das solle nicht in der Zeitung stehen. „Sonst
       können wir gleich einpacken“, so Begrich. Was aber jetzt schon passiert:
       [5][Miteinander sammelt Spenden für den Ernstfall], falls wirklich alle
       Fördergelder gestrichen werden.
       
       Begrich betont aber auch: Die AfD wolle vielen weiteren, demokratisch
       aktiven Initiativen oder soziokulturellen Zentren die Arbeit
       verunmöglichen. „Wenn sie könnten, sofort.“ So bangt auch die
       Beratungsstelle für Opfer rechter Gewalt. Schon jetzt sei die
       Verunsicherung unter den Ratsuchenden groß, sagt dort Zissi Sauermann. „Wir
       wollen die Angegriffenen aber nicht im Stich lassen. Dafür sind wir jetzt
       dringend auf Spenden angewiesen.“ Und Sauermann appelliert auch an das
       Bundesfamilienministerium: Dort müsse jetzt die zivilgesellschaftliche
       Infrastruktur abgesichert werden.
       
       Auch im Visier: die Landeszentrale für politische Bildung, laut AfD eine
       „linke Indoktrinationsanstalt“. Die Partei will sie abschaffen und
       stattdessen ein „Landesinstitut für staatspolitische Bildung und kulturelle
       Identität“ aufbauen. „Es macht mir schon Angst, was für ein Geist hier
       einziehen könnte“, sagt Direktor Maik Reichel. 35 Jahre habe man offene,
       pluralistische Bildungsarbeit machen können – dem drohe nun ein Ende.
       Inhaltlich dürfte die AfD das Programm der Landeszentrale sehr einseitig
       ausrichten, mit einer „stark eingeengten Bildungs- und Kulturpolitik“. Auch
       sei es wahrscheinlich, dass die AfD ihn und die Führungsriege versetzen
       könnte, fürchtet Reichel. Selbst gehen werde er nicht, betont er. „Jetzt
       muss man Haltung zeigen.“
       
       Kämen unter der AfD politische Direktiven, würde man auf die Rechtslage
       verweisen, dass das Programm überparteilich sein müsse, sagt Reichel. „Wer
       hier arbeitet, ist den Gesetzen verpflichtet, nicht politischen Weisungen.“
       Über das Programm könne ohnehin nur das Kuratorium entscheiden, in dem die
       AfD nach der Wahl aber wohl auch stärker vertreten wäre. Das
       Landesparlament Sachsen-Anhalt hat zumindest in einem Punkt vorgesorgt:
       [6][Noch im April beschloss es] – gegen die Stimmen der AfD – eine
       Gesetzesänderung, die eine Abschaffung der Landeszentrale für politische
       Bildung untersagt. „Das war sehr, sehr wichtig“, sagt Reichel.
       
       Schule
       
       Geht es nach der AfD in Sachsen-Anhalt, sieht die Schule der Zukunft so
       aus: Draußen weht die Deutschlandflagge; die Regenbogenfahne, die noch vor
       der Wahl dort hing, ist verboten. Schüler seien im „Geist der Liebe zu
       ihrer Heimat und dem deutschen Volk zu erziehen“. Geflüchtete Kinder werden
       in Sonderklassen unterrichtet, [7][Kinder mit Behinderung] gehen auf
       Förderschulen. „Das Experiment Inklusion ist gescheitert“, erklärt die AfD.
       Einige Kinder besuchen die Schule gar nicht mehr: Sie werden zu Hause von
       ihren Eltern unterrichtet, die AfD hat die Schulpflicht aufgehoben.
       
       Auf dem Lehrplan steht wieder [8][Russischunterricht, er soll auf den
       Austausch nach Russland vorbereiten.] Im Geschichtsunterricht geht es vor
       allem um das 19. Jahrhundert und die „deutsche Nationenwerdung“. Auch auf
       dem Stundenplan: Heilpflanzenpädagogik. Gestrichen wurde
       Sexualkundeunterricht und jede Aufklärungsarbeit, die geschlechtliche
       Vielfalt beleuchtet. Auch die politische Bildung wurde gestutzt, „das
       demokratische Prinzip“ sei in der Schule „fehl am Platz“. Was nun in den
       Schulen zählt, ist das Leistungsprinzip: Schulnoten dienen als „harte
       Währung“, Sportunterricht wird vor allem als Wettkampf gedacht.
       
       Ob die AfD mit alldem durchkäme, ist umstritten. Zwar ist Bildung
       Ländersache, aber gerade die Aussetzung der Schulpflicht dürfte
       verfassungsrechtlich schwer durchzusetzen sein. [9][CDU-Ministerpräsident
       Sven Schulze] warnt bereits vor einem Schulsterben. Die
       Kultusministerkonferenz könnte zudem das Abitur aus Sachsen-Anhalt
       entwerten.
       
       Malte Gerken von der Bildungsgewerkschaft GEW in Sachsen-Anhalt hält es für
       sehr wahrscheinlich, dass Lehrkräfte das Land verlassen werden, was den
       Lehrermangel noch verschärfen würde. Das Bildungsprogramm der AfD gefährde
       den Wirtschaftsstandort und verstärke die Spaltung der Gesellschaft.
       „Chancengleichheit und Inklusion in der Bildung sind keine ideologischen
       Modeerscheinungen, sondern essenziell für die Lebensqualität und den
       Wohlstand einer Region.“
       
       Familie
       
       Gleich der erste Punkt des AfD-Wahlprogramms in Sachsen-Anhalt befasst sich
       mit Familienpolitik. Mit Familie meint die AfD explizit „Vater, Mutter,
       Kind“ – jegliche andere Familienform wird als „linke Perversion“ abgetan.
       Um Anreize zur Kinderproduktion zu schaffen, verspricht die Partei
       spezielle Familienkredite zum Hausbau und Kinderprämien, die mit jedem
       weiteren Nachwuchs steigen. Die Gleichstellungsbeauftragte soll zur
       Familienbeauftragten werden und die Geburtenraten ankurbeln.
       
       Sarah Schulze, derzeit Gleichstellungsbeauftragte des Landes
       Sachsen-Anhalt, warnt gegenüber der taz: „Frauen eine rein reproduktive
       Rolle zuzuschreiben, ist ein Rückschritt für die Gesellschaft und die
       Selbstbestimmung.“ Zumal die Landesverfassung die Gleichstellung als
       Auftrag formuliert. Ob eine Familienbeauftragte zur Steigerung der
       Geburtenrate rechtlich möglich wäre, ist also zweifelhaft.
       
       Die AfD will außerdem die Schwangerschaftskonfliktberatung ändern – kurz,
       den Weg zu Abtreibungen erschweren. Wer eine Abtreibung plant, muss sich
       laut aktuellem Bundesgesetz vorher beraten lassen. Die AfD will, dass das
       Erstellen eines Ultraschallbilds bei dieser Beratung verpflichtend wird. Im
       Gespräch mit der taz bezweifeln Mitarbeiter:innen von Beratungsstellen
       in Sachsen-Anhalt, dass das praktisch umsetzbar wäre. Beratungsstellen
       verfügen nicht über eigene Ultraschallgeräte.
       
       Geht es nach der AfD, soll jede Person, die eine
       Schwangerschaftskonfliktberatung aufsucht, künftig eine Liste mit
       finanziellen Hilfsangeboten für ein Leben mit Kindern bekommen. Dabei
       gehören Geldprobleme gar nicht zu den wichtigsten Gründen einer Abtreibung,
       sagt Johanna Walsch, Geschäftsführerin beim Verein pro familia in
       Sachsen-Anhalt. „Ein Schwangerschaftsabbruch kann nicht auf finanzielle
       Belange reduziert werden.“ Auch ein Ultraschallbild würde eine Entscheidung
       vermutlich nicht ändern, glaubt Walsch. „Einzig die emotionale Belastung
       steigt.“
       
       Sie sorgt sich auch um die [10][Finanzierung von pro familia], die
       größtenteils beim Land liegt. Seit dem vergangenen Jahr habe das Land 100
       Prozent der Personalkosten getragen. Darauf seien viele Organisationen
       angewiesen, sagt Walsch. Auch andere Beratungsstellen bestätigten das der
       taz.
       
       Sicherheit
       
       Schon lange attackiert die AfD den Verfassungsschutz als neue Stasi und
       „Regierungsschutz“ – weil er die Partei unter Beobachtung nahm und in
       Sachsen-Anhalt schon [11][Ende 2023 als gesichert rechtsextrem einstufte].
       Die AfD will das Amt in Sachsen-Anhalt und Mecklenburg-Vorpommern auf
       Terror- und Spionageabwehr runterstutzen und die Verfassungsschutzberichte
       abschaffen.
       
       Möglich wäre mit ihr auch ein radikaler Umbau, etwa mit eingedampfter
       Rechtsextremismusabteilung und starkem Fokus auf die Antifa, die künftig
       auch als Terrorvereinigung eingestuft werden soll. Als neuen
       Verfassungsschutzchef oder gleich Innenminister brachte sich Hans-Georg
       Maaßen ins Spiel, einst Präsident des Bundesamts für Verfassungsschutz,
       inzwischen [12][selbst als Rechtsextremist eingestuft]. Zumindest
       Geheimdienstchef würde da schwierig: Eine Sicherheitsüberprüfung dürfte
       Maaßen nicht mehr bestehen.
       
       Heikel wäre auch: Die AfD hätte mit Übernahme des Innenministeriums
       Einblicke in Nadis, die Datenbank des Verfassungsschutzes, und wüsste über
       eingesetzte V-Leute Bescheid oder darüber, was das Amt über die Partei
       selbst zusammenträgt. Und sie könnte diese Informationen weiterreichen,
       eventuell bis nach Moskau. Mehrere Innenminister warnten vor diesem
       „Worst-Case-Szenario“, auf das man sich vorbereiten müsse, gar auf einen
       möglichen „Staatsstreich“.
       
       In den Verfassungsschutzämtern beider Länder und im Bundesamt wird nach
       taz-Informationen durchaus darüber nachgedacht, wie darauf reagiert werden
       könnte. Reden will man darüber indes nicht. Der Verfassungsschutz stehe da
       vor einem riesigen Problem, sagt Thomas Grumke, Professor an der Hochschule
       für Polizei und öffentliche Verwaltung in Nordrhein-Westfalen und einstiger
       Verfassungsschützer. Denn alle Verfassungsschutzämter seien über Nadis oder
       das Terrorismusabwehrzentrum miteinander verbunden, ein enger Austausch sei
       eine zentrale Lehre aus dem Terror von 9/11 und NSU oder Anis Amris
       Anschlag auf den Berliner Weihnachtsmarkt 2016.
       
       Ein Landesamt da rauszukoppeln? Technisch so gut wie unmöglich, heißt es
       aus Sicherheitskreisen. Und wolle man dann Akten aus dem Amt
       abtransportieren? Auch rechtlich sei es ein Problem, sagt Grumke. „Die AfD
       würde sofort klagen und wohl recht bekommen.“ Und man wolle sich nicht
       ausmalen, was passiere, wenn man dem Verfassungsschutz Sachsen-Anhalt
       Informationen verweigere und dann dort ein Anschlag geschehe.
       
       Der SPD-Innenpolitiker und frühere Polizist Sebastian Fiedler erklärte
       deshalb zuletzt, man müsse die „Löschtaste drücken“, bevor Extremisten an
       sensible Daten kämen. Doch auch hier gibt es Archivgesetze, die dem
       entgegenstehen. Eine andere Überlegung: Die Daten über die AfD könnten ans
       Bundesamt für Verfassungsschutz übertragen werden. Die Frage lautet nur
       auch hier: Wie genau?
       
       Und das gleiche Probleme gibt es bei der Polizei. Hier kündigt die AfD eine
       Aufstockung des Personals an, eine „Rückführungspolizei“, was nach der
       US-Behörde ICE klingt, ehrenamtliche Bürgerwachten oder die Abschaffung des
       Polizeibeauftragten. Und auch da hätte ein AfD-Innenminister Einblick in
       sensible Daten – die ebenfalls über die Inpol-Datenbank über Ländergrenzen
       hinweg verbunden sind. Auch heikel: Beginge die AfD Rechtsbrüche, könnte
       die Polizei diese noch unabhängig verfolgen? BKA-Präsident Holger Münch
       erklärte zuletzt, man müsse als Polizei im Falle einer AfD-Regierung
       zumindest „darüber nachdenken, wie offen wir dann mit Informationen im
       Verbund umgehen könnten“.
       
       Nancy Emmel, Vorsitzende der Gewerkschaft der Polizei in Sachsen-Anhalt,
       sagt, Wahlergebnisse seien selbstverständlich zu akzeptieren. Aber: „Die
       Polizei gehört weder einer Partei noch einer Regierung.“ Sie sei nur ans
       Recht gebunden. „Deshalb erwarten wir von jeder künftigen Landesregierung,
       dass sie die Unabhängigkeit der Polizei achtet, Beschäftigte nicht unter
       politischen Druck setzt und mit sensiblen Informationen die gebotene
       Sorgfalt wahrt.“
       
       Emmel appelliert, sich vorzubereiten: mit klaren, rechtlich abgesicherten
       Verfahren, etwa im Umgang mit „Verschlusssachen“, also geheimen
       Sicherheitsdokumenten, mit guter Führung und „einem ausgeprägten
       Bewusstsein für Verfassungstreue und das Remonstrationsrecht“, also das
       Recht von Beamten, bei Rechtsverstößen dienstliche Anordnungen zu
       verweigern. Immerhin: Der Landespolizeidirektor ist kein politischer
       Beamter, er könnte nicht sofort ausgetauscht, sondern nur über
       disziplinarrechtliche Maßnahmen belangt werden.
       
       Schließlich: Mit einem AfD-Innenminister wäre die AfD auch in der
       Innenministerkonferenz (IMK) vertreten, die sich halbjährlich hinter
       verschlossenen Türen trifft und einstimmig Beschlüsse fällt. Das könnte die
       AfD künftig blockieren. Beim nächsten IMK-Treffen Mitte Juni wird auch
       deshalb über den Umgang mit der AfD beraten. Zwei Optionen: Das
       Einstimmigkeitsprinzip wird gekippt – und mit einem AfD-Minister nicht
       direkt zusammengearbeitet.
       
       Verwaltung
       
       Die AfD kündigt die Kettensäge an: 150 bis 200 Posten will die Partei im
       Beamtenapparat Sachsen-Anhalts neu besetzen. In ihrem Programm hetzt sie
       gegen eine ideologische Verwaltung und deren angebliche „Regenbogendoktrin“
       und kündigte pauschale Kürzung um 10 Prozent an. Personal soll weg, ebenso
       einzelne Ministerien, Landesgesellschaften und am besten gleich das
       komplette Landesverwaltungsamt.
       
       Entsprechend groß ist die Sorge in Beamtenschaft und Verwaltung.
       AfD-Spitzenkandidat Ulrich Siegmund sagte in Richtung der Verwaltung, dass
       man „jedem die Hand, egal welcher politischen Coleur“ reichen wolle. Aber
       die Drohung folgte auf den Fuß: „außer, wenn versucht wird, unsere Arbeit
       aktiv zu blockieren – dann greifen sicherlich verwaltungsrechtliche
       Maßnahmen“.
       
       Tatsächlich könnten die Rechtsextremen als Alleinregierung ohne
       Koalitionszwänge und Kompromisse erstmal nur 19 Beamte austauschen. Das
       sind die 15 Staatssekretäre aus den 9 Ministerien (hinzu kommen deren
       Büroleiter und Referenten) und dann noch 4 explizit politische Beamte des
       Mittelbaus: der Leiter des Verfassungsschutzes, die Leitung des Presseamtes
       und sowie der Präsident und dessen Stellvertreterin des
       Landesverwaltungsamtes. Fraglich ist allerdings, ob sie einen
       Rechtsextremen auf diese sensible Stellen setzen darf – Verfassungstreue
       und Sicherheitsprüfungen sind vorgeschrieben und dabei gilt Bundesrecht.
       
       Auch beim Absägen von verbeamteten Abteilungs- und Referatsleitern in den
       Ministerien wird es rechtsstaatlich schwierig. Die sind in Sachsen-Anhalt,
       anders als in der Bundesregierung, keine politischen Beamten.
       Verwaltungswissenschaftler Jürgen Stember vom Fachbereich
       Verwaltungswissenschaften der Hochschule Harz sagte der taz: Gerade ab der
       Abteilungsleiterebene gehe es um fachliche Eignung und Verfassungstreue.
       
       Diese Beamten könne man nicht handstreichartig austauschen – es gebe feste
       Einstellungskriterien und etwaige Klagen wären mehr als aussichtsreich.
       Zusätzliches Personal sei zudem aufgrund der finanziell schwierigen
       Situation zum Scheitern verurteilt, so Stember. Er halte es für sehr
       fraglich, ob eine neue Regierung die Verwaltung kurzfristig auf eine ganz
       andere Linie bringen kann.
       
       Beim Umbau helfen würde der AfD allerdings, dass 30 bis 40 Prozent der
       Verwaltung in Sachsen-Anhalt in den nächsten Jahren in Rente geht. Diese
       Stellen könnte die AfD nach ihrem Gusto auffüllen – ohne viel Krawall und
       Rechtsverstöße. Ein Unsicherheitsfaktor in Puncto Resilienz dürften dabei
       zudem AfD-Sympathisanten in der Verwaltung sein. Ebenso könnte die AfD
       versuchen, mit einfacher Mehrheit das Beamtengesetz zu ändern und
       kurzerhand auch den Mittelbau zu politischen Beamten erklären, um diese
       dann leichter auszuwechseln.
       
       Eine entscheidende Frage bei alledem wäre: Wie würden sich Beamt*innen, die
       einen Amtseid geschworen haben, bei rechtlich bedenklichen Anweisungen und
       erwartbaren Einschüchterungsversuchen verhalten? Würden sie einfach so
       mitlaufen oder sich gar widersetzen (beamtenrechtlich: remonstrieren)?
       Möglich wären auch niedrigschwellige Widerstandsstrategien wie endlose
       Rechtsprüfungen oder Dienst nach Vorschrift, um Sand ins Getriebe zu
       streuen.
       
       Kultur
       
       Das „Regierungsprogramm“ der AfD Sachsen-Anhalt liest sich nicht nur wie
       ein radikal-nationalistischer Fiebertraum, sondern ist auch die Ankündigung
       einer Kulturrevolution von rechts. Das zieht sich durch sämtliche Bereiche:
       Geschichtsrevisionismus, Kampf gegen den Islam, aber auch gegen die als zu
       liberal wahrgenommenen christlichen Kirchen und tatsächliche Cancel Culture
       gegen alles, was der AfD ideologisch nicht ins Weltbild passt. Ein
       AfD-Kulturminister könnte über finanzielle Förderungen entscheiden, er oder
       sie besetzt Kuratorien und Stiftungsräte – die Kultur ist Ländersache, das
       jährliche Budget lag in Sachsen-Anhalt zuletzt bei rund 190 Millionen Euro.
       
       Der rechtsextreme Ideologe Hans-Thomas Tillschneider will hier damit das
       durchsetzen, was Björn Höcke angekündigt hat: eine erinnerungspolitische
       Wende um 180 Grad. Motto in klarer Abgrenzung zum „Modern denken“ von
       Bauhaus: „Deutsch denken!“. Nationalistisches will die AfD fördern, etwa
       Kunst mit „Beitrag zu deutscher Identitätsfindung“. Alles, was für die AfD
       unter „antideutsche Kunst und Kultur“ fällt, will sie bekämpfen. Kurzum:
       Kriegerdenkmäler und Heldengedenken statt Bauhaus Dessau und Theater
       Magdeburg.
       
       Kein Wunder, dass Bauhaus und 60 weitere Kulturinstitutionen bereits Alarm
       geschlagen haben und [13][in einer öffentlichen Erklärung vor Zensur per
       Rotstift warnen] und zahlreiche Aktionen planen. „Kulturpolitik darf nicht
       zur nationalistischen Instrumentalisierung von Geschichte und Kultur
       missbraucht werden“, heißt es in der Erklärung.
       
       „Die Freiheit der Kunst, die Vielfalt kultureller Ausdrucksformen und eine
       an demokratischen Werten orientierte Erinnerungskultur bleiben
       unverzichtbar.“ Ein Tiefschlag ist dabei, dass die bei der AfD verhasste
       Kunstschule Bauhaus aus Dessau 1932 schon einmal fliehen musste – nach der
       Gemeinderatswahl 1931, als die NSDAP gewann.
       
       Wissenschaft
       
       „Wir schließen alle Gender Studies und schmeißen diese Professoren raus!“,
       war die Ansage von Parteichefin Alice Weidel an die „queer-woken
       Kaderschmieden“, wie die AfD gerne Universitäten schimpft. Die
       Wissenschaftspolitik für Sachsen-Anhalt indes hat der rechtsextreme
       Kulturkämpfer Hans-Thomas Tillschneider vorgegeben, der selbst als
       Islamwissenschaftler und Privatdozent sogar noch einen Lehrauftrag an der
       Uni Bayreuth innehat und gerne gegen „so schwüles Zeug wie Gender Studies“
       oder Postkolonialismus hetzt.
       
       Die AfD will mehr Völkisches wagen: Im Programm fordert sie einen Lehrstuhl
       für Bevölkerungswissenschaft, weniger „68“, das Ende von studentischer
       Mitbestimmung, eine Abkehr von der Bologna-Reform und ein
       außeruniversitäres „Institut“ für Anti-Islam-Wissenschaft (sprich: einen
       Thinktank für Islam-Hass).
       
       An Streichlisten arbeitet die AfD offenbar schon: [14][Die AfD stellte
       zuletzt Anfragen, welche Lehrstühle sich mit Kolonialismus beschäftigen,]
       welche Veranstaltungen es zum Thema gab, wie viele Studenten teilnahmen,
       welche Abschlussarbeiten, Dissertationen oder Habilitationen dazu vorgelegt
       wurden und welche Forschungsprojekte und Kooperationen laufen. Hier würde
       sie gerne die Axt anlegen, inklusive Abschiebungen von ausländischen
       Studenten in Sachsen-Anhalt.
       
       Allerdings ist da auch viel Zermürbungstaktik dabei: Tatsächlich dürfen
       dank der grundgesetzlich garantierten Wissenschaftsfreiheit Universitäten
       selbst über den Zuschnitt von Lehrstühlen und Forschung entscheiden. Aber:
       Ein AfD-Wissenschaftsminister könnte natürlich den Geldhahn zudrehen und
       die Forschungslandschaft insgesamt austrocknen – und so Druck auf die
       Universitäten ausüben, ideologisch missliebige Bereiche zu canceln. Ebenso
       unterschreibt auch das Wissenschaftsministerium die Berufungen von
       Professor*innen und könnte über das Landeshochschulgesetz
       Zielvereinbarungen zur Lehrer*innen-Ausbildung ändern oder die studentische
       Mitwirkung ebenso wie Gleichstellungsbeauftragte abschaffen.
       
       Die Blaupause dafür findet sich in den USA, wo sich Unis finanziellem Druck
       und ideologischen Zwängen gebeugt haben. Davor warnt wiederum Jürgen
       Stember von der Hochschule für den öffentlichen Dienst im Harz: „Es braucht
       eine breite und feste Solidarisierung im gesamten Wissenschaftssystem, um
       einem möglichen politischen Druck entgegenzutreten. Wer das allein
       versucht, wird scheitern.“
       
       In diesem Sinne arbeiten an vielen Hochschulen bereits Kommissionen und
       Netzwerke am Aufbau von Resilienz und Gegenstrategien. Das Netzwerk „Studis
       gegen Rechts“ etwa veranstaltet Anfang Juni unter dem Motto „Wissenschaft
       gegen Faschismus“ eine Aktionswoche zu möglichen Konsequenzen und
       Gegenstrategien mit 70 Veranstaltungen in über 60 Städten – zusammen mit
       einem Unterstützerkreis von Professor*innen.
       
       ## Nachhaltige Zerstörung der Wissenschaft
       
       Dennoch befürchtet Eva Gerth von der Gewerkschaft Erziehung und
       Wissenschaft Sachsen-Anhalt im Ernstfall nicht weniger als die nachhaltige
       Zerstörung der Wissenschaftslandschaft: Weniger Wissenschaftler würden nach
       Sachsen-Anhalt kommen, junge Leute würden einen Bogen um das Bundesland
       machen. Das Bologna-System sei mittlerweile in der DNA der Unis
       eingeschrieben, Studierende, die die Freizügigkeit und Flexibilität von
       Bachelor und Master schätzten, würden kurzum woanders studieren. „An vielen
       Stellen würden Strukturen nachhaltig zerstört und Hochschulen mit Druck
       diskreditiert, ganz zu schweigen davon, dass Universitäten auch große
       Arbeitgeber sind“, so Gerth.
       
       Gegen die Streichung von Fächern und möglichen Finanzierungsvorbehalten
       oder Veränderungen im Hochschulgesetz würde die GEW auch rechtlich
       vorgehen. Damit es nicht soweit kommen muss, vernetzten sich gerade
       verschiedene Bildungsträger und Initiativen. „Die Zivilgesellschaft rückt
       hier zusammen – man hat immer das Gefühl, dass man nicht alleine ist“, so
       die Gewerkschafterin. „Ich hoffe sehr, dass es am Ende genügend Vernunft in
       Sachsen-Anhalt gibt, damit das nicht passiert.“
       
       Klima
       
       Aus für Klimaprojekte, keine neuen Windräder, kaum weiteren Solarstrom: Die
       AfD kündigt für den Fall einer Regierungsübernahme in Sachsen-Anhalt eine
       „energiepolitische Kehrtwende um 180 Grad“ an. Subventionen für erneuerbare
       Energien sollen ebenso gestrichen werden wie [15][Fördermittel für
       Klimaprojekte]. Die AfD bestreitet den menschengemachten Klimawandel und
       hält an Gas, Kohle und Öl fest. Eine AfD-geführte Landesregierung will ein
       „Windkraftmoratorium“ beschließen mit der Folge, dass neue [16][Windräder]
       nicht mehr genehmigt werden können.
       
       „Eine AfD-Regierung könnte den Bau neuer Windkraftanlagen verzögern, aber
       nicht stoppen“, sagt Johannes Wolke vom Landesverband Erneuerbare Energie
       Sachsen-Anhalt (LEE). Über die fünf Planungsgesellschaften im Land könnte
       eine AfD-Regierung versuchen, Genehmigungsprozesse zu verhindern. Aber
       Bundesgesetze regeln, dass das nur begrenzt möglich ist. Würden neue
       Windparks abgelehnt, könnten Investoren vor Gericht ziehen. Da in
       Sachsen-Anhalt viele Windkraftbetreiber regional verankert sind, erwartet
       Wolke solche Klagen, falls die AfD den Ausbau blockiert – und nicht, dass
       Investoren einfach ins nächste Bundesland ziehen.
       
       Mehr Macht hätte die AfD, um den Ausbau von Photovoltaik zu blockieren.
       Hier hat Sachsen-Anhalt Aufholbedarf. Die AfD lehnt den Bau neuer großer
       Solarparks aber ab. Photovoltaik soll nur noch auf bereits versiegelten
       Flächen gebaut werden dürfen, etwa auf Dächern in Gewerbegebieten. Hier
       habe die AfD tatsächlich einen Hebel, sagt Wolke. Eine AfD-Regierung könnte
       veranlassen, dass große Solaranlagen drastisch verkleinert werden müssen,
       oder sie mit hohen Auflagen belegen, die nicht umsetzbar sind.
       
       Hinweis, 26.5.: Angaben zur „Aktionswoche gegen Faschismus“ wurden
       korrigiert, d. Red.
       
       23 May 2026
       
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