# taz.de -- Neutralitätsdebatte in der Schule: Herr Heckel und die AfD
       
       > Ein Lehrer in Sachsen-Anhalt warnt im Unterricht vor der AfD. Die Partei
       > protestiert, das Schulamt mahnt ihn ab. Wie neutral muss ein Lehrer sein?
       
 (IMG) Bild: „Diese Klage kotzt mich wahnsinnig an“: Lehrer Max Heckel vor dem Fachwerkhaus, das er mit seinen Schüler*innen baut
       
       Nach einer Debatte über Bildungspolitik tritt Ulrich Siegmund, AfD-Kandidat
       für das Amt des Ministerpräsidenten in Sachsen-Anhalt, ans Mikrofon. Es ist
       ein Oktobertag im Jahr 2025 im Magdeburger Landtag. In elf Monaten ist die
       Landtagswahl.
       
       Siegmund, akkurat gegelte Haare, joviales Lachen, will noch etwas sagen zu
       einem Antrag, den seine Partei gerade ins Parlament eingebracht hat. Die
       AfD fordert ein striktes Neutralitätsgebot an Schulen und Siegmund will ein
       Beispiel bringen.
       
       „In Stendal gibt es eine Schule“, erzählt er, „an der es einen extrem
       linken Lehrer gibt.“ Eine Mutter habe sich an seine Partei gewandt und
       erzählt, wie dieser Lehrer über die AfD rede. Und er persönlich, Ulrich
       Siegmund, will, dass das Konsequenzen hat. Die Partei habe eine
       Dienstaufsichtsbeschwerde auf den Weg gebracht, Siegmund spricht schnell,
       fast atemlos, nun will er wissen: „Wie ist der aktuelle Stand zu unserer
       Dienstaufsichtsbeschwerde?“
       
       Antwort erhält Siegmund vom Bildungsminister, Jan Riedel von der CDU. Er
       sei in den Fall nicht involviert, aber er habe sich unterrichten lassen. Es
       sei korrekt, die Lehrkraft habe sich im Unterricht „eindeutig gegen die AfD
       positioniert“. Und er sagt: „Das Landesschulamt hat dies disziplinarisch
       eingeordnet.“
       
       Da steht also der rechtsextreme Spitzenkandidat im Landtag und beschwert
       sich über einen Lehrer. Und der Bildungsminister antwortet: Der Lehrer wird
       abgemahnt.
       
       ## Angeblich nicht neutral
       
       Noch [1][regiert die AfD] nicht. Aber sie ist schon weit gekommen. Wie
       weit, das erzählt diese Geschichte aus Sachsen-Anhalt.
       
       Der Lehrer, um den es geht, heißt Max Heckel. Er unterrichtet an einer
       Sekundarschule in Stendal, hauptsächlich Werken, aber auch Deutsch. Das
       Schulamt Halle hat ihn bestraft, weil er gegen die
       „[2][Neutralitätspflicht]“ verstoßen haben soll. Es wirft ihm vor, dass er
       seine Schüler*innen politisch überwältigt hat. Dass er seinen angeblich
       unpolitischen Werkunterricht genutzt habe, um seine Schüler*innen von
       seiner Meinung zu überzeugen.
       
       Max Heckel bestreitet das. Er sagt, er habe nur seine Pflicht getan und
       über eine als gesichert rechtsextrem eingestufte Partei aufgeklärt. Das
       gäben alle Vorschriften her, der angestellte Lehrer*innen wie er
       unterlägen. Er klagt nun gegen die Abmahnung. Auch das erzählt der
       Bildungsminister im Landtag. Und die AfD-Fraktion lacht.
       
       An einem der ersten Frühlingstage dieses Jahres steht Max Heckel im
       Klostergarten von Stendal und ächzt. „Da kommt es jetzt, das Alter“, sagt
       er und grinst. Mit krummem Rücken schleppt er einen Sack Trockenbeton. Mehr
       als 30 dieser Säcke wird er heute schleppen, insgesamt eine Tonne. Heckel,
       39 Jahre alt, Vollbart, selbstgedrehte Zigarette, breite Schultern, gießt
       heute das Fundament für ein vier Meter hohes Fachwerkhaus. Wenn der Rücken
       mitmacht.
       
       ## Ein Bauprojekt für den Unterricht
       
       Vor drei Jahren hat er begonnen, mit Sechstklässlern Fachwerkhäuser zu
       bauen. Bis auf das Fundament machen die Schüler*innen alles selbst,
       verlegen Bodendielen, bauen ein Holzgerüst, verputzen Wände. Das war
       Heckels Idee. Er will, dass seine Schüler*innen verstehen, wozu man
       Rechnen können muss. [3][Die Lokalzeitung berichtet], die Kinder sind
       stolz.
       
       Heckel ist das, was man einen engagierten Lehrer nennen könnte. In seiner
       Freizeit klappert er Bauunternehmer ab, damit sie Material für sein
       Schulprojekt sponsern. Nach dem Unterricht sucht er einen Ausbildungsplatz
       für zwei afghanische Schüler. Aber er ist auch einer, der seine
       Vorgesetzten nervt, weil er findet: Für die Verteidigung der Demokratie
       kann es nur einen Weg geben. Und der hat mit Neutralität nichts zu tun.
       
       Der Schultag, der Heckel bis heute beschäftigt, ist nun ein gutes Jahr her.
       Im März 2025 war das, eine Woche nach der vorgezogenen Bundestagswahl.
       Heckel unterrichtete in einer sechsten Klasse, elf und zwölf Jahre sind die
       Schüler*innen. Am Ende des Unterrichts beim Aufräumen fragen zwei Schüler
       Heckel, ob er die AfD gewählt habe. So erzählt es Heckel, so geht es auch
       aus Schriftsätzen des Landesschulamts hervor.
       
       Heckel verneint, die Schüler fragen nach. Auf seinem Laptop zeigt er ihnen
       mehrere Quellen, darunter den Bericht von [4][Correctiv] über das
       Geheimtreffen von AfD und Rechtsextremen in Potsdam, eine Bundestagsdebatte
       zu diesem Treffen und eine Grafik zur Steuerpolitik der AfD.
       
       ## Knapp 40 Prozent für die AfD
       
       Die AfD hat die Bundestagswahl in Stendal mit großem Abstand gewonnen, gut
       37 Prozent der Zweitstimmen bekam sie hier. Ähnlich fielen die Ergebnisse
       der U-18-Wahl an Heckels Schule aus. Er ahnt also, wie seine Sätze über die
       AfD bei seinen Schüler*innen und deren Eltern ankommen. „Aber gerade
       deshalb spreche ich mit ihnen so deutlich“, sagt Heckel. „Ich will, dass
       sie verstehen, dass die AfD eine Politik macht, die gegen ihre eigenen
       Interessen geht.“
       
       Rund ein Viertel seiner Schüler*innen habe Migrationshintergrund, sagt
       Heckel, nicht wenige beziehen Bürgergeld. Viele seien auf unterschiedliche
       Art beeinträchtigt, Lese-Rechtschreib-Schwäche, Autismus, ADHS. Heckels
       Schule bereitet sie auf den Haupt- und Realschulabschluss vor. Wie überall
       in Sachsen-Anhalt fehlen auch hier Lehrer*innen. Deswegen wurde der
       Sozialkundeunterricht an seiner Schule gestrichen. Der Unterricht, der für
       politische Bildung vorgesehen ist.
       
       Heckel beendet seine spontane Erklärung zur AfD mit einem Satz, der die
       Partei anstacheln wird. Er sagt: Es stehe jedem frei, die AfD zu wählen.
       Aber wer sie wähle, müsse „sehr reich, frei von Moral oder nicht bei klarem
       Verstand sein“.
       
       Heckel ist in Sachsen-Anhalt ein bekannter Mann. Er ist Frontmann der
       Folkband [5][Nobody Knows], die seit 25 Jahren auf so ziemlich jedem
       Stadtfest in Sachsen-Anhalt spielt. Seinen Hof im Norden außerhalb von
       Stendal hat er umgebaut zu einem Veranstaltungsort. Dort organisiert er
       Kinoabende, Kaffeeklatsch zum Muttertag und Kinderfeste. Selbst der
       CDU-Bürgermeister sagt, wie froh er ist, dass Heckel sich so für die
       Gemeinde engagiert.
       
       ## Mit dem „FCK AFD“-Shirt in die Schule
       
       Seine Bekanntheit nutzt Heckel auch für politische Statements. In der
       Coronazeit kritisierte er öffentlich, dass Sachsen-Anhalt zum Land der
       „Schwurbler und Querdenker“ geworden sei. Mit seiner Band näht er in dieser
       Zeit Masken mit dem Aufdruck „FCK AFD“. Ein- bis zweimal, erzählt er, sei
       er damals mit einem „FCK AFD“-T-Shirt in der Schule gewesen. Seine
       Schulleiterin habe ihn gebeten, das zu lassen. Er habe das verstanden, sagt
       er heute, er wolle seiner Schule ja keinen Ärger machen.
       
       Heckel hat zu Ernst Jünger promoviert, einem Wegbereiter des
       Nationalsozialismus, im Gespräch zitiert er Karl Marx und Kurt Tucholsky.
       Linksradikal sei er nicht. Seine politische Richtung sei, dass er
       „Demokratie gut und Rassismus kacke“ finde.
       
       Sein Eindruck ist, dass viele die AfD unterschätzen. Das nervt ihn. Die
       aktuelle Regierung in Sachsen-Anhalt hält er für „Technokraten“, seine
       Kirche für zu feige, um sich der AfD entgegenzustellen. Er ist enttäuscht
       von Kolleg*innen, die ihm nicht den Rücken stärken. Das sagt er ihnen allen
       auch und macht sich damit nicht nur Freund*innen. Bei seinen
       Schüler*innen hingegen sei er beliebt, erzählen Heckels Kolleg*innen.
       Weil er sie ernst nehme und weil sie wissen, dass sie mit ihm politisch
       diskutieren können.
       
       Vier Wochen nachdem die Schüler Heckel nach seiner Wahlentscheidung befragt
       haben, erhält er Post vom Schulamt. Er habe gegen die „Neutralitätspflicht“
       verstoßen, heißt es da. Heckel habe sich nicht „paritätisch“ mit den
       verschiedenen Parteien auseinandergesetzt. Heckel habe seine
       Schüler*innen nicht zur Meinungsbildung befähigt, sondern sie von seiner
       eigenen überzeugen wollen. Deswegen „wird beabsichtigt, Ihnen eine
       Abmahnung auszusprechen“.
       
       ## Zu komplex für den Werkunterricht
       
       Diesem Schreiben werden weitere folgen. Das Schulamt wird argumentieren,
       das Thema AfD sei zu komplex für den Werkunterricht. Heckel hätte die
       Frage, ob er die AfD gewählt habe, beantworten können, aber nicht weiter
       ausführen sollen. Es wird auch schreiben, ohne die didaktische Vorbereitung
       habe Heckel das Thema der „sog. Remigration“ nicht „mit der gebotenen
       sachlichen Tiefe kontrovers“ diskutieren können. Als sei die in rechten
       Kreisen beliebte Idee der Massenausweisungen von Menschen mit
       Migrationsgeschichte ein Thema, das sich mit einem Pro und Contra
       diskutieren ließe.
       
       Bevor das Landesschulamt die Abmahnung ausspricht, wird Heckel persönlich
       angehört vom Lehrerbezirkspersonalrat. Das Gremium vertritt Lehrer*innen
       in personalrechtlichen Angelegenheiten, neunzehn Kollegen sind in ihm
       vertreten. Nach dem Gespräch mit Heckel empfehlen sie, die Abmahnung nicht
       auszusprechen. Doch das Schulamt entscheidet anders.
       
       Es ist das erste Mal, dass das Schulamt in Halle einen Lehrer abmahnt, weil
       er mit einer Aussagen über die AfD gegen das Neutralitätsgebot verstoßen
       haben soll. Auch im Rest Deutschlands dürfte das bisher kaum vorgekommen
       sein. Die Bildungsgewerkschaft GEW kennt keinen Fall, antwortet sie der taz
       auf eine Anfrage, Jurist*innen und Expert*innen für politische
       Bildung ist ein solches Vorgehen ebenfalls unbekannt.
       
       Auch deswegen, sagt Max Heckel, klagt er gegen die Entscheidung. Er will,
       dass ein Gericht klärt, wie weit Lehrer*innen gehen dürfen. Seine Klage
       wird vor dem Arbeitsgericht verhandelt, es wird um einen Verwaltungsakt
       gehen. Den Kern des Prozesses bildet aber die Frage: Was bedeutet
       Neutralität angesichts einer Partei, die die liberale Demokratie abschaffen
       will?
       
       ## Der Kampfbegriff der AfD
       
       Die AfD hat die Neutralität zum [6][Kampfbegriff] gemacht. Sie greift damit
       Schulen, Schulleiter*innen und Lehrer*innen an, immer mit dem
       Argument, die AfD müsse wie jede andere Partei behandelt werden, Kritik an
       ihr gehöre nicht in den Unterricht.
       
       Das Schulamt überzieht sie mit Beschwerden. Im Landtag bringt sie kleine
       Anfragen ein. Ein AfD-Landtagsabgeordneter beschwert sich öffentlich über
       eine Schule, weil ihm ihr Name zu sehr nach „Regenbogenideologie“ klinge.
       „Quer-Bunt“ heißt die Schule: „quer“, weil sie in der Stadt Querfurt steht,
       „bunt“, weil die Fassade der Schule bunt ist und das Angebot an der
       Ganztagsschule vielfältig.
       
       Spricht man mit Lehrer*innen in Sachsen-Anhalt, hört man die
       Unsicherheit. Ein Schulleiter erzählt, dass er dieses Jahr kein Wahlforum
       in seiner Schule abhalten möchte. Zu viel Risiko, dass die AfD Stress
       macht. Auch Politikdidaktiker berichten, dass sich manche Lehrer*innen
       mittlerweile zurückhalten aus Angst vor Konflikten. Die Einschüchterung der
       AfD wirkt.
       
       Wie politische Bildung funktioniert, definiert der Beutelsbacher Konsens.
       Er wurde 1976 von Politikdidaktiker*innen festgeschrieben und
       enthält drei Grundsätze: Erstens, Schüler*innen dürfen nicht überwältigt
       werden, also nicht politisch indoktriniert. Zweitens, Positionen, die in
       Wissenschaft und Politik kontrovers sind, müssen auch im Unterricht als
       kontrovers debattiert werden. Drittens, Schule soll Schüler*innen in die
       Lage versetzen, die politische Situation und ihre eigenen Interessen zu
       analysieren. Von Neutralität steht nichts im Beutelsbacher Konsens.
       
       Die Frage ist: Hat Max Heckel seine Schüler politisch überwältigt?
       
       ## Den Bildungsminister treibt das Thema um
       
       Das Schulamt Halle möchte das laufende Klageverfahren nicht kommentieren.
       Auch die Direktorin von Heckels Schule will sich zu dem Fall nicht äußern.
       
       Als die taz den CDU-Bildungsminister Jan Riedel anfragt, meldet der sich
       direkt zurück. Vom Rücksitz seines Dienstwagens aus ruft er an, zwischen
       zwei Terminen. Man merkt, dass ihn die Angriffe der AfD auf das
       Bildungssystem umtreiben. Den Fall Heckel kenne er nicht gut genug, um ihn
       detailliert zu bewerten, sagt er. Der Rechtsstreit verläuft zwischen dem
       Lehrer und dem Landesschulamt, der Minister ist nicht involviert. Aber er
       lässt sich auf ein allgemeines Gespräch über politische Bildung an Schulen
       ein.
       
       Bis vor einem knappen Jahr war Minister Riedel selbst noch Lehrer, unter
       anderem für Geschichte. Er hat an Gymnasien unterrichtet und zehn Jahre
       lang eine Schule in Halle geleitet. Er war Vorsitzender einer
       Expertenkommission zur Weiterentwicklung des Schulwesens in Sachsen-Anhalt.
       Im Sommer 2025 wurde er Bildungsminister. Als er im Herbst im Landtag
       gegenüber Ulrich Siegmund Stellung zum Fall Heckel bezieht, ist er seit
       vier Monaten im Amt.
       
       Die Pläne der AfD im Bildungswesen hätten ihn entsetzt, sagt Riedel der
       taz. Im [7][Wahlprogramm der AfD heißt es zum Beispiel, im
       Geschichtsunterricht solle mehr Deutsches Reich gelehrt werden]. Vor der
       Schule solle die Deutschlandflagge wehen, „Pseudo-Demokratie“ an Schulen
       abgeschafft werden. „Ich entdecke da Geschichtsrevisionismus und
       Menschenverachtung“, sagt Jan Riedel. „Das beunruhigt mich zutiefst.“ Er
       sei sich nicht sicher, ob alle in Sachsen-Anhalt verstanden hätten, was für
       ein Kulturbruch es wäre, wenn die AfD über die Bildungspolitik bestimmen
       würde.
       
       ## Neuer Erlass aus dem Ministerium
       
       Riedels Ministerium hat gerade einen neuen Erlass herausgegeben, der
       definiert, wie Lehrer den Beutelsbacher Konsens anzuwenden haben. Darin
       heißt es, die kritische Auseinandersetzung in der Schule mit Rassismus,
       Diskriminierung und Angriffen auf die demokratische Grundordnung seien die
       „zentrale Aufgabe vom schulischen Bildungs- und Erziehungsauftrag“. Der
       Erlass hält auch fest, dass bei Parteien, die vom Verfassungsschutz als
       extremistisch eingestuft seien, „ein besonderer Aufklärungsauftrag“
       bestehe. Und dass Schule „über die Instrumentalisierung des
       Neutralitätsgebots durch antidemokratische Kräfte“ aufklären müsse.
       
       All das, könnte man annehmen, hat Max Heckel in seinem Unterricht getan.
       
       Allerdings schreibt der Erlass auch vor, dass Schule „parteipolitische
       Neutralität“ zu wahren habe.
       
       Jan Riedel sagt, mit dem Erlass habe sein Ministerium Lehrerkräften und
       Schulleitungen Sicherheit geben, aber auch Mut machen wollen. „So ein
       Erlass ist ja auch eine Aufforderung.“ Eine Aufforderung an Lehrkräfte,
       selbstbewusst für die freiheitliche demokratische Grundordnung einzutreten
       – solange sie sich parteipolitisch nicht festlegen. „Wenn ein Lehrer mit
       einem Anti-AfD-T-Shirt in die Schule kommt, dann geht mir das auch zu
       weit“, sagt Minister Riedel, ohne damit Max Heckel konkret meinen zu
       wollen.
       
       ## Gesetze müssen für alle gelten
       
       Riedel findet es prinzipiell richtig, dass Verstöße gegen den Beutelsbacher
       Konsens und gegen das parteipolitische Neutralitätsgebot sanktioniert
       werden. „Wenn es eine Beschwerde gibt, dann muss eine Verwaltungsbehörde
       sie prüfen, und zwar unabhängig und nicht überlagert von politischen
       Interessen.“ Recht und Gesetz müssten für alle gelten.
       
       Man kann auch anders argumentieren. Die AfD in Sachsen-Anhalt ist gesichert
       rechtsextrem. Sie macht kein Geheimnis daraus, was sie will, wenn sie an
       die Macht käme. In Umfragen stand sie zuletzt bei 41 Prozent. Gerade
       deshalb ist es die Aufgabe von Lehrer*innen, vor dieser Partei zu warnen.
       So sieht das Andreas Petrik.
       
       Er ist Professor für Politikdidaktik an der Uni Halle. Er bildet angehende
       Politiklehrkräfte aus und kennt den Fall von Max Heckel. Anders als der
       Bildungsminister meint Petrik konkret diesen Fall, wenn er sagt: „Eine
       Neutralitätspflicht, so wie das Schulamt sie definiert, gibt es nicht für
       Lehrer.“ Lehrkräfte seien dem Grundgesetz verpflichtet und damit per se
       nicht neutral. Es stimme zwar, dass sie vor ihren Schüler*innen nicht
       Werbung für oder gegen eine Partei machen dürfen. „Aber das hat Max Heckel
       nicht getan.“ Wenn Schüler*innen ihren Lehrer so spontan ansprechen, wie
       bei Heckel, dann könne man nicht erwarten, dass der Lehrer den
       Gesamtüberblick über alle Parteien gebe.
       
       Andreas Petrik lehrt nicht nur an der Uni, er forscht auch zu Demokratie an
       Schulen, am [8][Forschungsinstitut Gesellschaftlicher Zusammenhalt]. Damit
       steht er selbst im Fokus der AfD. Seine Professur und sein Engagement für
       [9][Schulen ohne Rassismus] hat die Partei mehrfach angeprangert. Seinen
       Studierenden rät er, Gewerkschaftsmitglied zu werden oder eine
       Rechtsschutzversicherung abzuschließen. Wenn die AfD die Macht übernähme,
       müsse der Rechtsstaat die Lehrkräfte verteidigen.
       
       ## Eine Vorlesung: „Sei wie Max“
       
       Petrik will im neuen Semester den Fall von Max Heckel in seine Vorlesung
       aufnehmen, verbunden mit dem Aufruf „Seid wie Max“. Sachsen-Anhalt brauche
       solche Lehrer, sagt er.
       
       Man kann darüber streiten, ob das, was Max Heckel gesagt hat, schon ein
       Aufruf war, die AfD nicht zu wählen, oder nur seine eigene Meinung über
       eine gesichert rechtsextreme Partei. Ob Heckel zu emotional oder verkürzt
       formuliert hat. Aber rechtfertigt all das eine Abmahnung?
       
       Eine Abmahnung ist nicht das schärfste Instrument im Arbeitsrecht, aber
       harmlos ist sie auch nicht. Sie gilt als gelbe Karte – noch ein Verstoß,
       und der Lehrer kann seinen Job verlieren.
       
       Der Fall von Max Heckel erregt viele in Sachsen-Anhalt. Für einen Sprecher
       der GEW ist die Abmahnung in keiner Weise nachvollziehbar. Kolleg*innen
       von Heckel sind entsetzt. Andreas Petrik fürchtet, dass Entscheidungen wie
       diese seine Lehramtsstudierenden einschüchtern.
       
       ## Bereits die zweite AfD-Beschwerde über Heckel
       
       Dass das Schulamt Heckel abgemahnt hat, könnte daran liegen, dass es nicht
       die erste AfD-Beschwerde über ihn war. Im Jahr 2021 hatte die AfD ihn schon
       einmal angegriffen. Heckel hatte mit seinen Schüler*innen über den Islam
       gesprochen.
       
       Die AfD warf ihm vor, er „propagiere“, dass der Islam zu Deutschland gehöre
       und „agitiere“ gegen die AfD. Als Beleg nannte sie die „FCK AFD“-Masken,
       die seine Band genäht hatte.
       
       Die AfD reichte damals eine Dienstaufsichtsbeschwerde ein und eine kleine
       Anfrage im Landtag. Bei Facebook veröffentlichte sie einen Beitrag mit dem
       Titel: „Genug ist genug. AfD-Fraktion geht gegen linkslastigen Lehrer vor“,
       dazu ein Foto seiner Schule.
       
       Das Schulamt und der Landtag haben die Beschwerde damals abgewiesen, aber
       die Folgen für Heckel waren enorm. Er erhielt Drohanrufe, Morddrohungen per
       Mail und anonym im Netz. Einige kann man dort noch nachlesen.
       
       ## Erste Verhandlung im vergangenen Oktober
       
       Im Oktober 2025, ein halbes Jahr nach der umstrittenen Unterrichtsstunde,
       verhandelte das Arbeitsgericht Magdeburg zum ersten Mal über Heckels Klage
       gegen die Abmahnung. Das Schulamt hat ihm angeboten, sie nach einem halben
       Jahr aus seiner Personalakte zu löschen. Heckel aber reicht das nicht. Er
       will, dass das Schulamt die Abmahnung zurücknimmt.
       
       Im Frühjahr 2026 sitzt Max Heckel auf einer Bank im Klostergarten von
       Stendal und dreht sich eine Zigarette. Er ist fertig mit dem Betongießen.
       Wenn der getrocknet ist, kann er mit seinen Schüler*innen weiterarbeiten
       am Fachwerkhaus.
       
       „Diese Klage kotzt mich wahnsinnig an“, sagt Heckel. „Aber es geht nicht um
       mich. Ich will, dass festgestellt wird, dass Lehrer solche Sätze nicht nur
       sagen dürfen, sondern sagen müssen.“ Wenn er in der ersten Instanz
       verliert, sagt er, geht er in die nächste.
       
       Für die Hauptverhandlung hat das Gericht einen Termin im November
       angesetzt, nach der Landtagswahl. Vielleicht stellt die AfD dann den
       Kulturminister.
       
       ## Angst vor der AfD?
       
       Heckel hat eigentlich immer eine Antwort parat. Wenn man ihn fragt, wie er
       auf die Wahl blickt, zögert er aber. „Wenn ich ehrlich wäre, müsste ich
       schon sagen, dass ich Angst habe. Es wäre doch verrückt, keine zu haben.“
       Aber, schiebt er schnell hinterher, es wäre auch verrückt, sich diese Angst
       ständig vor Augen zu führen.
       
       Also macht Max Heckel das nicht. Und baut weiter an einem Fachwerkhaus in
       Sachsen-Anhalt.
       
       31 May 2026
       
       ## LINKS
       
 (DIR) [1] /Landtagswahl-in-Sachsen-Anhalt/!6178992
 (DIR) [2] /Lehrerin-ueber-Rassismus-an-Schulen/!6132954
 (DIR) [3] https://www.volksstimme.de/lokal/stendal/schuler-bauen-in-stendal-ein-dorf-auf-fachwerkhausern-3705787
 (DIR) [4] /Correctiv-Recherche-ueber-rechtes-Treffen/!6174299
 (DIR) [5] https://nobodyknows.de/
 (DIR) [6] /Forscherin-ueber-Neutralitaetsdebatte/!6170701
 (DIR) [7] /Drohende-AfD-Regierung-in-Ostdeutschland/!6177987
 (DIR) [8] https://fgz-risc.de/das-forschungsinstitut/personen/details/andreas-petrik/
 (DIR) [9] /Projektarbeit-an-Schulen/!6140173
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Anne Fromm
       
       ## TAGS
       
 (DIR) Schule gegen Rassismus
 (DIR) Politische Bildung
 (DIR) Neutralitätspflicht
 (DIR) Bildungspolitik
 (DIR) Lesestück Recherche und Reportage
 (DIR) GNS
 (DIR) Schwerpunkt AfD
 (DIR) Schwerpunkt AfD
 (DIR) Schwerpunkt AfD
 (DIR) Schwerpunkt AfD
 (DIR) Neutralitätspflicht
 (DIR) Schule
       
       ## ARTIKEL ZUM THEMA
       
 (DIR) AfD-Anhänger in der Polizei: Die Verfassung schützen oder angreifen?
       
       Der Polizist Uwe Arendt will Landrat in Sachsen-Anhalt werden – für die
       rechtsextrem eingestufte AfD. Wie demokratisch ist die Polizei dort
       eingestellt?
       
 (DIR) Verwaltungsgericht lehnt Eilantrag ab: Verfassungsschutz darf AfD Niedersachsen vorerst hochstufen
       
       Ein Gericht sieht bei der AfD Niedersachsen ein verfassungsfeindlich
       geprägtes Gesamtbild. Die Partei kann dagegen aber weiter vorgehen.
       
 (DIR) Drohende AfD-Regierung in Ostdeutschland: Das Worst-Case-Szenario
       
       In Sachsen-Anhalt und Mecklenburg-Vorpommern könnte die AfD bald regieren.
       Was droht konkret Schulen, Verwaltung oder Vereinen? Und wie wappnen sie
       sich?
       
 (DIR) Forscherin über Neutralitätsdebatte: „Ein Angriff auf zivilgesellschaftliche Räume“
       
       Der Ruf nach Neutralität dient Rechten als Waffe gegen antifaschistische
       Bildung, sagt die Bildungsforscherin Jana Sämann. Ein Gespräch über den
       neuen Kampfbegriff.
       
 (DIR) Lehrerin über Rassismus an Schulen: „Wer sagt, dass wir neutral sein müssten, hat keinen Plan“
       
       Gina Waibel ist Lehrerin und viral gegangen. Ein Gespräch über Angriffe der
       AfD, Neutralität und was man rechten Gesinnungen entgegensetzen kann.