# taz.de -- AfD und wehrhafte Demokratie: Was tun, wenn es brennt?
> Schützt Zivilgesellschaft vor Rechtsextremismus? Oder gar die deutsche
> Exportindustrie? Bei einer Tagung in Hofgeismar gibt es darauf sehr viele
> Antworten.
(IMG) Bild: Der Politologe Wolfgang Merkel findet, ein AfD-Verbot sei „Raubbau am Prinzip der Volkssouveränität“. Das sehen nicht alle so
In Deutschland wird die Frage, wie die AfD von der Macht ferngehalten
werden kann, oft mit moralischem Hochdruck bearbeitet. Der Aspekt der
Interessen und wie offen die Wirtschaftsbosse und der Mittelstand für
rechte Regierungen sind, gerät dabei etwas in den Hintergrund.
Glaubt man Knut Bergmann, der für das arbeitgebernahe Institut der
deutschen Wirtschaft (IW) arbeitet, dann ist die deutsche Wirtschaft
weitgehend immun gegen die Sirenengesänge der AfD. Der Dexit, den Weidel &
Co wollen, wäre für die Exportindustrie verheerend und würde 2,5 Millionen
Jobs kosten. Die Steuerpolitik der AfD würde den Staat ruinieren, die
unbezahlbaren AfD-Rentenversprechen kämen noch dazu.
Insofern ist es erst mal nicht verwunderlich, [1][dass laut einer von
Bergmann mitverfassten Studie vom August 2024 nur 5 Prozent der Arbeitgeber
hierzulande mit der AfD sympathisieren.] Die AfD an der Macht hätte
schließlich nicht nur unschöne Auswirkungen auf die Profite deutscher
Unternehmen. Rechtsextremismus schadet der Wirtschaft insgesamt, die eben
global verflochten ist und zu Hause Fachkräfte braucht.
An diesem Bild malte bei der Tagung „Strategien gegen rechts – Widersprüche
wehrhafter Demokratie“ im hessischen Hofgeismar auch der
Wirtschaftswissenschaftler Tommy Krieger. Laut Studien seien [2][nach den
rechten Pegida-Demos deutlich weniger Studierende aus dem Ausland nach
Dresden gekommen und ausländische Fachkräfte hätten lieber einen Bogen um
Sachsen gemacht].
Diese Mikrostudien haben den gleichen Spin wie eine großformatige
Untersuchung des ifo Instituts, das nahelegt, [3][dass populistische Regime
in den vergangenen hundert Jahren weit weniger Wachstum produzierten als
rechtsstaatliche Demokratien.]
## Zeit für Abregung? Eher nicht
Ist also angesichts des Gesetzes vom allgemeinen Fall der Wachstumsrate
unter populistischen Regierungen Abregung angesagt? Weil die Demokratie ja
mit der Wirtschaft über einen schlagkräftigen Verbündeten verfügt?
Das war bei der Tagung, veranstaltet von der Uni Kassel und dem
Wissenschaftszentrum Berlin, dann doch umstritten. Wolfgang Schroeder,
Politikwissenschaftler und Organisator der Tagung, verwies darauf, dass
deutsche Unternehmen, ohne mit der Wimper zu zucken, Deals mit Diktaturen
machen. Der radikale Abbau von Regulierungen, den die AfD will, sei nicht
nur für libertäre Staatsfeinde à la Peter Thiel hochattraktiv, sondern auch
für die verbändeorientierte deutsche Wirtschaft. Zudem habe das Handwerk in
der Provinz Affinitäten zur AfD.
Auch die geschäftsschädliche EU-Feindschaft der AfD – die faktische
Brandmauer zwischen Rechten und Bossen – ist womöglich nicht aus Stein,
sondern eher aus Pappe. Nicht nur in Italien haben Rechtsextreme, kaum war
die Macht greifbar, als Erstes die Gegnerschaft zur EU abgeräumt. Ähnliches
ist bei der AfD zumindest denkbar.
Außerdem kann man für Europa in den letzten Jahren bezweifeln, dass rechte
Regierungen zielsicher in die Flaute gesteuert haben. Polen florierte auch
unter der PiS. Auch die Schweiz, wo Rechtspopulisten seit Langem
mitregieren, leidet nicht unter übermäßiger Wirtschaftsschwäche. Zudem:
Nicht zu unterschätzen ist die Sogkraft des Opportunismus, wenn Rechte erst
mal das Sagen haben. Die Tech-Bros, die in den USA in Lichtgeschwindigkeit
vom Anti- in das Pro-Trump Lager wechselten, sind nur ein spektakuläres
Beispiel.
Kurzum: Ob die deutsche Wirtschaft bei ihrer offiziellen Distanz zur AfD
bleiben wird, ist offen. Dass der britische Unternehmerverband Nigel Farage
eingeladen hat, französische Wirtschaftsführer Kontakte zu Marine Le Pen
knüpfen, spricht gegen ein allzu selbstgewisses „Nicht bei uns“.
## Misstrauen zwischen Zivilgesellschaft und Wirtschaft
Konsens war Knut Bergmanns Beobachtung, dass zwischen
zivilgesellschaftlichen Pro-Demokratie-Akteuren und Wirtschaftsvertretern
zu oft wechselseitiges Misstrauen herrscht. Die antifaschistische
Wirtschaftspolitik, die die Ökonomin Isabella Weber skizziert hat, spielte
in Hofgeismar leider keine Rolle.
Dafür schritt man in der hübschen Evangelischen Akademie ambitioniert eine
Tour d'Horizon ab und debattierte neben Wirtschaft auch Zivilgesellschaft
und Staat. Die Zivilgesellschaft sei, so Matthias Quent, Soziologe aus
Jena, „vielleicht die wichtigste Säule wehrhafter Demokratie“. Denn dort
könne sich ein „demokratischer Emotions- und Selbstwirksamkeitsraum“
entfalten, den die schwarz-rote Regierung allerdings gerade zusammenkürzt.
Quent – „Ich bin hier der Quoten-Ostdeutsche“ – hält das gerade für den
Osten, wo es weniger stabile zivilgesellschaftliche Strukturen gibt, für
fatal. Also: Last Exit Zivilgesellschaft?
Der Begriff schillert. Mal meint er normativ aufgeladene
Demokratieertüchtigung, mal die kühle Bezeichnung des Raums jenseits von
Staat und Wirtschaft. Ob Zivilgesellschaft ein Akteur ist oder eine
neutrale Arena, in der sich auch Rechte bewegen dürfen, blieb umstritten.
Der Politikwissenschaftler Edgar Grande plädierte dafür, Zivilgesellschaft
als Arena zu verstehen, die offen für Streit und Debatten mit
Rechtspopulisten sein muss.
Der Begriff „wehrhafte Demokratie“ hat einen Beigeschmack von autoritärem
und staatlichem Eingriff. Ein AfD-Verbot, so der Politikwissenschaftler
Wolfgang Merkel auf den Spuren des 1973 gestorbenen Staatsrechtlers Hans
Kelsen, sei „Raubbau am Prinzip der Volkssouveränität“. Parteiverbote,
sagte Merkel, seien ein undemokratisches Mittel, um demokratische Ziele zu
erreichen. Merkels Schadensbilanz der Parteiverbote fiel so imposant aus,
dass sich kaum Widerspruch regte. Will sagen: Die Verbotsdebatte ist tot.
Ein Verbot ist demokratietheoretisch zu kostspielig und steht faktisch
nicht mehr auf der Tagesordnung.
## Gefährliche Illusionen
Was tun? Man streitet über die Brandmauer, also die in Deutschland von
Linkspartei bis CSU weitgehend praktizierte Isolierung der AfD. Soll man
die AfD notgedrungen als politischen Mitspieler akzeptieren, in einer
Minderheitsregierung fallweise mit ihr zusammenarbeiten und sie in
Bundesländern womöglich an Regierungen beteiligen?
Diese Strategie beruht auf der Hoffnung, dass sich die Rechtsextremen, wie
Giorgia Meloni in Italien, an der Macht eher mäßigen und überhaupt die
zivilisierenden Effekte des Parlamentarismus früher oder später ihre
segensreiche Wirkung entfalten. Ein weiteres Argument für die Integration
der Rechtsextremen ist die Hoffnung, dass sie in den weichen Sesseln der
Macht an Attraktion verlieren und sich selbst entzaubern, weil sie die
selbst hochgeschraubten Erwartung, dass nun alles ganz anders würde,
enttäuschen.
Das sind naive, gefährliche Illusionen auf sandigem Grund – [4][so das
Ergebnis einer Studie von Annina Hermes und Heike Klüver, die äußerst
großformatig mehr als 1.200 Kabinette in 57 Demokratien im Zeitraum von
1976 bis 2023 untersucht haben.]
Das Ergebnis: Es gibt, wenn Rechtsextreme mitregieren, grosso modo weder
Entzauberung noch Mäßigung. Im Gegenteil, rechtsradikale Parteien hätten
nach Regierungsbeteiligungen bei Wahlen besser abgeschnitten und rund 6
Prozent mehr bekommen. Auch von einer politischen Bewegung in die Mitte
könne keine Rede sein, jedenfalls wenn man die Parteiprogramme anschaut.
Deutlicher formuliert: Wenn Rechtsextreme regieren, nutzt ihnen das.
## Also Brandmauer für immer?
Ernst Hillebrand, der lange für die SPD-nahe Friedrich-Ebert-Stiftung in
Polen und Ungarn gearbeitet hat, glaubt dann auch, dass die Beschwörung der
Brandmauer nichts nutzt. „Die Brandmauerlogik hat nie funktioniert und wird
auch in Deutschland ihr Ziel verfehlen.“ Ab einer gewissen Größe
funktioniere Isolation nicht mehr. Der Rechtspopulismus werde in Europa
langfristig bleiben, weil er ein authentischer Ausdruck einer
globalisierungsskeptischen Klientel sei.
Die Linke müsse das akzeptieren, sich von Verbots- und Brandmauerträumen
verabschieden, nur dann könne sie die Rechtspopulisten politisch bekämpfen,
so Hillebrand. Von Warschau und Budapest aus betrachtet sieht man die
Möglichkeitsräume politischer Isolierung von Rechten etwas anders als in
Berlin-Mitte.
Die Frage ist, wer recht hat. Im schlimmsten Fall liegen sowohl jene
richtig, die vor den Normalisierungseffekten von Rechtsradikalen auf der
Regierungsbank warnen, als auch jene, die die nachhaltige Wirkung der
Brandmauer bezweifeln. Es kann sein, dass weder machtpolitische Quarantäne
noch Integration ins System die AfD grundlegend schwächen.
Für den Fall, dass die AfD irgendwann (mit)regiert, wäre es nötig, eine
Strategie in der Schublade zu haben. Das gilt nicht nur, aber vor allem für
die CDU, die eine Annäherung an die AfD zerreißen könnte. Händeringen und
moralische Verdammungen werden nicht reichen.
25 May 2026
## LINKS
(DIR) [1] https://bibliothek.wzb.eu/pdf/2024/zz24-604.pdf
(DIR) [2] https://www.ifo.de/DocDL/ifoDD_21-04_12-17_Brox.pdf
(DIR) [3] https://www.ifo.de/DocDL/sd-2024-03-wohlstand-populismus.pdf
(DIR) [4] https://www.n-tv.de/politik/Koennen-rechtsradikale-Parteien-durch-Einbindung-entzaubert-werden-id30451576.html
## AUTOREN
(DIR) Stefan Reinecke
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