# taz.de -- Jurastudent über Rechtsstaat: „Am Ende kommt es auf den Menschen an“
> Jakob Weickert sucht für den Verfassungsblog nach Schwachstellen in der
> Justiz, um sie vor Angriffen von rechts zu schützen.
(IMG) Bild: War Ziel eines rechtskonservativen Angriffs, der ihre Wahl zur Verfassungsrichterin verhinderte: Juristin Frauke Brosius-Gersdorf
taz: Wie kamen Sie dazu, sich mit der Werhaftigkeit der Justiz gegenüber
autoritären Angriffen zu beschäftigen, Herr Weickert?
Jakob Weickert: Ich bin in Brandenburg aufgewachsen und habe beobachtet,
[1][wie autoritäre Populisten Institutionen des demokratischen Rechtsstaats
infragestellen] und angreifen. Wir sehen das in Deutschland, aber auch in
der ganzen Welt. Das bereitet mir Sorgen.
taz: Sie bringen Ihr rechtliches Wissen deshalb im [2][Justiz-Projekt
„Verfassungsblog“] ein. Worum geht es da?
Weickert: Wir wollen herausfinden, an welchen Stellen der Justiz Eingriffe
autoritärer Populisten möglich sind und auch wie sie verhindert werden
könnten.
taz: Sie sprechen von einem autoritären Werkzeugkasten, aus dem sich
[3][rechte Akteure für ihre Angriffe auf die Justiz] bedienen. Wie sieht
der aus?
Weickert: Genau. Dieser Werkzeugkasten hat mehrere Teile: Einer ist
Delegitimierung, also dass gerichtliche Entscheidungen nicht mehr nur
rechtlich kritisiert werden. Stattdessen wird behauptet, Richter:innen
seien nicht unabhängig, weil sie beispielsweise in einer bestimmten Partei
sind. Das ließ sich beobachten bei der Verfassungsrichterinwahl von Frauke
Brosius-Gersdorf, die ja gescheitert ist. Der zweite ist die Verschränkung
von Politik und Justiz. Die ist besonders präsent, wenn es um den Haushalt
geht, also um die Frage, welches Budget die Gerichte haben. Der sensibelste
ist aber der dritte: Die Einflussnahme auf das Justizpersonal, wenn zum
Beispiel eine autoritär-populistische Senatorin für Justiz aus
fadenscheinigen Gründen Disziplinarverfahren gegen Richter:innen
einleiten würde.
taz: Gibt es den Willen, solche Schwachstellen zu schützen?
Weickert: Ich bin schon positiv gestimmt, was den Willen angeht. In
Sachsen-Anhalt und Berlin zum Beispiel sollen die Landesverfassungsgerichte
besser abgesichert werden. Ganz wichtig ist aber auch das Personal, das
sich im Ergebnis als widerstandsfähig beweisen muss, wenn es selbst
angegriffen wird. Wir haben mit über 70 Personen aus der Justiz gesprochen,
die klar deutlich gemacht haben, dass sie sich nicht einfach kapern oder
einschüchtern lassen würden.
taz: Wie sieht es beim zukünftigen Personal aus, also bei Ihnen und Ihren
Kommiliton:innen? Welche Rolle spielt das Thema im Studium?
Weickert: In der Ausbildung spielt das Thema leider eine untergeordnete
Rolle. Eine Ausnahme ist höchstens das Prozessrecht, aber da auch nur am
Rande. Wir sehen aber, dass sich viele Studierende von sich aus mit der
Wehrhaftigkeit der Justiz beschäftigen. Der [4][Bundesverband
rechtswissenschaftlicher Fachschaften] hat im vergangenen Jahr dazu eine
Tagung gemacht, wo es dann auch darum ging: Wie gehen wir denn um mit
Szenarien einer autoritär populistischen Übernahme? Aber es müsste auf
jeden Fall noch ein größeres Thema in der Ausbildung darstellen, um
wirklich die breite Masse vorzubereiten.
taz: Haben die Zivilgesellschaft und die Medien das Thema ausreichend auf
dem Schirm?
Weickert: Die Zivilgesellschaft ist, finde ich, für so ein technisches
Thema sehr präsent. Wenn ich mir anschaue, dass hier ein breites
zivilgesellschaftliches Bündnis zu einer Veranstaltung eingeladen hat. Die
Medien sind manchmal noch sehr an Einzelereignissen aufgehängt wie die
Nichtwahl oder Wahl von Frau Brosius-Gersdorf. Da würde ich mir noch etwas
mehr Hartnäckigkeit wünschen. Aber am Ende kommt es auf die Menschen an,
auf die Menschen in den Gerichten, aber auch auf die Menschen in der
Zivilgesellschaft, in den Medien und in der gesamten Bevölkerung. Die
müssen sich autoritären Populist:innen entgegenstellen.
31 May 2026
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