# taz.de -- Kunstprojekt blickt auf NSU-Terror: „Die Aufklärung ist zumindest lückenhaft“
       
       > Katharina Kohls Projekt „Gedächtnislücken#revisited“ beleuchtet die
       > NSU-Aufarbeitung. Ganz geklärt sind die zehn rassistischen Morde bis
       > heute nicht.
       
 (IMG) Bild: Diffus organisiertes Nichtwissen: Zitat aus Katharina Kohls „Gedächtnislücken#revisited“
       
       taz: Frau Kohl, wessen Gedächtnislücken zeigt Ihr Projekt
       „Gedächtnislücken#revisited“? 
       
       Katharina Kohl: Auf den Plakaten sieht man – hervortretend aus dem
       geschwärzten Text der Protokolle – Erinnerungslücken der Ermittler, die in
       Untersuchungsausschüssen zu den rassistischen Morden des NSU, des
       „Nationalsozialistischen Untergrunds“, befragt wurden: Mitarbeitende von
       Verfassungsschutz, Polizei, Bundeskriminalamt und Militärischem
       Abschirmdienst.
       
       taz: Was macht die Zitate interessant? 
       
       Kohl: Dass sie oft dann auftraten, wenn ich dachte: Jetzt wird es spannend.
       Und dass sie teils absurd, aber auch bezeichnend sind. Markant fand ich den
       Satz „Es ist mir nicht erinnerlich“. Eine eher unübliche
       Passiv-Konstruktion. Man hätte ja auch sagen können: „Ich erinnere mich
       nicht.“ Aber durch das Passiv wird das nebulös, das handelnde Subjekt
       verschwindet. Ein weiterer Satz lautet: „Soweit ich weiß, wussten wir
       nichts“. Dahinter steht wohl: Als Behörde wussten wir offiziell nichts. Ein
       anderer sagte: „Das wusste ich aktiv nicht“. Der Kontext: Er weiß es aktiv
       nicht, weil er es nicht in Dienst erfuhr, sondern am Frühstückstisch von
       seiner Frau.
       
       taz: Ein Beispiel für eine markante Gedächtnislücke? 
       
       Kohl: Der Beamte, der 1998 in Jena die Garage des NSU-Trios durchsuchte, in
       der man Waffen und Sprengstoff fand, und sich an Details nicht erinnerte.
       Auch nicht daran, warum der Haftbefehl erst zwei Tage später ausgestellt
       wurde, als die Täter längst untergetaucht waren. Unklar blieb auch, warum
       die dort gefundene [1][„Garagenliste]“ mit Kontaktdaten weiterer Neonazis
       unbeachtet blieb. Wäre man dem nachgegangen, wäre der Mord am Kasseler
       Regierungspräsidenten Walter Lübcke 2019 vielleicht verhindert worden: Der
       Täter hatte Kontakt zum NSU.
       
       taz: Und warum Gedächtnislücken#revisited? 
       
       Kohl: Weil ich sie seit 2018 systematisch jedes Jahr ausgestellt habe –
       unter anderem in Berlin, Nürnberg, Köln. Dieses Jahr ist es der 25.
       Todestag von [2][Süleyman Taşköprü], der 2001 in Hamburg vom NSU ermordet
       wurde. Und „revisited“ ist eine Versuchsanordnung, um zu prüfen, ob sich
       die Voraussetzungen verändert haben, die für das Funktionieren des Werks
       wichtig waren: Wie steht es heute um die [3][NSU-Aufklärung]? Was ist
       gelungen, was nicht?
       
       taz: Ist sie gelungen? 
       
       Kohl: Sie ist zumindest [4][lückenhaft]. Und man sieht die Grenzen unseres
       Rechtsstaats. Dass [5][Ralf Wohlleben,] einer der wichtigsten
       NSU-Unterstützer, gerade aus dem Gefängnis entlassen wurde, ist
       rechtsstaatlich in Ordnung, weil er seine Strafe abgesessen hat. Aber er
       hat sich nicht von der rechtsextremen Ideologie verabschiedet. Zur gleichen
       Zeit haben die Kinder des 2005 vom NSU ermordeten [6][Theodoros
       Boulgarides] jetzt endlich die Kleidung des Vaters zurückbekommen. Das ist
       eine eigenartige Koinzidenz.
       
       taz: Warum haben Sie eigentlich alles geschwärzt außer den
       Gedächtnislücken? 
       
       Kohl: Weil ich es reizvoll fand, eine Methode nutzen, die in den Dokumenten
       selbst angewandt wird. Außerdem sind auch die geschwärzten Passagen
       teilweise leserlich. Das animiert vielleicht Menschen, die
       Originalprotokolle einzusehen, die ja [7][öffentlich zugänglich] sind.
       
       taz: Ist Ihr Werk als Anklage gedacht nach dem Motto: Die Gedächtnislücken
       der Leute sind vorgetäuscht? 
       
       Kohl: Nein. Eine Gedächtnislücke ist zwar eine Möglichkeit, sich aus der
       Verantwortung zu ziehen. Aber im Umkehrschluss ist sie niemals der Beweis
       dafür, dass jemand lügt. In meinem Werk geht es vielmehr – neben meiner
       Sorge um den Rechtsstaat – darum, wie Erinnerung funktioniert – oder auch
       nicht.
       
       2 Jun 2026
       
       ## LINKS
       
 (DIR) [1] https://www.spiegel.de/panorama/nsu-behoerdenversagen-bei-der-fahndung-nach-dem-trio-a-883431.html
 (DIR) [2] /Aufarbeitung-der-Mordserie/!6057541
 (DIR) [3] /NSU-Untersuchungsausschuss/!5067308
 (DIR) [4] /Hamburger-NSU-Forschungsgruppe/!6171730
 (DIR) [5] /Waffenlieferant-NSU-Helfer-Wohlleben-wieder-auf-freiem-Fuss/!6180623
 (DIR) [6] /Hinterbliebene-der-NSU-Opfer/!5437646
 (DIR) [7] https://www.bpb.de/themen/rechtsextremismus/dossier-rechtsextremismus/180528/protokolle-des-nsu-untersuchungsausschusses-im-bundestag/
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Petra Schellen
       
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