# taz.de -- Schauspiel über Weihnachtsmarktattentat: Stuhlkreis im Stadttheater
> Hoffnung auf Heilung bringt Kevin Rittberger mit „Wunde Stadt“ auf die
> Bühne des Theaters Magdeburg. Sein Thema: das Weihnachtsmarkt-Attentat.
(IMG) Bild: Es kommt Farbe und Bewegung ins Setting: Auch mit Luftballons erzählt „Wunde Stadt“ von therapeutischen Erfolgen
Es ist Wummern, ein Schaben, ein Quietschen, wie Kreide, die über eine
Tafel fährt. Die zehn Schauspielenden schieben alle einen Stuhl in einer
runden Parade über die Bühne, immer schneller werdend, insgesamt acht
Runden, bis sie schließlich zu einem Stuhlkreis zusammen kommen.
Vielleicht dauert es sogar die drei Minuten des Anschlags von Magdeburg am
20. Dezember 2024, der hier in dem Stück „Wunde Stadt“ von Kevin Rittberger
im Theater Magdeburg verhandelt wird. Noch bevor das Stück geschrieben war,
[1][hatten Rechtsradikale protestiert]. Zur Premiere am Sonnabend war davon
nichts mehr zu sehen und zu hören.
Auf der Bühne tragen alle dicke Kapuzenpullis, die gleichermaßen als
Uniformen und uniformer Panzer funktionieren. Alle sind traumatisiert, sind
Überlebende oder Zeug:innen des Attentats, das sechs Menschenleben
kostete und derzeit in einem extra dafür gebauten Gerichtssaal verhandelt
wird.
Sie bleiben hier namenlos. [2][Regisseur Sebastian Nübling], zusammen mit
Bühnen- und Kostümbildnerin Una Jankow auch für das Bühnenbild
verantwortlich, setzt aufs Abstrakte statt aufs Konkrete.
## Das Saallicht bleibt an
Der Stuhlkreis steht in einem Lichtkreis auf der leeren Bühne. [3][Für das
Dokumentartheater] hat Rittberger über ein Jahr in Magdeburg recherchiert
und mit Expert:innen und Zeug:innen des Attentats gesprochen. Die
Akteure sitzen eng zusammen, geradezu hermetisch, bieten keinen Zugang zum
Außen.
Dem Publikum wird buchstäblich die kalte Schulter gezeigt. Gleichzeitig
geht das Saallicht nie vollständig aus, um die Möglichkeit zu geben, den
Saal jederzeit zu verlassen. Draußen wartet geschultes seelsorgerisches
Personal des Arbeiter-Samariter-Bundes. Zur Premiere verlässt nur eine
Person den Raum.
Der Abend zeigt, wie wichtig diese therapeutische Arbeit ist. Die Gruppe
rekapituliert den Moment des Attentats, die drei Minuten, die ihr Leben
traumatisch veränderten. Dieses Trauma gilt es jetzt zu bewältigen.
Darum geht es Rittberger und Nübling, um die Wunden, die die Tat gerissen
hat und ihre Heilung. Langsam öffnet sich die Gruppe in Richtung Publikum,
doch immer wieder werden auch die Stühle laut herumgeschoben. Details
steigen auf in den Erzählungen und Fragen.
Vor allem Fragen: Fragen nach den Verantwortlichkeiten, Fragen nach dem
Täter, Fragen, wann das alles zu Ende ist. Die Ziele sind einfach: wieder
ohne Angst rausgehen können, wieder arbeiten zu können, wieder frei zu
sein. „Ich will mein altes Leben zurück“, schallt es mehrfach wie ein
Mantra von der Bühne.
Zugleich ist das mit dem Hilfe bekommen gar nicht so einfach, wie der Abend
an Gesprächen mit Krankenkassen oder dem gefühlten Unverständnis von
Freunden und Familien zeigt. Dabei bleibt alles in dem aseptischen Raum
verhaftet.
Der Text wird mal einzeln, mal von mehreren, mal chorisch von der Gruppe
gesprochen. Spannung wird erzeugt durch die genaue Rhythmik und die
wohldosierte Wucht. Die Distanz in der Form schafft Nähe zum Inhalt. Das
Unverständliche, das Dunkle und Tiefe, das Gärende und Aufbrechende wird
greifbar.
## Therapeutische Ethik
Zugleich eröffnen sich Fragen therapeutischer Ethik: Ab wann wird
verständliche Wut politisch? Wie viel Hass darf ein:e Therapeut:in
zulassen? Sind Todeswünsche gegen den Täter legitime Äußerungen im
Verarbeitungsprozess?
Die seelischen Wunden sind keine rein individuellen, sondern die ganze
Stadt, siehe Titel, ist verwundet. Das Klima ändert sich. Obwohl der Täter
politisch eher auf Seiten der AfD zu verorten ist, ist er als gebürtiger
Saudi-Araber schnell in die fremdenfeindlichen Narrative der Rechten
geraten.
Das spüren auch andere Nicht-Deutsche, hier exemplarisch vertreten durch
Rolle der irakischen Krankenschwester, gespielt von Meriam Abbas, die
überlegt, nach Bochum oder Bagdad auszuwandern. Später wird ein grüner
Teppich aus- und wieder eingerollt, weiße Wände durch die Gegend gefahren
und es kommt offensichtlich Bewegung in das therapeutische Setting.
## Eine Stimme für die Opfer
Aus Großgruppen werden Kleingruppen, an den Hoodies öffnen sich auf einmal
Reißverschlüsse und die Malerin, die am Anfang keinen Kreis malen konnte,
gibt wieder Kurse. Am Ende sitzen nur noch drei Leute in der Gruppe.
Ergänzend nimmt Rittberger noch stadttraumatische Tiefenbohrungen vor, vom
Brandschatzen der Stadt im Dreißigjährigen Krieg, der Zerstörung durch
alliierte Bomben im Zweiten Weltkrieg und dem Schulterschluss von
Angehörigen von Opfern der Schoah mit den Opfern des 20. Dezember.
Zwar kommt hier das Stadttheater zu sich selbst als Verhandlungsraum
lokaler Identität. Ob aber diese Exkurse wirklich zwingend sind, steht auf
einem anderen Blatt. Den Opfern eine Stimme zu geben, das aber gelingt
eindringlich. Draußen schieben einige immer noch Stühle.
26 May 2026
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## AUTOREN
(DIR) Torben Ibs
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