# taz.de -- CDU lügt über Abstimmungsverhalten: Zeit der Werwölfe in Sachsen-Anhalt
> Zum ersten Mal seit 1945 wurde in Magdeburg ein Rechtsextremist zum
> Präsidenten eines deutschen Parlaments gewählt – und CDU-Abgeordnete
> lügen über ihr Wahlverhalten.
(IMG) Bild: Wer ist hier der Werwolf? CDU-Abgeordnete um Sven Schulze bei einer Abstimmung im Magdeburger Landtag am Dienstag
Eva von Angern drückt sich am Dienstagmorgen durch die Demo vor dem Landtag
in Magdeburg, winkt hier, grüßt da. In etwa einer Stunde soll die
[1][Linkenabgeordnete als Alterspräsidentin] die erste Sitzung des neuen
Landtags von Sachsen-Anhalt eröffnen.
Die Protestierenden sind hier auf dem Domplatz, weil sie wissen, dass
gleich eine Zäsur bevorsteht. Sie spannen ein großes, rotes Banner: „Keine
Zusammenarbeit mit der extremen Rechten“. Eva von Angern sagt ernst in eine
Fernsehkamera: „Jeder hat das Recht, nein zu sagen.“
Hinter ihr weint eine Demonstrantin, von Angern geht zu ihr, nimmt die Frau
in den Arm. Die Sachsen-Anhalterin wischt sich die Tränen unter der Brille
weg. Sie habe Angst davor, sagt sie, wie es ihren Kindern in einem
AfD-regierten Bundesland ergehen wird.
Drinnen im Landtag dann eröffnet Eva von Angern die konstituierende
Sitzung, knapp zwei Stunden später wird mit dem AfDler Tobias Rausch
[2][der erste extrem rechte Parlamentspräsident seit 1945] gewählt. Das BSW
hatte zuvor schon seine Zustimmung angekündigt. Doch in der geheimen
Abstimmung gibt es 4 Stimmen mehr für Rausch, als AfD und BSW zusammen
haben.
## Eine „false flag“-Aktion? Mitnichten
Dass diese 4 Stimmen von der CDU kommen, daran zweifelt selbst in der
CDU-Fraktion fast niemand. Ebenfalls mit 48 Stimmen wird dem SPD-Minister
Armin Willingmann das Amt des Landtagsvizepräsidenten verweigert. Der
AfD-Radikale Hans-Thomas Tillschneider hingegen wird zum Vizepräsidenten
gewählt – mit 44 Stimmen, 5 mehr als die AfD hat. Jenseits der AfD wird nur
noch CDU-Mann Carsten Borchert zum Vizepräsidenten gewählt, mit 64 Stimmen.
Es ist ein Durchmarsch der Rechten, sie können mit ihrer Präsidiumsmehrheit
im Landtag nun schalten und walten, wie sie wollen.
Nicht nur in Magdeburg folgen auf die Wahl die Schuldzuweisungen. Und
Fragen über Fragen. Welche CDU-Abgeordneten haben für die AfD gestimmt –
und warum? Wer hat den radikalen Tillschneider gewählt – die CDU? Das BSW?
Abgeordnete von beiden Parteien? Und was heißt all das für die anstehende
Ministerpräsidentenwahl?
CDU-Fraktionschef Sven Schulze beteuert im Landtag, seine Fraktion habe
zumindest nicht für Tillschneider gestimmt. Der [3][CDU-Bundesvorsitzende
Friedrich Merz] betont, mit einiger Verzögerung, Stimmen für die AfD seien
nicht mit den Werten der CDU vereinbar. Wer für die AfD stimme, zerstöre
Glaubwürdigkeit. Zugleich raunt der Kanzler von einer „False-Flag“-Aktion,
einer inszenierten Täuschung. CDU-Liberale wie Karin Prien, Serap Güler
oder Daniel Günther nennen christkonservative Stimmen für die AfD
„inakzeptabel“. Die SPD-Spitze sieht einen „Tabubruch“.
Die AfD beobachtet all dies genüsslich. Seit Wochen posaunen Parteileute
herum, dass es gut laufende Gespräche mit CDU-Abgeordneten gebe. Der Deal
demnach: Wählt ihr die AfD-Kandidaten, wählen wir einen CDU-Mann zum
Vizepräsidenten. [4][Neupräsident Tobias Rausch] sagt, er wisse, dass er
auch mit CDU-Stimmen gewählt wurde.
Was gerade in der CDU passiert, ist Teil der Zersetzungsstrategie der AfD.
Es ist wie in dem Kartenspiel „Werwolf“, bei dem eine Dorfgemeinschaft den
unbekannten Werwolf sucht, der nachts heimlich und anonym mordet, aber
tagsüber versucht als vermeintlich harmloser Dorfbewohner mit Lügen und
Falschbeschuldigungen Zwietracht zu säen. Das Spiel ist eine Blaupause für
faschistische Zermürbungstaktiken. Den Werwolf zu finden, gelingt den
einfachen Dorfbewohnern nur mit einer gemeinsamen Strategie und einer
klaren Führung. Eine solche fehlt der CDU. Sie ist leichte Beute für den
Werwolf.
## Ohrenbetäubende Schlachtrufe der AfD
Anders sieht es in der extrem rechten AfD aus. Ihre 39 Landtagsabgeordneten
treten geschlossen auf. Als sich die Rechtsextremen kurz vor Sitzungsbeginn
zur Strategieberatung in ihren Fraktionssaal zurückziehen, teilt Ulrich
Siegmund mit, dass alles super abgesprochen sei und funktionieren werde. Er
hält seine Fraktion an, in der konstituierenden Sitzung diszipliniert zu
bleiben, auf Zwischenrufe zu verzichten. Dann aber stimmt die Fraktion
[5][einen ohrenbetäubenden Schlachtruf] an, der über die Gänge des Landtags
dröhnt – wie, um noch mal alles herauszulassen. In den Plenarsaal bringt
Siegmund eine Tasse mit der Aufschrift „linke Tränen“ mit, so viel
Verachtung muss dann doch sein.
Auch dem BSW ist die Intrige nicht fremd. Und so sind auch die Aussagen der
BSW-Abgeordneten Claudia Wittig und John Lucas Dittrich nur mit Vorsicht zu
nehmen. Die Fraktionsvizevorsitzenden beteuern, Rausch gewählt zu haben,
weil dieser „vernünftig“ sei. Tillschneider aber habe man nicht gewählt,
weil der die Ansiedlung von Rüstungsunternehmen unterstütze und ein
„patriotisches Bekenntnis“ in der Kulturförderung verlange. Es gebe
offensichtlich einen Deal zwischen AfD und CDU, sagt Wittig: Stimme die CDU
für Tillschneider, stimme die AfD für Borchert. Die diebische Freude der
BSW-Abgeordneten nach der Tillschneider-Wahl, die allzu herzlichen
Glückwünsche lassen Zweifel an dieser Version der Geschichte aufkommen. Und
die CDU widerspricht vehement.
Die taz hat seit der Wahl mit fast allen der 14 anwesenden CDU-Abgeordneten
gesprochen und alle kontaktiert. Jene, die sprechen, weisen alle zurück,
Rausch oder gar Tillschneider gewählt zu haben. Alles andere würde wohl das
Ende der Parteikarriere bedeuten. Vielmehr, sagen die CDU-Abgeordneten,
habe das BSW selbst Tillschneider gewählt – um die Krise in der CDU
anzuheizen.
Die ursprüngliche Vorgabe des CDU-Fraktionsvorsitzenden Sven Schulze war
jedenfalls klar: Die 14 anwesenden CDU-Abgeordneten sollten sich
geschlossen enthalten. Am Morgen vor der Wahl lockerte er diese Ansage noch
auf und erklärte, Nein-Stimmen seien in Ordnung. Mehrere CDU-Abgeordnete
schildern, dass die Nominierung von Tillschneider als Provokation angesehen
wurde und einige nun auch bei Rausch zum „Nein“ schwenkten.
Am Ende aber blieben 4 Ja-Stimmen mehr als AfD und BSW zusammen hätten und
nur 5 Enthaltungen – demgegenüber 8 CDU-Abgeordnete, die der taz sagten,
sie hätten sich enthalten.
## Mindestens drei CDU-Abgeordnete lügen
Klar ist damit: Sven Schulze hat keine Durchsetzungskraft in der
CDU-Fraktion. Und in der Fraktion sagen mindestens drei CDU-Abgeordnete
nicht die Wahrheit über ihr Abstimmungsverhalten – und erkennen offenbar
nicht die Tragweite ihres Verhaltens. Damit schließt sich auch die „false
flag“-These von Merz aus, wonach die Stimmen für Rausch womöglich nicht aus
der CDU kamen. Wenn dem so wäre, warum sollten die CDU-Abgeordneten lügen?
Schon 2019 blinkte der Landesverband nach rechts außen. Damals sorgten die
beiden CDU-Männer [6][Ulrich Thomas] und Lars-Jörn Zimmer für Schlagzeilen,
als sie in einem Papier forderten, „das Soziale mit dem Nationalen zu
versöhnen“. Ein Vorwurf daher: Thomas und Zimmer steckten hinter den
AfD-Stimmen. Thomas ließ mehrere taz-Anfragen unbeantwortet. Zimmer aber
weist den Vorwurf zurück. Er habe sich bei Rausch, wie vereinbart,
enthalten. Und Tillschneider sei ohnehin „völlig unwählbar“, habe die CDU
immer wieder beschimpft. Zimmer zufolge gab es auch keine Absprache von ihm
mit der AfD. Er kooperiere nicht mit der Partei, werde auch Siegmund nicht
wählen. „Ich schmeiße doch nicht meine Grundwerte über Bord.“
Andere Blicke richten sich nun auf den seit der Wahl schwelenden Machtkampf
in der Partei. Nach dem Debakel einer von 40 auf 15 Abgeordnete gestutzten
CDU-Fraktion, kündigte der CDU-Landeschef und Spitzenkandidat Sven Schulze
den Rückzug an. Um einen Tag später plötzlich als neuer Fraktionschef gegen
Amtsinhaber Guido Heuer zu kandidieren. Die Wahl gewann Schulze denkbar
knapp: mit 8 zu 7 Stimmen. Seitdem ist die CDU-Fraktion gespalten, manche
in der Fraktion sprechen von „Krieg“. Und auf dem CDU-Landesparteitag am 5.
Dezember will nun der bisherige Parteivize Sepp Müller als neuer Landeschef
antreten, ein Heuer-Verbündeter und erklärter Schulze-Gegner. Es könnte zu
weiteren Verwerfungen führen. AfD-Mann Siegmund stellt sich erst nach dem
Parteitag zur Wahl – wohl in der Hoffnung, davon zu profitieren.
## „Ich spiele keine Spielchen mit der AfD“
Der geschasste CDU-Fraktionsvorsitzende Guido Heuer widerspricht der These
der Retourkutsche: Er habe die AfD-Kandidaten nicht gewählt, er werde auch
Siegmund nicht wählen. „Ich bin überzeugter Christdemokrat, ich spiele
keine Spielchen mit der AfD“, sagte Heuer der taz. Die AfD habe auch nicht
bei ihm angefragt. Wohl aber brauche die CDU einen Neuanfang, auch
personell.
Auch die CDU-Abgeordnete Karin Tschernich-Weiske, Heuers Lebensgefährtin,
sagt, sie habe die AfD nicht gewählt. „Ich habe mich an die Fraktionslinie
gehalten, habe nie eine Nähe zur AfD gezeigt. Und ich werde auch Herrn
Siegmund nicht wählen.“ Dass über ihre Zuverlässigkeit spekuliert werde,
mache sie „fassungslos“. Tschernich-Weiske erklärte am Tag der
Konstituierung auch in einem Onlineposting, „mein Herz ist schwer“. Sie
werde alles tun, „um unsere Verfassung, unsere Freiheit und unsere
Demokratie zu beschützen!“
Ganz anders Marco Tullner, Hallenser, 19 Jahre lang für die CDU im Landtag,
von 2016 bis 2021 Bildungsminister. Direkt nach der Wahl postete er: Das
„bescheidene“ Wahlergebnis „wird uns Neues abverlangen, ich freue mich
drauf“. In einem Brief an Parteifreunde ging er Schulze frontal an, dieser
handele „politisch und moralisch für mich höchst fragwürdig“. Dem MDR sagte
Tullner dann, er denke über einen Fraktionsaustritt nach. „Wenn sich diese
Konfliktlagen nicht verbessern, würde ich zum Jahresende in mich gehen und
überlegen, wie man sich dazu verhalten kann. Und da sind alle Optionen
offen.“
Was die Wahlen angeht, schrieb aber auch Tullner der taz, er habe sich bei
Rausch enthalten und Tillschneider nicht gewählt. Er werde Siegmund nicht
wählen. Die CDU sei keine „AfD-Hilfstruppe“.
Dann wäre da noch Carsten Borchert, der neue Landtagsvizepräsident der CDU,
auch er ein Schulze-Gegner. Noch im Landtag sagte auch er der taz, er habe
sich bei Rausch enthalten. Der Altmark Zeitung erzählte Borchert, er habe
sich vor der Wahl bei allen Fraktionen vorgestellt – außer bei der AfD.
Siegmund habe ihn angerufen und dies nicht für nötig erachtet. Weil man
Borchert ja kenne. Von einem Deal mit der AfD hätte Borchert als
Präsidiumskandidat profitiert. Sollte er anfällig sein für AfD-Avancen,
wäre das fatal: Das komplette Präsidium wäre dann unter der Kontrolle der
extrem Rechten.
4 Stimmen für die AfD – und keiner will es gewesen sein. Am Ende bleiben:
gute Vorzeichen für Ulrich Siegmunds Wahl zum Ministerpräsidenten. AfD-Mann
Tobias Rausch behauptet, auch dann werde es 4 Stimmen aus der CDU-Fraktion
geben, das sei so abgesprochen. Und selbst CDU-intern fürchten einige, dass
die Parteikollegen, die jetzt Rausch wählten, Siegmund mitwählen. Die
anderen hoffen, dass den Rebellen eine Wahl reiche, um ihr Signal zu
setzen.
BSW und AfD legen im Landtag derweil mit ihrer neuen Mehrheit bereits los.
Sie wollen in einem Sonderplenum am kommenden Mittwoch [7][einen Beschluss
fassen], dass sich Sachsen-Anhalt im Bundesrat für ein Ende der
Waffenlieferungen an die Ukraine und einen Stopp der Russlandsanktionen
einsetzt – auch ohne Waffenstillstand, versteht sich.
Die Opposition von Linken, Grünen und SPD kündigt im Landtag derweil
Widerstand an. Am Tag der konstituierenden Sitzung dämmert es bereits, als
Eva von Angern das Parlament verlässt. Nun ist sie wieder nur
Fraktionschefin der Linken, der Job als Alterspräsidentin ist beendet. In
ihrer Eröffnungsrede hatte sie, wie später auch die Fraktionschefin der
Grünen, Susan Sziborra-Seidlitz, an Freiheitsrechte erinnert, an die
historische Verantwortung. Einen AfD-Landtagspräsidenten und seinen
AfD-Vize hat das nicht verhindert.
Von Angern drückt eine Mappe an die Brust und läuft einmal am Domplatz
vorbei. Der Adenauerbus und die Demonstrant:innen sind schon weg. Es
ist still. Der Tag habe ein schlechtes Gefühl bei ihr hinterlassen, sagt
von Angern. „Spätestens seit heute muss allen klar sein, dass es in
Sachsen-Anhalt einen AfD-Ministerpräsidenten geben wird.“ Die Mehrheit sei
offensichtlich vorhanden – woher auch immer. Als Oppositionelle wolle sie
dann nicht nur zuschauen, sondern auch von ihren Fragerechten Gebrauch
machen und wenn nötig klagen.
9 Oct 2026
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