# taz.de -- Landtag Sachsen-Anhalt: Die kuschelnde Querfront
> In Sachsen-Anhalt rücken AfD und BSW zusammen und sorgen mit einer
> Sondersitzung für Kritik. Die CDU überlegt bei Siegmund-Wahl, den Saal zu
> verlassen.
(IMG) Bild: Ein auf Social Media veröffentlichtes Bild zeigt BSW-Chefin Claudia Wittig bei einem Dinner des Magazins „Compact“ mit AfD‑Fraktionschef Oliver Kirchner
Keine Woche ist es her, dass [1][AfD-Mann Tobias Rausch] im Landtag
Sachsen-Anhalt zum Parlamentspräsidenten gewählt wurde, zum ersten der
Partei überhaupt – [2][und das mit vier Stimmen mehr, als AfD und BSW im
Parlament haben]. Schon jetzt scheint sich die Zusammenarbeit zu
verstetigen. Nun machen beide Parteien weiter gemeinsame Sache. Für
Mittwoch sorgen sie für eine Sondersitzung des Landtags – und vertiefen
auch anderweitig die Zusammenarbeit.
Die Sondersitzung hatten beide Fraktionen bereits vergangene Woche
einberufen – dafür reichen ein Viertel der Abgeordneten. Verabschiedet
werden soll ein Antrag zu „Friedensgesprächen“ in der Ukraine: Die
Nochregierung von Sven Schulze (CDU) solle sich im Bundesrat für einen
Waffenstillstand einsetzen und dafür, die Russlandsanktionen aufzuheben.
Die finanzielle Unterstützung der Ukraine müsse beendet werden,
Waffenlieferungen eingestellt. Und all dies „sofort“.
Das Bundesland kann da wenig machen, aber mit den 44 Stimmen von AfD und
BSW ist eine Mehrheit für den Antrag sicher. Die Sitzung wird damit zu
einer PR-Show beider Parteien. Und die AfD hat das auch genauso angelegt,
wie durch einen Auftritt von Rausch und seinen AfD-Kollegen zusammen mit
der kompletten BSW-Fraktion bezeichnenderweise auf einer Veranstaltung der
rechtsextremen Postille Compact in Magdeburg bekannt wurde.
Das Event war gewissermaßen der Realität gewordene feuchte Traum des
Querfrontaktivisten Jürgen Elsässer: Der durfte anlässlich seines frisch
eröffneten Studios in Magdeburg gleich zwei AfD-Landtagspräsidenten und die
halbe AfD-Fraktion begrüßen – plus die Fraktion des BSW. In kumpeliger
Dinneratmosphäre prostete die BSW-Spitzenkandidatin Claudia Wittig in einer
Eventhalle im Süden der Stadt dem AfD-Fraktionsvorsitzenden Oliver Kirchner
zu, der den BSW-Parteichef Fabio De Masi kürzlich noch als „Halbitaliener“
geschmäht hatte.
## Alles andere als überparteilich
Rausch lobte dort die Zusammenarbeit beider Fraktionen – bei seiner Wahl
vor einer Woche und nun auch bei der Sondersitzung. Gemeinsames Ziel sei
es, dass die Brandmauer falle, so Rausch. In Sachsen-Anhalt sei man „auf
einem guten Weg vielleicht ein neues Modell zu kreieren, was es so in
Deutschland noch nicht gab“: ein Bündnis „außerhalb des
Altparteienkartells“. Ein entlarvendes Wording für einen
Landtagspräsidenten, der ankündigte, überparteilich zu agieren. Rausch
sagte: „Man muss getrennt marschieren und zusammen schlagen!“ – unter
Verwendung einer Phrase, unter der einst die Kommunistische Internationale
zur Einheitsfront aufrief.
Für die Sitzung am Mittwoch kündigte Rausch an, man werde die Redezeit von
AfD und BSW als Antragssteller doppelt so lange wie die von den
Oppositionsfraktionen halten. Und: „Wir werden die Sitzungsleitung auch so
gestalten, dass wir alleine die Sitzung führen, ohne den Kollegen der CDU.“
Gemeint ist damit Carsten Borchert, der vergangene Wochen als einziger
Vertreter jenseits der AfD als Vizepräsident gewählt wurde.
Borchert zeigte sich irritiert. Der Landtagspräsident könne zwar eine
Sitzung alleine führen, sagte der CDU-Mann der taz. „Dass er das aber so
betont, verwundert mich schon und zeugt nicht von Fingerspitzengefühl.“
Borchert sagte, er habe Rausch gebeten, sich mit ihm über künftige
Absprachen zu verständigen. Der CDU-Mann sagte, er wäre etwa auch zum
Gedenken an den Halle-Anschlag am Freitag gegangen – wenn Rausch ihn dazu
explizit angefragt hätte. Stattdessen schickte dieser den AfD-Radikalen
Hans-Thomas Tillschneider – [3][der vor Ort einen Eklat auslöste].
Auf der Compact-Veranstaltung erntete Rausch vom BSW Applaus für seine
Rede. Und auch sonst zeigten sich beide Fraktionen vertraut, duzten sich
und posierten zusammen lächelnd für Fotos. Mittlerweile [4][ist bekannt
geworden], dass die AfD dem BSW sogar den Vorsitz im Bildungsausschuss
überlassen will, obwohl der fünfköpfigen Fraktion eigentlich kein Vorsitz
zusteht.
BSW-Fraktionschef Thomas Schulze nannte die Wahl Rauschs einen
„historischen Tag“. Der AfD versprach er, ein „ehrlicher Partner“ zu sein.
„Ich denke, dass wir zusammen viel erreichen können.“ Seine
stellvertretende Fraktionschefin Wittig lobte die Zusammenarbeit mit der
AfD ebenso. Sie finde gut, „dass wir voranschreiten“, für eine Politik
„ohne ideologische Mauern“. An die AfD gewandt appellierte sie: „Ihr habt
gesagt, es wird Geschichte geschrieben. Packen wir es an!“
## Steigbügelhalten okay, Dinner nicht
Vor allem die Fotos vom trauten Querfrontstelldichein haben in der aus dem
Saarland regierten Kaderpartei unterdessen für Unruhe gesorgt.
Steigbügelhalten und Landtagspräsidenten mitwählen scheint okay, aber zu
viel Kumpanei mit Rechtsextremen dann wieder nicht: Parteichef De Masi
schrieb auf der Plattform X, dass es richtig sei, „die AfD hinter der
Brandmauer“ hervorzuzerren und ihr Landtagspräsidenten oder
Ausschussvorsitze zu geben. „Dabei darf jedoch nicht der Eindruck der
Kumpanei oder einer privilegierten Partnerschaft entstehen.“ Parteichefin
Sahra Wagenknecht teilte mit: „Mit allen im Landtag vertretenen Parteien zu
reden, ist richtig. Gemeinsame Dinner sind völlig daneben“
BSW-Mitgründer Klaus Ernst droht gar mit Austritt: „Die schleichende
Verschiebung nach rechts ist unakzeptabel.“ Er frage sich, ob er noch in
der richtigen Partei sei. Man dürfe der AfD „nicht in Ämter und in
Verantwortung verhelfen, wenn sich das verhindern lässt“. Die
BSW-Spitzenkandidatin Wittig aus Sachsen-Anhalt erklärte angesichts der
Kritik schließlich kleinlaut, es sei ein Fehler gewesen, bei Compact zum
Essen zu bleiben. Das werde sich nicht wiederholen. Tags zuvor hatte sie
noch gesagt, dass Menschen mit „unterschiedlichen politischen Ansichten“
doch zusammen essen und trinken könnten.
Die Linken-Fraktionsvorsitzende Eva von Angern sagte der taz zu alledem:
„Während bei Wein und Häppchen die ersten gemeinsamen politischen
Entscheidungen begossen werden, laufen mehr oder weniger im Verdeckten
Pläne zum Schaden der Demokratie in Sachsen-Anhalt.“ Es zeige sich: Das BSW
sei der Juniorpartner einer unbenannten Koalition, „die dieses Land als
Beute sieht und gesellschaftliche Gruppen gegeneinander ausspielen will.“
Zudem missbrauche der Landtagspräsident Rausch sein Amt, weil er nicht
überparteilich agierte. Die Linke lasse juristisch prüfen, ob Rausch
gleichzeitig Landtagspräsident sowie AfD-Generalsekretär sein könne.
Ähnlich sieht es Susann Sziborra-Seidlitz von den Grünen: „Das Präsidium
des Landtages ist kein Machtinstrument einer Fraktion.“ Das Amt des
Landtagspräsidenten verlange Neutralität, Fairness und Respekt vor allen
Fraktionen. Der Auftritt bei Compact zeige, dass der Landtagspräsident
federführend Verabredungen zwischen AfD und BSW für die Plenarsitzung
treffe. „Wer das Parlament neutral führen will, darf nicht zugleich
zentrale Strategieämter seiner Partei ausüben. Tobias Rausch muss diese
Ämter abgeben.“
Ganz andere Probleme hat unterdessen der erklärte Hauptgegner der AfD: die
Union. Dass auch CDU-Abgeordnete für den AfD-Landtagspräsidenten Rausch
mitstimmten, zeigt, wie tief gespalten die Fraktion ist. Wie man die Risse
kitten will, will die Fraktion ab Dienstagvormittag im Landtag klären,
Ergebnis und Ausgang des Termins sind offen.
Der CDU-Abgeordnete Tobias Krull regte im Podcast [5][„2,1 Millionen“ von
der Volksstimme] an, für ein klärendes Gespräch eine Art Mediator
dazuzuholen. Ein im Raum stehendes Abwahlverfahren des
Fraktionsvorsitzenden Sven Schulze werde nicht helfen. Der ehemalige
Fraktionsvorsitzende Guido Heuer wurde zur Konstituierung der Fraktion
demontiert, indem Schulze überraschend kandidierte, aber nur mit
hauchdünner Mehrheit von 8 zu 7 Stimmen gewählt wurde. Seither ist die
Fraktion gespalten und die AfD lauert auf Überläufer.
Für die Wahl von AfD-Mann Ulrich Siegmund als Ministerpräsident im Dezember
machte CDU-Fraktionsmitglied Stefan Ruland am Montagnachmittag einen
Vorschlag publik, den er nach eigener Auskunft mit Fraktionschef Sven
Schulze besprach: Die CDU-Fraktion solle bei der Abstimmung geschlossen den
Plenarsaal verlassen. So ließen sich Vorwürfe entkräften, dass man in
geheimer Wahl Siegmund gewählt habe, so Ruland.
CDU-Landesvize Sepp Müller, der auch neuer Landesparteichef werden will,
erklärte, er unterstütze den Vorschlag ausdrücklich. „Das Wahlgeheimnis ist
zu achten und unsere Abgeordneten sind vor persönlichen Angriffen zu
schützen.“ An der „klaren Haltung“ gegenüber der AfD ändere sich nichts.
Verließe die CDU tatsächlich bei der Abstimmung den Saal, wäre AfD-Mann
Siegmund abhängig von Stimmen des BSW – das bisher aber erklärte, es werde
ihn nicht wählen. Und Siegmund wiederum betonte zuletzt, er werde nur im
ersten Wahlgang antreten. Bliebe das BSW bei seiner Ablehnung und Siegmund
bei seinem Wort, hätte er keine Mehrheit und würde nicht Ministerpräsident.
12 Oct 2026
## LINKS
(DIR) [1] /Sachsen-Anhalts-Landtagspraesident-in-spe/!6214485
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(DIR) [5] https://open.spotify.com/episode/6w8QZujYW6kArvyyVkojjs?si=9cc722c7a0234dfd
## AUTOREN
(DIR) Konrad Litschko
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