# taz.de -- CDU nach Sachsen-Anhalt: Hilfloses Herumirren
       
       > Das Gebaren der Christdemokraten und von Friedrich Merz macht
       > fassungslos. Die AfD kommt ihrem Ziel, die Kanzlerpartei zu zerstören,
       > näher.
       
 (IMG) Bild: Machen den Abgang: Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) und Noch-Ministerpräsident von Sachsen-Anhalt Sven Schulze (CDU)
       
       Nach Sachsen-Anhalt zu schauen, tut weh. Es tat weh, in dieser Woche zu
       beobachten, wie der Magdeburger Landtag den Kandidaten einer gesichert
       rechtsextremen Partei zu seinem Präsidenten wählte; es tat weh, zu
       verfolgen, wie der rechtsextreme Ideologe und Vordenker eines
       Regierungsprogramms, welches vor völkisch-nationalen Phrasen nur so strotzt
       – „deutsche Identität fördern, Verewigung eines Schuldkomplexes beenden,
       Geld für antideutsche Kultur streichen“ – glatt zu seinem Vizepräsidenten
       gewählt wurde.
       
       Und das alles, obwohl die AfD im Landtag (noch) keine absolute Mehrheit
       hat. Aber fast noch mehr schmerzt es, der sachsen-anhaltischen CDU dabei
       zuzusehen, wie sie im Zeitraffer zerfällt. Sie ist eine Partei, die ihren
       Kompass verloren hat und dem Untergang entgegentrudelt.
       
       Diese unstete Ratlosigkeit, dieses hilflose Herumirren, der unübersehbare
       Autoritätsverlust des Führungspersonals sind beileibe nicht nur die
       Probleme eines kleinen Landesverbands. Der CDU fehlt insgesamt eine
       Strategie im Umgang mit einer autoritär-rechtspopulistischen Partei wie der
       AfD. Das zeigt sich lokal und überregional.
       
       Es gibt starke Anzeichen, die darauf hindeuten, dass in Sachsen-Anhalt
       einzelne CDUler die Rechtsextremen in geheimer Wahl mitgewählt haben. Der
       CDU-Kandidat wurde jedenfalls auch mit Stimmen der AfD gewählt; es soll
       Absprachen gegeben haben. Die Mehrheit der Fraktion fühlte sich nicht an
       die Empfehlung von Noch-Ministerpräsident und Fraktionschef Sven Schulze
       gebunden, sich zu enthalten; erste Mitglieder spielen öffentlich mit dem
       Gedanken, die Fraktion zu verlassen. Das Drama von Magdeburg wird in den
       anderen ostdeutschen Landesverbänden aufmerksam verfolgt.
       
       Aber auch im Bund fehlt der CDU eine klare Linie. Als er noch für den
       Bundesvorsitz kandidierte, hatte Friedrich Merz verkündet, wer mit der AfD
       zusammenarbeite, dem drohe der Parteiausschluss. Und nun? Vermied er eine
       solche Ansage. Er äußerte sich nach dem dunklen Dienstag erst einmal 24
       Stunden gar nicht, raunte dann, möglicherweise seien [1][die zusätzlichen
       Stimmen für die Rechtsextremen ein Täuschungsmanöver von wem auch immer],
       und arbeitete sich überhaupt lieber an der Linkspartei ab, die er für den
       wachsenden Antisemitismus in Deutschland verantwortlich macht.
       
       Man kann der Linken vorwerfen, dass sie die antisemitischen Ausfälle in den
       eigenen Reihen zu lange toleriert hat – aber die Zahlen des –
       unionsgeführten – Innenministeriums sind eindeutig: Die Hälfte der
       antisemitischen Straftaten war 2025 politisch rechts motiviert, nur 2
       Prozent ordnete das Ministerium unter Alexander Dobrindt als links
       motiviert ein.
       
       Doch Ansagen an die eigenen Reihen vermeidet Merz. Lieber appelliert er an
       Grüne und SPD – diese sollten eine linke Bürgermeisterin in Berlin
       verhindern. Und, genau, er meine das sehr ernst. Na dann. Wenigstens hören
       SPD und Grüne genauso wenig auf Merz wie die eigenen Parteifreunde.
       
       ## Akute Bedrohung
       
       In der CDU bringen sich derweil potenziellen Nachfolger in Stellung. In
       Nordrhein-Westfalen regte Ministerpräsident Hendrik Wüst unlängst ein
       Prüfverfahren für ein AfD-Verbot an. Sein hessischer Amtskollege Boris
       Rhein fordert dagegen, die AfD im Bundestag auch in Ausschussvorsitze zu
       wählen. Von der „Klarheit und Geschlossenheit“ im Umgang mit der AfD, wie
       Wüst sie einfordert, ist die CDU weit entfernt.
       
       Das macht es der AfD leicht, deren Ziel es ist, die CDU zu zerstören, um
       sich selbst als konservativ-bürgerliche Kraft in die Mitte der Gesellschaft
       zu pflanzen. Man kann sogar ein gewisses Verständnis dafür haben, dass die
       Christdemokraten in ihrer derzeitigen Verwirrtheit nach einer
       Entlastungserzählung suchen, um die eigenen Reihen zu schließen. Sie
       prügeln auf die Linke ein, um vom eigenen Versagen abzulenken. Aber was,
       wenn es mehr ist als eine Entlastungserzählung? Was, wenn einige
       CDU-Politiker ein Berliner Linksbündnis künftig als Vorwand nehmen, um
       offen mit den Rechtsextremen zu paktieren? Dann wäre nicht nur die CDU
       verloren, dann wäre die Demokratie, wie wir sie kennen, akut bedroht.
       
       1933 stimmte die katholische Zentrumspartei, eine der Wurzeln der CDU und
       [2][in eigentlich scharfer Opposition zur NSDAP stehend, am Ende doch für
       das „Ermächtigungsgesetz“]. Der Rest ist Geschichte.
       
       10 Oct 2026
       
       ## LINKS
       
 (DIR) [1] https://www.deutschlandfunk.de/merz-haelt-auch-false-flag-aktion-bei-wahl-von-afd-politiker-fuer-moeglich-100.html
 (DIR) [2] https://www.deutschlandfunk.de/das-ende-der-letzten-demokraten-100.html
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Anna Lehmann
       
       ## TAGS
       
 (DIR) Friedrich Merz
 (DIR) CDU
 (DIR) Sven Schulze
 (DIR) Brandmauer
 (DIR) Reden wir darüber
 (DIR) GNS
       
       ## ARTIKEL ZUM THEMA
       
 (DIR) Bundestag debattiert über Sachsen-Anhalt: Kehrtag
       
       Die Gefahren einer weiteren Zusammenarbeit mit der AfD sind bekannt. Doch
       statt diese ernst zu nehmen, versucht die Union es mit Ablenkungsmanövern.
       
 (DIR) CDU lügt über Abstimmungsverhalten: Zeit der Werwölfe in Sachsen-Anhalt
       
       Zum ersten Mal seit 1945 wurde in Magdeburg ein Rechtsextremist zum
       Präsidenten eines deutschen Parlaments gewählt – und CDU-Abgeordnete lügen
       über ihr Wahlverhalten.
       
 (DIR) Gedenken an Anschlag in Halle: Menschenkette blockiert AfD-Mann Tillschneider
       
       Jüdische Studierende haben sich dem neuen Landtagsvizepräsidenten
       Hans-Thomas Tillschneider in den Weg gestellt. Der rechtsextreme
       AfD-Vordenker war beim Gedenken an den rechtsextremistischen Anschlag
       aufgetaucht.
       
 (DIR) Rechtsextremer Landtagspräsident: Die Union schaut lieber nach links
       
       Friedrich Merz spielt die Rolle der CDU für die Landtagspräsidenten-Wahl
       herunter. Die SPD gibt sich zumindest nach außen hin kämpferisch.