# taz.de -- Nach der Wahl in Sachsen-Anhalt: „Der Mut ist verschwunden“
> Der 17-jährige Max Schneller hat in Sachsen-Anhalt für die Demokratie
> gekämpft. Nun verlässt er das Bundesland.
(IMG) Bild: Max Schneller im April 2024, jetzt verlässt er Sachsen-Anhalt. Er ist im Internet besser bekannt als „@maximal.demokratisch“
taz: Vor den Wahlen in Sachsen-Anhalt haben Sie bei uns in der Zeitung
[1][geschrieben], dass Ihnen die AfD-Ergebnisse Sorge machen, Sie deswegen
aber nicht das Land verlassen werden. Jetzt gehen Sie doch. Warum?
Max Schneller: Jetzt gehen ist erforderlich, wenn man so wie ich 17 ist und
eine Zukunft haben möchte. Eine Zukunft sehe ich gerade nicht in
Sachsen-Anhalt.
taz: Woher kam der Sinneswandel?
Schneller: Ich habe bis zum 6. September um 18 Uhr gedacht, dass es keinen
AfD-Ministerpräsidenten geben wird. Nach der Wahl des Landtagspräsidenten
vergangene Woche ist klar, dass wir im Dezember den ersten
AfD-Ministerpräsidenten haben werden. Es ist ein Klima, in dem es sich im
Moment nicht leben lässt. Ich bin immer noch 17 und ich habe noch keine
abgeschlossene Berufsausbildung. Vielleicht muss ich [2][den 17-Jährigen]
erst mal 17 Jahre alt sein lassen.
taz: Wie reagieren die Leute in Ihrem Umfeld auf Ihre Entscheidung?
Schneller: Ich bekomme verschiedene Rückmeldungen. Einerseits natürlich
Zuspruch, andererseits auch kritische Stimmen. Beides braucht es. Beides
ist richtig. Am Ende treffe ich aber eine Entscheidung, die mein Leben
beeinflusst.
taz: Können Sie verstehen, dass Leute enttäuscht sind, dass Sie gehen?
Schneller: Verstehen absolut. Man darf nur nicht aus dem Auge verlieren,
was ich in den letzten Monaten durchgemacht habe, und allein mit diesem
Blick würde vermutlich auch wieder jede Enttäuschung verfliegen. Am Ende
bin ich auch nur ein Mensch, dessen Kräfte nicht unendlich sind – leider.
taz: Wohin ziehen Sie?
Schneller: Ich bleibe im Osten Deutschlands, und es wird eine Großstadt:
Berlin.
taz: Was werden Sie dort machen?
Schneller: Eine Ausbildung. Für die Dauer meiner Ausbildung ziehe ich weg.
taz: Sie wollen den Kontakt zu Ihrer Heimat nicht verlieren. Wie wollen Sie
mit Sachsen-Anhalt verbunden bleiben und weiterhin über das Bundesland
berichten?
Schneller: Berlin liegt eine Stunde von Halle entfernt. Es ist ja nicht
unmöglich, einfach mal hinzufahren. Ich werde mich nicht aufdrängen, weil
man muss denjenigen das Wort geben, die vor Ort leben, und das bin ich dann
nicht mehr.
taz: Seit Sie sich für die Demokratie engagieren und auf Social Media als
„[3][maximal.demokratisch]“ auftreten, haben Sie Anfeindungen, Gewalt- und
Morddrohungen erlebt. Wie haben die Erfahrungen Ihr Leben verändert?
Schneller: Dass ich mir jetzt eine neue Ausbildung suchen muss, ist eine
der Auswirkungen. Ich wurde mehrmals nachts aus dem Schlaf gerissen, weil
bei mir Sturm geklingelt wurde, von wem, weiß ich nicht. [4][Ich stand aber
de facto ohne Schutz da.] Das geht nicht spurlos an mir vorbei. Ich bin
sehr schreckhaft geworden. Wenn ich abends im Bett liege und draußen
Schritte höre, dann habe ich immer einen Puls. Irgendwann macht man sich
selbst verrückt.
taz: Gab es einen Moment, in dem Sie gemerkt haben, dass die Angst in Ihrem
Leben zunimmt?
Schneller: Ich habe immer gesagt, dass die Angst in mir nicht den Ton
angeben darf. Und Stück für Stück merkt man, wie man sich von dieser Angst
treiben lässt. Der Mut ist irgendwann verschwunden. Das Ergebnis der Angst
ist, dass ich aus Sachsen-Anhalt wegziehe.
taz: Mit Tobias Rausch hat Sachsen-Anhalt erstmals einen rechtsextremen
Landtagspräsidenten, und im Dezember will AfD-Fraktionschef Ulrich Siegmund
zum Ministerpräsidenten gewählt werden. Wie blicken Sie auf die aktuelle
politische Lage?
Schneller: Es ist die reinste Katastrophe. Wir steuern auf einen krassen
historischen Umbruch zu. Tobias Rausch ist wenige Tage im Amt, und schon
gibt es [5][die ersten Skandale]. Wie soll das unter Siegmund werden? Ich
finde es beschämend, dass wir mehr als 80 Jahre nach Ende des Faschismus
offen in dieses Feuer reinrennen und die Menschen fröhlich lachend
mitmachen. Jeder, der jetzt weiterhin für eine Partei wie die AfD stimmt,
der macht sich zum Steigbügelhalter und verhilft Nazis in hohe Ämter.
taz: Seit einigen Jahren sind Sie Mitglied der Linken. Früher haben Sie
gesagt, Sie wollen nicht in die Politik. Jetzt können Sie sich eine Zukunft
in der Politik vorstellen. Warum?
Schneller: Aktivismus ist immer nur lautes Fordern. In der Politik kannst
du Dinge selbst umsetzen. Das reizt mich – aber am Ende müsste ich dafür
gewählt werden. Ob das klappt, weiß ich natürlich nicht.
taz: Welche politische Rolle würden Sie übernehmen wollen?
Schneller: Vielleicht für den Landtag in Sachsen-Anhalt, vielleicht für den
Bundestag. Ich weiß es noch nicht – es liegt auch an meiner Partei, die
mich ja erst mal aufstellen müsste.
16 Oct 2026
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