# taz.de -- Sachsen-Anhalts Landtagspräsident in spe: Der Rausch des Geldes
       
       > Es ist eine Zäsur, dass am 6. Oktober der erste AfD-Parlamentspräsident
       > gewählt werden soll. Tobias Rausch trägt das Völkische mit und greift
       > gern zu.
       
 (IMG) Bild: Tobias Rausch (rechts) mit Selfie-Siggi (auch rechts) im Hotel Ratswaage in Magdeburg
       
       Etliche Einladungen in den Landtag von Sachsen-Anhalt waren im Herbst 2024
       schon verschickt. Ehrenamtliche sollten dort zu einer Feierstunde
       zusammenkommen, direkt im Plenarsaal in Magdeburg, eingeladen von allen
       Abgeordneten. Ein Dankeschön, wie im Jahr zuvor. Doch dann ließ die CDU das
       Ganze im Ältestenrat absagen. Wegen des Boykotts der Veranstaltung durch
       die AfD – die störte nämlich, dass im Vorjahr auch [1][ein CSD-Aktivist
       eine Auszeichnung bekommen hatte].
       
       AfD-Fraktionsgeschäftsführer Tobias Rausch sagte, man sehe die Feierstunde
       „grundsätzlich kritisch, wie sie zuletzt veranstaltet wurde“, wegen der
       „Sonderauszeichnungen“. In den sozialen Medien wurde seine Fraktion
       deutlicher: Das Ehrenamt werde nur noch mit „woken Zeitgeist“ gewürdigt,
       mit „ideologischen Scheuklappen“, da mache man nicht mit. Die anderen
       Fraktionen sahen in diesen Äußerungen einen „Schlag ins Gesicht der
       Ehrenamtlichen“.
       
       Diese Episode ist ein Vorgeschmack darauf, wie das ab 6. Oktober werden
       könnte im Landtag Sachsen-Anhalts. Dann, wenn das Parlament zum ersten Mal
       in der neuen Legislaturperiode zusammenkommt, nach dem
       [2][43,8-Prozent-Sieg] der AfD. Und wenn zum ersten Mal in der
       Bundesrepublik ein Rechtsextremist zum Parlamentspräsidenten gewählt wird.
       Tobias Rausch, 35 Jahre, AfD-Mann der ersten Stunde.
       
       Rausch würde nach seiner Wahl eines der ranghöchsten Ämter in
       Sachsen-Anhalt besetzen, das Parlament nach außen vertreten und hätte die
       Hoheit über die Landtagsverwaltung. Zwar war die AfD auch in Thüringen 2024
       schon einmal stärkste Kraft. Damals aber wählte [3][keine der anderen
       Parteien den AfD-Kandidaten]. In Sachsen-Anhalt aber erklärt das BSW nun
       freimütig, den AfD-Vorschlag für den Parlamentspräsidenten mitzutragen. Das
       sei „parlamentarische Gepflogenheit“. Rausch? Der sei kompetent.
       
       ## Die Kirche war ihm zu links
       
       Die AfD-Fraktion selbst [4][nominierte Rausch einstimmig] für den
       Präsidentenposten. Und sie macht die Wahl zum Testballon für die
       Regierungsbildung. Wie verlässlich sind die Zusagen des BSWs? Gibt es
       CDU-Abgeordnete, die mit für den AfD-Mann stimmen? Mitte Dezember will sich
       Ulrich Siegmund zur Wahl als Ministerpräsident stellen und tönt,
       [5][bereits im ersten Wahlgang eine Mehrheit zu erhalten]. Das wäre die
       nächste Zäsur.
       
       Vor der ersten Landtagssitzung präsentiert Rausch sich als gemäßigt. Dass
       er die Dankesveranstaltung für Ehrenamtliche boykottiert, weckt daran aber
       Zweifel, und nicht nur das. Zwar ist Rausch kein ideologischer
       Einpeitscher, sondern einer der Karrieristen in der Partei. Aber einer, der
       jede rechtsextreme Volte dieses radikalen Landesverbands mitvertreten hat.
       
       Geboren wurde Tobias Rausch in Unterfranken, seine Familie zog dann aber
       nach Staßfurt in Sachsen-Anhalt, gut 20.000 Seelen. Nach einer Ausbildung
       zum Immobilienkaufmann baute Rausch dort eine Wohnungsfirma auf, spielte
       viel Fußball, ist bis heute in zwei lokalen Vereinen Vorsitzender und
       Sponsor. Er ließ sich in den Gemeinderat der evangelischen Kirche wählen –
       trat aber aus der Kirche aus, nachdem diese sich AfD-Spenden verweigerte.
       
       In die AfD trat Rausch schon sehr früh ein, im Mai 2013, als 23-Jähriger,
       kurz nach Gründung des Landesverbands. Gleiches tat sein Vater, auch der
       machte später Karriere in der Partei.
       
       ## Der Landtagsabgeordnete spielt Außenpolitiker
       
       Rausch Junior sagte damals, sein Ziel sei eine „heimatverbundene Politik“,
       die „die Interessen der Mehrheit und nicht die Interessen von Minderheiten
       in den Fokus nimmt“. Er wurde Jugendbeauftragter der AfD, stieg schnell
       auf, zog in den Stadtrat und den Kreistag ein. Als 2014 zwei Landeschefs
       nach Zerwürfnissen nach wenigen Monaten hinschmissen, wurde Rausch
       kommissarisch Landesvorsitzender der AfD. In der Folge unterstützte er
       einen Parteiradikalen für den Vorsitz, der diesen auch gewann: André
       Poggenburg. Ein Höcke-Verbündeter, der mit rechtsextremen Kameradschaftlern
       auf die Straße ging und den früheren Vizechef des Zentralrats der Juden,
       Michel Friedman, einmal ein [6][„schleimiges Etwas“] nannte.
       
       Tobias Rausch trug all das mit. 2016 zog Rausch in den Landtag ein und fand
       dort einen Vertrauten: Ulrich Siegmund. In der Partei galt „Tobi“ als
       fleißiges Organisationstalent, er stieg auf zum Fraktionsvize, später zum
       Fraktionsgeschäftsführer. Rausch wurde zentraler Teil einer Klüngelclique
       um Siegmund, die intern „Pokerrunde“ hieß. Rausch kümmerte sich um
       Finanzen, wollte unbedingt in den Finanzausschuss: „Damit man sieht, wo die
       Fördergelder hingehen.“
       
       Trotz gemäßigtem Image vertritt auch der Staßfurter die völkische Ideologie
       des AfD-Landesverbands, der ab 2023 vom Verfassungsschutz als gesichert
       rechtsextrem eingestuft wird – was Rausch als „konstruiert“ abtut. Im
       Landtag wettert er gegen „linksgrünen Ökowahn“ und gegen „Altparteien“,
       welche die Sozialsysteme „für Millionen von Fremden öffnen“, Rausch schmäht
       ARD und ZDF als „Propagandainstrument des Status quo“. Als im Sommer 2024
       das rechtsextreme Compact-Magazin zunächst verboten wird, echauffiert sich
       Rausch, es würden „unliebsame Regierungskritiker mundtot gemacht“.
       
       Und er trägt auch die Russlandtreue seiner Partei mit. Als Wladimir Putin
       im Februar 2022 seine Vollinvasion der Ukraine beginnt, spielt der
       Landtagsabgeordnete Außenpolitiker, verweist auf russische
       „Sicherheitsbedenken“, warnt vor „einseitigen Schuldzuweisungen“. Die Nato
       sei „bis an die Haustür“ Russlands vorgerückt. „Dieses gebrochene
       Versprechen ist es, was Russland erzürnt.“
       
       ## Durchwachsener Ruf als Kaufmann
       
       Schon im April 2022 fordert Rausch die Wiederaufnahme der Beziehungen zu
       Russland in der Kultur, Wissenschaft und Bildung. Zugleich tritt er für
       „Sonderklassen“ für ukrainische Schüler ein. Um die „Flüchtlingskinder
       bestmöglich auf ihre Rückkehr vorzubereiten“.
       
       Dennoch gilt Rausch vielen in der Partei als Pragmatiker. Zum Beispiel
       prangert die AfD gerne eine Selbstbedienungsmentalität bei den verhassten
       „Altparteien“ an. [7][Dabei treibt Rausch selbst es auf die Spitze]. So
       reiste er im Dezember 2025 mit einer AfD-Delegation und seiner Ehefrau, die
       bei der AfD für monatlich 6.000 Euro angestellt ist, auf Steuerzahlerkosten
       nach New York. Bei sich im Landtag stellte Rausch zeitweise sieben
       Mitarbeiter ein, darunter vier Fußballer aus dem SV 09 Staßfurt, dem er
       angehört. Rauschs drei Geschwister arbeiteten für eine
       AfD-Bundestagsabgeordnete, sein Schwager war tätig für einen anderen
       Abgeordneten – [8][der ihn auf einem vom ZDF vorgelegten Foto aber nicht
       mal erkannte]. Im Gespräch mit der taz sagte Tobias Rausch, dass er
       mittlerweile nur noch einen Fußballer im Büro beschäftige – und nur noch
       seine Schwester für die AfD im Bundestag arbeite.
       
       Neben seiner Abgeordnetentätigkeit verdient Rausch „als entgeltliche
       Nebentätigkeit“ weiter mit seiner Immobilienfirma. Wer wegen aktueller
       Wohnungsanzeigen anruft, landet direkt bei der Handynummer des
       Geschäftsführers Tobias Rausch. Das Unternehmen verwaltet nach eigenen
       Angaben 176 Wohnungen, viele davon in Staßfurt, die Firma kümmert sich
       parallel um Hausmeistertätigkeiten. Rausch sagt auf taz-Anfrage, dass er
       die Höhe seiner Nebeneinkünfte nicht offenlegen müsse, weil es sich bei den
       Wohnungen um sein Eigentum und damit um Vermögensverwaltung handele.
       
       Rauschs Ruf als Kaufmann ist durchwachsen: „Wenn man Wasser im Keller hat,
       dann kommt keiner“, heißt es in wütenden Onlinebewertungen zu Rauschs
       Firma. Oder: „Vorsicht!! Bitte die Mietverträge ordentlich durchlesen!
       Versuchen einen übers Ohr zu ziehen!!“
       
       ## Gute Drähte zur CDU
       
       Der Eindruck ist: Tobias Rausch nimmt alles mit, was er kriegen kann. Und
       nun eben das Amt des Parlamentspräsidenten. Der Posten ist gut dotiert mit
       einer doppelten Diät, aktuell mehr als 18.000 Euro im Monat. Und er will
       die zwei Vizeposten nicht mehr nach Fraktionsgröße vergeben, sondern nach
       Wohlgefallen: „Wer unseren Kandidaten als Landtagspräsident wählt, bekommt
       unsere Unterstützung bei der Wahl des Vizepräsidenten“
       
       Für die AfD wäre ein Landtagspräsident ein weiterer Schritt zur politischen
       Umwälzung. Die Partei könnte damit den Parlamentsdirektor feuern, den
       Landesrechnungshof besetzen sowie die Datenschutzbeauftragte. Der
       AfD-Parlamentspräsident könnte symbolische Außenpolitik betreiben, nach
       Moskau, China oder zu Trump reisen. Denkbar ist, dass er den Landtag für
       Tagungen der Neuen Rechten missbraucht. Ebenso könnte er vermeintlich
       „entartete“ Kunst aus dem Landtag entsorgen und völkische Kulturförderung
       betreiben. Der Präsident übt auch das Hausrecht und die Polizeigewalt im
       Landtag aus. Sitzt er erst mal im Sessel, bleibt er wohl: Abgewählt werden
       kann der Präsident nur mit Zweidrittelmehrheit.
       
       Eine wirkliche Kontrolle der Landesregierung wäre von Rausch nicht zu
       erwarten. Schon vor der ersten Sitzung versuchte die AfD, den Landtag nach
       ihren Vorstellungen umzuformen. Mit dem BSW hat sie eine Sitzordnung
       durchgesetzt, in der die AfD selbst in der Mitte des Plenums sitzt und die
       Grünen rechts außen. Die Grünen-Büros sollten auch aus dem Hauptgebäude des
       Landtags ausziehen, die AfD wollte in den Ausschüssen einen Sitz mehr.
       Davon rückte die Partei inzwischen wieder ab.
       
       Hinter den Kulissen versichern AfD-Strippenzieher, dass sie mit Rausch
       nicht auf Krawall setzen, sondern einen Normalisierungskurs anstreben.
       Rausch ist auch einer derjenigen, die derzeit Gespräche mit dem BSW und mit
       einzelnen CDU-Abgeordneten führen. Als Fraktionsgeschäftsführer hat Rausch
       zur CDU gute Drähte, soll sich auch mit dem letzten
       CDU-Parlamentspräsidenten gut verstanden haben. Schon vor Jahren sagte
       Rausch über die CDU, man tausche „Infos aus, geht mal zusammen zum
       Mittagessen oder Abendbrot“. Die AfD sei ein „natürlicher“ Verbündeter der
       CDU.
       
       Rausch behauptet, mit 10 der 15 CDU-Abgeordneten im neuen Landtag Gespräche
       geführt zu haben. „Mehrere“ hätten angeblich zugesagt, Ulrich Siegmund
       mitzuwählen. Die CDU aber verneint vehement, dass es Überläufer geben
       könnte.
       
       Nicht gerade helfen dürfte der AfD, dass sie die CDU in den vergangenen
       Jahren immer wieder als „Altpartei“ beschimpfte. Auch Rausch wurde hier
       auffällig. Im März 2024 etwa lieferte er sich ein Wortgefecht mit der
       damaligen Landtagsvizepräsidentin Anne-Marie Keding, eine CDU-Frau.
       „Spinnen Sie?!“, rief Rausch ihr zu. „Schämen Sie sich!“ Keding erteilte
       ihm darauf einen Ordnungsruf. Zumindest das kann Rausch ab Dienstag nicht
       mehr passieren. Dann ist er derjenige, der Ordnungsrufe verteilt.
       
       3 Oct 2026
       
       ## LINKS
       
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       ## AUTOREN
       
 (DIR) Gareth Joswig
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