# taz.de -- Ukraine-Sonderplenum in Sachsen-Anhalt: Magdeburger Landtag jetzt Außenstelle des Kreml
> AfD und BSW bringen in Sachsen-Anhalt den ersten gemeinsamen Antrag zum
> Thema Frieden in der Ukraine durch. Rechtlich verbindlich ist er aber
> nicht.
(IMG) Bild: Will den Geruch russischer Brandbomben nicht riechen: Ulrich Siegmund während der Sondersitzung
Der Tag begann anders, als AfD und BSW sich das wohl vorgestellt hatten –
nämlich mit einer Intervention von der Linken-Abgeordneten Eva von Angern,
die sich als Fraktionsvorsitzende nach gültiger Geschäftsordnung des
Landtages jederzeit zu Wort melden kann, noch jedenfalls. Sie kritisierte
in ihrer Rede scharf die gekippten Verhältnisse im Landtag, nachdem [1][die
Rechtsextremen zwei Landtagspräsidenten im Parlament stellen] und ihre
Ämter bereits nach gut einer Woche alles andere als neutral ausfüllen.
Der AfD-Landtagspräsident Tobias Rausch hatte nicht nur die Sitzungsleitung
und Redezeiten mit dem BSW vor Kameras des rechtsextremen Magazins Compact
ausgekungelt, sondern auch den völkischen Anheizer und Vize-Präsidenten
Hans-Thomas Tillschneider [2][zum Gedenken an den antisemitischen Anschlag
auf die Synagoge nach Halle geschickt.] Nachdem er dort von der jüdischen
Studierendenunion per friedlicher Menschenkette von der Teilnahme
abgehalten wurde, verschickte Tillschneider eine AfD-Pressemitteilung mit
Brief und Siegel vom Landtag: Darin war von „linken Studenten“ die Rede und
der antisemitische Anschlag wurde als „Amoklauf“ verharmlost.
Dass der „Hardliner“ Tillschneider zum Gedenken in Halle geschickt wurde,
sei eine „bewusste Provokation“ gewesen und diese Pressemitteilung eine
Verletzung der Neutralitätspflicht, kritisierte von Angern. Die jüdische
Studierendenunion habe nicht streiten, sondern schützen wollen: „Am 9.
Oktober fand kein Amoklauf statt – der rechtsextreme Attentäter Stefan B.
ermordete zwei Menschen, es handelt sich um einen antisemitischen und
terroristischen Terroranschlag. Mit ihrer Pressemitteilung relativieren sie
rechtsextremen Terror!“ Tillschneider verdrehte während ihrer Rede die
Augen. Siegmund grinste am Ende.
## Erster gemeinsamer Antrag durchgebracht
Im Anschluss brachten die Rechtsextremen ihren ersten gemeinsamen Antrag
mit dem steigbügelhaltenden BSW durch. Passenderweise trägt der Antrag von
AfD und BSW das Datum des Geburtstages des russischen Präsidenten Wladimir
Putin. Das war gewissermaßen auch der Inhalt des Antrags: Es ist ein
nachträgliches Geburtstagsgeschenk der beiden Landtagsfraktionen, die
ausdauernd Narrative der russischen Propaganda in den öffentlichen Diskurs
tragen, um die Unterstützung der Ukraine nach der russischen Vollinvasion
2022 zu untergraben.
Rechtlich verbindlich ist der Antrag nicht, zumal ein Landtag nicht für
Außenpolitik zuständig ist. Sie fordern damit lediglich den noch
amtierenden Ministerpräsidenten Sven Schulze (CDU) auf, sich „mit allen
Mitteln“ im Bundesrat dafür einzusetzen, die Ukraine-Hilfe einzustellen.
Der hatte während seiner Rede gesagt, dass sich das Kabinett damit befassen
werde.
Der eigentliche Zweck des Antrags mit dem unverfänglichen Titel
„Friedensgespräche statt Ausweitung des Krieges in der Ukraine“ war
Demagogie. Die brachte BSW-Frontfrau Claudia Wittig in ihrer ersten
Landtagsrede besonders gut zur Aufführung. Das vor allem Putin einen
Frieden ablehnt, erwähnte sie nicht. Auch andere störende Fakten tauchten
im Antrag und ihrer Rede nicht auf.
Dafür wurde die Ukraine von ihr zum „Spielball geostrategischer
Großmachtinteressen“ erklärt. „Menschen in der Ukraine zahlen mit ihrem
Leben, wir zahlen an der Zapfsäule“, sagte sie. Die empörten Einwände und
Gegenreden aus CDU, Grünen, SPD und Linken erklärte sie zum
„Kasperletheater“ mit „wohlfeilen Phrasen“. „Kein Wunder, dass die Menschen
kein Vertrauen mehr in Politik haben“, sagte sie und bezweifelte nebenbei,
dass Russland hinter dem Anschlag auf den Leipziger Flughafen steckte, das
meiste davon in freier Rede.
## Siegmund performt für Tiktok
Wittig bekam am Ende mehr Applaus aus der AfD als deren
Ministerpräsidentenkandidat Ulrich Siegmund, der wie üblich in seiner Rede
inhaltlich eher schwach wirkte, vor allem für Tiktok performte und den noch
amtierenden Ministerpräsidenten Sven Schulze ärgerte, dass er [3][sich
während der Wahl verstecken wolle.] Vermutlich treibt Siegmund derzeit eher
um, wie er seine Mehrheit für die Ministerpräsidentenwahl organisiert
bekommt, nachdem die CDU-Fraktion beschlossen hat, den Sitzungssaal während
der Wahl zu verlassen. Er wolle „aktuell“ an den bisherigen Plänen
festhalten, betonte Siegmund und hofft wohl auf Überläufer nach dem
CDU-Parteitag am 5. Dezember, um sich, falls das nicht geschieht,
notgedrungen auch einem dritten Wahlgang zu stellen (und sich heimlich vom
BSW mitwählen zu lassen).
Dass CDU, Grüne, SPD und Linke den gemeinsamen Antrag von AfD und BSW
kritisierten, lag auf der Hand. Olaf Meister (Grüne) nannte den Antrag eine
„Instrumentalisierung, ja, Verhöhnung der Opfer“, weil man über so etwas
nicht im Landtag entscheide: „Wir machen eher bodenständige Sachen:
Landeshaushalt und Kommunalfinanzen“. Da sei aber großes Schweigen bei AfD,
dafür aber eine „Sondersitzung bei einem Thema, das wir nicht beeinflussen
können“. Meister versuchte es auch mit Ironie: „Waffenstillstand – das da
noch keine drauf gekommen ist!“ Er empfahl der AfD, mit diesem genialen
Einfall mit dem „Reiseleiter Tillschneider“ nach Moskau zu reisen, riet
aber: „Meiden sie offene Fenster und wenn Ihnen ältere Herren Tee anbieten“
– was zu allgemeiner Heiterkeit führte.
SPD-Fraktionsvorsitzende Katja Pähle sprach von „obszöner
Täter-Opfer-Umkehr“ und rief folgerichtig: „Präsident Putin, stoppen Sie
endlich diesen Krieg!“ Die Linken-Fraktionsvorsitzende von Angern nannte
den Antrag eine „Attrappe“ und ein „Schmierentheater“ – auch weil der
Antrag zwar steigende Lebenskosten in Deutschland thematisiere, aber eben
keine Lösungen zur Entlastung enthalte.
## Antrag hat Knalleffekt aber keine Wirkung
Die Union sprach von „einseitiger Parteinahme“ und wies darauf hin, dass
das Aussetzen von Waffenlieferungen wie Luftabwehrsystemen auch die
ukrainische Zivilbevölkerung im Stich lasse: „Wer das aussetzt, beendet
keinen Krieg, sondern den Schutz der Zivilbevölkerung.“ Zumal es Russland
gewesen sei, das seine Gaslieferungen an Deutschland ausgesetzt habe und
Energie als Waffe einsetze. Der noch geschäftsführend im Amt verbleibende
Ministerpräsident Schulze verwies zudem darauf, dass bereits
Friedensinitiativen von Trump und Orbán gescheitert seien – und stichelte
in Richtung Siegmund: „Warum lassen Sie sich denn nicht zum
Ministerpräsidenten wählen, wenn sie das im Bundesrat vortragen wollen?“
Dass der Antrag am Ende nur ein Knalleffekt ohne Wirkung ist, sehen
offenbar selbst Teile der extremen Rechten so. Ausgerechnet aus der
AfD-Thüringen kam etwa Kritik: Der Bundestagsabgeordnete und
Politikwissenschaftler Torben Braga verwies auf X darauf, dass der noch
amtierende Ministerpräsident Schulze sich im Bundesrat darauf zurückziehen
könne, nur noch geschäftsführend im Amt zu sein, ein einfacher
Landtagsbeschluss zudem nur appellativen Charakter habe. Braga befand: „Mit
diesem Antrag blamiert sich zwar jemand. Sven Schulze ist es ausnahmsweise
nicht.“
Hinweis der Redaktion: In einer früheren Version haben wir Braga als
Juristen bezeichnet, tatsächlich ist er Politikwissenschaftler. Das haben
wir korrigiert.
14 Oct 2026
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