# taz.de -- Bundestag debattiert über Sachsen-Anhalt: Kehrtag
> Die Gefahren einer weiteren Zusammenarbeit mit der AfD sind bekannt. Doch
> statt diese ernst zu nehmen, versucht die Union es mit
> Ablenkungsmanövern.
(IMG) Bild: Steffi Lemke (l, Bündnis 90/ Die Grünen) debattiert im Bundestag zum Thema: „Zäsur in Sachsen-Anhalt – Zusammenarbeit mit Rechtsextremen“
Was bei der Landtagswahl in Sachsen-Anhalt passiert ist, „war kein Unfall,
das war Führungsversagen“, sagte der CDU-Abgeordnete Johannes Wiegelmann.
Das sage er bewusst hier im Bundestag, „nicht hinter verschlossenen Türen“.
Applaus gab es dafür nur wenig aus seiner Fraktion. Schließlich hatte die
in der letzten Stunde versucht, genau das nicht auszusprechen.
Die Abgeordneten debattierten am Freitag in einer Aktuellen Stunde über die
Folgen der Wahl in Sachsen-Anhalt. Die Stimmung war aufgeheizt, die Debatte
emotional. Präsident Omid Nouripour erteilte mehrere Ordnungsrufe.
## False-Flag, oder nicht?
Diesen Dienstag hatte der Landtag in Magdeburg mit Tobias Rausch den ersten
Landtagspräsidenten einer rechtsextremen Partei seit 1945 gewählt. [1][Viel
spricht dafür, dass CDU-Abgeordnete für die AfD-Kandidaten in Magdeburg
gestimmt haben.] Auch den rechtsextremen Ideologen Hans-Thomas
Tillschneider wählte der Landtag zum Vizepräsidenten. Er erhielt 5 Stimmen,
die rein rechnerisch nicht von der eigenen Fraktion stammen können. Der
Titel der Debatte im Bundestag lautete deshalb: „Keine Zusammenarbeit mit
Rechtsextremen“. Die meisten Mitglieder der Union pochten allerdings
darauf, dass es sich in Sachsen-Anhalt um eine geheime Wahl gehandelt habe
und man nicht wissen könne, wer für die AfD-Kandidaten gestimmt habe.
Die Fraktionsvorsitzende der Linken, Heidi Reichinnek, eröffnete die
Debatte. Es sei ein offenes Geheimnis, dass die Stimmen für die AfD aus der
Union kamen. Merz hingegen hatte nahegelegt, dass die Linken Rausch gewählt
haben könnten, um der Union zu schaden. Er nannte das eine
„False-Flag-Aktion“. Reichinnek bezeichnet das als „erbärmlich“. Auch der
eigene Koalitionspartner im Bund scheint daran nicht zu glauben. So sagte
die SPD-Abgeordnete Franziska Kersten: Der Kanzler solle auf seine
Parteikolleginnen und Parteikollegen in Sachsen-Anhalt einwirken.
## Showdown zwischen Lemke und Müller
Auch die Grünen-Abgeordnete aus Sachsen-Anhalt, Steffi Lemke, wandet sich
an den nicht anwesenden Bundeskanzler. Er hätte den Menschen in
Sachsen-Anhalt, die die AfD nicht gewählt hatten, eine Stimme geben müssen.
Es wäre seine Verantwortung gewesen, „ihnen zuzuhören, ihnen Hoffnung zu
geben“. Dass das nicht passiert sei, das sei ein „Armutszeugnis“, so Lemke.
Sie wolle außerdem, dass CDU und FAZ aufhören, die AfD mit der Linkspartei
gleichzusetzen, „bloß um der Zusammenarbeit mit der AfD den Weg zu
bereiten“. Diese Gleichsetzung, auch als Hufeisentheorie bekannt, ist von
der Politikwissenschaft und Soziologie widerlegt. Im Bundestag ist sie am
Freitag trotzdem sehr beliebt.
Dann kam es zum Showdown zwischen dem ebenfalls aus Sachsen-Anhalt
stammenden CDUler Sepp Müller und der Grünen Lemke. „Ich erwarte von jedem
CDU-Abgeordneten, dass sie den Unvereinbarkeitsbeschluss mit der AfD
einhalten“, unterstrich Müller. Auch bei der anstehenden Wahl eines
AfD-Ministerpräsidenten in Sachsen-Anhalt. Wie sicher das ist, bleibt
abzuwarten: So sagte der Abgeordnete Martin Reichardt von der AfD, er habe
in seiner Rede bewusst die Union nicht kritisiert. In Sachsen-Anhalt habe
er Hoffnung erlebt. Dort gebe es Abgeordnete, die eine „konservativen Wende
in Deutschland wieder möglich machen“.
Ansonsten versuchte die Abgeordneten der Union während ihrer Reden, mehr
über Berlin zu sprechen. [2][Dort haben Linke, SPD und Grüne am Freitag
Sondierungsgespräche begonnen]. Bundeskanzler Merz rief diese Woche dazu
auf, eine Bürgermeisterin der Linken zu verhindern. Der CDU-Abgeordnete
Klaus-Peter Willsch erinnerte daran, dass die Linke eine
SED-Nachfolgepartei sei. Sie solle vor der eigenen Haustür kehren, bevor
sie die CDU in Sachsen-Anhalt kritisiere.
Wer heute auch vor der eigenen Haustür gekehrt hat, das waren die Menschen
in Halle: Sie haben den ermordeten Menschen gedacht, die beim
rechtsextremistischen Anschlag ums Leben kamen. [3][Jüdische Studierende
haben dabei dem neuen AfD-Vize-Landtagspräsidenten Tillschneider den Weg
zur Gedenkveranstaltung versperrt]. Darauf bezog sich auch der Grünen-Chef
Felix Banaszak in seiner Rede im Bundestag: Die AfD solle es nicht wagen,
„Jüdinnen und Juden zu instrumentalisieren“. Neben allen moralischen und
politischen Argumenten, die an diesem Tag gegen ein Bündnis mit
Rechtsextremen vorgetragen wurden, erinnerte Banaszak die Union außerdem an
deren eigenes Interesse: „Die AfD will nicht mit Ihnen koalieren, sie will
Sie eliminieren“.
9 Oct 2026
## LINKS
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## AUTOREN
(DIR) Jana Laborenz
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