# taz.de -- Sachsens „Jahr der jüdischen Kultur“: Zu viel Tacheles
       
       > Die Künstlerin Nirit Sommerfeld hat in Chemnitz eine Gesprächsreihe mit
       > jüdischen Gästen organisiert. Doch die Förderung wurde zurückgezogen.
       > Warum?
       
 (IMG) Bild: Eröffnung von Tacheles 2026 in Chemnitz: Rabbiner Michael Jedwabny zündet Kerze am Chanukkaleuchter an
       
       Am Vorabend des ersten Tages des Chanukka-Festes entzündete Sachsens
       Ministerpräsident Michael Kretschmer im vergangenen Dezember im Staatlichen
       Museum für Archäologie in Chemnitz, gemeinsam mit dem sächsischen
       Landesrabbiner Zsolt Balla, an einem neunarmigen Chanukka-Leuchter das
       erste Licht. Auch Israels Botschafter Ron Prosor war bei dem Festakt
       zugegen. Der Anlass: der Freistaat Sachsen feiert 2026 ein „Jahr der
       jüdischen Kultur“.
       
       Unter dem Titel „Tacheles“ – ein jiddischer Begriff, der für das offene und
       freimütige Wort steht – fördert die Landesregierung 92 Kunst- und
       Kulturprojekte und mehrere Kleinprojekte mit insgesamt rund 1,2 Millionen
       Euro. Darunter sind Klezmer-Konzerte, Gedenkveranstaltungen, Lesungen,
       Filmvorführungen und Aufführungen israelischer Tänze.
       
       „Das sind alles ehrenwerte Projekte. Aber keines widmet sich dem Thema, das
       so vielen auf den Nägeln brennt, dem Krieg in Gaza und den Folgen“, sagt
       die Musikerin und Schauspielerin Nirit Sommerfeld. „Diese Lücke wollte ich
       füllen und kritischen [1][jüdischen Stimmen, die selten gehört werden],
       eine Plattform geben – auch um zu zeigen, wie unterschiedlich Jüdinnen und
       Juden sein können.“ Sommerfeld plante eine Veranstaltungsreihe, bekam dafür
       auch eine Förderung. Dann aber wurde diese kurzfristig wieder
       zurückgezogen. Wegen der von ihr geladenen Gäste, so Sommerfeld.
       
       ## Eine „Rückkehr“ nach Chemnitz
       
       Die in Israel geborene Sommerfeld engagiert sich seit langem gegen die
       israelische Besatzungspolitik. Nach einem zweijährigen Aufenthalt in
       Israel, von dem sie desillusioniert zurückkehrte, gründete sie in München
       unter anderem ein „Bündnis für Gerechtigkeit zwischen Israelis und
       Palästinensern“.
       
       Vor zwei Jahren zog sie nach Chemnitz, in die Heimatstadt ihres Großvaters
       Julius Sommerfeld, der 1940 im KZ Sachsenhausen ermordet wurde. In ihrem
       autobiografisch gefärbten Roman „Beduinenmilch“ hat sie ihre
       Familiengeschichte zwischen Deutschland und Israel verarbeitet.
       
       Als sich [2][Chemnitz im vergangenen Jahr als Europäische Kulturhauptstadt]
       präsentierte, bekam auch Nirit Sommerfeld viel Aufmerksamkeit für ihre
       Arbeit. Verschiedene Medien berichteten über ihr [3][Projekt, mit dem sie
       den Spuren ihres Großvaters und anderer Jüdinnen und Juden in der Stadt
       nachspürte]. Zu diesem Zweck gründete sie den Verein „Antonplatz e.V.“ –
       benannt nach dem Platz, an dem ihr Großvater einst ein Wohn- und
       Geschäftshaus besaß. Zudem betreibt sie in Chemnitz ein Café im staatlichen
       Museum für Archäologie, in dem politische und kulturelle Veranstaltungen
       stattfinden. In jenem Museum also, in dem das „Tacheles“-Themenjahr
       feierlich eröffnet wurde.
       
       ## Ruf nach dem Verfassungsschutz
       
       Ursprünglich sollte auch Sommerfelds Veranstaltungsreihe „Gespräche auf dem
       Goldenen Sofa“ im Rahmen des „Tacheles“-Programms gefördert werden.
       Sommerfeld wollte jüdische Gäste aus ganz Deutschland einladen, um über
       Meinungsfreiheit und den Nahost-Konflikt zu sprechen, darunter die
       Schriftstellerinnen Eva Menasse und Deborah Feldmann, [4][die Philosophin
       Susan Neiman] und die südafrikanische Künstlerin Candice Breitz. Anfang des
       Jahres bewilligte die Kulturstiftung 14.000 Euro für die Reihe. Doch als
       das Programm publik wurde, regte sich Protest.
       
       Vertreter der jüdischen Gemeinde in Chemnitz, evangelikaler Gruppen wie der
       „Sächsischen Israelfreunde“ und andere wandten sich in einem Brief, der der
       taz vorliegt, empört an die Kulturstiftung des Freistaats und deren
       Direktor Manuel Frey und drängten darauf, die Förderung der
       Veranstaltungsreihe „zu überprüfen“.
       
       Der Grund: zwei der Gäste seien „bundesweit bekannte Mitglieder“ des
       Vereins „Jüdischen Stimme für gerechten Frieden in Nahost“, den der
       Verfassungsschutz als extremistisch eingestuft habe. Außerdem solle das
       Landesamt für Verfassungsschutz die Veranstaltungsreihe „begleiten“ – also
       überwachen –, empfahlen sie. Es bestünde die Gefahr, dass dort
       Antisemitismus verbreitet werde.
       
       Tatsächlich stuft das Bundesamt für Verfassungsschutz den Verein
       [5][„Jüdische Stimme für einen gerechten Frieden“] in seinem jüngsten
       Bericht als „gesichert extremistische Bewegung“ ein. Mitglieder sollen sich
       an „israelfeindlichen Versammlungen“ beteiligt, ein Ende der „Apartheid“ in
       Israel gefordert sowie einen Boykott unterstützt haben, so die Behörde. Der
       Verein will sich gegen diese Bewertung der Behörde nun juristisch wehren.
       
       Die Kulturstiftung setzte der Brief unter Druck. Wochenlang habe diese
       versucht, ihr Kompromisse abzuringen, sagt Sommerfeld – etwa jene Gäste
       auszuladen, die der „Jüdischen Stimme“ angehören, oder ihre Wortwahl
       anzupassen. Sommerfeld selbst war zwischenzeitlich Mitglied des Vereins,
       ist es aber inzwischen nicht mehr. Sie sei bereit gewesen, Kompromisse zu
       machen und auf manche Bedenken einzugehen, sagt sie – aber es seien immer
       neue dazu gekommen.
       
       ## „Verfahrensfehler“ als Begründung
       
       Nach diversen Kuratoriums- und Beiratssitzungen soll die Stiftung Nirit
       Sommerfeld dann im März gebeten haben, ihren Antrag zurückzuziehen, um
       öffentliches Aufsehen zu vermeiden. Das lehnte sie ab. Kurz vor Beginn der
       Veranstaltungsreihe zog die Kulturstiftung ihre Finanzierungszusage dann
       offiziell zurück. Ein Jurist hatte einen Verfahrensfehler entdeckt: In der
       Jury, die über die Vergabe der Fördergelder entschied, saß auch ein Mann,
       der sich in Nirit Sommerfelds Verein „Antonplatz e.V.“ engagiert. Ein Fall
       von Befangenheit, so die Kulturstiftung. Über den Brief und die Vorwürfe
       gegen Sommerfeld verlor sie kein Wort.
       
       Der betreffende Mann, Chris Münster, betont jedoch, er habe seine
       Befangenheit offengelegt und sich aus diesem Grund nicht an der Debatte
       oder der Abstimmung über das Projekt beteiligt. Er und Nirit Sommerfeld
       halten die Begründung für vorgeschoben: in Wirklichkeit habe man sich an
       den Gästen gestört. Die Kulturstiftung weist diesen Vorwurf „entschieden“
       zurück.
       
       Sommerfelds Projekt ist allerdings das einzige der über 90
       Tacheles-Projekte, bei dem die Förderung zurückgezogen wurde. Dabei waren
       in der Fachjury noch andere Personen mit engen Verbindungen zu
       Institutionen und Projekten, die im Rahmen des „Tacheles“-Themenjahrs von
       der Kulturstiftung gefördert werden. Der Autor und Kabarettist Küf Kaufmann
       etwa sitzt nicht nur in der Jury, sondern sogar im „Tacheles“-Kuratorium
       und leitet in Leipzig das Ariowitsch-Haus.
       
       Dort finden gleich mehrere Veranstaltungen statt, die im Rahmen des
       „Tacheles“-Themenjahrs gefördert werden, wie sich das Haus rühmt, und
       [6][Kaufmann selbst trat bei der Eröffungsfeier auf]. Die Kulturmanagerin
       Valentina Marcenaro leitet in Dresden die „Jüdische Musik- und
       Theaterwoche“, die ebenfalls im Rahmen des Themenjahrs gefördert wird.
       
       Beide hätten aber, anders als Chris Münster, den Raum während der
       Diskussion und Abstimmung über die entsprechenden Projekte verlassen, sagt
       die Kulturstiftung auf Nachfrage der taz. Auf die Frage, ob und wie sie das
       überprüft habe, antwortet sie: „Die Kulturstiftung vertraut den
       Gremienmitgliedern, sich gemäß den geltenden Verfahrens- und
       Transparenzregeln zu verhalten.“ Das Protokoll der Jury-Sitzung wollte sie
       der taz nicht zur Verfügung stellen.
       
       ## Sommerfeld zieht ihr Programm durch
       
       Sommerfeld will sich von den Querelen nicht beirren lassen. Ende März
       startete sie ihre Gesprächsreihe wie geplant mit Eva Menasse, die
       Veranstaltung im Museumscafé war bis auf den letzten Platz ausverkauft.
       „Ich bin hier, um Nirit Sommerfeld zu unterstützen“, sagte die
       österreichische Schriftstellerin bei ihrem Besuch in Chemnitz. Der
       Kulturstiftung warf sie vor, feige zu sein. „In Deutschland wird so viel
       über Zivilcourage gesprochen, weil man so wenig davon hat“, lästerte sie
       auf der Bühne.
       
       Um ihre Reihe finanziell zu stemmen, hat Sommerfeld nun eine
       Spenden-Kampagne gestartet. Auch der zweite Termin ihrer
       Veranstaltungsreihe mit Fanny-Michaela Reisin ging am Donnerstag, dem 9.
       April reibungslos über die Bühne. Der Saal war wieder rappelvoll. Bis Ende
       November sollen [7][die sieben anderen Gäste] folgen. Als Nächstes wird
       Ende April Deborah Feldman in Chemnitz erwartet, im Mai dann Susan Neiman.
       
       Zumindest für Publicity hat die Rücknahme der Kulturstiftung in Chemnitz
       gesorgt.
       
       20 Apr 2026
       
       ## LINKS
       
 (DIR) [1] /Debatte-Goettinger-Friedenspreis/!5574860
 (DIR) [2] /Fazit-der-Kulturhauptstadt-Chemnitz/!6131836
 (DIR) [3] https://www.ardmediathek.de/video/chemnitzer-koepfe-wir-sind-hauptstadt/juedisch-in-chemnitz/mdr/Y3JpZDovL21kci5kZS9zZW5kdW5nLzI4MjA0MC81NDI5NDMtNTIyNjE1
 (DIR) [4] /Susan-Neiman-ueber-Moral-und-Bosheit/!6123508
 (DIR) [5] /Preisverleihung-nicht-ohne-Tumulte/!5576386
 (DIR) [6] https://www.ariowitschhaus.de/post/tacheles-jahr-in-sachsen-so-sch%C3%B6n-war-die-er%C3%B6ffnung
 (DIR) [7] https://julius-im-schocken.de/#veranstaltung
       
       ## AUTOREN
       
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