# taz.de -- „Haber-Verfahren“: Wenn der Verfassungsschutz aussortiert
> Kulturminister Weimer greift autoritär in den Kulturbetrieb ein. Sind nun
> andere Projekte dran? Beim Programm „Demokratie leben“ ist die Unruhe
> groß.
(IMG) Bild: Abkürzung nach rechts: Viele Demokratieprojekte in Ostdeutschland sind nun akut gefährdet
Zuletzt gab Höhr-Grenzhausen auf. Die Gemeinde hat etwa 14.000
Einwohner*innen, liegt unweit von Koblenz in Rheinland-Pfalz – dort, wo die
AfD bei der vergangenen Bundestagswahl 26,1 Prozent der Stimmen holte, mehr
als alle anderen, mitten im Westen. Und wo am Sonntag die Landtagswahl
bevorsteht. „Ich bin echt verärgert“, sagt Marco Weißer, parteiloser
Bürgermeister, der taz. Seit 2015 habe seine Gemeinde Geld aus dem Programm
„Demokratie leben“ erhalten. Man habe damit Demokratieprojekte an
Grundschulen, Zeitzeugenberichte aus Theresienstadt, aber auch ein
Basketballturnier finanziert, auf dem Demokratie-Shirts gedruckt wurden.
Nun aber müsse man aussteigen.
Die Mittel für die Projekte seien in diesem Jahr so spät freigegeben worden
wie noch nie, im März erst, erzählt Weißer. Wegen monatelanger Verzögerung
habe er kein Personal einstellen können. Vorher habe man „keinerlei
verbindliche Informationen“ erhalten, wann und wie es weitergehe, schreibt
er in einem Protestbrief ans Familienministerium. Bürger*innen
reagierten mit Unverständnis. „Es verschärft sich die
Politikverdrossenheit.“ Die Folge der hausgemachten Probleme bei den
Demokratieprojekten, so Weißer: „Die AfD muss gar nichts machen, die sitzen
in ihren Sesseln und reiben sich die Hände.“
Marco Weißer ist nicht als Einziger dieser Tage verbittert über das
Programm „Demokratie leben“. Im Ministerium gehen derzeit Protestbriefe
ein, von Bürgermeister*innen, Bundestagsabgeordneten oder kommunalen
Vertreter*innen – weil Fördergelder so spät ausgezahlt werden oder sich
die geplante Neuaufstellung des Programms unsicher und bürokratisch
gestaltet.
## Mehr Islamismus, Antisemitismus, Linksextremismus
Seit dem Amtsantritt von Familienministerin Karin Prien (CDU) wird daran
gearbeitet. Die inhaltliche Ausrichtung des Programms soll geändert werden:
mehr Fokus auf Islamismus, Antisemitismus und Linksextremismus. In diesem
Jahr werde dafür eine neue Förderrichtlinie vorgestellt, kündigte Priens
Ministerium den Initiativen schon im Herbst an. Mehr Geld wird es hingegen
nicht geben, vielmehr soll umgeschichtet werden. Die Befürchtung ist:
Gerade Projekte gegen Rechtsextremismus und die Demokratieförderung im
Osten Deutschlands könnten darunter leiden.
Zudem soll die Kontrolle der geförderten Projekte verstärkt werden – um
„Extremismusvorwürfen gegen einzelne Träger“ zu begegnen, wie es auch schon
im Herbst hieß. Die Sorge vieler zivilgesellschaftlicher Initiativen ist
nun groß. Sie fürchten, dass sie bald das gleiche Schicksal treffen könnte
wie jüngst drei linke Buchhandlungen, denen Kulturstaatsminister Wolfram
Weimer den Preis des Buchhandels verweigerte – aufgrund von Hinweisen vom
Verfassungsschutz.
Weimer hatte die drei Buchläden im Stillen [1][nach dem sogenannten
Haber-Verfahren durchleuchten lassen], benannt nach der damaligen
Staatssekretärin im Bundesinnenministerium, Emily Haber, die 2017 einen
entsprechenden Erlass verfasste. Bevor Fördergelder an Organisationen
vergeben werden, sollen Ministerien beim Verfassungsschutz nachfragen, ob
dort Erkenntnisse über diese vorliegen. So soll verhindert werden, dass
Gelder bei Extremisten landen.
Das Haber-Verfahren wird auch in Priens Ministerium angewandt. In einem
internen Dokument von Ende Januar heißt es, dass die Träger des Programms
„nach bekanntem ‚Haber-Verfahren‘“ überprüft würden. Und weiter: „Erstmalig
werden aber jetzt alle neuen Partnerorganisationen in den Kommunen erfasst
und in das Verfahren einbezogen; darüber hinaus anlassbezogene Prüfung.“
## „Erkenntnisse vermerkt“, Förderung abgelehnt
[2][In einem Interview mit der taz] hatte Prien unterstrichen:
„Öffentliches Geld dürfen nur Organisationen erhalten, die sich nicht gegen
unsere Verfassung stellen.“ Dies werde „intern nach bekannten Standards“
geprüft. Prien betonte aber: Der Verfassungsschutz werde nicht
flächendeckend, sondern nur „auf unsere Bitte hin anlassbezogen“ Fälle
prüfen. In einem Brief an die Unions-Fraktion im vergangenen August schrieb
Prien dagegen, dass bei „Demokratie leben“ eine „breit angelegte
Verfassungsschutzprüfung im sogenannten Haber-Verfahren eingeleitet“ worden
sei.
Wie viele Projekte seitdem überprüft wurden, ließ das Ministerium auf
Nachfrage offen. Laut einer Antwort auf eine ältere Linken-Anfrage wurden
aber zwischen 2004 und 2018 rund 50 Antragssteller aus dem Förderprogramm
„Demokratie leben“ überprüft. Über alle Ministerien hinweg waren es in den
Jahren 2020 bis 2024 aber 1.250 NGOs und 1.296 Einzelpersonen, die mit dem
Haber-Verfahren überprüft wurden – die allermeisten im Auftrag des
Innenministeriums, nur 12 Projekte und eine Person durch das
Familienministerium. In 210 Fällen habe der Verfassungsschutz
„Erkenntnisse“ vermerkt – die Förderung wird dann in der Regel abgelehnt.
Zuletzt berichtete die Süddeutsche Zeitung, dass das Bundesinnenministerium
von Alexander Dobrindt (CSU) bei anderen Ministerien dafür werbe, die
Prüfung durch den Verfassungsschutz viel häufiger als bisher anzuwenden.
Ein Sprecher Dobrindts weist das gegenüber der taz zurück: Das Ministerium
verfolge keinen Plan zur „flächendeckenden Anwendung“ des Haber-Verfahrens.
Eine diesbezügliche Aufforderung an andere Ministerien bestehe nicht. Das
Verfahren stehe aber „regulär“ allen Ministerien zur Verfügung.
Die „Extremismusvorwürfe“ gegen Demokratieprojekte, denen Prien begegnen
will, kommen indes zumeist von rechts außen. Zwar fordert auch die CSU
einen „Neustart“. Vor allem aber wettern die AfD und Krawallportale wie
Nius gegen das Programm. [3][Die AfD veröffentlichte jüngst gar einen
Leitfaden], wie das Programm im Kommunalen ausgebremst und umgesteuert
werden kann. „Jetzt ist die Gelegenheit, den Sumpf auszutrocknen“, heißt es
darin.
## „Unbestimmte“ und „rechtsunsichere“ Auflagen
Auch ohne Haber-Verfahren sehen sich die Initiativen bei „Demokratie leben“
bereits einem Generalverdacht ausgesetzt. In neuen Bestimmungen für die
aktuelle Förderperiode heißt es, die Projekte seien verpflichtet
sicherzustellen, dass keine Unterstützung extremistischer Strukturen durch
Fördermittel oder „immaterielle Leistungen“ stattfinde. Zu Letzterem gehöre
auch die aktive Teilnahme von Personen an Veranstaltungen, die der
Verfassungsschutz als Extremisten betrachtet.
„Was diese Auflagen meinen, bleibt völlig offen“, sagt Andrea Hübler,
Geschäftsführerin der Beratungsstelle für Opfer rechter Gewalt Support,
deren Projekt von „Demokratie leben“ gefördert wird. Können Sie nun noch
Antifa-Aktivist*innen beraten, die von Neonazis überfallen wurden? Dürfen
AfD-Leute auf Veranstaltungen geduldet werden, wenn ihre Partei als
rechtsextrem eingestuft ist? Können im Rahmen anderer Projekte noch
Rechtsextreme im Gefängnis beim Ausstieg begleitet werden?
Mit der „Extremismusklausel“, so Hübler, liefen die Demokratieprojekte
jederzeit Gefahr, gegen die „völlig unbestimmten und rechtsunsicheren“
Auflagen zu verstoßen und ihre Mittel zu verlieren – so wie es zuletzt bei
den linken Buchläden geschah. Und, so Hübler: „Wer soll das wie prüfen?
Zivilgesellschaftliche Träger haben weder die Ressourcen, noch ist das ihre
Aufgabe.“ Auch rechtlich wären diese Überprüfungen „hoch fragwürdig“ und
politisch eine „fatale Entwicklung“. Gerade in diesen Zeiten, in denen
Demokratieprojekte attackiert würden, bräuchten diese Rückhalt und kein
„grenzenloses Misstrauen“, betont Hübler.
Unruhe herrscht auch über die neue Förderrichtlinie für „Demokratie leben“,
die gerade erarbeitet wird und ab 2027 gelten soll. Priens Staatssekretär
hatte in einem internen Schreiben erklärt, dass damit künftig Projekte vor
Ort gestärkt werden sollen, genau wie solche in „Regelstrukturen“, also
etwa in Schulen, Sportvereinen oder der Polizei. In einer internen
„Vorhabenplanung“ des Ministeriums ist die Rede von Schwerpunkten bei
Projekten im digitalen Raum, der Islamismus- und Antisemitismusprävention
sowie der Demokratiebildung in der Arbeits- und Unternehmenswelt.
## Ende für die Amadeu Antonio Stiftung?
Nichts findet sich in dem Papier zum bisherigen Einsatz gegen Rassismus
oder LGBTIQ*-Feindlichkeit. Ob und wie Projekte in diesem Bereich erhalten
bleiben – auch das lässt das Ministerium auf Nachfrage offen. Ebenso, ob
die geplante Förderung von Projekten im Lokalen jetzt ein Ende der
bundesweit aktiven Träger wie des Zentralrats der Juden, der Amadeu Antonio
Stiftung oder des Bundesverbands der Opferberatungen bedeutet.
„Es herrscht massive Verunsicherung“, sagt Timo Reinfrank, Geschäftsführer
der Amadeu Antonio Stiftung. Langfristig und überregional aufgebaute
Projekte drohe das Ende, zivilgesellschaftliche Projekte würden
zurückgedrängt. „Wenn das so weitergeht, heißt es bald nicht mehr
‚Demokratie leben‘, sondern ‚Demokratie sterben‘“, sagt Reinfrank.
Hinzu kommt, dass sich die AfD eine weitere Neuregelung im Programm zunutze
macht: Seit Jahresbeginn müssen Kommunalparlamente einer Förderung durch
„Demokratie leben“ zustimmen, im Rahmen der sogenannten „Partnerschaften
für Demokratie“. Parlamente, welche die AfD inzwischen dominiert, könnten
Projekten nun einen Riegel vorschieben – [4][wie es zuletzt etwa in
Bitterfeld-Wolfen passierte.]
„Das Ministerium hat keine Antwort auf diese AfD-Blockaden in
Ostdeutschland“, kritisiert Timo Reinfrank. Auch Sachsens Sozialministerin
Petra Köpping (SPD) hatte zuletzt mit einem Schreiben an Prien protestiert:
Durch die Mehrheitsverhältnisse in sächsischen Kommunen drohe vielen
Projekten das Aus. Priens Ministerium passte daraufhin die Auflagen an. Nun
braucht es keinen Beschluss eines Kommunalparlaments, wenn ein Bundesland
an der Finanzierung beteiligt ist – wie das in Sachsen etwa der Fall ist.
## Für manche kommt der Schritt zu spät
Köpping sagte der taz, sie sei „sehr froh“, dass der Bund die Vorgaben
„entschärft“ habe. „Die neuen Regelungen hätten den Fortbestand der
Partnerschaften für Demokratie ernsthaft gefährdet.“ Diese Partnerschaften
aber leisteten einen wichtigen Beitrag für ein respektvolles demokratisches
Miteinander. Und Köpping betont: Eine vertrauensvolle Zusammenarbeit
zwischen Bund, Land und Kommunen sei wichtig.
Für manche aber kommt der Schritt zu spät. Im Thüringischen Greiz wurde
schon zu Jahresbeginn [5][die dortige „Partnerschaft für Demokratie“
beendet] – mit Verweis auf gestiegene Bürokratie und
Planungsunsicherheiten. Im sächsischen Bautzen und im sachsen-anhaltischen
Salzwedel wurde das Projekt im vergangenen Jahr ebenso beendet.
Elisabeth Kaiser, Ostbeauftragte der Bundesregierung und Sozialdemokratin,
kritisiert, dass die neuen Auflagen des Familienministeriums die Träger
„verunsichert“ hätten. Der Bürokratieaufwand habe sich „deutlich erhöht“.
Dabei müsse die Bundesregierung hinter den demokratisch Engagierten stehen.
„Menschen, die sich in dem Bereich engagieren, brauchen eine verlässliche
Perspektive, ansonsten geben sie auf“, sagte Kaiser der taz. „Und sind
diese Strukturen erst einmal weg, lassen sie sich nur schwer wieder
aufbauen.“
Hinweis der Redaktion: In einer ersten Version des Textes hieß es, dass
Weimers Kulturstaatsministerium alle Buchläden mit dem Haber-Verfahren
prüfen ließ, die für den diesjährigen Deutschen Buchhandlungspreis
ausgewählt wurden. Weimer hat inzwischen klargestellt, dass nur die drei
von der Liste gestrichenen Buchläden überprüft wurden. Wir haben den Satz
im Text entsprechend korrigiert.
17 Mar 2026
## LINKS
(DIR) [1] /Wolfram-Weimer-und-die-Buchbranche/!6157097
(DIR) [2] /Karin-Prien-ueber-Angriffe-von-rechts/!6144384
(DIR) [3] /Rechtsextreme-gegen-Zivilgesellschaft/!6156330
(DIR) [4] /Rechtsextreme-gegen-Zivilgesellschaft/!6156330
(DIR) [5] https://www.belltower.news/partnerschaften-fuer-demokratie-kommunale-demokratieprojekte-vor-dem-kollaps-164505/
## AUTOREN
(DIR) Konrad Litschko
(DIR) Kersten Augustin
## TAGS
(DIR) Junge Menschen zur Bundestagswahl
(DIR) Schwerpunkt Ostdeutschland
(DIR) Rechtsextremismus
(DIR) Karin Prien
(DIR) Amadeu-Antonio-Stiftung
(DIR) Wolfram Weimer
(DIR) Verfassungsschutz
(DIR) GNS
(DIR) Reden wir darüber
(DIR) Meinungsfreiheit
(DIR) Zivilgesellschaft
(DIR) Karin Prien
(DIR) Friedrich Merz
(DIR) Karin Prien
(DIR) Bundesamt für Verfassungsschutz
(DIR) Buchhandel
(DIR) Meinungsfreiheit
(DIR) Wolfram Weimer
(DIR) Wolfram Weimer
(DIR) Rechtsextremismus
## ARTIKEL ZUM THEMA
(DIR) Angriffe auf die Zivilgesellschaft: Als Feinde markiert
Jeden dritten Tag wird die Zivilgesellschaft angegriffen, sagt eine neue
Erhebung der Amadeu-Antonio-Stiftung. Dazu zählen Fälle von
Sachbeschädigung und körperlichen Angriffen.
(DIR) Karin Prien über „Demokratie leben“: „Vielfalt sehe ich nicht als staatliches Förderziel“
Familienministerin Prien (CDU) verteidigt den Umbau des Programms
„Demokratie leben“. Die geförderten Projekte zielten zu sehr aufs
„linksliberale Milieu“.
(DIR) Wegen Petition gegen Merz?: Dobrindt stoppt Demokratieprojekt
Die Geschäftsführerin der Gruppe „Radikale Töchter“ initiierte eine
Petition gegen Merz – nun stoppte das Innenministerium ihr
Demokratieprojekt.
(DIR) Umbau des Programms „Demokratie leben“: „Ein fatales Zeichen“
Familienministerin will 200 Projekte nicht mehr fördern und baut das
Programm „Demokratie leben“ um. Dort reagiert man mit Unverständnis.
(DIR) Kritik am Haber-Verfahren: Mit freundlicher Hilfe des Verfassungsschutzes
Das Vorgehen von Wolfram Weimer gegen drei Buchläden wirft ein Schlaglicht
auf das „Haber-Verfahren“ der Bundesregierung. Kann das so weitergehen?
(DIR) Der Kulturkampfminister spricht: Ernsthaft, Weimer?
Kulturstaatsminister Wolfram Weimer gibt zu, dass ihm die drei von ihm
gecancelten Buchläden nicht passen. Er nennt sie außerdem „extremistisch“.
(DIR) Streit über Buchhandlungen: Dobrindt nimmt Weimer in Schutz
Der Kulturstaatsminister hat drei linke Buchläden von einer Preisliste
gestrichen. Dessen oberster Dienstherr findet das richtig.
(DIR) Ausbau der DNB in Leipzig gestrichen: Bücher-, ähhh, Bürokratieabbau à la Weimer
Kurz vor der Buchmesse stoppt der Kulturstaatsminister den Ausbau der
Deutschen Nationalbibliothek – und entfacht eine neue Debatte über
Kulturpolitik.
(DIR) Debatte um Kulturstaatsminister Weimer: Wer Weimer kritisiert, darf den VS nicht schonen
Der Fokus muss von Weimer weg und auf den Verfassungsschutz. Denn es gibt
eine dringende Frage: Schützt der Geheimdienst wirklich das Grundgesetz?
(DIR) Gewalt und Drohungen durch Nazis: In Sachsen wächst die Gewalt von rechts
Die Beratungsstelle RAA stellt neue Zahlen vor. Gleichzeitig werden immer
neue Vorfälle bekannt. Einer Bürgermeisterin wird gedroht: „Denken Sie an
Lübcke“