# taz.de -- Bremer V-Mann-Skandal: Das Misstrauen wächst
> Eigentlich hat Bremen den Ruf einer toleranten Hansestadt. Seit einer
> V-Mann-Affäre steht aber alles, was links ist, in der Stadt schnell am
> Pranger.
(IMG) Bild: Die gute Stube der Stadt: Bremens Marktplatz mit dem imposanten Rathaus
Die Stimme der jungen Frau mit der fliederfarbenen Mütze überschlägt sich.
„Wie verrückt ist es, wenn ich sagen muss, hier ist die Demokratie
gefährdet!“, schreit sie von der Bühne herab auf den Bremer Marktplatz. Der
liegt in der Innenstadt, gerahmt von Rathaus, Dom und Parlament. 1.100
Menschen haben sich nach Angaben der Polizei an diesem sonnigen Sonntag
Anfang März versammelt, um „Grundrechte gegen Geheimdienst und Rechtsruck
zu verteidigen“, wie es in der Einladung zur Kundgebung heißt, „Bremen wird
kein Trump-Land“.
Was die Frau mit der Mütze, die als Lilli von der IL vorgestellt wurde,
verrückt findet: dass ausgerechnet sie sich um die Demokratie sorgt. Weil
der Bremer Verfassungsschutz sie doch selbst zu einer Gefahr für die
Demokratie erklärt hat, beziehungsweise die Gruppe Interventionistische
Linke, kurz IL, der sie angehört.
Dass sie einfach nur links sei, bezweifelt der Verfassungsschutz. Er nennt
sie in seinem Jahresbericht „gewaltorientierte Linksextremisten“. Deshalb
hat er sie nach Darstellung der IL – Behörden haben dem nicht widersprochen
– [1][mindestens sieben Jahre bespitzeln lassen]. Bis Anfang dieses Jahres,
als Mitglieder der Gruppe nach dem Hinweis einer Ex-Freundin den heute
31-jährigen Dîlan S. als V-Mann des Verfassungsschutzes enttarnten.
Das hatte die IL Ende Januar öffentlich gemacht. Und das mündete nicht etwa
in eine Diskussion über die Methoden des Verfassungsschutzes, sondern in
eine, wie gefährlich Bremens linksextremistische Szene ist.
Dabei deuten alle Daten und Studien darauf hin, dass die weitaus größere
Gefahr in Bremen und bundesweit vom Rechtsextremismus ausgeht. Erst am
Donnerstag hatte Bremens Innensenatorin Eva Högl die [2][Statistik zur
politisch motivierten Kriminalität] vorgestellt: Die Hälfte aller Taten im
Jahr 2025 war „Rechten“ zugeordnet worden („Linke“: 18 Prozent); bei
„rechts“ wurde ein Anstieg von 40 Prozent im Vergleich zum Vorjahr
verzeichnet.
Aber in diesem Text soll es nicht um einen Vergleich von Links- und
Rechtsextremismus gehen. Der verbietet sich ohnehin angesichts der
unterschiedlichen Ziele, Strukturen, Methoden und vor allem dem zugrunde
liegenden Menschenbild. Sondern darum, wie eng der Korridor geworden ist,
in dem etwas als links durchgeht – und wann es zu extrem wird.
Ein Beispiel dafür ist auch die Debatte im März um die drei gecancelten
Buchhandlungen, [3][darunter der Golden Shop in Bremen]. Der CDU-nahe
Kulturstaatsminister des Bundes, Wolfram Weimer, hatte sie [4][von der
Liste zum deutschen Buchhandlungspreis streichen lassen], weil er sie für
linksextrem hielt. Analog gilt das genauso für rechts. Wer Angst vor
Migrationsprozessen hat, muss sich schnell „Nazis raus“-Sprüche anhören.
Nun entziehen sich die politischen Kategorien links und rechts wie
gesellschaftliche Mitte einer klaren Definition. Im Zusammenhang dieser
Geschichte sollen sie für die synonym gebrauchten Pole progressiv und
konservativ stehen. Das bedeutet: Linke können sich besser etwas anderes
vorstellen als das Vertraute, Rechte halten eher fest an dem, was in ihrer
Vorstellung immer schon so war. Zum Beispiel in Bezug auf
Geschlechtsidentität, Wirtschaftssystem, Machtverteilung,
Bevölkerungszusammensetzung.
Deshalb, das nur am Rande, werden Medien oft als links wahrgenommen, weil
sie das Bestehende kritisieren, ebenso die Kunst, weil sie dann interessant
ist, wenn sie etwas Neues erschafft. Studien deuten darauf hin, dass die
politische Präferenz etwas damit zu tun hat, [5][wie ausgeprägt das
Sicherheitsbedürfnis einer Person ist]. Dementsprechend geht links mit
einer größeren Ambiguitätstoleranz einher. Und rechts mit einem größeren
Ordnungsbedürfnis.
## Eine linke Insel der Seligen
Nach diesen Kriterien war die Bremer Stadtgesellschaft lange Zeit eine
[6][linke Insel der Seligen], mit Platz und Herz für alle: Millionäre und
Geflüchtete, Autonome und Industrielle. Studien bescheinigen dem Bundesland
[7][eine besonders hohe Akzeptanz] für abweichende Lebensstile. Es wird
seit jeher von der SPD mit wechselnden Koalitionspartnern regiert. Bisher
musste die Partei nicht viel mehr machen, als in der Regierung alle anderen
aus- und damit auch zusammenzuhalten, seit 2019 die Grünen und die Linke.
Doch auch in Bremen wächst augenscheinlich das Sicherheitsbedürfnis, die
Stadt wird bei allem Zulauf für die Partei Die Linke konservativer. Ein
Jahr vor der nächsten Landtagswahl überholte die CDU die SPD in der
jüngsten Wahlumfrage. Und die vergangenen zwei Monate seit Bekanntwerden
der sogenannten V-Mann-Affäre haben einen Drang zur Eindeutigkeit in der
Stadt offen gelegt, der sich nicht mit linken Werten verträgt und im
Widerspruch steht zum Wesen der Demokratie, die immer etwas unordentlich
ist, weil sie verschiedene Interessen vereinen muss. Hier gut, dort böse,
nicht mehr links, sondern „linksextrem“.
Eine wichtige Rolle wird dabei dem Verfassungsschutz zugewiesen. Das
Versprechen, er könne Gefahren durch Islamisten und Neonazis wirkungsvoll
eindämmen, hat er bisher weder auf Bundes- noch auf Landesebene eingelöst.
Umso unerschütterlicher, so scheint es, ist der Glaube an ihn, wie an einen
magischen, unfehlbaren Schutzpatron der Demokratie.
Dieser Eindruck drängt sich auf, wenn man die Berichterstattung in den
Bremer Lokalmedien über die V-Mann-Affäre, die Leser-Kommentare unter den
Artikeln sowie Reaktionen von Politiker:innen zum Maßstab nimmt. Nur
vereinzelt wurden etwa Zweifel an der Rechtmäßigkeit und Notwendigkeit des
V-Mann-Einsatzes formuliert. Von der Linken deutlich, hinter vorgehaltener
Hand von Grünen. Zu der Kundgebung Anfang März hatten immerhin die
Jugendorganisationen von Grünen und SPD aufgerufen sowie die DGB-Jugend und
die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft.
## Überwindung der bestehenden Ordnung
Aber die überwältigende Mehrheit der Wortmeldungen hieß den Einsatz gut und
mühte sich um Distanzierung von der IL. „Knallharte Extremisten“ seien
deren Mitglieder, schrieb ein [8][Redakteur im Weser Kurier] über die IL,
und evozierte so eine Nähe zu RAF-Terrorist:innen, die Menschen ermordet
hatten. Selbst gesprochen hatte er nicht mit ihnen, ihm reichte wie so
vielen anderen die Einschätzung des Bremer Landesamts für
Verfassungsschutz.
Wie das Landesamt über sein Beobachtungsobjekt denkt, lässt sich im
Jahresbericht der Behörde nachlesen. „Linksextremist:innen eint das Ziel
der Überwindung der bestehenden Staats- und Gesellschaftsordnung und der
Errichtung eines herrschaftsfreien oder kommunistischen Systems.“ Als
„gewaltorientiert“ gilt man dem Verfassungsschutz auch, wenn man sich nicht
von Gewalt abgrenzt – wie die Interventionistische Linke. Ihr bescheinigt
der Verfassungsschutz ein „taktisches Verhältnis“ zur Gewalt. Sie arbeite
„eng mit gewalttätigen Akteur:innen zusammen“ und rufe nur deshalb nicht
selbst zu Gewalt auf, „weil sie damit ihre als notwendig erachtete
Zusammenarbeit mit Nichtextremist:innen aufgeben müsste“.
An einem Freitag Mitte Februar trifft die taz zwei dieser
gewaltorientierten Linksextremist:innen in einem kleinen Café im
Bremer Steintorviertel. Florian trägt eine blaue Trainingsjacke und ein
buntes Halstuch, Katharina schwarzen Rock und schwarzes Oberteil, dazu
einen senfgelben Schal. Er ist 34 Jahre alt und seit deren Gründung 2014
bei der IL, sie ist ein Jahr älter und seit 2019 dabei.
Weil sie Sorge um ihren Arbeitsplatz haben, nennen beide zunächst einen
falschen Namen, deshalb erscheinen sie hier mit Vornamen und ohne weitere
Angaben zu ihrem Arbeitsplatz. Die Vorsicht ist verständlich: Immerhin
gelten sie offiziell als Staatsfeinde und sind jahrelang bespitzelt worden.
Drei Stunden dauert das Treffen. Die beiden sind freundlich zurückhaltend
und beantworten die meisten Fragen der taz, auch die nach der Anzahl der
Mitglieder der Bremer Gruppe der IL. Bundesweit seien es etwa 1.000
Personen. Nach Rücksprache mit ihren Genoss:innen – so nennen sie
einander – bitten sie um die Formulierung „eine Zahl im mittleren
zweistelligen Bereich“ für die Bremer Gruppe. Mit etwas bitterem Tonfall
fügen sie hinzu, dass der Verfassungsschutz die genaue Zahl kenne.
Und nicht nur das. Dîlan S., der enttarnte Spitzel, hat Florian oft die
Haare geschnitten, wie einigen anderen Genoss:innen auch, viele haben
mit ihm über sehr persönliche Themen gesprochen. Er habe oft über
Trauma-Erfahrungen reden wollen, sagt Katharina, auch mit ihr. „Ich weiß
nicht, was er davon an den Verfassungsschutz weiter gegeben hat“. Das sei
für sie eine Form der Gewalt – psychische. Auch Freund:innen,
Partner:innen und Familien der IL-Mitglieder sind betroffen, weil es in
den Gesprächen auch um sie ging, weil sie als Nicht-Mitglieder der IL mit
Dîlan S. Kontakt hatten, mit ihm gefeiert haben. „Meine Partnerin ist sehr
wütend“, sagt Florian, Dîlan S. sei auch bei ihnen in der Wohnung zu Gast
gewesen.
Katharina und Florian erklären, warum sie sich bei der IL engagieren. Sie
wollen ein Ende von Hunger, Kriegen, Gewalt gegen Frauen und andere
diskriminierte Gruppen, eine wirkungsvolle Bekämpfung der Klimakrise. Der
parlamentarischen Demokratie trauen sie in all diesen Punkten nichts zu. Im
Gegenteil, sagen sie, es habe sich vieles verschlechtert, die
Klimaneutralität sei in weite Ferne gerückt, Reiche würden immer reicher,
Macht akkumuliere sich in den Händen sehr weniger Menschen.
Mit Demokratie, der Herrschaft des Volkes beziehungsweise seiner Mitglieder
über sich selbst, habe das alles nicht mehr viel zu tun. Deshalb wollen sie
einen Bruch mit dem bisherigen System. Staaten müssten abgeschafft werden –
um alle Lebensbereiche radikal demokratisieren zu können. So steht es auch
in einem 2024 veröffentlichten 55 Seiten starken Positionspapier der IL.
Dass der Verfassungsschutz da alarmiert ist und tätig wird, ist keine
Überraschung. Er hat schließlich die Aufgabe, das bestehende System zu
schützen. Aber als Bürgerin, als Redakteur, als Bürgerschaftsabgeordneter
kann ich zu einem anderen Schluss kommen. Wer ein System, das so viel Leid
über viele Menschen bringt, infrage stellt und darüber hinaus denkt: Ist
das nicht einfach eine linke Haltung?
„Es ist möglich, für ein gutes Leben für alle zu kämpfen“, sagt Katharina,
„aber das geht nicht alleine“. Und wenn man es wirklich ernst meine mit
einer besseren Welt, sagt Florian, dann müsse man sich organisieren und
strategisch vorgehen. Zu der Strategie gehört auch die Vernetzung mit
anderen Organisationen, zum Beispiel Gewerkschaften. „Wir fahren zusammen“
hieß eine bundesweite Aktion, an der sie sich 2024 beteiligten. Die
Forderung nach besseren Arbeitsbedingungen für Bus- und
Straßenbahnfahrer:innen wurde dabei verknüpft mit der nach einem
Ausbau des öffentlichen Nahverkehrs.
Florian lacht leise, als er sich an die Gespräche am Grill erinnert. Die
Busfahrer:innen hatten vegane Würstchen besorgt und waren erstaunt,
dass er Fleisch isst. „Das war eine gute Erfahrung“, sagt Florian, „wir
haben Vorurteile abgebaut und bei allen kulturellen Differenzen
Gemeinsamkeiten kennengelernt“.
## Die Offenheit als eine Gefahr
Es ist genau diese Offenheit der IL, die sie in den Augen des
Verfassungsschutzes so gefährlich macht. Sie habe eine „Scharnierfunktion
zwischen linksextremistischen und nichtextremistischen Akteur:innen“, heißt
es im Verfassungsschutzbericht. Deshalb wird sie überwacht. Mit Duldung des
Parlaments, das die Arbeit des Verfassungsschutzes über eine
Kontrollkommission aus acht Abgeordneten überwacht, die zur Geheimhaltung
verpflichtet sind.
Doch aus dieser Kommission heraus wurden Informationen weitergegeben –
offensichtlich mit dem Ziel, das Label linksextrem einer mitregierenden
Partei umzuhängen, den Linken. Das versuchen neben den Rechtspopulisten im
Parlament CDU und FDP seit Jahren. Aber erst mit der V-Mann-Affäre setzte
sich das Narrativ in den Medien durch, SPD und Grüne schrieben daran mit.
Die Lokalzeitung Weser Kurier begann sogar eine Artikelserie
[9][„Linksextremismus in Bremen“], Radio Bremen veröffentlichte mehrere
[10][„Enthüllungsberichte“].
Am 11. Februar sendete Radio Bremen auch einen [11][Beitrag], in dem der
Reporter sagt, aus der Kontrollkommission sei ein Thema „durchgesickert“:
nämlich, dass ein Fraktionsmitarbeiter der Linken Mitglied der IL sei. Die
CDU setzte am Folgetag gleich drei Pressemitteilungen zu diesem Thema ab.
„Wir müssen befürchten, dass ein mutmaßlicher Linksextremist jahrelang
Einfluss auf die Bremer Gesetzgebung gehabt haben könnte“, schrieb die
Fraktion in einer dieser Pressemitteilungen und forderte eine Distanzierung
des Bürgermeisters Andreas Bovenschulte (SPD) vom Linksextremismus.
Der ließ sich auf ein Pingpongspiel mit dem Weser Kurier ein, der ihn dazu
nötigen konnte, von der Linken ein Bekenntnis zur „freiheitlich
demokratischen Grundordnung“ zu verlangen.
Nelson Janßen, Fraktionsvorsitzender der Linken, den der Bremer
CDU-Landesvorsitzende Ende Januar in einer Parlamentsdebatte gefragt hatte,
ob er „das nette Gesicht des Linksextremismus“ sei, sagte auf wiederholte
Nachfrage des Weser Kuriers, die Linke lehne Gewalt ab, stehe
selbstverständlich zur Verfassung – und werde dem Mitarbeiter, dem
nachgesagt wurde, Mitglied der IL zu sein, nicht kündigen, weil sie an
dessen Verfassungstreue nicht zweifle.
Das Verblüffende war: Der Inhalt der Information, dass eben ein Mitarbeiter
der Fraktion bei der IL sein solle, sorgte in der Stadt für große
Aufregung. Nicht aber die Tatsache, dass ihre Weitergabe eine Straftat
darstellt. [12][Mittlerweile ermittelt die Staatsanwaltschaft] wegen des
Verdachts auf Verstoß gegen die Geheimhaltungspflicht.
Diese Verkehrung ließ sich an zwei weiteren Beispielen beobachten. So soll
der V-Mann Dîlan S. enge Beziehungen zu seinen Beobachtungsobjekten
eingegangen sein, auch freundschaftliche und sexuelle, was laut
Bundesverfassungsgericht grundgesetzwidrig ist. Die Linke wollte den
Einsatz parlamentarisch aufarbeiten – Grüne und SPD nicht. Mittlerweile hat
eine von der Bespitzelung betroffene Person vor dem Bremer
Verwaltungsgericht geklagt. Deren Anwalt weist darauf hin, dass sich zudem
anhand der Verfassungsschutzberichte erkennen lasse, dass der
V-Mann-Einsatz keine Erkenntnisse zutage gefördert hätte, die „eine derart
eingriffsintensive Überwachung rechtfertigen“.
Aber auch das wurde von weiten Teilen der Stadtgesellschaft hingenommen.
Als Kollateralschaden? Nach dem Motto: Wenn es gegen Extremist:innen
geht, kann man keine Rücksicht auf in der Verfassung verbürgten Grundrechte
nehmen?
Und dann war da noch die Sache mit dem Anwalt.
Anatol Anuschewski ist ein Bremer Rechtsanwalt, spezialisiert auf
Migrationsrecht. Ein freundlicher, ruhiger Mittvierziger, der sich im
Gespräch mit der taz an den Besuch eines Spiegel-Journalisten am 5. Februar
erinnert. Der hatte ihn spontan in seiner Kanzlei aufgesucht und gefragt,
ob er bei der Enttarnung des V-Manns dabei gewesen sei. Anuschewski konnte
die Frage nicht beantworten, weil er gegenüber Mandant:innen zur
Verschwiegenheit verpflichtet ist.
Noch am selben Tag veröffentlichte der Spiegel online einen Artikel. „Mit
dem Fall befasste Personen“ hätten Anuschewskis Teilnahme an dem „Verhör“
von Dîlan S. bestätigt. Aus Sicht des Spiegel ein Skandal, weil der Anwalt
zu dieser Zeit stellvertretender Richter am Bremer Landesverfassungsgericht
war. Radio Bremen und Weser Kurier stellten die Lesart nicht infrage: Ein
Linksextremist als Verfassungsrichter! Bremens Bürgermeister Andreas
Bovenschulte sowie Emanuel Herold, Fraktionsvorsitzender der Bremer Grünen,
[13][forderten am nächsten Tag den Rücktritt Anuschewskis] und selbst die
Linke legte ihm diesen zunächst nahe – dabei hatte sie ihn selbst für den
Posten vorgeschlagen. Vier Tage später kam Anuschewski dem nach.
Der eigentliche Skandal lag woanders: Ein Anwalt darf sich aussuchen,
welche Mandanten er wie berät und vertritt. Ein Umstand, auf den in den
Tagen danach diverse Juristenvereinigungen hinwiesen. Sie sahen sowohl den
Verfassungsgrundsatz der Gewaltenteilung angegriffen – immerhin hatten
Vertreter von Exekutive und Legislative erfolgreich einen Richter aus dem
Amt gedrängt – sowie das rechtsstaatliche Prinzip der anwaltlichen
Unabhängigkeit. Aber auch das beunruhigte weniger als die mutmaßliche
Anwesenheit Anuschewskis bei der Enttarnung.
Es scheint so, als reiche die Erwähnung einer Gruppe im
Verfassungsschutzbericht und schon übernimmt das Angstzentrum im Gehirn die
Steuerung.
Nun hat es in Bremen in den vergangenen Jahren eine Reihe von
Sachbeschädigungen, Brandanschlägen und auch Körperverletzungen gegeben,
für die die Polizei Linksextremisten verantwortlich macht. Es fehlt aber
selbst nach jahrelangem V-Mann-Einsatz jeglicher Nachweis dafür, dass die
Interventionistische Linke damit mehr zu tun hat als beispielsweise der
Landesvorstand der Bremer CDU.
Auf der anderen Seite stehen im Verlauf der V-Mann-Affäre Parlamentarier im
Verdacht, Gesetze gebrochen zu haben, die Gewaltenteilung wurde aufgehoben,
und der Verfassungsschutz steht im Verdacht, das Grundrecht auf Intimsphäre
verletzt zu haben. Ist es verrückt, wenn es Lilli und anderen da bange um
die Demokratie wird?
Es gibt einen bemerkenswerten Satz in einer Antwort des Bremer Senats auf
die [14][Frage der CDU], wie Radikalisierungsprozesse im linken Spektrum
verhindert werden können. „Prävention gegen Linksextremismus“, schreibt er,
müsse „stärker darauf abzielen, demokratische Konfliktfähigkeit und
Ambiguitätstoleranz zu fördern, ohne jedoch legitime gesellschaftskritische
Positionen zu entwerten.“
Angesichts der Ereignisse der vergangenen Monate könnte man auf die Idee
kommen, Nachhilfe in Konfliktfähigkeit und Ambiguitätstoleranz bräuchten
eher diejenigen, die sich für die Mitte der Gesellschaft halten.
12 Apr 2026
## LINKS
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