# taz.de -- Abschaffung des Bürgergelds: Noch mehr Härten, noch mehr Demütigungen
       
       > Der Bundestag beschäftigt sich mit der Verschärfung der Sanktionen beim
       > Bürgergeld. Im Zentrum der Debatte steht die Figur des
       > „Totalverweigerers“.
       
 (IMG) Bild: Stress und Angst als Begleiter: Insgesamt 5,5 Millionen Menschen beziehen derzeit Bürgergeld
       
       Von der Abschaffung der Karenzzeit für die Schonung von Angespartem bis zur
       Komplettstreichung der Leistungen für vermeintliche „Totalverweigerer“: Auf
       die rund 5,5 Millionen Bezieher:innen des bisherigen Bürgergeldes
       kommen deutlich härtere Zeiten zu.
       
       Nachdem das Kabinett Mitte Dezember [1][den Weg frei gemacht hat für die
       „neue Grundsicherung“], wird sich an diesem Donnerstag erstmals der
       Bundestag mit dem dazugehörigen Gesetzentwurf von Arbeitsministerin Bärbel
       Bas (SPD) beschäftigen. Absehbar ist, dass nicht zuletzt Union und AfD
       erneut das alte Lied der Taiga vom massenhaften Sozialmissbrauch anstimmen
       werden.
       
       Die Debatte wird bestimmt vom Bild der angeblich so vielen Faulen, die
       arbeiten könnten, aber lieber Freizeit auf Kosten des Staates machen:
       [2][den sogenannten Totalverweigerern], die dauerhaft unkooperativ sind und
       Termine beim Jobcenter schwänzen. Selbst das Arbeitsministerium betont,
       dass es sich hierbei um ein Zerrbild handelt. Weniger als ein Prozent der
       Bürgergeldempfänger:innen galten zuletzt als „Totalverweigerer“.
       
       Tatsächlich seien häufig psychische Erkrankungen der Grund, weshalb
       Betroffene nicht zu Terminen beim Jobcenter erscheinen, sagt Nils
       Wohltmann. Er ist Berater des Berliner Arbeitslosenzentrums der
       evangelischen Kirchenkreise, kurz BALZ. „Der Anteil von Menschen mit
       psychischen Erkrankungen in unserer Beratung nimmt zu“, berichtet
       Wohltmann.
       
       ## Irren ist amtlich
       
       Mit einem Bus stehen Wohltmann und seine Kolleg:innen vom BALZ
       regelmäßig vor den Berliner Jobcentern. Unter dem Motto „Irren ist amtlich“
       bieten sie Beratung auf Augenhöhe an, sagt er zur taz. Wenn Betroffene
       direkt aus einem Termin zu ihm in die Sprechstunde in den Bus kommen, seien
       sie nicht selten auf 180. Wohltmann sagt mit Blick auf die
       Arbeitsvermittler:innen: „Es passiert zu viel Demütigung.“
       
       Das BALZ berät, so Wohltmann, „eine sehr heterogene Gruppe“, die eines
       vereint: prekäre Lebensbedingungen. „Wir begegnen Alleinerziehenden,
       Personen, die ihre Angehörigen pflegen, chronisch Kranke, Menschen mit
       Suchtproblemen.“ In der Sprache der Behörden sind das die sogenannten
       Vermittlungshemmnisse.
       
       Wohltmann legt Wert darauf, dass alle Menschen, denen er begegnet, arbeiten
       wollen: „Bei uns am Bus sagen die Leute immer: ‚Ich will eine Arbeit
       finden, ich will ohne Jobcenter leben.‘“ Es seien letztlich persönliche
       Gründe, die verhindern, dass sie schließlich auch wirklich arbeiten gehen
       können.
       
       Auf genau diese Gruppe zielt die schwarz-rote Rückabwicklung des
       Bürgergelds. Menschen sollten „ihren Lebensunterhalt vollständig und
       möglichst dauerhaft aus eigenen Kräften bestreiten“, heißt es im
       Gesetzentwurf der Bundesregierung. Dementsprechend werden auch die
       „Mitwirkungspflichten“ der Betroffenen verschärft, inklusive der
       Sanktionsdrohungen.
       
       ## Panik bei Betroffenen
       
       Nach den derzeitigen Regelungen wird man aktuell bei Pflichtverletzungen
       gestaffelt sanktioniert. Nach der ersten Pflichtverletzung, etwa einem
       verpassten Termin, kann das Jobcenter das Bürgergeld für einen Monat um 10
       Prozent senken. Beim zweiten Verstoß entfallen 20 Prozent für zwei Monate,
       beim dritten Verstoß 30 Prozent für drei Monate.
       
       Künftig sollen die Gelder bereits nach dem zweiten versäumten Termin um 30
       Prozent gekürzt werden. Beim dritten Nichterscheinen werden die Zahlungen
       für mindestens einen Monat komplett gestrichen. Auch wer eine
       Fördermaßnahme abbricht oder sich nicht bewirbt, muss mit einer stärkeren
       Kürzung der Geldleistung rechnen als bislang. Der Regelbedarf soll dann um
       30 Prozent für jeweils drei Monate gemindert werden können.
       
       Arbeitsministerin Bas versichert zwar, dass alle, die mit den Jobcentern
       zusammenarbeiten oder Termine aus wichtigen Gründen nicht wahrnehmen
       können, nicht mit Kürzungen rechnen müssen. Auch sollen Schutzmechanismen
       bei Leistungsminderungen für Menschen mit psychischen Erkrankungen gestärkt
       werden. Betroffene dürfte das wenig beruhigen, zumal CDU und CSU
       unverändert auf Härte setzen.
       
       Schon eine 30-prozentige Kürzung sei eine sehr hohe Strafe, sagt Berater
       Wohltmann. „Von so wenig Geld kann man eigentlich gar nicht leben.“
       Zugleich beobachtet er, „dass Sanktionen noch nie zur Motivation geführt
       haben, sondern nur zu Angst“. Die aktuelle Verschärfung der Regeln versetze
       viele, die sich beim BALZ beraten lassen, schon jetzt in Panik. „In aller
       Regel löst das eher noch mehr Krisen in den Menschen aus.“
       
       ## Unverständliche Bescheide
       
       Auch Andreas Wallbaum sagt, er spüre immer wieder den Stress und die Angst
       bei den Menschen, die in seine Sprechstunde kommen. Im „Südblock“, einer
       Bar am Kottbusser Tor in Berlin-Kreuzberg, berät Wallbaum jeden
       Dienstagnachmittag ehrenamtlich Bürgergeldempfänger:innen. Im Kiez ist er
       als „Hartzer Roller“ bekannt.
       
       Anfang des Jahrtausends hatte er selbst als „Kunde“ mit Jobcentern zu tun.
       Nach dieser Erfahrung wurde er zum Berater, zunächst beim
       Arbeitslosenverband. Als bald darauf die Projektmittel ausblieben, machte
       er sich selbstständig. Mit einem motorisierten Dreirad tourte er durch die
       Gegend und bot seine mobile Sozialberatung an. Er wurde zum „Hartzer
       Roller“. Heute ist er Rentner, die Beratung findet nur noch stationär im
       „Südblock“ statt.
       
       Die Sorgen, mit denen Menschen in seine Sprechstunde kommen? „Die Menschen
       erhalten Bescheide, die sie nicht verstehen“, sagt Wallbaum zur taz. „Wir
       schauen dann gemeinsam darauf und prüfen, was jetzt zu tun ist.“ Etwa, ob
       ein Widerspruch Sinn ergibt. Denn zum Teil seien die Bescheide „auch
       einfach fehlerhaft oder unvollständig“.
       
       Behördenkommunikation ist selten einfach verständlich. Nur geht es für
       Menschen, die auf Leistungen des Jobcenters angewiesen sind, hierbei um die
       Existenz. Da macht es eben einen großen Unterschied, ob eine Anlage
       vermeintlich falsch ausgefüllt wurde oder nicht.
       
       Wallbaum berichtet, dass mit der Einführung des Bürgergelds der Stress und
       die Angst bei Betroffenen etwas nachgelassen habe, weil sie nicht mehr
       fürchten mussten, in einen prekären Job gedrängt zu werden. Insofern sei es
       besonders brisant, dass der ursprünglich mit Hartz IV eingeführte und mit
       dem Bürgergeld abgeschaffte Vermittlungsvorrang nun erneut eingeführt
       werden soll.
       
       Geht es nach den Plänen der Koalition, werden die Verschärfungen im
       Frühjahr im Bundestag beschlossen. Nicht nur aufseiten der Grünen, der
       Linkspartei und der Sozialverbände, auch an der SPD-Basis gibt es [3][große
       Widerstände gegen die Reformpläne].
       
       15 Jan 2026
       
       ## LINKS
       
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       ## AUTOREN
       
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