# taz.de -- Wissenschaftler über Bürgergelddebatte: „Damit werden Menschen vom Arbeitsmarkt weggedrängt“
> Mit dem Bild des „arbeitsunwilligen Arbeitslosen“ wird Politik gemacht.
> Die strukturellen Ursachen werden dabei nicht benannt, kritisiert René
> Böhme.
(IMG) Bild: Abgestempelt: Die Erzählung von totaler Arbeitsverweigerung führt zu Stigmatisierung und Scham
taz: Herr Böhme, „arbeitsunwillige Arbeitslose“ – gibt es die überhaupt?
René Böhme: Natürlich gibt es die. Historisch betrachtet hat es immer
Menschen gegeben, die sich nicht von Erwerbsarbeit angesprochen fühlen.
Damit muss meines Erachtens aber eine Gesellschaft zurechtkommen. Die Frage
ist, in welcher Größenordnung bewegt sich das Ganze? Sind es kolportierte
Zahlen von mehreren Millionen, oder sind es – faktengeprüft – nur sehr
wenige?
taz: Was sagen denn die Zahlen?
Böhme: [1][Etwa 16.000 Arbeitsunwillige] wurden in den letzten Analysen
ermittelt. Das entspricht 0,4 Prozent aller erwerbsfähigen,
leistungsberechtigten Personen. Da kann man sich schon fragen: Führen wir
die Debatte wegen 0,4 Prozent?
taz: Warum nimmt die Debatte so viel Raum ein?
Böhme: Wenn wir unseren Sozialstaat anschauen, dann ist dieser sehr stark
auf Erwerbsarbeit zentriert, Sozialversicherungen sind an Arbeit gekoppelt.
Im Zuge der neoliberalen Debatte, die seit 2000 geführt wird, sehen wir
außerdem eine sehr starke Verschiebung der Verantwortung in Richtung des
Individuums. Daraus wird abgeleitet: Es braucht [2][mehr Druck], um
Menschen wieder in Arbeit zu bringen.
taz: Druck, der häufig gar nicht guttut.
Böhme: Das ist eigentlich das Verheerende an der Debatte. Aus der
psychologischen und gesundheitsbezogenen Forschung sehen wir, dass diese
Erzählung vom arbeitsunwilligen Arbeitslosen bei vielen zu
[3][Stigmatisierung, Scham oder sozialer Abwertung] führt. Damit werden
Menschen eigentlich vom Arbeitsmarkt weggedrängt. Genau das Gegenteil von
dem, was als eigentliches Ziel vorgegeben wird. Das zweite Verheerende ist,
dass das untere Einkommensdrittel gegeneinander ausgespielt wird, was eine
Spaltung der Gesellschaft fördert.
taz: Gibt es auch andere Ursachen als Arbeitsunwilligkeit für den
Leistungsbezug von Bürgergeld?
Böhme: Ja, beispielsweise fehlende Qualifikationen oder Sprachkenntnisse,
zu geringe Löhne oder gesundheitliche Einschränkungen. Wir schleppen auch
eine Reihe von Menschen im Bürgergeld durch, die nicht erwerbsfähig sind
und in der Erwerbsunfähigkeitsrente besser aufgehoben wären. Um als
erwerbsfähig zu gelten, reichen drei Stunden Arbeit pro Tag aus. Diese drei
Stunden müssen noch nicht mal am Stück absolviert werden – diese Jobs gibt
es aber nirgendwo und beim Sozialen Arbeitsmarkt wurde zuletzt wieder
vielerorts gekürzt.
taz: War Arbeitslosigkeit in der BRD schon immer Teil der politischen
Debatte?
Böhme: Den ersten Hinweis in der Nachkriegs-BRD findet man 1975. Da hat ein
sozialdemokratischer Arbeitsminister gesagt, wir müssen zur Kenntnis
nehmen, dass es auch einen gewissen Schwund an Arbeitsmoral gibt. Später
waren es die [4][Hartz-Gesetze], die auch von der SPD kamen. Vielfach ist
festzustellen, dass diese Debatten in Wahlkampfzeiten auftauchen, wobei die
Hintergründe von Arbeitslosigkeit verschleiert werden.
taz: Warum ausgerechnet die SPD?
Böhme: Die Sozialdemokraten waren sehr stark im Arbeitermilieu verwurzelt.
Gerade bei den unteren Mittelschichten hat man sich versprochen, dass diese
Dialektik belohnt wird. Der hart Arbeitende, der frühmorgens aufsteht,
gegen denjenigen, der das nicht tut. Gerade in den vergangenen Jahren ist
diese Debatte aber sehr stark [5][von Union, FDP, oder auch AfD geprägt].
Einerseits als Begründung für eine restriktivere Migrationspolitik,
andererseits als Argument, warum im Sozialbereich Einsparungen notwendig
sein sollen.
taz: Was ist die große Herausforderung in dieser Debatte?
Böhme: Das Bild des arbeitsunwilligen Arbeitslosen ist leicht zu zeichnen.
Wenn wir uns allerdings an die wirklichen strukturellen Ursachen von
Arbeitslosigkeit heranwagen, dann sind das verschiedene Ursachen, die
häufig miteinander verwoben sind. Das zu vermitteln, ist die große
Herausforderung.
22 Feb 2026
## LINKS
(DIR) [1] https://www.arbeitsagentur.de/presse/2024-15-leistungsminderungen-in-der-grundsicherung-steigen-in-2023
(DIR) [2] /Soziale-Kuerzungen/!6092978
(DIR) [3] https://www.deutschlandfunk.de/stigmatisierung-arbeitslosigkeit-102.html
(DIR) [4] /Hartz-IV/!t5008711
(DIR) [5] /Debatte-um-die-neue-Grundsicherung/!6145928
## AUTOREN
(DIR) Johannes Strauch
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