# taz.de -- Härten der neuen Grundsicherung: „Es müsste verpflichtend sein, einen Hausbesuch zu machen“
       
       > Jürgen Leuther ist Sprecher der Depressionsliga. Er hat den psychischen
       > Druck der Behörden selbst erlebt. Die Bürgergeld-Reform wird ihn
       > verschärfen.
       
 (IMG) Bild: Depressionen können sehr unterschiedlich ausgeprägt sein
       
       taz: Herr Leuther, [1][die neue Grundsicherung], die das Bürgergeld ablösen
       soll, sieht schnellere und härtere Strafen vor. Wie wirken
       Sanktionsandrohungen auf Menschen in einer depressiven Phase? 
       
       Jürgen Leuther: Das ist Gift für Menschen in einer Depression. Ich bin
       selbst auch mal erkrankt, und in dieser Zeit war ich nicht in der Lage,
       meine Wohnung zu verlassen oder mich um Dinge zu kümmern. Dabei war ich als
       ausgebildeter Therapeut ein Profi, ich habe lange selbst Menschen in
       depressiven Phasen geholfen, ich kannte das ganze Hilfesystem. All das hat
       mir nichts genutzt. Ich bin nicht mehr zum Arzt gegangen. Der hat mich
       nicht mehr krankgeschrieben und dann wurde mein Krankengeld eingestellt.
       
       taz: Das klingt furchtbar. 
       
       Leuther: Ja. Ich konnte eine Weile lang von meinem Vermögen leben. Erst als
       es mir wieder etwas besser ging, konnte ich mich um Hilfe bemühen.
       Depressionen können sehr unterschiedlich ausgeprägt sein. Schreiben mit
       Sanktionsdrohungen bauen auf jeden Fall zusätzlichen Druck auf und erhöhen
       die psychische Belastung. Manche haben sowieso schon Angst davor, ihre
       Briefe zu öffnen. Sie denken, dass sie die Inhalte nicht verstehen oder
       nicht bewältigen können.
       
       Bundesarbeitsministerin Bärbel Bas (SPD) hat mehrfach betont, psychisch
       erkrankte Menschen vor Sanktionen schützen zu wollen. Laut Gesetzentwurf
       muss es eine persönliche Anhörung geben, wenn eine psychische Erkrankung
       bekannt ist. Reicht das? 
       
       Leuther: Das Entscheidende ist doch: Wie sieht dieses Gesetz in der Praxis
       aus? Für viele depressive Menschen ist es schwer, Psychotherapeuten
       abzutelefonieren und einen Platz zu kriegen. Wirklich schwer Erkrankte
       können das gar nicht leisten…
       
       taz: Und die sind dann wahrscheinlich auch nicht diagnostiziert. In dem
       Fall gilt: Bevor alle Leistungen eingestellt werden – inklusive der
       Wohnkosten – müssen Jobcenter-Mitarbeiter:innen die „Gelegenheit zu einer
       persönlichen Anhörung“ bieten. 
       
       Leuther: Dann kriege ich also noch mal einen Brief, den ich nicht aufmache,
       in dem steht: „Kommen Sie bitte“?
       
       taz: Vermutlich ja. Wie könnte es besser geregelt sein? 
       
       Leuther: In solchen Fällen müsste es verpflichtend sein, einen Hausbesuch
       zu machen, am besten in Kombination mit einem sozialpsychiatrischen Dienst
       und einem Sozialarbeiter. Wenn man wirklich psychisch kranken Arbeitslosen
       helfen will, braucht man viel mehr aufsuchende Hilfen. Das kann das
       Jobcenter nicht allein lösen. Man braucht Teams von Psychologen, Ärzten,
       Sozialarbeitern, die mit den Menschen Post und Behördengänge durchgehen,
       vielleicht Medikationen klären.
       
       taz: So ist es aber nicht. [2][Viel liegt im Ermessensspielraum] der
       Jobcentermitarbeiter:innen, ob jemand am Ende seine Wohnung verliert. 
       
       Leuther: Wenn eine Person den Aufforderungen nicht nachkommen kann und
       deswegen fürchten muss, obdachlos zu werden, geht es wirklich um
       existenzielle Ängste. Jobcentermitarbeiter sollten keine Hobbypsychologen
       sein, das ist gefährlich. Vor allem wenn man bedenkt: Viele Behörden sind
       knapp besetzt, überlastet und haben lange Bearbeitungszeiten. Da ist wenig
       Zeit, auf individuelle Belastungen einzugehen. Es kann nur mit einem gut
       ausgebauten ambulanten Hilfsnetzwerk funktionieren. Dann kann ich mit den
       Betroffenen alles durchgehen: Was steht in dem Brief? Was muss getan
       werden? Und wenn eine Person nicht in der Lage ist, ihren Alltag zu
       bestreiten, oder unter Ängsten leidet, dann braucht es eine Krankschreibung
       – und das ist der Job von Ärzten, Psychotherapeuten, Psychiatern.
       
       taz: Neu ist bei der Grundsicherung auch, dass Mieter:innen ihre
       Vermieter rügen müssen, wenn die eingeforderte Miete zu hoch ist. [3][Die
       Depressionsliga kritisiert das]. Warum? 
       
       Leuther: Es ist doch grotesk. Unabhängig davon, ob man depressiv ist oder
       nicht: Wer legt sich denn gerne mit seinem Vermieter an in dieser
       dramatischen Wohnungsnot? Derzeit können sich doch selbst Normalverdiener
       kaum noch Wohnraum leisten. Es gibt viel zu wenig Sozialwohnungen. Wenn ich
       nun arbeitslos bin oder wenig Geld habe und von der Grundsicherung lebe –
       dann soll ich Mietwucher persönlich mit meinem Vermieter auskämpfen? Diese
       Regelung ist doch für alle eine Zumutung, für depressive Menschen umso
       mehr. Aber es passt in den Trend dieser Gesellschaft, die Verantwortung
       immer stärker zu individualisieren.
       
       taz: Sind psychische Erkrankungen unter Menschen, die arbeitslos sind,
       häufiger als in der arbeitenden Bevölkerung? 
       
       Leuther: Bei Langzeitarbeitslosen geht man davon aus. Arbeitslosigkeit und
       psychische Erkrankungen können sich gegenseitig verstärken. Wenn ich
       regelmäßig arbeite und sehr viel Geld habe, schützt mich das zwar nicht vor
       einer Depression – keine Frage. Aber Lebensumstände spielen auch eine
       Rolle. Wenn ich mir Alleinerziehende mit Kindern anschaue, dann ist da so
       viel Druck im Leben. Die Kinderbetreuung und Schulen sind auf Kante genäht,
       Jobs sind prekär, vielleicht gibt es noch einen Scheidungskrieg. Diese
       Faktoren können das Risiko erhöhen. Früher hat man dann von reaktiver
       Depression gesprochen, das hat die Diagnostik aber abgeschafft.
       
       taz: Was bedeutet das? 
       
       Leuther: Früher wurde stärker unterschieden, ob man zum Beispiel wegen
       Drogenkonsum und Entzug erkrankt, wegen einer Veranlagung, oder ob man auf
       schwierige Lebensumstände reagiert, etwa auf Arbeitslosigkeit oder einen
       Todesfall. Heute unterscheidet man nur, ob es sich um eine einfache,
       mittelschwere oder schwere Episode handelt. Dabei hat man ein bisschen
       vergessen, dass eine Depression immer auch eine Reaktion auf widrige
       Lebensumstände sein kann. Das ist auch wichtig für die Behandlung. Wir
       wissen zum Beispiel, Sport hilft bei Depressionen, aber wenn ich Angst
       habe, meine Wohnung zu verlieren, und mein Umfeld instabil ist, dann hilft
       es auch nicht, um den Block zu joggen.
       
       15 Jan 2026
       
       ## LINKS
       
 (DIR) [1] /Neue-Gesetze-und-Verordnungen/!6142003
 (DIR) [2] /Abschaffung-des-Buergergelds/!6145563
 (DIR) [3] https://depressionsliga.de/ueber-uns/vorstand-und-geschaeftsstelle/#:~:text=J%C3%BCrgen%20Leuther%20ist%20Diplom-P%C3%A4dagoge,Menschen%20mit%20depressiven%20Erkrankungen%20ein.
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Jasmin Kalarickal
       
       ## TAGS
       
 (DIR) Grundsicherung
 (DIR) Bürgergeld
 (DIR) Sanktionen
 (DIR) Depression
 (DIR) Reden wir darüber
 (DIR) Schwerpunkt Armut
 (DIR) Social-Auswahl
 (DIR) Bürgergeld
 (DIR) Altersarmut
 (DIR) Bürgergeld
       
       ## ARTIKEL ZUM THEMA
       
 (DIR) Abschaffung des Bürgergelds: Noch mehr Härten, noch mehr Demütigungen
       
       Der Bundestag beschäftigt sich mit der Verschärfung der Sanktionen beim
       Bürgergeld. Im Zentrum der Debatte steht die Figur des „Totalverweigerers“.
       
 (DIR) Altonaer Bezirkspolitiker fordern Gnade: Rentner soll Flaschenpfand trotz Sozialhilfe behalten dürfen
       
       Grüne, SPD und FDP in Altona sehen Ermessensspielraum: Stadt muss dem
       Flaschensammler Hans S. Pfandeinnahmen nicht von Sozialhilfe abziehen.
       
 (DIR) Neue Grundsicherung: Millionen Zusatzkosten statt Milliardeneinsparungen
       
       Die Arbeitsagentur bekommt durch die Bürgergeldreform neue Aufgaben. Statt
       Geld zu sparen, kostet die Reform zunächst. Und zwar die Beitragszahler.