# taz.de -- Reform des Sozialstaats: „Mit einem System, das keiner durchschaut, steigt nur der Frust“
> Der Sozialstaat ist bürokratisch und ineffizient. Eine Kommission soll
> nun Reformpläne vorstellen. Juristin Franziska Vollmer hat dafür eine
> Vision.
(IMG) Bild: Jobcenter, hier könnten alle Sozialleistungen zusammengefasst werden
taz: Frau Vollmer, die Sozialstaatskommission der Bundesregierung wird bald
ihre Reformvorschläge vorstellen. Haben Sie den Eindruck, es gibt eine
Vision, die diese Kommission antreibt?
Franziska Vollmer: Die Probleme in den Sozialsystemen sind groß. Vor allem
einkommensschwache Familien sind häufig mit einem Aufwand konfrontiert, der
eigentlich inakzeptabel ist. Wenn sie mehrere Sozialleistungen parallel
beziehen, also beispielsweise Kinderzuschlag und Wohngeld, müssen sie zu
unterschiedlichen Stellen gehen und jedes Mal aufs Neue ihre
Bedarfssituation darlegen. Das will man verständlicherweise ändern. Aber
von einer konkreten Vision, wie das Problem angegangen werden soll, habe
ich bisher nicht gehört.
taz: Wenn es nach Ihnen ginge: Was sollte eine Reform leisten?
Vollmer: [1][Sozialleistungen zusammenzufassen] ist immer schwierig. Ich
war lange im Familienministerium tätig und [2][sollte dort am Ende die
Kindergrundsicherung ausarbeiten]. Auch bei dem Projekt ging es
vordergründig darum, Leistungen zusammenzufassen – was im Grunde richtig
ist. Das Problem war aber: Es ging nur um die Leistungen für die Kinder und
nicht um die für die Familie insgesamt. Für die Kinder hätten Eltern also
zu einer Behörde gehen müssen, für ihre eigenen Bedarfe zu einer anderen.
Das hätte die Bürokratie für die Familien im Bürgergeld noch aufwändiger
gemacht. Mein Gegenvorschlag ist, Bürgergeld, Kinderzuschlag, Wohngeld und
möglichst auch noch weitere Leistungen konsequent zu einer einzigen
Leistung zusammenzufassen.
taz: Wie würde das gegen das Bürokratiechaos helfen?
Vollmer: Es käme nur noch eine steuerfinanzierte Leistung in Betracht, wenn
das Geld für Eltern, Kinder und Wohnen knapp ist. Dementsprechend wären nur
noch eine Behörde und ein Bundesressort zuständig und auch die Finanzierung
wäre einheitlich. Menschen mit knappem Einkommen müssten nicht mehr zu
verschiedenen Leistungsträgern gehen. Sie würden ihre Daten einmal angeben
und die Informationen wären automatisch in der richtigen Akte –
Schnittstellenprobleme zwischen den IT-Systemen verschiedener Behörden
wären so kein Thema mehr. Und: Wenn ich ein einziges Leistungssystem
schaffe, kann ich das Problem der hohen Transferentzugsraten leichter
lösen.
taz: Die Transferentzugsraten drücken aus, in welchem Umfang die
Sozialleistungen für eine Person sinken, wenn ihr Arbeitseinkommen steigt.
Die Entzugsraten verschiedener Sozialleistungen werden teilweise addiert.
Vollmer: Genau, im Moment gibt es dadurch Konstellationen, in denen von 100
oder sogar 1.000 Euro, die eine Person zusätzlich brutto verdient, während
sie Sozialleistungen bezieht, [3][nicht ein einziger Euro bei ihr ankommt].
Leistung lohnt sich in diesen Fällen gar nicht. Das halte ich für ungerecht
und das ist meines Erachtens auch verfassungsrechtlich bedenklich. Gibt es
nur ein einziges System, lässt sich das Problem viel einfacher lösen als
bei mehreren Systemen, die nebeneinander laufen.
taz: In [4][einer Studie von Ihnen] sagen Sie, ein Zusammenlegen von
Wohngeld, Kinderzuschlag und Bürgergeld könnte auch die Stigmatisierung von
Bürgergeldempfänger:innen reduzieren. Wie stellen Sie sich das vor?
Vollmer: Meine Hoffnung wäre, dass durch ein einheitliches System die
Hierarchisierung zwischen den sozialen Leistungen aufhört und die
Berechtigten nicht weiter gegeneinander ausgespielt werden. [5][Häufig wird
ein Bild gezeichnet], in dem Bürgergeldempfänger einfach keine Briefe
öffnen, gezielt versuchen, allen Anstrengungen aus dem Weg zu gehen und nur
unbehelligt Geld beziehen wollen. Diese Stigmatisierung wird vielerorts
aktiv betrieben. Daneben werden die vermeintlich guten Sozialleistungen
gestellt, also der Kinderzuschlag und das Wohngeld. Fragen der
Stigmatisierung lassen sich durch ein Gesetz zwar schlecht steuern. Wenn
der Grundgedanke aber ist, keinen abzuhängen, vor allem auch kein Kind
abzuhängen, finde ich es richtig, die Gruppen derjenigen, die einen
sozialen Ausgleich brauchen, zusammenzudenken.
taz: Welche Stelle sollte für so eine neue, einheitliche Leistung denn
zuständig sein?
Vollmer: Am naheliegendsten wären die Jobcenter, das sind insgesamt
leistungsfähige Behörden. Damit wären aber auch Herausforderungen
verbunden. Es fängt damit an, dass viele Jobcenter von der Bundesagentur
für Arbeit zusammen mit den Kommunen betrieben werden. Das Grundgesetz
lässt solche gemeinsamen Einrichtungen nur für erwerbsfähige Personen zu –
also im Grunde nur für das Bürgergeld. Bezieht man das Wohngeld ein, kämen
aber auch Nicht-Erwerbsfähige, insbesondere Rentner*innen, dazu. Man müsste
also die Verfassung ändern – dafür ist eine breite politische Mehrheit
nötig.
Taz: Ließe sich das denn grundsätzlich bis zur nächsten Bundestagswahl
umsetzen?
Vollmer: Dafür braucht man länger Zeit. Aber es lohnt sich, den Weg
einzuschlagen.
taz: Wären Zwischenschritte denkbar, die leichter umzusetzen sind?
Vollmer: Man könnte zum einen den Kinderzuschlag ins Bürgergeld
integrieren. Beide Leistungen werden nur erwerbsfähigen Menschen gewährt,
deswegen ließe sich das relativ leicht zusammenfassen. Außerdem könnte man
für erwerbsfähige Personen das Wohngeld durch ausgewogene Regelungen im
Bürgergeld ablösen. Für diese Gruppe würden die Bedarfe für Eltern, Kinder
und Wohnkosten dann komplett über das Bürgergeld beziehungsweise die
Grundsicherung abgedeckt. Das separate Wohngeld bliebe nur noch für die
Nicht-Erwerbsfähigen erhalten.
taz: Und so eine Teil-Reform wäre noch in dieser Legislaturperiode
umsetzbar?
Vollmer: Theoretisch ja. Praktisch tun sich alle Institutionen,
Ministerien, Parteien, auch Verbände, wahnsinnig schwer, etwas aus dem
eigenen Bereich abzugeben. Den Kinderzuschlag aufzugeben, bedeutet für das
Familienressort einen echten Einschnitt, es müsste Geld und Einfluss
abgeben. Wird das Wohngeld abgeschafft, könnten sich die Bundesländer
einerseits freuen, weil sie es bislang mitfinanzieren müssen. Andererseits
geht mit der bisherigen Finanzverantwortung der Bauressorts in den Ländern
ja auch wieder Einfluss einher. Und viele Leiter von Wohngeldstellen in den
Kommunen werden vermutlich sagen: Wir haben den Vollzug des Wohngeldes und
auch der jüngsten Reform gestemmt, das können wir jetzt auf keinen Fall
aufgeben.
taz: Schwarz-Rot hat im Koalitionsvertrag eine andere Teilzusammenlegung
ins Spiel gebracht: Wohngeld und Kinderzuschlag fusionieren, die
Grundsicherung aber außen vorlassen. Wäre das ein Schritt nach vorne?
Vollmer: Kinderzuschlag und Wohngeld sind sehr verschieden konstruiert. Die
Einkommen werden unterschiedlich berechnet, die Wohnkosten unterschiedlich
ermittelt, die Berechtigten sind unterschiedlich definiert. Der
Kinderzuschlag passt von der Struktur her viel besser zur Grundsicherung –
integriert man ihn jetzt ins Wohngeld, würde man ihn von ihr wegentwickeln.
Das ist also kein sinnvoller Zwischenschritt zum Ziel, alles
zusammenzulegen, zumal viele Wohngeldstellen extrem überlastet sind. Das
Wohngeld in den Kinderzuschlag zu integrieren, wäre andersherum auch
seltsam: Dann müssten leistungsberechtigte Rentnerinnen und Rentner zur
Familienkasse gehen, mit der sie bislang gar nichts zu tun haben. Ich kann
mir das schlechterdings nicht vorstellen.
taz: Angenommen also, eine Vereinfachung führt dazu, dass mehr Menschen die
Leistungen in Anspruch nehmen. Dadurch würden die Kosten steigen – Sie
selbst schreiben hierzu von Kosten in Höhe von 4 Milliarden Euro. In der
aktuellen Lage erscheint das politisch kaum durchsetzbar.
Vollmer: Meine Hoffnung ist tatsächlich, dass nach einer Reform oder auch
nach einer breit getragenen Kampagne zum geltenden Recht mehr Menschen die
Leistungen in Anspruch nehmen. Jetzt scheuen sie häufig den Aufwand oder
die Stigmatisierung oder verlieren sich im Leistungsdschungel und wissen
gar nicht, dass sie einen Anspruch haben. Durch eine höhere Inanspruchnahme
entstehen mehr Kosten, aber die könnten wir tragen. Gegebenenfalls könnten
wir auch noch mehr Einnahmen realisieren – das wäre zum Beispiel bei der
Erbschaftsteuer ohne weiteres möglich.
taz: Das erscheint politisch nicht realistischer. Friedrich Merz kann nicht
noch mehr Wahlkampfversprechen einkassieren.
Vollmer: Es ist politisch nicht einfach. Aber wenn die zusätzlichen Kosten
allein darin liegen, dass die Menschen wieder wissen, was ihnen zusteht,
und ihre Ansprüche geltend machen, muss sich dem auch die CDU stellen.
taz: Der Union könnte eher daran gelegen sein, die Vereinfachung von
Leistungen mit der Kürzung von Leistungen zu verbinden. Die Befürchtung
vernimmt man zumindest aus der SPD. Ist der aktuelle Leistungsdschungel
also gerade ein Bollwerk gegen den Sozialabbau?
Vollmer: Zu sagen, man macht keine Vereinfachung, weil dieser Dschungel die
eine oder andere Begünstigung versteckt, halte ich für kontraproduktiv. Mit
einem System, das kein Mensch durchschaut, steigt nur der Frust, auch bei
der SPD. Da wünsche ich mir auch, dass die Sozialverbände den Sprung machen
und nicht sagen: Es darf in keinem einzigen Fall eine Schlechterstellung
geben. Das werden wir kaum schaffen. Der Kinderzuschlag ist zum Beispiel
über alle Altersgruppen hinweg einheitlich. In der Grundsicherung werden
dagegen ältere Kinder ein wenig stärker unterstützt als jüngere. Wenn ich
jetzt den Kinderzuschlag integriere in die Grundsicherung, dann muss ich
auch diese Altersstaffelung übernehmen. Dadurch wird es für junge Kinder
tendenziell zu Leistungskürzungen kommen – für ältere Kinder dagegen zu
einer Erhöhung. Entscheidend ist am Ende, dass die existenzsichernden
Leistungen in jedem Fall auskömmlich sind, also nicht künstlich
kleingerechnet werden, und dass sich gleichzeitig Erwerbseinkommen in jedem
Fall lohnt.
taz: Sehen Sie denn Punkte, über die sich alle Akteure in der Debatte einig
sind – und in denen die Sozialstaatskommission auch wirklich zu einer
sinnvollen Einigung kommen könnte?
Vollmer: Ich kann mir vorstellen, dass sich inzwischen auch in der
Kommission die Erkenntnis durchgesetzt hat, dass sich die Probleme nicht an
der Oberfläche lösen lassen, etwa durch reine IT-Lösungen, sondern dass man
Leistungen wirklich zusammenlegen muss – vielleicht sogar so weitgehend,
wie ich es hier vertrete. Die [6][leidvolle Debatte zur
Kindergrundsicherung] hat jedenfalls insgesamt zum Problembewusstsein
beigetragen.
25 Jan 2026
## LINKS
(DIR) [1] /Sozialstaats-Debatte-Koennten-Leistungen-ohne-Antrag-ueberwiesen-werden/!6146657
(DIR) [2] /Expertin-ueber-Kindergrundsicherung/!6056453
(DIR) [3] /Debatte-um-die-neue-Grundsicherung/!6145928
(DIR) [4] https://www.difis.org/publikationen/publikation/111
(DIR) [5] /Abschaffung-des-Buergergelds/!6145563
(DIR) [6] /Lisa-Paus-Kindergrundsicherung/!6026503
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