# taz.de -- Ein Jahr Kulturstaatsminister Weimer: Das Unbehagen in der Kultur
> Ein Jahr ist Wolfram Weimer nun Kulturstaatsminister. Er sieht sich als
> „geistige Brandmauer“ gegen rechts. Die Bilanz seiner Amtszeit:
> verheerend.
(IMG) Bild: Gute Laune, auch im Scherbenhaufen: Wolfram Weimer, hier beim Deutschen Produzententag der Produktionsallianz 2026
Wäre Wolfram Weimer nicht gerade Staatsminister für Kultur und Medien, er
wäre sogar eine ganz interessante Figur. Jemand, der gern schwelgt und
schwärmt. Eine seltsam ungebrochene Freude am Kulturellen treibt ihn an.
Man könnte glatt darüber staunen.
Doch Weimer ist es nun einmal. Und das in einer Zeit, in der es auf die
Kulturpolitik ankommt oder zumindest ankommen sollte – während gleichzeitig
die CDU/SPD-Koalition kulturpolitisch vor Scherbenhaufen steht, nicht nur
im Bund, auch in Berlin. Wie ist es so gekommen?
Am 9. Mai 2025 – real knapp ein Jahr, kulturpolitisch ein ganzes Zeitalter
her – hält Wolfram Weimer seine erste programmatische Rede, den Anlass
bietet die 75. Verleihung des Deutschen Filmpreises. Er ist zu diesem
Zeitpunkt drei Tage im Amt. In der Rede fallen zwei Sätze, die nachhallen.
Weimer sagt: „Der einzige Kulturkampf, den ich führen werde, ist der Kampf
für die Kultur.“ Er sagt außerdem: „Gute Kulturpolitik agiert nicht von
oben herab, sondern stärkt die Kräfte von innen heraus.“
Das klingt erst mal ganz gut. Wahrscheinlich glaubt Wolfram Weimer sich
diese beiden Sätze in diesem Augenblick sogar selbst. Doch es wird anders
kommen. Einigermaßen hilflos wird er sich, wie die Zeit es in einem Porträt
ausdrückt, „im Kulturkampf verirren“. Und die Aussage, dass er die Kräfte
der Kultur von innen heraus stärken wolle, werden die Mitglieder der
kulturellen Fachjurys, denen er in den Rücken fällt, der Jury des
Buchhandlungspreises etwa, wie blanken Hohn empfinden.
Das Berliner Verwaltungsgericht hat ihm [1][inzwischen verboten,] die
Buchhandlung Zur schwankenden Weltkugel als „extremistisch“ zu bezeichnen,
was seiner Entscheidung, sie und zwei andere Buchläden von der Liste der
Buchhandlungspreise zu streichen, endgültig die Begründung entzieht.
## Das Verhältnis ist zerrüttet
Längst muss man das Verhältnis zwischen dem Kulturstaatsminister und der
Kulturszene als zerrüttet bezeichnen. Handwerkliche Fehler? Die gab es,
beim Hin und Her um die Berlinale-Chefin Tricia Tuttle, bei der
Ankündigung, den Erweiterungsbau der Leipziger Nationalbibliothek zu
canceln, aber das ist es nicht nur. Weimer, ein Dampfplauderer, der sich in
den Details verheddert? Auch das, aber wieder: nicht nur.
Es ist vor allem sein Kulturbegriff. Dass er in seinen Büchern zumindest
erklärungsbedürftige Berührungspunkte mit rechten Diskursen hat, in
unkritischen Lobliedern auf Vaterland, Glauben und traditionellen
Familienrollen etwa, ist das eine. Das andere aber ist: Von heute aus
gesehen ist es geradezu verblüffend, mit welcher Selbstsicherheit – oder
soll man Selbstgefälligkeit sagen? – sich Wolfram Weimer in die Kulturszene
hineinbegeben hat.
Nichts in der modernen Kultur ist selbstverständlich, weder was
geschrieben, gesungen, inszeniert, gemalt wird, noch wann es getan wird,
noch wer es tut, noch mit welchen künstlerischen Mitteln man es tut – um
das alles wird von Künstlern und Autorinnen mit hohem Ernst und identitärem
Einsatz gerungen. In einem Faltenwurf, einer Stilgeste, einem „also“ im
ersten Satz kann sich eine ganze Welt entfalten. Doch Weimer vermittelte
das Gefühl, sich mit ein paar Rilke-Zitaten durchhangeln zu können, als
könne er sich behaglich in ein warmes Netz setzen. Viele in der Kulturszene
hatten schnell das Gefühl, von ihm in ihrer Arbeit zwar hofiert, aber
selbst in diesem Hofieren schlicht nicht ernst genommen zu werden.
## Interessiert Kultur nur als Marketingtool?
Das Nicht-Ernstnehmen kann man ganz gut auf die Kulturpolitik der CDU, der
Weimer nicht angehört, aber nahesteht, insgesamt übertragen. Nachdem in
drei Jahren zwei Kultursenator*innen zurücktreten mussten, soll in Berlin
dieser für die Hauptstadt doch so lebenswichtige Posten nun der
Finanzsenator mitübernehmen, als Teilzeitjob. Offenbar interessiert Kultur
hier derzeit nur als Marketing- und Tourismustool sowie als zu vergebende
Pfründe. Sie auch als Anlass zur Selbstbefragung und als Widerpart des
Politischen ernst zu nehmen, ist im politischen Umfeld von Wolfram Weimer
[2][nicht wirklich vorgesehen.] Der Verdacht ist: Weimer wurde geholt,
damit das auch so bleibt.
Was aber soll das überhaupt heißen: für die Kultur – Singular – kämpfen? Im
Hintergrund dieses Ansatzes steht unausgesprochen die Annahme, Kultur sei
an sich super und würde sich von selbst verstehen (wenn nur die Rechten und
die Linken nicht so viel Ärger machen würden). Das war schon immer
fragwürdig – denn Kultur hat schnell auch etwas Ausgrenzendes, wovon
zuletzt postmigrantische Romane und Romane mit bildungsfernen Figuren
erzählten –, aber es konnte kulturpolitisch lange als quasi unschuldiger
Marker durchgehen.
In der alten Bundesrepublik hatte Kultur zuletzt Konnotationen wie
Kreativität, Selbstverwirklichung, Heraustreten aus den Mühlen von Alltag
und Arbeitswelt. In der DDR schwang stets Opposition und Dissidententum
mit. Bis weit in die Berliner Republik hinein übersetzte sich dieses warme
Image kulturpolitisch darin, die Kultur selbst nicht zu befragen (das tat
sie, wenn sie gut war, ja auch schon selbst), sondern für sie die Ärmel
hochzukrempeln: Finanzierungen klären, Prestigebauten planen (und an ihren
Ausführungen manchmal verzweifeln), zwischen Bund, Ländern und Kommunen um
die Kompetenzen ringen. Diesen Kontext wollte Weimer in seinem Satz
aufrufen.
## Die AfD will Deutschtum ins Zentrum der Kultur stellen
Was er dabei allerdings vergisst: Diese sich selbst legitimierende Rede von
Kultur ist obsolet geworden. Die Kulturpolitik der neuen Rechten einerseits
und die autokratischen Tendenzen in der Welt, die über die Kultur ihre
reaktionäre Sicht von Gesellschaft festschreiben wollen, andererseits
ändern das kulturpolitische Feld von Grund auf. Es verliert endgültig seine
Harmlosigkeit. Man muss sich nur einmal das Wahlprogramm der AfD in
Sachsen-Anhalt anschauen. Es atmet den Anspruch, das Deutschtum wieder ins
Zentrum der Kultur zu stellen, auf dem Theater (wiedererkennbare
Klassiker), erinnerungspolitisch (gegen „Schuldkult“), in der Architektur
(Ziegel statt Beton). Herbeifantasiert werden eine einheitliche deutsche
Nationalkultur und eine wesenhafte deutsche Identität, die es beide so nie
gegeben hat. Und in den Kulturausschüssen der Parlamente sowie auf den
sozialen Medien gibt es Pressure-Gruppen, solche Fantasien mit rabiaten
Mitteln durchzusetzen.
Kurz, der Kulturkampf ist da. Spätestens jetzt ist ein unkritisches Behagen
am Kulturellen politisch nicht mehr zu rechtfertigen, man muss erklären,
für welche Kultur man kämpfen möchte. Das aber setzte im Fall Weimers eine
inhaltliche Auseinandersetzung auch mit den eigenen bisher vorgetragenen
Überzeugungen voraus, die etwa auch erklärt, wie sein Setzen auf
überlieferte Traditionen sich im Zweifel zu Emanzipation und
Selbstbestimmung verhält – so etwas hat er nicht geleistet. Im Unterschied
zu Thomas Mann, auf den er sich so gern beruft. Als im vergangenen Sommer
dessen [3][antifaschistische Radioansprachen] „Deutsche Hörer!“ neu
entdeckt wurden, hat Weimer das zwar gewürdigt, doch diese Würdigung klingt
seltsam hölzern.
## Weimers leere Behauptung, „Mitte“ zu sein
Thomas Mann „lehne sich instinktiv nach links, wenn der Kahn rechts zu
kentern drohe – und umgekehrt“, schrieb Weimer. Das unterschlägt, mit
welcher intellektuellen Vehemenz Thomas Mann alle geistigen
Deutschtümeleien einer Revision unterzogen hat, und klingt, als sei das
Ganze ein Feuilletonspiel. Was es nicht ist. Das Schicksal ganzer
Menschengruppen hängt daran. Kultur dient der neuen Rechten dazu, Herkunft
wieder als entscheidendes Kriterium für die Gewährung individueller Rechte
einzuführen. Wessen Vorfahren nicht in einem angeblich homogenen deutschen
Kulturkreis geboren wurden, wird ausgegrenzt. Weimers leere Behauptung,
„Mitte“ zu sein, wirkt dagegen hilflos.
Als er noch frisch im Amt war, hat Weimer sich selbst als „geistige
Brandmauer“ gegen rechts bezeichnet. Da gehen Selbst- und Fremdwahrnehmung
auseinander. Mit seiner Beschädigung der kulturellen Fachjurys hat er
wiederum die Unabhängigkeit der kulturellen Sphäre aufs Spiel gesetzt. Bei
diesem Prinzip geht es um mehr als um drei linke Buchhandlungen. Wer an der
„Selbstregulierung des geistigen Lebens“ (ein Begriff des Staatsrechtlers
Rudolf Smend) rüttelt, legt Hand an die gesellschaftliche
Ausdifferenzierung des Landes. Insofern hatte Sebastian Guggolz, der
Vorsteher des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels, recht, als er in
Weimers Eingriff in die Juryauswahl beim Buchhandlungspreis einen
[4][„autokratischen Gestus“] identifizierte.
Da ist es ein herber Trost, dass in Weimers erstem Amtsjahr zumindest die
Fronten ganz klar geworden sind. Unter diesem Kulturstaatsminister ist die
Polarisierung, die es im kulturellen Feld gibt, deutlich geworden.
Allerdings ist ihm das wohl kaum als Verdienst anzurechnen.
4 May 2026
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## AUTOREN
(DIR) Dirk Knipphals
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