# taz.de -- Berliner Kunstausstellung: Die Republik räumt aus
       
       > Die Akademie der Künste zieht ins Schloss Bellevue – und könnte die
       > Machtfrage stellen. Am Montag beginnt der Vorverkauf für die Kunstaktion
       > des Sommers.
       
 (IMG) Bild: Kunst im Schloss
       
       Ab sofort können Zeitfenstertickets für eine der merkwürdigsten und
       vermutlich spannendsten Berliner Kunstaktionen dieses Sommers gebucht
       werden: Die [1][Akademie der Künste] zieht für zwei Wochen ins Schloss
       Bellevue ein. Bevor der Amtssitz des Bundespräsidenten saniert wird, stehen
       die Räume leer – und genau dieser Übergang wird nun zur Bühne, auf der es
       ganz schön Funken regnen könnte. Denn vom 13. bis 28. Juni bespielen
       Künstler*innen wie Monica Bonvicini, Jochen Gerz, Gregor Schneider, Rosa
       Barba, Wolfgang Tillmans oder Katharina Grosse das Schloss mit ihren Ideen.
       
       Bellevue ist dabei natürlich kein neutraler Ort. Erbaut für einen
       preußischen Prinzen im 18. Jahrhundert, gedacht als sommerlicher
       Rückzugsort der höfischen Elite, also als Architektur sozialer
       Distanzierung mit schöner Aussicht – und seit 1994 ausgerechnet genutzt von
       einem Mann, der dieses Land nicht regieren, sondern auf demokratisch
       bescheidene Art verkörpern soll. Genau deshalb dürfte es spannend werden,
       wenn dort nun Künstler*innen, die sich seit Jahren mit Macht,
       Öffentlichkeit, dem Maschinenraum der Erinnerung oder den Mechanismen von
       Repräsentation beschäftigen – noch dazu in der bewährten Berliner Tradition
       der Zwischennutzung, man denke nur an inzwischen erfolgreich befriedete,
       sterilisierte oder gleich ganz vom Stadtplan getilgte Orte wie das Tacheles
       oder den Palast der Republik.
       
       [2][Monica Bonvicini] etwa zerlegt in ihren Arbeiten die Sprache der
       Architektur. Bei ihr erscheinen Gebäude nicht als elegante Hüllen, sondern
       als Systeme aus Dominanz, Disziplinierung und Begehren. Dass ihre Gedanken
       nun in den Räumen der Bundesrepublik auftauchen, könnte den Blick auf
       Bellevue ziemlich nachhaltig verschieben.
       
       [3][Jochen Gerz] wiederum misstraut seit Jahrzehnten den glatten Formen
       offizieller Erinnerungskultur. Seine Projekte wollen Beteiligung, Reibung,
       Unsicherheit. In einem Schloss, das von kontrollierten Bildern lebt –
       Staatsgäste, Reden, Fernsehkameras – bekommen seine Ideen fast automatisch
       politische Schärfe.
       
       Und [4][Gregor Schneider] dürfte den Ort endgültig aus seiner Komfortzone
       holen. Seine Arbeiten verwandeln Räume in psychologische Ausnahmezustände.
       Orientierung kippt, Vertrautheit wird unheimlich. Paradoxerweise ein
       Gebäude, das Stabilität und staatliche Verlässlichkeit verkörpern soll,
       könnte bei ihm plötzlich wie ein Alptraum wirken.
       
       Interessant ist dabei auch der Zeitpunkt. Während in Berlin schon wieder
       über die neue Linie der [5][nächsten kulturpolitischen Personalie]
       spekuliert wird und die Szene sich zunehmend fragt, ob Politik Kunst
       derzeit je nach Steuereinnahmen eher als mehr oder weniger wichtigen
       Standortfaktor denn als geistige Infrastruktur versteht – nicht zuletzt
       nach [6][Wolfram Weimers] demonstrativem Durchregieren in Gutsherrenmanier
       – landet dieses Projekt mitten im symbolischen Machtzentrum der Republik.
       Mit etwas Glück werden die Künstler*innen nicht nur die Geschichte und
       das Selbstverständnis des Hauses aufrufen, sondern auch die gegenwärtige
       Kulturpolitik, deren Verhältnis zur Kunst zuletzt oft erstaunlich
       breitbeinig wirkte.
       
       Begleitet wird die Ausstellung übrigens vom „Büro der öffentlichen Sache“,
       einem diskursiv-performativen Format von Akademie-Präsident [7][Manos
       Tsangaris]. Dort soll nicht nur ausgestellt, sondern gesprochen, gestritten
       und nachgedacht werden – über demokratische Öffentlichkeit,
       gesellschaftliche Polarisierung und die Frage, wie Menschen wieder besser
       miteinander ins Gespräch kommen könnten. Dazu kommen Veranstaltungen wie
       das „Café Climate“ zum Thema „Seltene Erde“ und eine Matinee mit der
       belarussischen Kulturmanagerin und Musikerin [8][Maria Kalesnikava] über
       Solidarität, autoritäre Systeme und die politische Kraft von Kunst.
       
       Kurz gesagt: Das hier dürfte deutlich mehr werden als eine hübsche
       Bespielung mit etwas dekorativer Gegenwartskunst in historischen Räumen.
       Wahrscheinlicher ist, dass Bellevue für zwei Wochen zu einem Ort wird, an
       dem Kunst und Staat einander ziemlich direkt gegenüber stehen.
       
       18 May 2026
       
       ## LINKS
       
 (DIR) [1] https://adk.de/
 (DIR) [2] /Neue-Nationalgalerie-und-Kulturpolitik/!5895063
 (DIR) [3] /Viel-Beifall-fuer-Jochen-Gerz-Provokationen/!1363506/
 (DIR) [4] /Nichts-ist-weder-gut-noch-boese/!529099/
 (DIR) [5] /Berliner-Kulturpolitik/!6174350
 (DIR) [6] /Ein-Jahr-Kulturstaatsminister-Weimer/!6170820
 (DIR) [7] /Familie-als-Ort-der-Gefahr/!287764/
 (DIR) [8] /Belarussische-Aktivistin-im-Interview-Wie-man-fuenf-Jahre-Gefaengnis-ueberlebt/!6168841
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Susanne Messmer
       
       ## TAGS
       
 (DIR) Kulturpolitik
 (DIR) Kultur in Berlin
 (DIR) Schloss Bellevue
 (DIR) Wolfram Weimer
 (DIR) Kulturpolitik
 (DIR) Belarus
       
       ## ARTIKEL ZUM THEMA
       
 (DIR) Ein Jahr Kulturstaatsminister Weimer: Das Unbehagen in der Kultur
       
       Ein Jahr ist Wolfram Weimer nun Kulturstaatsminister. Er sieht sich als
       „geistige Brandmauer“ gegen rechts. Die Bilanz seiner Amtszeit: verheerend.
       
 (DIR) Berliner Kulturpolitik: Kultur könn'se nich
       
       Die CDU pflegt ein Kulturverständnis, das nicht zur Stadt passt, wie der
       Rücktritt von Sarah Wedl-Wilson beweist. Die Berliner Szene ist entsetzt.
       
 (DIR) Maria Kalesnikava über Zeit im Gefängnis: „Wir müssen uns schon selbst retten“
       
       Die belarussische Aktivistin Maria Kalesnikava war über fünf Jahre in Haft.
       Im Gespräch erklärt sie, warum die EU auf Machthaber Lukaschenko zugehen
       sollte.