# taz.de -- Ludwig-Erhard-Gipfel: Gipfel von gestern
       
       > Es sollte ein „deutsches Davos“ sein – dann wurde dem Event-Veranstalter
       > Wolfram Weimer Bereicherung vorgeworfen. Philipp Amthor kommt trotzdem
       > noch.
       
 (IMG) Bild: Verfügbar: Christiane Goetz-Weimer mit Ex-Minister Theo Waigel und dem Ex-Kanzler Österreichs Wolfgang Schüssel am Dienstag
       
       Geparkt wird auf der sattgrünen Wiese, drüben auf der anderen Straßenseite.
       Hunderte Autos stehen dort – aus Berlin, Hamburg, Stuttgart, München,
       Kitzbühel. Sie gehören den Gästen des Ludwig-Erhard-Gipfels hier auf Gut
       Kaltenbrunn, mit malerischem Blick über den Tegernsee und sein glitzerndes
       Wasser. Ausgerichtet wird der Gipfel von der Weimer Media Group. Die gehört
       Kulturstaatsminister Wolfram Weimer und seiner Frau Christiane
       Goetz-Weimer. Das Paar hat hier ein Ferienhaus, so wie einst auch der
       angebliche „Vater des Wirtschaftswunders“ Ludwig Erhard.
       
       Was erwartet man auf dem Event, das Erhards Namen trägt und das auch als
       „Tegernsee Summit“ beworben und mit allen Mitteln der Public Relations als
       bedeutungsschwanger inszeniert wird? Eine jüngere Frau im Businesslook, die
       vom Parkplatz kommt, sagt: „Vernetzung, Austausch. Die Anregungen, die man
       da bekommt, sind sehr wertvoll.“ Allerdings hat dieses Treffen seit Ende
       2025 ein Imageproblem. Da wurde bekannt, dass es von verschiedenen
       bayerischen Ministerien gesponsert wurde.
       
       Der Preis für ein simples Tagesticket liegt bei 1.100 Euro, alle drei Tage
       kosten inklusive „Gipfelnacht“ 3.000. Und es wurde der Anschein erweckt,
       dass sich Teilnehmer gegen kräftige Extrazahlungen Zugang zu Politikern
       kaufen könnten. „Das ist eigentlich traurig“, sagt die Frau vom Parkplatz.
       Damit meint sie nicht diese Umstände, sondern die Kritik daran. Sie ist in
       der Telekommunikationsbranche tätig. „Schönen Tag noch.“
       
       Laut der Homepage handelt es sich beim Ludwig-Erhard-Gipfel um
       „Deutschlands Meinungsführertreffen“, beziehungsweise „das deutsche Davos“.
       Gemeint ist damit das Weltwirtschaftsforum in den Schweizer Alpen, zu dem
       Jahr für Jahr Politiker und Wirtschaftsleute aus der ganzen Welt pilgern,
       um zu diskutieren. Auch der Erhard-Gipfel wirbt mit Prominenten, die in den
       vergangenen elf Jahren schon ein Mal oder auch mehrfach da waren.
       [1][Friedrich Merz] etwa, dessen Zweitwohnsitz hier am Tegernsee direkt
       neben dem der Weimers liegt. Aber auch Ricarda Lang war schon da, Joachim
       Gauck, Julia Klöckner oder Lars Klingbeil. Thema ist dieses Jahr: „Zurück
       an die Weltspitze. Wie gelingt Deutschland der Aufschwung?“
       
       ## Der Vorwurf: Interessenkonflikte
       
       Das Gut Kaltenbrunn ist in Einzellage am See, gehört zur Gemeinde Gmund und
       wird betrieben vom Münchner Feinkostunternehmen Käfer. Es ist ein mächtiges
       historisches Klostergebäude, es gibt einen kleinen Strand und eine
       Bootsanlegestelle. Auf den Wegen und Pfaden drumherum trifft man
       Tegernsee-Urlauber – Spaziergängerinnen, Radler, Joggerinnen.
       
       Im vergangenen Jahr, als die Vorbereitungen für das Summit 2026 schon
       liefen, kam die Kritik an Wolfram Weimer auf. Wie kann es sein, dass einer,
       der in Berlin am Kabinettstisch sitzt, mit seiner Firma ein privates und
       kommerzielles Treffen ausrichtet? Das sich mit Wirtschaft und Politik
       befasst. Wie kann es sein, dass er seinen Namen und seine Beziehungen
       nutzt, um Geld für seine Firma zu erwirtschaften?
       
       Als Konsequenz zog sich Weimer aus der Arbeit zurück. Etwas später gab er
       seine Firmenanteile in die Hand eines Treuhänders.
       
       Der Publizist Wolfram Weimer, der sich als Intellektueller begreift, sorgt
       als Kulturstaatsminister immer wieder für Unmut. [2][So trat er als Zensor
       auf und ließ drei linke Buchläden von der Liste des Deutschen
       Buchhandlungspreises streichen]. Gegen sie lägen
       „verfassungsschutzrelevante Erkenntnisse“ vor. Der Protest im Kulturbereich
       war so groß, dass Weimer bei der Leipziger Buchmesse im März seine Rede und
       auch seinen Rundgang absagte. In seinem eigenen Ministerium verbot er schon
       bald nach Amtsantritt das Gendern in Schriftstücken, also etwa das
       Binnen-I, das Sternchen oder den Gender-Doppelpunkt.
       
       Eine Woche vor dem Erhard-Gipfel 2026 verweigerte die Presseabteilung der
       taz eine Akkreditierung. Das Kontingent sei ausgeschöpft. Aber man kann es
       ja mal versuchen. Also los.
       
       ## Alle gegen Weimer?
       
       Die Security am Eingangsweg akzeptiert den Presseausweis, man solle sich
       drinnen beim Presseschalter melden. Viele Damen und Herren, meist schwarz
       und edel gekleidet, schwärmen im Innenhof aus. Sie telefonieren, trinken
       Kaffee, talken mit anderen, wahrscheinlich networken sie. Jedenfalls machen
       sie auf wichtig.
       
       Drinnen auf dem Podium spricht gerade Hubert Aiwanger, Chef der Freien
       Wähler und bayerischer Wirtschaftsminister. Er ist überhaupt das einzige
       Mitglied des Landeskabinetts, das noch gekommen ist. Aiwanger sagt über das
       im Vorfeld viel kritisierte Treffen: „Es ist gut, dass der Gipfel
       abgehalten wird. Hier ist auf Stimmung gemacht worden.“
       
       Das ist genau die Erzählung, die hier verbreitet wird. Medien und Politiker
       links der Mitte hätten versucht, den Weimer-Gipfel kaputtzumachen. Ein Mann
       aus der Autobranche sagt: „Wir brauchen dringend Treffen wie diese. Um
       darüber zu reden, wie es weitergehen soll.“ Der Mann mahnt: „Bitte zitieren
       Sie mich korrekt.“ An Gipfel-Partnern stechen durch große Werbebanner ins
       Auge: der Privatsender n-tv, Vodafone sowie die Vereinigung der bayerischen
       Wirtschaft.
       
       Ein Blick auf die Rednerliste zeigt: Die großen oder größeren Namen fehlen.
       Es finden sich darauf viele weitgehend unbekannte Wirtschaftsleute. Und
       viele Leute, die mal bekannt waren. Der Ex-Bundesfinanzminister und
       Ex-CSU-Vorsitzende Theo Waigel etwa, 87 Jahre alt, bekommt hier als „Mr.
       Euro“ einen „Freiheitspreis der Medien“ verliehen. Die Laudatio hält der
       Ex-Bundeskanzler Österreichs Wolfgang Schüssel, 80 Jahre alt.
       
       Als Redner gekommen sind auch Paul Achleitner (Ex-Deutsche-Bank), Nina Ruge
       (Ex-Fernsehmoderatorin), Peter Tauber (Ex-CDU-Generalsekretär), Annegret
       Kramp-Karrenbauer (Ex-CDU-Vorsitzende) sowie Armin Laschet (auch
       Ex-CDU-Vorsitzender sowie gescheiterter Kanzlerkandidat). Als aktiver
       CDU-Politiker spricht immerhin Philipp Amthor, 33, „jüngster ältester
       Politiker“ und Staatssekretär im Digitalministerium. Auf Alibisozis oder
       Grüne wurde diesmal ganz verzichtet.
       
       ## Staatskohle fürs Lobbytreffen
       
       Eine ganze Reihe Ministerien der bayerischen Staatsregierung haben den
       Ludwig-Erhard-Gipfel über Jahre hinweg finanziell gesponsert. Das ergaben
       die Recherchen Ende 2025. Nein, das sei falsch, sagte damals jede
       Pressestelle – es habe Kooperationen gegeben, die ganz üblich seien mit
       verschiedensten Akteuren. Die Abfrage der taz ergab damals, dass das
       Wirtschafts-, das Digitalministerium sowie die Staatskanzlei selbst von
       2022 bis 2025 insgesamt 686.000 Euro zahlten. Von Jahr zu Jahr stieg der
       jeweilige Betrag.
       
       Die Minister und Ministerinnen sprachen dann auf dem Treffen,
       CSU-Ministerpräsident Markus Söder fungierte gar als Schirmherr – und gab
       einen eigenen Empfang. Als die Zahlen aufkamen, wurde das Geld für 2026
       eilig gestrichen und die Auftritte abgesagt. Söder ist nicht da, er wolle
       „kein Gschmäckle entstehen lassen“. Landtagspräsidentin Ilse Aigner, die
       als Bundespräsidentin gehandelt wird, wollte sich die Teilnahme
       offenhalten, schließlich liegt Gut Kaltenbrunn in ihrem Wahlkreis, und sie
       gilt als Freundin der Weimers. Aigner wollte Gipfelchefin Goetz-Weimer im
       Dezember 2025 eigentlich den Bayerischen Verfassungsorden überreichen. Nach
       den kritischen Schlagzeilen verzichtete die Auserkorene auf die
       Auszeichnung. Nun ließ Aigner erklären, sie werde „möglicherweise“ zu
       einzelnen Programmpunkten des Wirtschaftstreffens kommen. Das werde sie
       „spontan entscheiden“.
       
       Der Weimer-Gipfel und seine Medienmaschinerie geben sich, nun ja, ziemlich
       aufschneiderisch. Über die drei Tage hinweg von Dienstag bis Donnerstag
       werden Pressemitteilungen veröffentlicht, die Nicht-Nachrichten sind.
       
       Hildegard Müller etwa, Präsidentin des Verbands der Automobilindustrie,
       sagt: „Europa darf sich nicht selbst schwächen.“ Theo Waigel fordert eine
       europäische Verteidigungsgemeinschaft. Stefan Wintels von der staatlichen
       Förderbank KfW schlägt eine „parteiübergreifende Deutschland-Agenda“ vor.
       Das ist Gipfel-PR ohne Relevanz.
       
       ## Die taz wird rausgeworfen
       
       Zwei Frauen – „Medienbranche“, sagen sie – loben beim Kaffee Christiane
       Goetz-Weimer. „Unglaublich, dass sie das alles gestemmt hat.“ Denn Gatte
       Wolfram fiel ja aus. Dessen Traum war es eigentlich, so wird kolportiert,
       dass Nachbar, Freund und Bundeskanzler Friedrich Merz zu dem Treffen kommt.
       So wie in den Vorjahren. Hat aber nicht geklappt.
       
       Der taz-Reporter will sich im Gut Kaltenbrunn nicht wie ein illegaler
       Eindringling fühlen, so inoffiziell zwischen diesen ganzen Menschen wandeln
       und sie befragen. Also doch zum Presseschalter, Bitte um Akkreditierung.
       Der Chef wird angerufen. Geht nicht, sagt die Mitarbeiterin, bitte das
       Gelände verlassen, sofort. Ein Security-Mitarbeiter kommt, begleitet einen
       sehr freundlich bis zum Ausgang und schaut noch eine Weile hinterher.
       
       Es ist spät geworden. Am Parkplatz auf der grünen Wiese trifft man zufällig
       auf Wolfgang Heubisch. Der ist hier mit 79 Jahren noch einer der Jüngeren
       und war mal bayerischer Wissenschaftsminister, als seine FDP noch im
       Landtag saß. „Wir kennen uns doch“, ruft Heubisch hocherfreut. Wie man mit
       dem Gipfel umgegangen ist, sei schon eine „kleingeistige Diskussion“
       gewesen, sagt er. „Wir brauchen solche Treffen für die Wirtschaft und die
       Region.“ Und zum Abschied: „Dann noch eine gute Zeit!“
       
       1 May 2026
       
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