# taz.de -- Einsparungen in der Kultur: Kulturarbeiter*innen, vereinigt euch!
       
       > Die Bundesregierung führt einen wahrhaftigen Krieg gegen die Kultur. Das
       > Kulturproletariat wird dadurch immer weiter in die Prekarisierung
       > getrieben.
       
 (IMG) Bild: Kulturkampf mittels ökonomischer Austrocknung
       
       Um zu verdeutlichen, was mit unserer Kultur in diesem auch nicht mehr ganz
       neuen Jahrhundert geschieht, erinnere ich gerne an die Worte eines
       Bundespräsidenten aus dem Jahr 1991: „Kultur kostet Geld. Sie kostet Geld
       vor allem auch deshalb, weil der Zugang zu ihr nicht in erster Linie durch
       einen privat gefüllten Geldbeutel bestimmt sein darf.“ Die Förderung von
       Kulturellem ist demnach nicht weniger eine Pflichtaufgabe der öffentlichen
       Haushalte als etwa der Straßenbau oder die öffentliche Sicherheit.
       
       „Es ist grotesk, dass wir Ausgaben im kulturellen Bereich zumeist
       ‚Subventionen‘ nennen, während kein Mensch auf die Idee käme, die Ausgaben
       für ein Bahnhofsgebäude oder einen Spielplatz als Subventionen zu
       bezeichnen“, so das ehemalige Staatsoberhaupt weiter. Der Ausdruck lenke in
       die falsche Richtung. „[1][Denn Kultur ist kein Luxus], den wir uns leisten
       oder nach Belieben streichen können, sondern der geistige Boden, der unsere
       innere Überlebensfähigkeit sichert.“ Richard von Weizsäcker, von dem diese
       Worte stammen, würde wohl heute, 35 Jahre später, seine Partei, [2][die
       CDU, nicht wiedererkennen].
       
       Denn diese Partei führt, gemeinsam mit einem nur noch wenig bedeutenden
       Anhängsel einer ehemaligen Sozialdemokratie und unter dem Beifall einer
       feixenden rechtsextremen und entsprechend antikulturellen Bewegung, einen
       wahrhaftigen Krieg gegen alles, was einst zwischen kritischem Journalismus,
       unabhängigen Theatern und Museen und offenen Bildungsarbeiten als Kultur
       verstanden wurde. Dasselbe geschieht in der Mehrzahl der westlichen Länder,
       mal mit Getöse wie in den einst Vereinigten Staaten von Amerika, mal eher
       still und leise mit diesem „Sorry, aber wir haben einfach kein Geld mehr“.
       
       Aber wohin ist es eigentlich verschwunden, dieses Geld, das doch
       bekanntlich immer nur wachsen und immer alles besser machen soll? Hier
       kommt die nächste faule Ausrede: [3][Weil Deutschland nämlich wieder
       „kriegstüchtig“ werden muss], kann man sich doch keine albernen
       Demokratieprojekte oder queere Tanzperformances mehr leisten. Irgendwann
       wird jemand eine Untersuchung anstellen über den Zusammenhang zwischen
       Militarisierung und Entkultivierung des öffentlichen und medialen Raumes.
       
       ## Kulturkampf mittels ökonomischer Austrocknung
       
       Was man gemeinhin unter „Kulturkampf“ versteht, scheint zunächst ein
       Angriff auf die Freiheiten von Kunst und Kultur zu sein. Unter dem
       entsprechenden Minister Wolfram Weimer [4][wurde in Deutschland die
       Vorstellung von Kulturpolitik gründlich verändert]. Aber neben dieser
       Attacke auf die Unabhängigkeit gibt es eine weitere, nachhaltigere, nämlich
       die ökonomische Austrocknung.
       
       Und die trifft nicht nur Institutionen, Medien und Projekte. Sie trifft
       auch Menschen, die im kulturellen Sektor arbeiten und deren Produktivität
       beständig schlechter honoriert wird. Der Druck wird von oben nach unten
       weitergegeben, genau genommen (wie gehabt) von den Besitzern, Verwaltern
       und Maschinisten der Kulturfabriken [5][auf die primären Produzenten, auf
       die Arbeiterschaft des Kulturbetriebes], auf das „Kulturproletariat“, das
       immer weiter in die Prekarisierung getrieben wird.
       
       Ohne massive Ausbeutung und ebenso massive Selbstausbeutung wäre die
       Kulturindustrie längst zusammengebrochen. Denn von einer
       Harry-Potter-Autorin, dem nächsten Auktionsrekord bei Sotheby’s und einer
       Rundfunkintendantin allein kann Kultur so wenig leben, wie Elon Musk mit
       all seinen Billionen allein auf den Mars fliegen könnte.
       
       Die dritte faule Ausrede ist ein Medienwechsel, weg aus der
       Gutenberggalaxis und dem analogen Bildermachen hin zu [6][Plattformen und
       Streaming], weg von der Kritik und hin zu Followern und Likes. Wenn sich
       etwas ändert, gibt es eben immer Verluste und Gewinne. Und es gibt
       Verlierer und Gewinner. Die Gewinner sind merkwürdigerweise immer die, die
       dem Geld folgen, das es bekanntlich für die Kultur nicht mehr gibt.
       
       ## Die kulturelle Vielfalt leidet
       
       Die Mehrzahl der Kulturarbeiter und -arbeiterinnen [7][schafft für
       Hungerlöhne], nimmt Mehrarbeit und Zusatzjobs in Kauf, lässt sich ständig
       vertrösten und soll froh sein, nicht durch ein KI-Programm ersetzt zu
       werden. Und überhaupt gibt es nun eben einen Wandel des kulturellen
       Konsumverhaltens, der seltsamerweise auch einen Wechsel der kulturellen
       Besitzverhältnisse mit sich bringt.
       
       Von einer kulturellen Vielfalt kann angesichts der Konzentration der
       Distributions- und Definitionsmacht nur noch geträumt werden. Immer weniger
       Menschen entscheiden darüber, was an Kultur und Kritik verbreitet werden
       kann und was nicht. Und darüber, was kulturelle Arbeit wert ist.
       
       Die fieseste unter den faulen Ausreden für den „Kulturabbau“ – übrigens
       bislang weder Wort noch Unwort des Jahres – ist das gegenseitige Ausspielen
       von Kultur- und Sozialaufgaben: Kultur macht nur Sinn in einer sozialen und
       gerechten Umgebung und eine solche wiederum braucht und fördert Kultur. Und
       das kulturelle und das sozial arbeitende Prekariat sollten sich in allen
       Belangen als solidarisch empfinden.
       
       Kultur- und Sozialabbau gehen bei dieser Regierung Hand in Hand. Sie führt
       einen Wirtschaftskrieg gegen alles, was eine Gesellschaft zusammenhält. Und
       damit wiederum wird [8][der ökonomische Kulturabbau] zum Wegbereiter für
       den antidemokratischen Kulturkampf von rechts. Die einen profitieren von
       den anderen, und Verlierer sind die primären Produzenten.
       
       ## Es braucht eine gemeinsame Organisationsform
       
       Das reicht vom Beleuchtungsassistenten bis zur Autorin, vom Übersetzer bis
       zur Kuratorin, vom Kolumnisten bis zur Comiczeichnerin. Es handelt sich
       dabei um Menschen, die nichts anderes wollen, als für ihre Arbeit
       angemessen entlohnt und respektvoll behandelt zu werden, ganz so wie
       Menschen, die in anderen Branchen arbeiten.
       
       Selbst wenn die Einkünfte in dieser direkten Kulturarbeit schwankend und
       unterschiedlich sind – im Gegensatz zum Besitz, im Gegensatz zur
       Bürokratie, im Gegensatz zur Vermarktung von Kultur – handelt es sich, wie
       in einer Fabrik, wie in einem Büro, wie in einem ökonomischen Netzwerk, bei
       dieser Schicht um das Proletariat der Kultur. Auch wir, das
       Kulturproletariat, brauchen ein gemeinsames Bewusstsein, brauchen
       Solidarität und schließlich eine Organisationsform, um uns zu wehren.
       
       24 Jun 2026
       
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