# taz.de -- Kultur möglichst ohne Staat: Wenn Museen zu Investmentbanken werden
> Das Frankfurter Städel Museum will sich von Politik und öffentlichen
> Geldern finanziell unabhängig machen. Das Modell Endowment Museum ist
> ambivalent.
(IMG) Bild: Die Erweiterung des Städel Museums mit ihren Bullaugen wurde mit 26 von 52 Millionen Euro Kosten privat finanziert, hier 2010 im Bau
Das Frankfurter Städel Museum will unabhängig sein. Von der Politik, von
öffentlicher Förderung. Und es geht dafür einen neuen Weg. Das Kunstmuseum
will seine Finanzierung über den Aufbau eines sogenannten Endowments in
einem eigenen Futur Funds langfristig sichern. Die Idee hinter einem
solchen Endowment, also einer „finanziellen Ausstattung“, für deren
Rechtsform aus dem Angelsächsischen es im Deutschen noch keinen Fachbegriff
gibt, ist simpel. Es wird ein Kapitalstock aufgebaut, der nicht das Museum
direkt finanziert, sondern an den Finanzmärkten investiert wird. Die dabei
entstehenden Kapitalerträge kann das Museum als zusätzliche Einnahmequelle
verwenden.
Das könnte ein alternativer Weg sein für Kulturinstitutionen, ihre
Finanzierung eigenständig sicherzustellen. Denn von ihrem Wesen her passen
sie nicht in eine kapitalistische, auf Profitmaximierung ausgerichtete
Welt. Kultur lässt sich nicht wie ein x-beliebiges Wirtschaftsgut
behandeln.
Ist Kultur aber von einer staatlichen Finanzierung abhängig, wird sie
schnell zum Opfer der Austerität. Ob in Frankreich, [1][wo der Kulturetat
in einigen Regionen um bis zu 70 Prozent einbrechen könnte,] in den USA, wo
die Republikaner alles daran setzen, die nationale Kulturförderung mit der
Abwicklung des National Endowments for the Arts zu zerstören ([2][bisher
ohne Erfolg]), oder in Berlin, [3][wo die Kürzungen der schwarz-roten
Regierung die Existenz der freien Szene bedroht] – der Rotstift wird gern
bei der Kultur angesetzt.
Dass eine rein staatliche Finanzierung auch keine Garantie für
künstlerische Unabhängigkeit ist, zeigt sich anhand des weltweiten
Rechtsrucks. Eine öffentlich finanzierte Kultureinrichtung ist vom
Wohlwollen der amtierenden Regierungen abhängig. Das wird aktuell in
Sachsen-Anhalt deutlich, wo die AfD – in Umfragen stärkste Kraft – von
einer [4][„patriotischen Wende“ in der Kulturpolitik spricht, um die
deutsche Identitätsstörung von linken Einflüssen „zu heilen“]. Dafür will
die AfD nur noch „solche Kunst fördern, die einen Beitrag zu deutscher
Identitätsfindung leistet“.
## Das Risiko der Selbstzensur
Solche Entwicklungen können schlimmstenfalls dazu führen, dass
Kulturinstitutionen bereits vor dem Entzug von Mitteln zur Selbstzensur
greifen. Selbst im Zuge von Wolfram Weimers Affäre um den Deutschen
Buchhandlungspreis zeichnen sich in der Kulturszene erste Ansätze dahin
ab[5][. In einer Recherche des Deutschlandfunks gaben verschiedene
Vertreter*innen auch größerer Institutionen an], künftig auf die
Einreichung explizit politischer Projekte zu verzichten. Dass diese Sorgen
nur anonym geäußert werden, zeigt das Problem der Selbstzensur: In aller
Regel findet sie im Verborgenen statt und führt dazu, dass kulturelle
Vielfalt schleichend verschwindet.
In diesem Spannungsfeld zwischen Markt und Staat geht das Frankfurter
Städel als Endowment Museum nun seinen eigenen Weg. Sein Future Fund soll
100 Millionen Euro umfassen, wie Direktor Philipp Demandt bekanntgab.
Bisher sind durch Zuwendungen von Privatpersonen und Stiftungen bereits 10
Millionen Euro zusammen gekommen. Ein Viertel der anvisierten Summe wird in
den kommenden Jahren außerdem über Erbschaften hinzukommen, die dem Museum
schon zugesagt wurden.
Damit steht das Städel in einer Reihe europäischer Kulturinstitutionen, die
in der jüngeren Vergangenheit angefangen haben, eigene Fonds aufzubauen:
Das [6][Tate Modern in London will bis 2030 einen Kapitalstock von 150
Millionen Pfund] beisammen haben, [7][seit seinem Start 2009 ist das
Endowment des Louvre auf über 200 Millionen Euro angewachsen].
Im Vergleich zu den USA, wo diese Finanzierungsform deutlich populärer ist,
wirken diese Summe beinahe bescheiden. [8][Die 45 größten US-Museen
verfügen gemeinsam über Endowments, die weit über 40 Milliarden US-Dollar
liegen]. Häuser wie das Museum of Modern Art (MoMA) oder das Metropolitan
Museum of Art in New York verfügen über Kapitalstöcke, die jenseits der
eine Milliarde Dollar liegen. Aber selbst das wirkt wenig im Vergleich mit
den Endowments der US-Universitäten. [9][Harvard allein verfügt über
Kapital in Höhe von 56,9 Milliarden US-Dollar].
Der Vorteil solcher Endowments ist offenkundig: Es ermöglicht einen
unabhängigen Einkommensstrom. Anders als laufende Spenden, die theoretisch
jederzeit eingestellt werden können, sind Zuwendungen zu einem Endowment
nur noch unter besonderen Umständen rückgängig zu machen. So kann ein
Museum in der Theorie ein Stück Unabhängigkeit nicht nur gegenüber
staatlicher Finanzierung, sondern auch den eigenen Gönnern erlangen. Die
Frage ist nur: zu welchem Preis?
## Moral versus Ertrag: ein neuer Zielkonflikt für Museen
In den vergangenen Jahren mussten sich Museen weltweit immer wieder für die
Machenschaften ihrer Spender*innen rechtfertigen. Die Sackler-Familie
dürfte das prominenteste Beispiel aus der jüngeren Vergangenheit sein. Die
Sacklers haben in den USA Milliarden US-Dollar mit der Produktion und dem
Verkauf des Schmerzmittels Oxycodon verdient, wissentlich die Suchteffekte
heruntergespielt und damit maßgeblich zur Opioidkrise beigetragen. Der
Dokumentarfilm „All The Beauty And The Bloodshed“ (2022) zeigt den
emotionalen Kampf der Fotografin Nan Goldin, die selbst abhängig von
Oxycodon war, gegen zahlreiche der berühmtesten Museen der Welt, die
prominent den Namen der Sacklers als philanthropische Unterstützer
präsentieren. Am Ende siegte Goldin (teilweise) und Museen wie das MoMA
entfernten Hinweise auf die Sackler-Familie.
Durch Endowments entstehen nun ganz neue moralische Dilemmata. Nicht mehr
die Quelle, aus der das Geld stammt, ist entscheidend, sondern wie dieses
investiert wird. [10][2022 kam eine Studie zu dem Ergebnis], dass über zwei
Drittel der US-Museen keinerlei bindende Standards haben, wie das Geld
ihres Kapitalstocks eingesetzt werden darf. In der Theorie kommen also auch
Rüstungsunternehmen oder Erdölkonzerne als Investitionsobjekt infrage, wenn
ihre Aktien (oder die Fonds, von denen sie Teil sind) genug Rendite
abwerfen. Für Außenstehende ist de facto nicht zu erkennen, wie genau
solche Endowments investiert werden. So heißt es beispielsweise in den
Finanzberichten des MoMA für die Jahre 2024 und 2025 schlicht: [11][„Das
Endowment des Museums setzt sich schätzungsweise aus 164 einzelnen Fonds
zusammen, die für verschiedene Zwecke eingesetzt wurden.“]
Und wie geht das Städel mit diesem Spannungsverhältnis um? Auf Anfrage der
taz erklärte das Museum: „Die Anlagestrategie orientiert sich an den Werten
des Hauses und stellt sicher, dass alle beauftragten Vermögensverwalter die
Nachhaltigkeitsziele des Städel Museums respektieren.“ Ein Nachsatz ergänzt
allerdings, dass „diese Ziele stets im Einklang mit der treuhänderischen
Verantwortung verfolgt [werden], eine langfristig stabile und nachhaltige
Ertragskraft des Endowment zu sichern“. Im Klartext ergibt sich daraus ein
Zwiespalt zwischen den eigenen Werten und nachhaltigen Erträgen.
## Die „treuhänderische Verantwortung“ Erträge zu erzielen
Abgesehen davon, dass Endowments sowieso nur für die renommiertesten Häuser
als realistische Finanzierungsoption infrage kommen, ist dieser neue
Zielkonflikt die größte Herausforderung, die damit einhergeht. Potenziell
kann so der Charakter eines Museums verändert werden. Künstlerische und
ethische Überlegungen stehen noch deutlicher der „treuhänderischen
Verantwortung“ gegenüber, Erträge zu erzielen; aus einer Kultur- wird eine
Investmentinstitution.
Ein weiterer Aspekt von Endowments kann sich als problematisch
herausstellen: seine psychologische Wirkung in der Öffentlichkeit.
[12][Während der Coronapandemie gab es in den USA das Argument, Museen, die
über Millionen oder gar Milliarden schwere Fonds verfügen, hätten keinen
Bedarf an öffentlichen Mitteln, um die Krise zu überwinden.] Den eigenen
Endowment-Fonds anzuzapfen, ist wiederum rechtlich gar nicht immer möglich.
In der öffentlichen Wahrnehmung können diese Millionensummen trotzdem dazu
führen, dass die Bereitschaft zu spenden oder zur öffentlichen Finanzierung
abnimmt, was wiederum die Ausstattung des Museums selbst gefährdet. Die
Renditen aus dem Endowment sind eine zusätzliche Einnahmequelle, die in der
Regel nicht in der Lage ist, andere (wie Ticketverkäufe, staatliche
Zuschüsse, Spenden, etc.) komplett zu ersetzen.
Dennoch liegt im Weg des Städels auch eine Vorbildfunktion. Immer wieder
betont Direktor Philipp Demandt, wie eng verwachsen das Städel mit der
Frankfurter Stadtgesellschaft ist. Diese Verbindung zwischen kulturellen
Einrichtungen und den Menschen, für die sie ihr Angebot machen, muss
alternativen Finanzierungsmodellen auch an kleineren Orten zugrunde liegen.
Sich im Alltag seiner Stadt oder Region zu verankern und als
Identifikationsobjekt zu dienen, ist die beste Strategie, um sein
langfristiges Bestehen zu sichern. Dabei bleibt es eine permanente
Herausforderung für jedes künstlerische Programm, einerseits unabhängig,
nach ästhetischen Kriterien ausgerichtet zu sein, und andererseits so zu
gefallen, dass auch das Geld von privater Seite kommt.
19 May 2026
## LINKS
(DIR) [1] https://www.theartnewspaper.com/2025/02/07/french-culture-sector-faces-violent-cuts-as-parliament-adopts-2025-budget
(DIR) [2] https://www.theguardian.com/us-news/2026/feb/20/congress-funding-cultural-institutions
(DIR) [3] /Dramatische-Kulturkuerzungen-in-Berlin/!6139739
(DIR) [4] https://afd-regierungsprogramm.de/
(DIR) [5] https://www.deutschlandfunk.de/klima-der-angst-und-selbstzensur-staatsminister-weimer-verunsichert-kulturszene-in-deutschland-100.html
(DIR) [6] https://www.theguardian.com/artanddesign/2025/jun/26/tate-launches-endowment-fund
(DIR) [7] https://www.swfinstitute.org/profile/6092e9d58e3fc9285117fb23
(DIR) [8] https://www.theartnewspaper.com/2021/03/30/how-museums-can-ethically-invest-their-money
(DIR) [9] https://share.google/NFLAQyzFlTBiwtJK7
(DIR) [10] https://upstartco-lab.org/cultural-capital-the-state-of-museums-and-their-investing/?ref=hyperallergic.com
(DIR) [11] https://share.google/fIbGu95RXAkxD7HmR
(DIR) [12] https://apollo-magazine.com/the-trouble-with-museum-endowments/
## AUTOREN
(DIR) Daniel Stähr
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(DIR) Kunstfreiheit
(DIR) Rechtsruck
(DIR) Wolfram Weimer
(DIR) Schwerpunkt USA unter Trump
(DIR) Schwerpunkt Kunst und Kolonialismus
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