# taz.de -- Historikerin über Zusammenhalt: „Diese Rhetorik ist maximal gefühlig“
> Als Gegenbegriff zur Polarisierung wird gesellschaftlicher Zusammenhalt
> beschworen. Ein Gespräch mit Anna Pollmann über Grenzen politischer
> Begriffe.
(IMG) Bild: Zusammenhalt soll das Gemeinwesen vor globalen Verwerfungen schützen. Doch die Frage ist: Wer gehört dazu?
taz: Frau Pollmann, in den vergangenen Jahren ist immer wieder die Rede vom
„sozialen Kitt“, der verlorenzugehen droht, auch die Politik spricht häufig
davon. Bringt dieses ständige Beschwören des Zusammenhalts denn überhaupt
etwas?
Anna Pollmann: Nein, unser Gefühl ist eher, dass die andauernde Verwendung
des Begriffs bei allen möglichen Themen gesellschaftliche Veränderung
hemmt, sie ist eher Nostalgie als Utopie. Die rasante Ausbreitung dieser
politischen Leitvokabel sollte uns deshalb stutzig machen. Man muss genau
hinschauen, wovon eigentlich die Rede ist. Wer spricht von Zusammenhalt für
wen? Und kommen wir damit gerade wirklich gesellschaftlichen Verwerfungen
auf die Spur? Oder benutzt da jemand einen Modebegriff, um seine Agenda zu
befördern? Mit unserem Vokabular wollten wir genau diese Fragen aufwerfen
und nachvollziehen, wie der Begriff ganz real in gesellschaftliche
Praxisbereiche hineinwirkt.
taz: Können Sie denn festmachen, wann der Begriff „Zusammenhalt“ in die
politische Rhetorik Einzug erhielt?
Pollmann: Seinen Anfang hat er in der EU-Politik genommen, in Form der
„Kohäsion“. In Deutschland taucht der Begriff dann vor allem seit 2014 auf,
zuvor wurde er selten verwendet. Wir beobachteten zunächst die Verwendung
im Zusammenhang mit demokratischen Verfahrensformen. Und dann 2015 im
„Sommer der Migration“ vor allem im Zusammenhang mit Willkommenskultur und
zivilgesellschaftlichem Engagement für Migranten. Damals war er also eher
positiv besetzt, man wollte gemeinsam etwas schaffen. Zeitgleich wanderte
er aber auch immer von der politischen Rhetorik in die Alltagssprache und
zurück.
taz: Und seitdem?
Pollmann: Er hat sich gewandelt, hin zum Gegenbegriff zu gesellschaftlicher
Polarisierung. Da wird er gern benutzt, wenn man den Verlust von
gemeinsamen Grundüberzeugungen feststellen möchte. Vor allem die SPD hat
ihn in ihrem Wahlkampfprogramm 2017 genutzt. Sie hat versucht, ökonomische
und soziale Themen wieder enger miteinander zu verkoppeln. Da ging es
besonders um Chancengleichheit und zivilgesellschaftliches Engagement. Die
Bürger also zu aktivieren für gemeinschaftsbildende Praxis. 2018 fand der
Begriff dann sogar Eingang in den Koalitionsvertrag von CDU, CSU und SPD,
als wirklich festgeschriebenes politisches Leitbild.
taz: Und wie wurde er im Bundestagswahlkampf 2025 verwendet?
Pollmann: Da hat sich vor allem gezeigt, was für unterschiedliche Ideen
unter diese politische Einigungsformel gefasst werden können. Zusammenhalt
wurde im Kontext von Waffenlieferungen, Grenzschließung, Mindestlohn,
Grundsicherung und zivilgesellschaftlichem Engagement aufgerufen und das in
verschiedenen politischen Lagern. Besonders von der bürgerlichen Mitte, von
CDU und SPD. Im Zusammenhang mit „Leitkultur“ bekam der Begriff eine
migrationsfeindliche Stoßrichtung. In den vergangenen Jahren ist etwas
stärker Ausschließendes hinzugekommen.
taz: Weil Zusammenhalt immer auch ein Außen erfordert, gegen das man sich
abgrenzt. Wer oder was kann das sein?
Pollmann: Das kommt darauf an, wer den Begriff nutzt. Bei Fragen wie
Waffenlieferungen oder Grenzschließungen ist es ja relativ klar. Man geht
von einer nationalen Gemeinschaft aus, in der Konflikte befriedet oder
ausgehandelt werden müssen – Zusammenhalt soll das nationale Gemeinwesen
vor globalen Verwerfungen schützen. Nicht nur bei der Debatte um
Grundsicherung stellt sich die Frage: Wer gehört dazu? Wer soll von unserer
Gesellschaft versorgt werden, und was sind die Voraussetzungen für eine
Teilhabe? Da gibt es zum Teil auch sozialdarwinistische Überlegungen im
Zusammenhaltsbegriff.
taz: Welche Macht kann eine solche Vokabel in unserer Gesellschaft ausüben?
Pollmann: Sprache ist immer in gesellschaftliche Verhältnisse verwoben.
Durch sie kommt zum Ausdruck, was und wie etwas im Rahmen der sozialen
Verhältnisse artikulierbar und begreifbar ist. Ihr kann dadurch ein
transformatives, sogar utopisches Potenzial zukommen. Nur kommt das, so wie
wir über Zusammenhalt sprechen, zu kurz, diese Vokabel bremst eher. [1][In
Wahrheit ist Zusammenhalt kein Zustand, auf den man sich nostalgisch
zurückbeziehen könnte, sondern entsteht in sozialen Praktiken].
taz: Lässt sich aus der Verwendung des Begriffs denn ableiten, welche
Idealvorstellung einer krisenfesten Gesellschaft aktuell herrscht?
Pollmann: Dazu gehört sicher die Vorstellung, eine geordnete, kontrollierte
Migration werde gesellschaftliche Schieflagen lösen. Und dass Arbeit
notwendig ist, um eine gesellschaftliche Existenz zu rechtfertigen.
Allgemein wird darauf verwiesen, dass früher der Zusammenhalt besser
funktioniert habe. Aber hat es diesen Zustand, der sich zurückgewünscht
wird, je gegeben? Diese Nostalgie zeigt, dass der Wunsch nach Zusammenhalt
an einen gefühlten Verlust gekoppelt ist. Der Begriff ist also ein
sprachliches Symptom dafür, dass gesellschaftliche Beziehungen brüchig
geworden sind und es ein gestiegenes Bedürfnis nach Verbundenheit gibt.
taz: An wen appelliert der Begriff, um die Verbundenheit zurückzubekommen?
Pollmann: An alle, das ist Teil der diffusen Unbestimmtheit dieser
Metapher. Unklar ist jedoch, ob es um das Verhältnis von Institutionen und
Individuen geht oder um das der Individuen untereinander. Diese Unklarheit
zeigt sich sehr deutlich in der Forderung nach sozialem Engagement. Aber
der Appell reicht auch ins Private hinein, wenn es um Vorstellungen von
Nachbarschaft oder Care-Arbeit geht.
taz: Ziemlich nebulös also.
Pollmann: Ja, viele, die den Begriff beschwören, machen es sich zu einfach,
komplexe gesellschaftliche Prozesse und Ungleichheiten mit einem so
verschleiernden Begriff abzudecken. [2][Im Vergleich zu anderen politischen
Leitvokabeln wie „Integration“ oder „Verfassungspatriotismus“ ist
„Zusammenhalt“ maximal gefühlig]. Scheinbar soll er ein Lösungsangebot für
verschiedene gesellschaftliche Konflikte sein. Letztendlich wirft er die
zentrale Frage der Soziologie auf, wie Verbundenheit zwischen Individuen
entstehen kann, die in Tausch- und arbeitsteiligen Beziehungen zueinander
stehen. Und doch sagt er viel aus über die Begrenztheit der Lösungen für
verschiedene gesellschaftliche Missstände.
taz: Also besser weg mit dem Begriff?
Pollmann: Ich denke, er wird uns noch länger begleiten. Ich glaube aber,
man müsste die Fragen viel konkreter stellen. Für viele gesellschaftliche
Gruppen ist fehlender Zusammenhalt nicht das eigentliche Problem. Mit ihm
lassen sich zum Beispiel nur schlecht sozioökonomische Widersprüche
benennen, genauso wenig die Erfahrung von Entrechtungen oder mangelnder
politischer Repräsentation. Interessanter ist es zu schauen, wie der
politische Appell in die Praxis übersetzt wird, auch durch öffentliche
Förderprogramme. Die Vorstellung vom Zusammenhalt prägt mittlerweile die
Wohnungs- und Klimapolitik oder politische Bildungsangebote. Begriffe sind
aktiv, sie werden in Leitlinien und Verfahrensweisen übersetzt. Wir haben
uns gefragt, inwiefern sich in der gesellschaftlichen Praxis mit Bezug auf
„Zusammenhalt“ transformatives Potenzial entfalten kann. Geht man von
gesellschaftlich marginalisierten Gruppen aus, zeigen sich allerdings recht
schnell die Grenzen der politischen Rhetorik. Deshalb sollten wir häufiger
hinterfragen, ob der Begriff in seiner konkreten Verwendung wirklich
gesellschaftliches Bewusstsein schafft – oder dieses verstellt.
taz: Wie könnten wir die Verwendung des Begriffs doch noch produktiver
nutzen?
Pollmann: Ich denke, man muss dafür auf eine kleinere Ebene runtergehen,
darf sich nicht von dieser großen politischen Rhetorik blenden lassen.
Also, wo sehen wir transformatives Potenzial in unserer Gesellschaft? Um
diese praktische Ebene in den Blick zu bekommen, haben wir Begriffe wie B1,
einsam, Kneipe oder Einzugsgebiet in das Buch aufgenommen. Durch diesen
Perspektivwinkel geraten sogar neue soziale Organisationsformen in den
Blick.
14 May 2026
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## AUTOREN
(DIR) Monika Rathmann
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