# taz.de -- Wegen Petition gegen Merz?: Dobrindt stoppt Demokratieprojekt
       
       > Die Geschäftsführerin der Gruppe „Radikale Töchter“ initiierte eine
       > Petition gegen Merz – nun stoppte das Innenministerium ihr
       > Demokratieprojekt.
       
 (IMG) Bild: Straft er kritische Demokratieprojekte ab? Bundesinnenminister Alexander Dobrindt (CSU)
       
       Die Förderung war bereits seit Monaten zugesagt. Schon im Frühjahr 2025
       hatte die [1][Gruppe „Radikale Töchter“] eine vorläufige Zusage für ihr
       Projekt „Mut-Muskel-Training“ von der Bundeszentrale für politische Bildung
       (BpB) erhalten, im Rahmen des Programms „Zusammenhalt durch Teilhabe“, das
       am Bundesinnenministerium angesiedelt ist. Der Antrag wurde „aus
       inhaltlicher Sicht positiv bewertet“, schrieb die BpB an die Gruppe.
       Angelegt war das Projekt bis Ende 2026, mit einer Fördersumme von 287.000
       Euro. Alles schien auf dem Weg, ein erster Workshop war schon abgehalten.
       
       Doch dann intervenierte das Innenministerium von Alexander Dobrindt (CSU)
       und stoppte in diesem Januar das Projekt – ohne jede Begründung. Aber die
       Projektleiterinnen haben einen Verdacht: Denn „Radikale
       Töchter“-Geschäftsführerin und Gründerin Cesy Leonard startete im
       vergangenen Oktober eine erfolgreiche Petition – gegen Friedrich Merz.
       
       Zuvor hatte Merz seine Aussage, [2][dass es mit Blick auf Migrant*innen
       ein „Problem im Stadtbild“ gebe], damit zu begründen versucht, dass man
       Töchter fragen solle, wie er das gemeint habe. In der Petition schrieb
       darauf Leonard: „Wir sind die Töchter und lassen uns von Ihrem Rassismus
       nicht einspannen, Herr Merz! Sie sprechen nicht für uns.“ Der Kanzler solle
       aufhören, Rassismus „salonfähig zu machen“. Vielmehr müsse er benennen,
       dass es ein strukturelles Problem mit Gewalt gegen Frauen gebe.
       
       „Ihre Worte haben Gewicht – und Ihre jüngsten Aussagen werden der
       Verantwortung dieses Amtes nicht gerecht“, heißt es weiter. „Im Gegenteil:
       Sie schaden unserer Demokratie und spalten ‚das Volk‘.“ Die Onlinepetition
       wurde von mehr als 250.000 Nutzer*innen unterzeichnet. Vor der
       CDU-Parteizentrale, dem Konrad-Adenauer-Haus in Berlin, [3][gab es auch
       eine Demonstration – an der sich auch die „Radikalen Töchter“ beteiligten].
       
       ## Mit Aktionskunst für die Demokratie
       
       Auch mit ihren „Radikalen Töchtern“ setzt sich Cesy Leonard, einst aktiv
       beim [4][„Zentrum für Politische Schönheit“,] für feministische und
       demokratische Politik ein. Im Jahr 2019 gegründet, bot das gemeinnützige
       Projekt seitdem rund 400 Workshops in Schulen, Ausbildungsbetrieben,
       Jugendzentren oder kulturellen Zentren an – wiederholt unter Förderung der
       Bundeszentrale für politische Bildung. Das Ziel: Mit Aktionskunst
       Jugendliche zu mehr demokratischem Engagement zu motivieren.
       
       Mit ihrem aktuellen „Mut-Muskel-Training“ wollten die „Radikalen Töchter“
       daran anknüpfen. Und zunächst nahm alles erneut seinen eingespielten Lauf.
       Die BpB bewilligte das Projekt, noch unter Bundesinnenministerin Nancy
       Faeser (SPD) – vorbehaltlich allerdings noch der damals ausstehenden
       Bewilligung des Haushalts. In internen Unterlagen der BpB hieß es nach
       taz-Informationen: „Das ausgewählte Projekt ist mit dem BMI und der
       Hausleitung abgestimmt und entspricht der Förderrichtlinie.“ Der
       Projektstart werde ab 1. März 2025 zugelassen.
       
       Dann aber forderte das Innenministerium, nach der Bundestagswahl nun unter
       Führung von Alexander Dobrindt, nochmal die Förderunterlagen an. Und am 5.
       Januar dieses Jahres stoppte das Ministerium plötzlich die geplante
       Förderung mit einem Erlass, unterzeichnet von Staatssekretär Sebastian
       Wüste – ohne jede Begründung. Verwiesen wurde lediglich darauf, dass dem
       Innenministerium bei der Förderung die „abschließende Entscheidung“
       obliege.
       
       ## Aufstand in der Bundeszentrale für politische Bildung
       
       Schon im Oktober aber hatte [5][das rechte Krawallmedium Nius]
       skandalisiert, dass das Bundesinnenministerium die „Radikalen Töchter“
       fördert, und damit „die linke NGO-Szene“ – trotz Kritik an Merz. Kurz
       darauf griff den Fall auch die AfD im Bundestag auf und fragte das
       Innenministerium nach der Förderung. Damals antwortete Staatssekretärin
       Daniela Ludwig (CSU) noch, die Förderung finde nach gesetzlichen
       Vorschriften statt. Und gefördert würden einzelne Modellprojekte, nicht die
       Träger als solche.
       
       Auf den Förderstopp des Innenministeriums antwortete die Bundeszentrale für
       politische Bildung indes deutlich – mit einem Brandbrief. Man habe
       „erheblich rechtliche Bedenken gegen die Umsetzung dieses Erlasses“,
       schrieb nach taz-Informationen Abteilungsleiterin Cemile Giousouf, einst
       CDU-Bundestagsabgeordnete, an das Ministerium. Denn der inhaltliche
       Bewertungsprozess sei bereits abgeschlossen – und zu einem positiven
       Ergebnis gelangt. Informationen, die eine Neubewertung rechtfertigen
       würden, lägen nicht vor. Es sei „kein rechtlich tragfähiger Grund für eine
       Ablehnung erkennbar“.
       
       Und Giousouf warnte vor den Folgen. Mit dem Erlass des Innenministeriums
       drohe ein Verstoß gegen das Willkürverbot – und eine „hohe Aussicht auf
       Erfolg“, sollten sich die „Radikalen Töchter“ zu einer Klage entschließen.
       Dann müsste das Projekt letztlich auch so bewilligt werden, so Giousouf.
       Auch könnten bereits getätigte Ausgaben als Schadensersatz geltend gemacht
       werden – und die BpB müsste zusätzlich die Gerichtskosten zahlen. Zudem sei
       ein öffentliches Interesse zu erwarten, das den Ruf der Bundeszentrale, des
       Ministeriums und des Förderprogramms „massiv schädigen“ könnte.
       
       Doch: Das Bundesinnenministerium blieb bei seiner Entscheidung. Am 12.
       Februar 2026 verschickte die BpB schließlich den Ablehnungsbescheid an die
       „Radikalen Töchter“.
       
       Die Bundeszentrale wollte sich zu dem Vorgang nicht äußern, verwies auf das
       Innenministerium. Dort bestätigte ein Sprecher, dass die Förderung für das
       Projekt der „Radikalen Töchter“ seitens des Ministeriums „in der
       Gesamtschau der eingegangenen Förderanträge“ abgelehnt wurde. Weiter äußere
       man sich zu Einzelbewertungen grundsätzlich nicht.
       
       Aber, so ein Sprecher: „Die Hausleitung des BMI behält sich vor, eigene
       Schwerpunkte in der aktuellen Förderperiode des Bundesprogramms
       ‚Zusammenhalt durch Teilhabe‘ zu setzen.“ Ob die Ablehnung mit der
       Anti-Merz-Petition zusammenhängt, ließ der Sprecher offen. Auf
       taz-Nachfrage erklärte er aber noch, dass das Projekt [6][nicht vom
       umstrittenen Haber-Verfahren geprüft wurde].
       
       ## „Ein absoluter Skandal“
       
       Cesy Leonard von den „Radikalen Töchtern“ glaubt sehr wohl an einen
       Zusammenhang mit der Merz-Kritik. „Wenn politisch unliebsame Organisationen
       wie meine ohne Begründung ihre Förderung verlieren, ist das ein absoluter
       Skandal“, sagte Leonard der taz. „Eine starke Demokratie muss Kritik
       aushalten können, ohne sie abzustrafen.“
       
       Leonard sieht dabei ein größeres Muster. „Wir erleben gerade ein
       mutwilliges Demontieren von demokratischem Engagement durch die
       Bundesregierung. Unser Fall wird kein Einzelfall bleiben, wenn wir uns
       jetzt nicht klar dagegen wehren.“ Leonards Gruppe legte inzwischen
       Widerspruch gegen die abgelehnte Förderung ein.
       
       Die „Radikalen Töchter“ werden dabei auch vom Projekt „Gegenrechtsschutz“
       von Frag Den Staat und der Gesellschaft für Freiheitsrechte (GFF)
       unterstützt. Von einer „höchst zweifelhaften“ Entscheidung des
       Innenministeriums spricht dort GFF-Juristin Luise Bublitz. „Die bereits
       zugesagte Förderung ganz ohne Begründung doch noch abzulehnen, ist
       willkürlich und rechtlich nicht nachvollziehbar.“
       
       Sollte es tatsächlich einen Bezug zur Petition einer der
       Geschäftsführerinnen gegen Merz geben, hätten die „Radikalen Töchter“
       nichts falsch gemacht, so Bublitz: Auch gemeinnützige Organisationen
       dürften sich politisch äußern. „Der ganze Vorgang trägt zur Verunsicherung
       unter demokratisch Engagierten in der Zivilgesellschaft bei, die dort
       ohnehin schon groß ist. Das untergräbt das Vertrauen in die Verlässlichkeit
       staatlichen Handelns.“
       
       24 Mar 2026
       
       ## LINKS
       
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 (DIR) [6] /Kritik-am-Haber-Verfahren/!6161518
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Konrad Litschko
       
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