# taz.de -- Umbau des Programms „Demokratie leben“: Mitten im Kulturkampf
> Familienministerin Prien beendet Demokratieprojekte, Dobrindt streicht
> einer kritischen Initiative die Förderung. Wer Kritik äußert, wird
> abgestraft.
(IMG) Bild: Hat grad keinen guten Stand bei der aktuellen Regierung: Demokratie
Da ist die Bildungsinitiative Ferhat Unvar, benannt nach einem der
Erschossenen des Hanau-Attentats von 2020, [1][gegründet von dessen
Mutter]. Weg. Da ist das Projekt toneshift von HateAid, das Betroffene von
digitaler Gewalt berät. Weg. Da ist das Projekt Zadik vom
Makkabi-Sportverband, das gegen Antisemitismus im Sport ankämpft. Weg. Da
ist das [2][Projekt Sisters], das sich für Mädchen of Color im ländlichen
Sachsen einsetzt. Weg. Da sind die Utopiewerkstätten für Jugendliche,
organisiert von der Türkischen Gemeinde. Weg. Da ist die Demokratie
Starterbox der Konrad-Adenauer-Stiftung, die Workshops an Berufsschulen
veranstaltet. Weg.
Diese und rund 200 weitere Demokratieprojekte will Bundesfamilienministerin
Karin Prien zum Jahresende nicht mehr weiterfördern, [3][im Zuge ihres
Umbaus des Bundesprogramms „Demokratie leben“]. Pluraler soll das Programm
werden, weniger links, weniger Vielfaltsförderung, mehr „in die Mitte“
gehen. So sagte es die Christdemokratin gerade [4][der taz im Interview].
Ob Prien damit auch die Adenauer-Stiftung meint oder den DRK, die Caritas
oder das Kinderhilfswerk, deren Projekte nun ebenso nicht verlängert
werden?
Das ist die eine Frage, die andere ist: Was bezweckt die Ministerin? Sie
selbst beteuert, es gehe nur darum, mit den Demokratieprojekten mehr
Menschen zu erreichen. Deshalb sollen Schulen, Vereine oder Feuerwehren
diese Projekte übernehmen. Okay. Aber sind es nicht genau diese mit ihrer
eigenen Arbeit schon genug ausgelasteten Einrichtungen, die bei den
zivilgesellschaftlichen Beratungsstellen um Hilfe bitten, wenn
rechtsextreme Parolen den Klassenchat aufmischen oder sich Neonazis im
Sportverein breitmachen? Ganz abgesehen von der Frage, wer bei der
Feuerwehr das Demokratieprojekt stemmen soll, wenn die Löschtruppe selbst
rechtsextrem ist.
Alles halb so wild, meint Prien. Die nun abgesägten Träger könnten sich ja
mit neuem Konzept bewerben. Das ist nett. Doch nun werden erst mal lange
vorbereitete Projekte, die teils Förderzusagen bis 2032 hatten, abgebrochen
und ihre Strukturen eingestampft. Wer von den bisherigen Trägern künftig
unter der Merz-Prien-Dobrindt-Reiche-Regierung wieder ausgewählt wird und
wer nicht, lässt sich nach den Statements leicht ausmalen.
## Antisemitismus und Queerfeindlichkeit
In einer Zeit, in der die rechtsextreme AfD [5][Rekordergebnisse auch im
Westen des Landes einfährt], in der Umfragen sie in Sachsen-Anhalt und
Mecklenburg-Vorpommern derzeit vorne sehen, in der rechte Gewalt auf
Höchstständen liegt, sich bundesweit neue Jungnazi-Gruppen bilden und
Antisemitismus und Queerfeindlichkeit um sich greifen.
In Kürze wird die neue Kriminalstatistik präsentiert, das Erschrecken wird
wieder groß sein. Und dennoch werden diejenigen, die diesen gefährlichen
Entwicklungen entgegenarbeiten, aus dem Spiel genommen. Und die, die grade
noch weitermachen dürfen, klagen über immer mehr Bürokratie, mehr Auflagen,
eine neue Extremismusklausel.
Warum das Ganze? Weil es hier nicht um fachliche Argumente geht, sondern um
ideologische Profilschärfung. Der Vorlauf jedenfalls ist verräterisch.
Schon lang wird „Demokratie leben“ von CSU und FDP (als sie noch eine Rolle
spielte) attackiert, vor allem aber von der AfD und rechtsextremen Medien:
als zu links, als alimentierter NGO-Komplex. Die Union griff diese Kampagne
noch in der Opposition mit ihren 551 Fragen zur kritischen
Zivilgesellschaft auf.
Nun folgte der nächste Schritt. Kulturstaatsminister Wolfram Weimer lässt
linke Buchläden vom Verfassungsschutz prüfen und [6][sperrt sie von einer
Preisverleihung aus]. Innenminister Alexander Dobrindt [7][stoppt die
Förderung für ein Demokratieprojekt der „Radikalen Töchter“], die zuvor
Merz kritisierten. Und Merz selbst erklärt, es sei „ein erwünschtes
Ergebnis“, dass ein paar Organisationen, die den Linken nahestehen, nicht
mehr gefördert werden.
## Mit dieser Streichrunde ist es nicht getan
Alles zufällige Ballung? Alles kein Kulturkampf, wie Prien und Weimer
beteuern? Das steht frei zu glauben. Nur: Das sind alles Entscheidungen,
die nicht fachlich begründet sind. Die Buchläden waren von einer Jury nach
kulturellen Kriterien für den Preis ausgewählt worden. Das Projekt der
„Radikalen Töchter“ war nach einer fachlichen Prüfung für gut befunden und
bewilligt worden. Und auch die „Demokratie leben“-Projekte wurden auf diese
Art ausgewählt.
Beendet werden nun ausgerechnet die „Innovationsprojekte“, die zurzeit noch
evaluiert werden, ihr Ergebnis interessiert Prien aber nicht mehr. In der
letzten Evaluation hätte sie nachlesen können, dass „Demokratie leben“
„positive Wirkungen“ zeige und „erfolgreich“ zentrale Ziele erreichte.
Dass es mit dieser Streichrunde getan ist, davon ist nicht auszugehen. Von
rechts außen wird es weiter Druck auf die kritische Zivilgesellschaft
geben, jeder Punktgewinn wird zum Ansporn für den nächsten. Und die Union
wird sich weiter treiben lassen. Wer aus der Zivilgesellschaft unbequeme
Kritik äußert, läuft Gefahr, von der Regierung abgestraft zu werden. So
weit sind wir.
Im Fall der beendeten Demokratieprojekte dürfte die Folge sein: Gewalt und
Extremismus wird sich weiter ausbreiten und damit auch die AfD. Die
Bundesregierung wird sich dann um die Sicherheit ihrer Bürger kümmern
müssen. Aber Hauptsache, man hat sich heute erst mal um die Ideologie
gekümmert. Wie wird die Regierung auf die steigende Unsicherheit reagieren?
Mutmaßlich mit einem Klassiker: Law & Order.
28 Mar 2026
## LINKS
(DIR) [1] /Serpil-Temiz-Unvar-ueber-ihre-Initiative/!5810964
(DIR) [2] /programm/2024/panterforum-chemnitz/de/speakers/2259.html
(DIR) [3] /Umbau-des-Programms-Demokratie-Leben/!6164747
(DIR) [4] /Familienministerin-Karin-Prien-Vielfalt-sehe-ich-nicht-als-staatliches-Foerderziel/!6165687
(DIR) [5] /AfD-bei-Landtagswahl-Rheinland-Pfalz/!6164331
(DIR) [6] /Wolfram-Weimer-und-die-Buchbranche/!6157097
(DIR) [7] /Wegen-Petition-gegen-Merz/!6165344
## AUTOREN
(DIR) Konrad Litschko
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