# taz.de -- Umbau des Programms „Demokratie Leben“: „Ein fatales Zeichen“
> Familienministerin will 200 Projekte nicht mehr fördern und baut das
> Programm „Demokratie Leben“ um. Dort reagiert man mit Unverständnis.
(IMG) Bild: Hält einen Umbau des Programms „Demokratie Leben“ für nötig: Familienministerin Karin Prien
[1][Bundesfamilienministerin Karin Prien] (CDU) baut das [2][Programm
„Demokratie leben“] um – und streicht etlichen Projekten die Mittel. „Das
Verhältnis von Mitteleinsatz und Ergebnis stimmt nicht“, sagte Prien der
Zeitung Welt. Trotz engagierten Einsatzes würden die Programmziele nicht
oder nicht nachhaltig erreicht. Laut Welt sollen bis Jahresende mehr als
200 Demokratieprojekte auslaufen. „Wir stellen das Programm grundsätzlich
neu auf“, erklärte Prien.
Schon nach ihrem Amtsantritt hatte Prien [3][eine Neuaufstellung von
„Demokratie leben“ und eine neue Förderrichtlinie angekündigt] – mit mehr
Fokus auf Projekte gegen Islamismus, Antisemitismus, Linksextremismus und
Hass im Internet. Die Union hatte zuvor kritisiert, dass das Programm zu
einseitig aufgestellt sei und auch antisemitische Projekte fördern würde.
Die AfD und Rechtsaußen-Medien wie Nius insinuierten in einer Kampagne,
dass damit Linksradikale finanziert würde. Tatsächlich fördert „Demokratie
leben“ Präventionsprojekte gegen verschiedenste Arten von Extremismus,
Aussteigerprogramme oder etwa Projekte, die marginalisierte Gruppen
stärken.
Prien will laut Welt nun die Programmbereiche „Entwicklung einer
bundeszentralen Infrastruktur“ einstellen, ebenso wie die sogenannten
Innovationsprojekte – darunter fallen verschiedene Präventionsprojekte oder
auch Initiativen, die sich gegen gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit oder
für Empowerment von diskriminierten Gruppen einsetzen. Prien kündigte zudem
an, dass es – unabhängig von der Umstrukturierung – zu Mittelkürzungen des
Programms kommen werde. Zuletzt waren dafür 191 Millionen Euro im Haushalt
eingestellt.
## Zentralrat der Juden und HateAid betroffen
Zu den von den Kürzungen betroffenen Projektträgern gehören laut Welt die
Amadeu Antonio Stiftung, der Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland
(BUND), der Verein HateAid, das Medienunternehmen „Correctiv“, der
Zentralrat der Juden und die Konrad-Adenauer-Stiftung. Nach
taz-Informationen trifft es auch den Bundesverband der Beratungsstellen für
Betroffene rechter Gewalt, den Bundesverband der Mobilen Beratungen oder
das Netzwerk Courage.
Timo Reinfrank, Geschäftsführer der Amadeu Antonio Stiftung bestätigte der
taz, dass seine Stiftung betroffen ist. Gestrichen würden dort die Gelder
für den Kooperationsverbund Rechtsextremismusprävention, an dem die
Stiftung beteiligt ist, laut Reinfrank „ein Herzstück des Bundesprogramms“.
Zudem das Projekt „Good Gaming“, bei dem Gamer*innen und
Content-Creator*innen unterstützt werden, die Anfeindungen oder Bedrohung
erlebten. 850.000 Euro Förderung fielen damit weg, so Reinfrank. „Ich
wüsste nicht, wie wir das kompensieren können.“
Reinfrank sprach von einem „fatalen Signal zur falschen Zeit“. Ausgerechnet
in einer Zeit, in der rechtsextreme Kräfte erstarkten, würden bewährte
zivilgesellschaftliche Strukturen geschwächt. „Diese Strukturen jetzt
abzubauen, bedeutet, genau dort Lücken entstehen zu lassen, wo sie
besonders gefährlich sind“, so Reinfrank. „Nämlich dort, wo Prävention
wirkt, Betroffene geschützt werden und demokratische Gegenkräfte
organisiert werden.“
## „Da brechen jetzt richtig Strukturen weg“
Auch Andrea Hübler, [4][Geschäftsführerin von Support, der Beratungsstelle
für Opfer rechter Gewalt in Sachsen], sagte der taz: „Da brechen jetzt
richtig Strukturen weg.“ Die bundesweiten Träger seien wichtig, um etwa
neue Berater*innen auszubilden oder Qualitätsstandards zu sichern. Auch
lebe Demokratieförderung von Erfahrung und Vertrauen vor Ort, so Hübler.
Diese Expertise lasse sich nicht kurzfristig durch neue Strukturen
ersetzen. „Der Vorschlag geht an den Bedürfnissen der Engagierten und
Betroffenen von rechter Gewalt vollkommen vorbei.“ Auch sei es unlogisch,
dass Prien neue, wirksame Konzepte einfordere – dann aber ausgerechnet die
Innovationsprojekte beende, die genau solche Konzepte erprobten.
Prien betonte in der Welt dagegen: „Gesellschaftliche Herausforderungen
werden im Programm nicht oder nicht ausreichend abgebildet.“ Bislang seien
Programmziele, Zielgruppen und Instrumente „diffus“, so Prien.
„Demokratiebildung muss in die Mitte der Gesellschaft wirken: Ziel ist,
die,stille Mitte' der Gesellschaft stärker mit unseren Angeboten zu
erreichen und pluralistische Strukturen zu stärken.“
Prien will nun künftig stärker Projekte von „Regelstrukturen“ fördern, also
in Schulen, Feuerwehren, Sportvereinen oder Bibliotheken – weniger von
zivilgesellschaftlichen Initiativen oder NGOs. Auch soll es mehr Projekte
gegen Radikalisierung im Internet geben.
## Evaluation lief noch
Prien kündigte zudem eine neue unabhängige Evaluation des Programms an.
„Entscheidend ist die tatsächliche Wirkung“, sagte die CDU-Frau der Welt.
Diese Evaluierung soll – anders als bisher – nicht mehr von Institutionen
ausgeführt werden, die ebenfalls vom Bundesfamilienministerium gefördert
werden. Bei den Projektträgern sorgte das für Irritationen, da momentan
gerade noch eine Evaluation läuft, die gar nicht abgeschlossen ist.
Timo Reinfrank sagte, es sei grundsätzlich richtig, Schulen, Feuerwehren
oder Ehrenamtliche zu stärken. Doch diese seien vielerorts bereits
überlastet und könnten die Arbeit spezialisierter Träger nicht ersetzen.
Und auch zu Radikalisierung und Desinformation im Internet verfügten die
bestehenden Strukturen über hohe Kompetenz. Gerade in Ostdeutschland, wo
zivilgesellschaftliche Strukturen häufig besonders unter Druck stünden,
brauche es eine verlässliche, langfristige Förderung und keinen Rückbau, so
Reinfrank. „Wer Demokratieförderung zurückbaut, stärkt diejenigen, die sie
angreifen.“
Deutlicher Widerspruch kommt auch aus der Opposition. Die
Grünen-Fraktionsvize Misbah Khan kritisierte, dass die Bundesregierung „zu
einem wachsenden Misstrauen gegenüber der Zivilgesellschaft beigetragen“
habe. Die Umstrukturierung von „Demokratie leben“ sei von „erheblicher
Intransparenz geprägt“, die geförderten Projekte lange im Unklaren gelassen
worden. „Gerade in Zeiten zunehmender Angriffe auf unsere Demokratie darf
der Erhalt bewährter Strukturen nicht infrage gestellt werden“, sagte Khan
der taz. „Wer zivilgesellschaftlichen Organisationen jetzt die finanzielle
Grundlage entzieht, schwächt gezielt das Engagement für gesellschaftlichen
Zusammenhalt und Vielfalt und spielt damit den Gegnern einer offenen und
demokratischen Gesellschaft in die Hände.“
Die Linken-Fraktionsvize Clara Bünger nannte die Kürzungen bei „Demokratie
leben“ einen „Schlag gegen die demokratische Zivilgesellschaft“. Rechte
Kampagnen gegen Präventionsarbeit und Antifaschismus zeigten offenbar
Wirkung. „Die Bundesregierung sendet das völlig falsche Signal. Besonders
dort, wo rechte Strukturen längst Alltag sind, brauchen engagierte
Initiativen Rückhalt statt Kürzungen.“ Wer diese Strukturen schwäche,
spiele am Ende nur den Feinden der Demokratie in die Hände, so Bünger zur
taz.
Die Linkenpolitikerin erinnerte daran, dass sie vor zwanzig Jahren selbst
betroffen von rechter Gewalt war. Rechtsextreme hatten sie damals
attackiert und ihr den Kiefer gebrochen. „Ohne die Beratung für Opfer von
rechter Gewalt wäre es wahrscheinlich gar nicht zum Prozess gegen die
rechten Gewalttäter gekommen“, so Bünger. In diesem Bereich zu kürzen, in
Zeiten, in denen rechte Gewalttaten wieder steigen, sei „das Schlechteste
was man gerade tun kann“.
20 Mar 2026
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