# taz.de -- Alles geht kaputt: Blaue Flecken am Herzen
> Terror, Drama, Knacks: Menschen krümmen sich in der Bahn, Kathrin Angerer
> quetscht ihre Stimme, und selbst Weichteilchirurgen sehen nur Löcher im
> Gewebe.
(IMG) Bild: Martin Wuttke, Marie Rosa Tietjen, Kathrin Angerer in einem Bühnenbild von Barbara Steiner an der Berliner Volksbühne
„Die schämt sich“, sagt M. und schiebt die Herz-Zehn mit dem Gesicht nach
unten in den Stich. Dann lacht er, während sein Blutdruck-Messgerät piept,
alle 15 Minuten in dieser Nacht. Etwas muss untersucht werden. Die Punkte
sind zwar verloren, doch mittlerweile führt M. so unaufholbar auf
dem-Skat-Zettel, er ist eh unbesiegbar. C. und ich trinken Budweiser Budvar
aus dem Edeka von unten aus schmalen Gläsern mit Eichstrich-Aufschrift
Superfest. Zwischen den Kartenrunden greife ich nach dem Bier mit beiden
Händen. Trinken mit Dringlichkeit und Ritual. Wir sprechen über Arbeit und
Wohnen, über miese Gehälter und die Stadt. C. sagt, er wird zynisch. M.
sagt, er wird nach Friedrichsfelde ziehen. Er klingt dabei sogar glücklich.
Später bleibt nach einer Station die U-Bahn gleich wieder stehen. Irgendwas
Eingleisiges. Es ist fast Mitternacht und, als säße man in einem
Grips-Theater-Stück, tauchen nacheinander die vertrauten Gebückten und
Entrückten auf. Einer von ihnen schreit markerschütternd, er werde sterben,
während er sich auf den grau-glitzernden Boden der U9 wirft, diese
Milchstraße voll schwarzer Kaugummilöcher. Augen werden gerollt oder in
resignierter Zeitlupe geschlossen, Kopfhörer tiefer in Ohrmuscheln
gedrückt. Einige lange Minuten geschieht nichts, dann erhebt sich der
Sterbende, schlurft in den nächsten Waggon, sinkt dort erneut zu Boden.
Träge Blicke verfolgen ihn durch die Zwischentüren.
Die Stadt bekommt Risse. Vielleicht entstanden sie durch einen Knacks. 2018
muss es den schon gegeben haben, da inszenierte Pollesch seine
Manzini-Studien in Zürich: „[1][Ich weiß nicht, was sein Ort ist, ich kenne
nur seinen Preis]“. In der Volksbühne werden sie nun nochmal gespielt. „Die
Zeit war aus den Fugen“, stellt Martin Wuttke fest „Und dann hatte auch
noch jeder einen Knacks“, erwidert Marie Rosa Tietjen.
Der Knacks. Das Drama. Der Terror. Die drei Darsteller verlieren sich in
unwiederholbaren Sprachtiraden, ich vergesse mitzuschreiben, vergesse, dass
Pollesch seine Texte nicht rausgerückt hat und dass das auch nach seinem
Tod noch so sein wird, und dass es unmöglich sein wird, diese guten
ephemeren Wörter im Nachhinein zu erinnern, doch im Moment ist das egal.
Kathrin Angerer schmachtet ihren Geliebten an, man sieht nur die Affenhand,
das Partialobjekt. Beim Knacks ist die Psychoanalyse nicht weit.
Angerers Stimme ist so unaushaltbar gut gequetscht, als sie verkündet
„Bitte klatschen sie nicht zu laut, die Welt ist sehr alt, sie könnte einen
Sprung kriegen.“ Trotzdem klatschen dann alle sehr laut und das eigene Herz
ist dann auch gleich ganz weich gequetscht. Auch gut, aber mit blauen
Flecken von den ganzen verschwindenden Menschen.
## Popkultur und Körper verfallen
Auf N.'s Geburtstag ein paar Tage vorher hätte ich nachfragen können, wie
das ist mit den Blutergüssen innen drin, da saß mir ein Chirurg für weiche
Teile gegenüber. Erst erzählte er von Löchern im Bindegewebe, später beim
Rauchen auf dem Balkon vom [2][Radioheadkonzert]. Beides mit ebenbürtiger
Begeisterung, Popkultur und Körper verfallen. So wie die Welt. N. erwähnt
in ihrer Tischrede den Krieg. Meine Tischnachbarin D. beschäftigen die
Systeme missbrauchenden Männer und T. und ich betrauern über dem Tiramisu
den Untergang des Worts. Der Terror. Das Drama. Der Knacks. Die Zeit ist
aus den Fugen. [3][Samstag wird Habermas sterben]. Aber das weiß ich jetzt
noch nicht.
16 Mar 2026
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