# taz.de -- Livealbum von Punkband Bad Brains: Die Spucke klatscht aufs Mikro
       
       > Am Rand des Weltuntergangs: Die US-Punkband Bad Brains veröffentlicht mit
       > dem irren Livealbum „Building Babylon at the Bayou“ Aufnahmen von 1980.
       
 (IMG) Bild: Die Bad Brains 1990 in New York
       
       Drängend pocht das Schlagzeug, ebbt ab, nimmt zu, eine Basssaite fetzt, der
       Puls wird schneller. Die Töne riechen wie verschwitzte Körper. Verzerrte
       Versatzstücke einer Gitarre, der komplett übersteuerte Verstärker fiept.
       Nach 1,44 Minuten die Erlösung: ein Schrei, gefolgt von kaum
       verständlichen, hektisch gebrülltem Gesang. Worte überschlagen sich.
       
       „Bad Brains: Building Babylon Live At The Bayou“ heißt das Livealbum der
       legendären US-Punkband, welches vor Kurzem veröffentlicht wurde. Eine
       musikarchäologische Meisterleistung, denn seine Aufnahmen galten als
       verschollen. Und ein Debüt, denn es ist das überhaupt erste
       Non-Jazz-Produkt des US-Labels Time Traveler, das sich ansonsten auf die
       Veröffentlichung historischer Jazzaufnahmen spezialisiert hat.
       
       Gemastert wurden die historischen Klangdokumente vom Produzenten Don
       Zientara, bekannt für sein Wirken im Studio Inner Ear, [1][in dem er die
       Punkszene von Washington], etwa Fugazi und Minor Threat, aufnahm. Und so
       erklingen auf dem Doppelalbum zwei der frühsten Liveauftritte der
       Hardcore-Punkband aus Washington DC, die als eine der wenigen Schwarzen
       Gruppen die Szene in den 1980er und 90er Jahren entscheidend prägte.
       
       Die Aufnahmen entstanden zu einer Zeit, kurz bevor die Band wegen eines
       Auftrittsverbots aufgrund von Ausschreitungen bei einem Konzert von ihrer
       Heimatstadt 1980 nach New York umziehen sollte – also noch vor der
       Veröffentlichung ihres Debütalbums 1981.
       
       ## Das rohe Gefühl
       
       Nun schrabbeln die Sounds tatsächlich wie frisch aus der Zeitkapsel gepult
       aus den Lautsprechern. Gleich beim zweiten Song „P.M.A“, der da noch
       „Attitude“ betitelt ist, bricht die Aufnahme ab, kurze Aussetzer verstärken
       das rohe Gefühl, als würde die Plattennadel springen. „Don't care what they
       may say/ We got that attitude!/ Don't care what you may do/ We got that
       attitude“, hechelt Sänger H.R. ins Mikrofon. Alles ist schnell,
       produktiv-aggressiv. Da ist sie, die Attitüde. Das Publikum pfeift und
       johlt.
       
       Erst beim fünften Track „The Man Won’t Annoy Ya“, klingt der durchhängende
       Off-Beat von Reggae durch, für dessen Einflüsse die Band und ihr
       Rastafari-geprägter Sänger Paul Hudson alias H.R. auch bekannt wurden.
       
       Nun ist früher eben nicht alles besser gewesen und der
       [2][Rastafarianismus] bekanntermaßen in seinen konservativen Auslegungen
       misogyn und homophob: zwei Vorwürfe, mit denen die Band Zeit ihres
       Bestehens immer wieder konfrontiert wurde. Ersterer klingt bei „Live at the
       Bayou“ jedoch eher harmlos im Kontext der Zeit, wenn H.R. mit mackeriger
       Langeweile „No, the man yah, he won’t annoy ya. But a little Missy will“
       intoniert.
       
       ## Öffentliche Entschuldigung
       
       Von der Homophobie der Band, die Ende der 80er im Song „Don't Blow Bubbles“
       gipfelte, der weithin als Beleidigungen bezüglich schwuler Sexpraktiken,
       Aids und Drogenkonsum interpretiert wurde, und für den Bassist Darryl
       Jenifer und Gitarrist Dr. Know sich später öffentlich entschuldigten, ist
       auf den frühen Aufnahmen zumindest nichts Eindeutiges nichts zu hören.
       
       Den zwei Konzertaufnahmen ist es zu verdanken, dass sich einige der Songs
       in doppelter Fassung finden, so auch der Klassiker „Right Brigade“, in der
       1981-Version mit deutlich längerem Gitarrensolo. Wie die irrsinnige
       Performance der Band dazu auch im „Bayou“ ungefähr ausgesehen haben muss,
       ist gut nachvollziehbar in der ebenfalls 1980 erschienenen knapp
       25-minütigen Doku „Bad Brains at CBGB: My Picture in your Movie Baby“,
       gefilmt von der französischen Künstlerin Nicola L.
       
       Es bereitet große Freude, die Konzerte 45 Jahre später im eigenen
       Wohnzimmer zu besuchen: Der so schnell gespielten Coverversion von Black
       Sabbath' Signatursong „Paranoid“ zuzuhören, wirkt, als hätte man den
       Plattenspieler versehentlich auf 45 Umdrehungen gedreht. Den mit
       dumpf-halligem Dubbeat vorgetragenem Song „Many Changes In Life“ zu
       entdecken – bis jetzt unveröffentlicht –, ist eine Offenbarung.
       
       Und in dem anderthalb minütigen „free-fire guitar rage“ zu versinken, als
       das das US-Musikmagazin Trouser Press einst „Pay To Cum“ bezeichnete,
       allererste Single der Bad Brains überhaupt, bereitet diebisches Vergnügen.
       
       ## Die polemische Frustration der Songtexte
       
       Überhaupt den Songtexten zu lauschen. Und mit kleiner Wut festzustellen,
       wie aktuell sie heute wieder sind, wenn H.R. bei „The Big Takeover“ voll
       polemischer Frustration folgende Zeilen ins Mikrofon schleudert: „ All
       throughout this so-called nation/ Prepare yourself for the final quest/ The
       world is doomed/ with the desegregation/ Just another Nazi test/ So
       understand me when I say, There’s no hope for this USA/ your world is
       doomed with our own interrogation, Just another Nazi test“.
       
       Immer härter drischt Earl Hudson auf sein Schlagzeug ein, immer erbitterter
       hört man die Spucke aufs Mikro klatschen. Immer erschöpfter klingt der
       Gesang und auf dem Cover schlägt der Blitz ins Capitol.
       
       6 Feb 2026
       
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