# taz.de -- Sozialleben im Dezember: Unsichtbarer Geisterhund
> Glimmer im Kopf beim Abendessen, Galeriespinnweben und Nina Hagens
> Gesicht auf einem Ei: Am Jahresende wiegt das Soziale so schwer wie die
> Dunkelheit.
(IMG) Bild: Ich fühle die Anstrengung des Sozialen – als hätte ein riesiger, unsichtbarer Bernhardiner seine Pfoten auf meinen Schultern abgelegt
Dunst schlägt uns entgegen, als wir die Wohnung im obersten
Hinterhausstockwerk erreichen. P. hat Geburtstag, sein Sohn steht in der
Tür. Mit ihm quellen Gelächter, feuchte Körper unter zu dicken
Kaschmirpullovern, Besteckklirren, Parmesan, ausgeatmeter Sekt und Lichter
wie auf einem dicken, alten Gemälde – dickes Rot, pulsierendes Gold,
tropfig-schwarze Schatten – ins Treppenhaus.
Jacken werden abgelegt, Menschen begrüßt, Suppe gereicht, der Raum
abgesucht. Wer ist da? Wen kennt man? Bei wem weiß man, wer es ist? Später
auf dem Sofa sagt E.: „In der Kultur sind das Private und Berufliche nie
getrennt. Sie bluten ineinander, was man macht, spielt immer eine Rolle,
weil es irgendwann eine Rolle spielen könnte.“ Vielleicht sagt sie es auch
anders, der müde Glimmer im Kopf verwischt die Erinnerung.
In diesem Moment kann ich die Anstrengung des Sozialen körperlich fühlen,
als hätte ein riesiger, unsichtbarer Bernhardiner seine Pfoten auf meinen
Schultern abgelegt. Ich fühle mich E. sehr nah. C. erzählt eine
Liebesgeschichte. P. rutscht mit aufs Sofa und legt den Arm um mich.
Tauscht sein Gewicht gegen die schweren Füße des Geisterhundes.
## Ein anderer Dunst
Im grauen Tageslicht treten mit jeder Drehung des Körpers die Muskeln am
Unterarm des jungen Baristas hervor, während er den Siebträger in die
Maschine einhakt. Es zischt. Braun und langsam quillt der Espresso in die
Tasse. Ich bezahle zu viel Geld, während ich seinen Vokuhila registriere,
den Ohrring, das verschlissene Shirt. Ich denke an eine Performance im
neuen Projektraum Klix vor wenigen Tagen. An den Schlagzeuger Stefan Blüml
und [1][die Künstlerin Olga Hohmann]. An das Scheppern und Bummern der
Instrumente, an eine mit Gaffa-Tape auf das Becken geklebte Cent-Münze, an
Olgas Mund, aus dem die Worte herausfielen.
An die ungebrochenen Retro-Outfits des Publikums, dieser sehr schönen
Menschen. „Kurt Cobain wäre super angepisst davon, dass junge Leute wieder
sein Gesicht auf T-Shirts tragen“, hatte irgendwer gesagt. Ich denke an
Lederjacken und Mottenkugeln, an Comme-des-Garçons-Parfum, nikotinverfärbte
Fingerspitzen und frische Wandfarbe. An Nina Hagens verzerrtes Gesicht,
geklebt auf ein Ei, hängend an der Wand im Projektraum. Eine Edition von
Niclas Riepshoff. Ich muss sie noch abholen.
Stattdessen betrachte ich Spinnweben hinter Glas von [2][Tomaś Saraceno]
bei Neugerriemschneider. In den Stallgebäuden meines Großvaters auf dem
Land hängen sie frei, dunkel vom Staub gehören sie dort nur sich selbst.
Ebenso im Materiallager eines Zimmermanns auf einem Neuköllner Hinterhof,
daneben ein Brunch im Atelier befreundeter Künstler. L. sitzt auf der Bank
davor, mein Herz wächst, als ich sie sehe. Ich knie mich hin, sie gibt mir
lachend einen Kuss auf die Stirn. Eine Gruppe Kinder tobt an uns vorbei,
ein Mädchen trägt ein anderes auf den Schultern, der lange Mantel der
oberen lässt die beiden von hinten wie einen schwankenden, spillerigen
Riesen erscheinen. Der Geisterhund schnüffelt irgendwo weit weg an einer
Straßenlaterne. Das Leben ist gut.
Dunkelheit drückt gegen die Scheiben, als ich am Sonntagabend erneut in
einem Hinterhof in ein oberes Stockwerk klettere. Vielleicht war es auch
nicht hell geworden, ich hatte nicht darauf geachtet. Die Künstlerin Katrin
Steiger zeigt neue Textilarbeiten in einer Neuköllner Wohnung. Grelles
Neonlicht auf Raufasertapeten. Es riecht nach Menschen, die nicht mehr dort
sind. Knüpfwerke aus DDR-Material, der Nachlass ihrer Großmutter. Steiger
nennt es liebevoll „Archiv“, spricht über die Werke wie über Lebewesen. Man
möchte die Arbeiten streicheln.
Zurück auf der Straße zieht die Luft wie Tinte in die Lungen. Am Balkon
gegenüber blinkt die Weihnachtsbeleuchtung in lautloser Raserei. So wie das
Internet. Oder mein Herz. In wenigen Tagen ist das Jahr vorbei. Auch das
ist gut. Ich kann es fühlen.
23 Dec 2025
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