# taz.de -- Der E.T. der Gen Z: Eine Träne für Rocky
> Ryan Goslings Weltraumbuddy Rocky stiehlt das Herz, der Fernsehturm die
> Aufmerksamkeit und der Running Club die Luft. Alles klebt, nichts steht.
(IMG) Bild: Sieht alles und schweigt (und wäre so eine gute Diskokugel): Berlins Fernsehturm mit morgendlichem Läufer
Warum die „City of Stars“ aufhört zu scheinen, möchte [1][Ryan Gosling
herausfinden], 3.353 Tage nach [2][„La La Land“]. „Fist my bump“, sagt sein
steinerner Weltraumbuddy Rocky und stiehlt mein Herz. Die Finger kleben vom
Popcorn. Es ist Karfreitag: der Tag, an dem sich die Säkularisierung eine
Auszeit gönnt. Und der, an dem mich der Stein aus [3][„Der Astronaut“] zum
Weinen bringt – wer hätte das gedacht? Wenigstens weiß ich endlich,
[4][warum meine Eltern „E.T.“ so lieben].
Zwei Millennials haben den Kinosaal nicht einmal verlassen, da streiten sie
bereits darüber, ob der Film denn nun vier oder vier Komma fünf Sterne
verdient habe – als würde es sie einzig und allein deswegen ins Kino
ziehen, um Letterboxd mit ihrer unfundierten Meinung behelligen können.
Alles muss eingeordnet und bewertet werden. Nichts steht für sich. Mit mir
strömen Gelächter, der Duft von süßem Popcorn und gelöste Stimmung aus dem
Haus.
Unter der Obhut des Fernsehturms, der alles sieht, immer schweigt, reihen
sich die Schau- um die Lustigen. Den einen, denen das Schamgefühl
irgendwann mal abhandengekommen ist, entschwindet mit krächzender Stimme
das musische Handwerk. Den anderen entgleisen die Gesichtszüge zu
schelmischen Fratzen, während sie mit so viel ironischer Distanz lautlos
mitgrölen, dass es gerade noch so für den nächsten viralen Clip auf TikTok
reicht.
Ich schaue nach oben und frage mich, warum man den Berliner Fernsehturm für
eine Kunstinstallation nicht mit abertausenden Spiegelkacheln zu einer
riesigen Discokugel umbaut. Durch die Blendwirkung würde sicherlich niemand
mehr ins Auto steigen. Laut [5][ChatGPT] hat meine Idee keinen „klaren
funktionalen Mehrwert“. Ich nehme es als Beweis für die menschliche
Überlegenheit gegenüber der KI und bahne mir meinen Weg zur U-Bahn.
## Durch die App die eigene Existenz beweisen
Die Lichter der Laternen reißen blasse Gesichter aus der Dunkelheit, die so
schnell gehen, wie sie kommen. Vor mir eine Gruppe Studenten, die sich ihre
Kiefer ausrenken müssen, um der überquellenden Masse Döner beizukommen. Auf
den Unterlippen sitzt schaumiger Speichel. Wenn der Mund vom Schlingen doch
mal eine Auszeit bekommt, quillt eine sinnlose Wortkette aus ihm hervor.
Alles klebt, nichts steht.
Ich setze mich in den freien Vierer daneben und ertappe mich, wie ich dem
Gespräch lausche. Nicht, weil ich hoffe, ein Zitat für die Kolumne
abgreifen zu können, sondern weil ich in ihm etwas Vertrautes wiederfinde,
das ich in den vergangenen Wochen vermisst habe. Acht Wochen in Berlin:
Außerhalb des Praktikums bin ich allein. Nicht, dass ich nicht allein
könnte. Dennoch konzentriere ich mich darauf, dass die Vorfreude auf all
das, was ich vermisse, nicht die Oberhand verliert im Grabenkampf gegen die
tückische Einsamkeit: Die befällt erst schleichend und verschlingt einen
dann im Ganzen.
Der Morgen danach: Der Schleier der Müdigkeit weicht dem Adrenalin. Mein
Blick irrt durch Gesichter, darauf hoffend, irgendwo im Blickkontakt zu
verfangen. „Up for adoption“, steht unsichtbar auf meiner Stirn. „Five
minutes per kilometer!“, plärrt eine junge Frau den Running Club an, zu dem
ich nun auch zähle. Wie von allen Fesseln befreit, kommt ein für die
Temperaturen viel zu leicht bekleideter Pulk aus Läufer:innen ins
Traben.
Als würde der Lauf sonst nicht wirklich passieren, starten ihn die
Übermotivierten hektisch [6][auf der präferierten Running-App]. Statt an
eine gleichaltrige Gruppe zu geraten, quetsche ich eine 40-jährige
Diplomatin mit Fragen aus. Der unsichtbare Schriftzug auf meiner Stirn
verläuft in herunter kullernden Schweißperlen. Alles klebt, nichts steht.
7 Apr 2026
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