# taz.de -- Polnische Diaspora in Berlin: Hip, Hip-Hop und Indiepop
       
       > Die polnische Diaspora hält sich bei einer Magazinparty am Matcha fest,
       > sonst aber zurück. Politischer wird es beim Konzert von Betterov in
       > Neukölln.
       
 (IMG) Bild: „Und am Ende des Abends wurde es nochmal elegant“, singt Betterov am Sonntagabend ins Mikro
       
       „Siema“, ruf ich in die Runde und nehme einen großen Schluck von meinem
       Tetra-Pack-Matcha. Mir hat ein Typ in Warschau mal erzählt, dass sich die
       coolen Skaterkids so grüßen. Warum also nicht auch mal am Zahn der Zeit
       sein? (Nimm das, Duolingo!)
       
       Alles um mich herum ist an diesem Sonntagmittag extrem hip. Newonce, ein
       polnisches Hip-Hop-Magazin, lädt zur Releaseparty in Mitte ein. Das
       Warschauer Fachblatt wagt sich in den Sehnsuchtsort vieler Gen-Z-Pol*innen
       und widmet Berlin und seiner kleinen polnischen Schwester, Pozńan, gleich
       eine Spezialausgabe. Das Covergirl, [1][die Rapperin Bambi], eine polnische
       Shirin David, beobachtet mich von allen Regalen und Beistelltischen.
       
       Um mich herum werden Tiktoks gefilmt, kostenloses polnisches Gebäck
       gegessen und Matcha getrunken. Umgeben von rostbraunen Tylko-Regalen sitzt
       die junge Diaspora auf Ledersofas, macht Selfies mit Digicams und trinkt
       alkoholfreies Bier aus schwarz-matten Dosen, die mich an das Design von
       Männerduschgel erinnern. Eine Frau sitzt hinter ihrem DJ-Pult, vor ihr eine
       Box mit den gekühlten Getränken.
       
       ## Pinkrote Protestsocken
       
       Seit meinem Aufenthalt in Warschau vermisse ich es, Polnisch um mich herum
       zu hören. Partys wie diese geben mir ein Gefühl von Zugehörigkeit, auch
       wenn mein Kopf nach drei Stunden deutsch-englisch-polnisch Mix brummt.
       Stolz präsentiere ich C. bei einer Kippe vor dem Laden meine pink-roten
       Socken, Merch von [2][„Abotak“, einer bekannten polnischen
       Pro-Choice-Organisation]. Angesprochen, wie ich insgeheim hoffte, hat mich
       niemand auf mein politisches Statement.
       
       Nur C. und ich sitzen nun draußen und denken über die Unterschiede zwischen
       feministischen Gruppen in Deutschland und Polen nach. Kurze Zeit später
       laufe ich mit Bambi unterm Arm zur U-Bahn. Das Gespräch mit C. bleibt der
       einzige politische Gedankenaustausch des Nachmittags. Es liegt schon fast
       in der DNA der Pol*innen, die nach Deutschland ausgewandert sind, nicht
       aufzufallen, sich einzureihen. Treffen für die polnische Diaspora, die ich
       in Berlin bisher besucht habe, sind voller netter Begegnungen, doch mir
       fehlt das gemeinsame Schimpfen, Aufregen, Mit-den-Händen-wedeln.
       
       ## Gänsehaut mit „Großer Kunst“
       
       „Und am Ende des Abends wurde es nochmal elegant“, singt Betterov am
       Sonntagabend ins Mikro. In meinem Fall wurde es doch noch mal politisch.
       Denn der Berliner Künstler lädt ein zu „Großer Kunst“, wie sein neues Album
       heißt. Im „Huxleys“ in Neukölln zappeln er und die
       Konzertbesucher*innen (von jung bis alt, von Hände in die Luft
       werfend bis zaghaft nickend) zu seinen Erzählungen über lange Nächte in
       Berlin, Fahrten mit seinem Vater im LKW und Liebeskummer.
       
       Das Setdesign ist nüchtern, nur ein paar Neonröhren blinken im Takt. Doch
       mehr braucht es nicht. Mit seiner Bühnenpräsenz sorgt er für Gänsehaut,
       wenn er von der Flucht seiner Eltern aus der DDR spricht.
       
       „Große Kunst“ will erklären, was von [3][einem Leben in einem geteilten
       Deutschland] übrig geblieben ist. Live übersetzt es der gebürtige Thüringer
       in treibende Rhythmen, die seine Alltagsszenen tragen. Für ihn ein
       gelungenes Finale seiner Tour durchs ganze Land. Emotional und sichtlich
       geschafft hält er sich an einem Strauß Tulpen fest und blickt ein letztes
       Mal in die Menge. Dabei wirkt er so verletzlich, dass ich fast vergesse zu
       fragen, warum er meinen liebsten Song gar nicht gespielt hat. Aber auch ich
       lerne, nicht jeder Tag ist zum Schimpfen, Aufregen, Mit-den-Händen-wedeln
       da.
       
       30 Mar 2026
       
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