# taz.de -- Zimmerpflanzen und neue Musik: Schön panaschierte Hörsynapsen
       
       > Eine Berliner Frühjahrsrunde führt durch fremde Wohnungen,
       > Kellerpflanzenreiche und eine Industriehalle voller Klaviere. Unterwegs
       > mischen sich Kaufreue, Sammellust und Staunen.
       
 (IMG) Bild: 50 Klaviere stehen in der Industriehalle „MaHalla“ in Schöneweide in einem riesigen Kreis um 10.000 Saiten erklingen zu lassen
       
       Vor zwei Jahren spuckte mir der geschätzte Herr Böhmermann in die Suppe,
       als sich sein Magazin Royale Zimmerpflanzen widmete. Kurz zusammengefasst:
       ausbeuterische Arbeitsverhältnisse, Umweltsauereien, das ganze Programm.
       Der häufig auf dem Topf zu findende Pflanzen-Passport der EU sagt rein gar
       nix aus.
       
       Was kaum überrascht. Warum sollte das Strukturelle weniger abgründig sein
       als in anderen Bereichen der Landwirtschaft – nur weil der Feelgood-Faktor
       höher ist, wenn man eine hübsch panaschierte Pflanze nach Hause trägt
       anstatt Eier aus der Legebatterie?
       
       Ich fühlte mich jedenfalls ertappt. Auch ich habe einen solchen
       Sammelfimmel. Über diesen Aspekt hatte ich mir bis dato kaum Gedanken
       gemacht – auch wenn auffällig ist, wie viele der hübschen Tropen-Importe
       eine kurze Halbwertszeit haben.
       
       Leider ist es schwieriger als bei anderen Agrarprodukten, Alternativen zu
       finden. Das Dilemma habe ich erstmal so gelöst, dass ich, wenn möglich, von
       Privatleuten kaufe. Oder Ableger ziehe.
       
       Weil mit meinem Wohnzimmerdschungel einiges schief lief, als ich unlängst
       verreist war, gilt es, ein paar Leerstellen zu füllen. Schließlich ist das
       Frühjahr dafür die ideale Zeit – was sich als komplizierter erweist als
       letztes Jahr.
       
       Einige der semi-professionellen Anbieter, die mir schräge Exkursionen in
       fremde Stadtteile beschert haben, scheinen von der Bildfläche verschwunden.
       Ärger mit dem Finanzamt oder Betreibern der einschlägigen Plattformen?
       
       Manche jedoch tarnen ihre kommerziellen Absichten nur diskreter.
       Erstaunlich etwa die Plantage in einer Souterrainwohnung, in die kaum
       natürliches Licht fällt. Wie schon öfter ist es eine Frau mit
       südostasiatischen Hintergrund, die hier ihren grünen Daumen auslebt. Dazu
       ein Ehemann mit Topchecker-Habitus, bei dem gleich klar ist, dass er keine
       Ahnung von Botanik hat. Sobald das Geschäftliche geregelt ist, verschwindet
       er.
       
       Es ist jedenfalls immer wieder schön zu sehen, dass es da draußen weitaus
       besessenere Pflanzenfreunde gibt als mich. Etwa die jungen Punks an einer
       unwirtlichen Ausfallstraße: In ihrer Wohnung ist jede Nische zugewachsen.
       Zudem sie an den Wänden noch mehr Fahrräder aufgehängt haben als ich, was
       mich irgendwie beruhigte. Wie soll’s bei denen aussehen, wenn die so alt
       sind wie ich? Schade, dass man nicht öfter in fremde Wohnungen gucken kann.
       
       ## Kein März ohne MaerzMusik
       
       Freitag ging dann Maerzmusik los. Die Beschreibung der Auftaktveranstaltung
       „11 000 Saiten“ klingt nach Überwältigungsprogramm. Vor Ort scheint sich
       der Eindruck zu bestätigen. 50 Klaviere stehen in der Industriehalle
       „MaHalla“ in Schöneweide in einem riesigen Kreis, dazu im Innenring die
       Musiker:innen des Klangforum Wien – und in der Mitte ein Publikum, das
       bei dem Gewimmel nicht weiß, wohin gucken.
       
       Da sind wir Zuspätkommende fast erleichtert, dass wir nicht mehr in den
       Kreis vorgelassen werden, sondern außen vor bleiben. So kann man ohne
       FOMO-Gefühle die Augen schließen und zuhören – ein Ritt zwischen filigranem
       Flirren und wuchtiger Vehemenz. Nach einer gefühlten halben Stunde sind
       anderthalb Stunden rum.
       
       Auch die Synapsen fürs Hören brauchen einen Frühjahrsputz – und das liefert
       das Festival für zeitgenössische Musik. Oft geht es weniger zerebral zu,
       als der Kontext von Neuer Musik vermuten lässt. Es wird sogar gelacht. Etwa
       als das Ensemble Dedalus am Sonntag im Silent Green einige Teile von
       „Instrument und Rauschen“ des im letzten Jahr verstorbenen Komponisten
       Peter Ablinger aufführt.
       
       Danach klingt tatsächlich die Welt da draußen wie Musik. Dass auch der
       Auftritt von Meredith Monk eine vergnügte Angelegenheit war, war ja schon
       gestern auf diesen Seiten zu lesen. Mich jedenfalls schickte sie beseelt
       nach Hause.
       
       23 Mar 2026
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Stephanie Grimm
       
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