# taz.de -- Ein Jahr Schwarz-Rot mit Friedrich Merz: Kann er Kanzlerin?
> Als Bundeskanzler klingt Friedrich Merz manchmal fast schon
> merkelianisch. Liegt’s am harten Aufprall in der Regierungsrealität?
(IMG) Bild: Friedrich Merz am 6. Mai 2025, samt Ernennungsurkunde und Frank-Walter Steinmeier
Ständig begegnet er ihr. Neulich erst, als Friedrich Merz über die
Industriemesse in Hannover flanierte, begrüßte ihn ein Manager mit
„Herzlich willkommen, Herr Merkel, äh Herr Bundeskanzler Merz“.
Ausgerechnet Angela Merkel – die ewige Rivalin. Merz ließ sich nichts
anmerken.
Oder Anfang März, als der [1][Bundeskanzler den US-Präsidenten zum dritten
Mal im Weißen Haus besuchte]: Da fing Donald Trump schon wieder mit
„Angela“ an. Merz sei das Gegenteil, lobte ihn Trump. Der Kanzler kräuselte
die Mundwinkel und nickte zweimal leicht mit dem Kopf. So soll es sein: Er,
der Anti-Merkel.
Als solcher hat Merz im dritten Anlauf den CDU-Vorsitz erobert und nach nur
drei Jahren in der Opposition das Kanzleramt. Doch Merkel lässt sich nicht
so einfach abschütteln.
Beide verbindet ein Vierteljahrhundert herzlicher Abneigung. Sie
entmachtete ihn 2002 als Fraktionschef, was ihn so sehr traf, dass er sich
jahrzehntelang an ihr abarbeitete. 2019 nannte er ihre Regierung
„grottenschlecht“, und [2][noch im Februar], als Merkel erstmals seit dem
Ende ihrer Amtszeit wieder zum Bundesparteitag kam, setzte er dem langen
Beifall für die Ex-Kanzlerin ein Ende.
## Steckt mehr Merkel in Merz, als er wahrhaben will?
Aber war der warme Applaus in der Stuttgarter Messehalle nicht auch
Ausdruck einer Sehnsucht nach mehr Merkel bei Merz? Sie regierte 16 Jahre
mit ruhiger Hand und stoischer Miene. Er ist jetzt ein Jahr als
Bundeskanzler im Amt. Und über 80 Prozent der Menschen sind mit seiner
Arbeit unzufrieden.
Damals wie heute sind in Deutschland grundlegende Reformen notwendig:
Gesundheit, Pflege, Rente, Infrastruktur. Vieles ist liegen geblieben –
auch weil Merkel zu häufig vor allem verwaltete.
Auf dem CDU-Parteitag 2003 trat die spätere Kanzlerin noch als
Wirtschaftsliberale an: mit radikaler Kehrtwende in der Sozial- und
Steuerpolitik und einer Kopfpauschale im Gesundheitswesen. Das hätte sie
fast die Wahl gekostet. Danach führte ihr Weg in die Mitte. Und strebt
nicht auch Merz, der um Verständnis für die SPD wirbt, inzwischen dorthin?
Steckt nicht viel mehr Merkel in Merz, als dieser wahrhaben will?
Die taz ist dieser Frage nachgegangen. Wir haben mit CDU-Politiker:innen
von der Merkelianerin bis zum Merz-Fan gesprochen, mit Sozialdemokraten und
Grünen und Politikwissenschaftler:innen: über [3][Reformen, Krisen und
Koalitionskrach].
Merz, der Anti-Merkel, hat seit seinem Wiedereinstieg in die Politik große
Erwartungen geweckt. Seiner Partei versprach er die Erlösung von der
Merkel-CDU und die Versöhnung mit ihrer konservativen Seele. Dem Wahlvolk
sagte er die Abwicklung der Ampelpolitik zu und wetterte, [4][ganz
Kulturkämpfer, gegen „grüne und linke Spinner“]. Seinen Vorgänger Olaf
Scholz beschimpfte Merz als „Klempner der Macht“ und suggerierte, die
Wirtschaft würde schon anziehen, wenn endlich ein richtiger Macher ins
Kanzleramt einzieht. Die Christdemokraten beschworen im Wahlkampf „CDU
pur“, ihr Programm strotzte vor Zusagen – Steuern und Sozialabgaben radikal
runter –, die bestenfalls in einer Alleinregierung umsetzbar gewesen wären.
## Außenpolitische Großlagen und eine Notkoalition
Doch „CDU pur“ prallt auf die Regierungsrealität: auf außenpolitische
Großlagen mit einem irrlichternden US-Präsidenten und eine Notkoalition mit
einer verunsicherten SPD. Der Kanzler hat sich über- und die Größe der
Aufgaben unterschätzt.
Von „einem Enttäuschungsberg“, den Merz vor sich herschiebe, spricht
inzwischen die Politikwissenschaftlerin Julia Reuschenbach und warnt davor:
„Das ohnehin angeknackste Vertrauen in die Lösungskompetenz der Politik
erodiert so weiter.“
In seiner ersten Regierungserklärung im vorigen Mai versprach Merz, dass
die [5][Bürger schon im Sommer spüren würden]: „Hier verändert sich langsam
etwas zum Besseren, es geht voran.“ Voran geht es vor allem bei
CSU-Innenminister Alexander Dobrindt. Grenzkontrollen, beschleunigte
Abschiebungen, die Aussetzung des Familiennachzugs: Dobrindts
Verschärfungen der Geflüchtetenpolitik müssen immer wieder als Beispiel
herhalten, dass die Bundesregierung liefert. Nur: In den Zustimmungswerten
der Union schlägt sich das nicht nieder.
In der Villa Borsig, malerisch in Berlin am Ufer des Tegeler Sees gelegen,
wollte die Koalitionsspitze nach Ostern ein großes Reformpaket schnüren.
Doch Merz und SPD-Vizekanzler Lars Klingbeil stritten sich so sehr, dass
das Treffen unterbrochen werden musste. Statt einer Aufbruchsagenda kamen
am Ende nur zwei Akutmaßnahmen gegen die steigenden Spritpreise raus.
## Angetreten als Wirtschaftskanzler
Merz, der als Wirtschaftskanzler angetreten war, macht es nun wie sein
sozialdemokratischer Vorgänger. Er greift in die Staatskasse, um die Folgen
der Krise abzumildern. Statt der Scholz’schen „Bazooka“ gibt es bei Merz
zwar [6][nur den Tankrabatt und eine Prämie für Arbeitnehmer, die die
Arbeitgeber zahlen sollen] – aber auch das kostet zweistellige
Steuermilliarden. Und bedeutet mehr Markteingriff, als seine Unterstützer
gutheißen.
Wer verstehen will, wie sehr sich Merz inzwischen selbst widerspricht, muss
einen Blick in sein Buch „Mehr Kapitalismus wagen“ werfen. „Der politischen
Klasse fällt es sehr schwer, ihren Fürsorgedrang zu bändigen und ihre
Aufmerksamkeit auf diejenigen zu richten, welche die Hilfe einer
solidarischen Gesellschaft wirklich benötigen“, schreibt der 53-jährige
Merz. Der Hinterbänkler von damals wäre wohl der schärfste Kritiker des
heutigen Kanzlers.
Merz veröffentlichte sein Werk 2008, kurz bevor er für mehr als ein
Jahrzehnt aus dem Bundestag ausschied. Das Buch ist nur noch antiquarisch
verfügbar. Genauso antiquiert lesen sich auch einige seiner Analysen. Merz
singt ein Loblied auf das neoliberale Paradigma der 90er Jahre: So wenig
Staat wie nötig, so viel Markt wie möglich. Dass es dabei ungleich zugeht,
ist durchaus gewünscht. Die wahre Ungerechtigkeit bestehe darin, so der
spätere Kanzler, „in der Bevölkerung eine unfinanzierbare Bequemlichkeit
und Versorgungsmentalität zu fördern“. Merz’ Buch ist auch eine Abrechnung
mit der CDU unter Merkel, die sich nach der Bundestagswahl habe verleiten
lassen, der SPD Konkurrenz von links zu machen.
Merkels Vertrauen in den Markt wurde in der Finanzkrise 2008 schwer
erschüttert. Ein solches Versagen habe sie sich nie vorstellen können,
schreibt sie in ihrer Biografie.
## Und dann kam Trump
Für Wirtschaftsliberale wie Merz sind freie Märkte und Wettbewerb
Voraussetzung für Demokratie und wirtschaftlichen Erfolg. Dass ein
demokratisch gewählter Präsident in den USA per Dekret Zölle einsetzt und
Völkerrecht außer Kraft setzt und der Nato mit dem Austritt droht, war in
seinem Weltbild nie vorgesehen.
Kaum ist Trump im Januar 2025 im Amt, erklärt sein [7][Vize JD Vance den
Europäern auf der Münchner Sicherheitskonferenz], die eigentliche Gefahr
gehe nicht von Russland, sondern von ihnen aus. Jetzt schwant auch den
[8][treuesten Transatlantikern in der Union: Um die eigene Verteidigung
muss sich Europa besser selber kümmern.] Und das wird teuer.
Bis zur Bundestagswahl am 23. Februar 2025 wiederholt Merz dennoch
mantraartig, es gebe überhaupt keine Notwendigkeit über zusätzliche
Schulden zu diskutieren. Kaum aber hat die Union die Wahl gewonnen, leitet
Merz die 180-Grad-Wende ein.
Noch vor seiner Wahl zum Bundeskanzler beschließt der alte Bundestag mit
den Stimmen der Grünen rund 1 Billion Euro neue Schulden für Verteidigung
und Infrastruktur. Für seine Anhänger ist das ein Schock. Ein riesiger
Vertrauensbruch mit Folgen.
Am 6. Mai 2025 [9][wird Merz zum Kanzler gewählt. Und fällt im ersten
Wahlgang durch.] Die Koalition aus Union und SPD hat eine Mehrheit von 12
Stimmen, 18 Abgeordnete aus den eigenen Reihen haben Merz die Gefolgschaft
verweigert.
## Kampfmodus und schlechte Stimmung
Die Koalitionspartner schieben sich die Schuld wechselseitig zu. Die
Stimmung ist schlecht und wird noch schlechter. Eine
Verfassungsrichterinnenwahl wird im Sommer 2025 zur Koalitionskrise,
[10][weil die Unionsfraktion die SPD-Kandidatin nicht wie versprochen
mitträgt.] Das erste Rentenpaket scheitert im Herbst fast [11][am
Widerstand der Jungen Union]. Die Unionsfraktion ist unzuverlässig
geworden. „Das hätte es unter Merkel nicht gegeben“, sagt die grüne
Fraktionschefin Britta Haßelmann.
Bundesbildungsministerin Karin Prien, stellvertretende CDU-Vorsitzende,
sagt [12][beim taz.lab], die Art und Weise, wie in Berlin Politik gemacht
werde, finde sie abstoßend. „Diese Unfähigkeit, sich zumindest in den
ersten drei Jahren darauf zu konzentrieren, was man gemeinsam zustande
bringt.“ Stattdessen sei man im Gewinnen-und-Verlieren-Modus und gönne sich
nicht das „Schwarze unter den Fingernägeln“.
Merz, der Manager, bekommt weder die eigene Fraktion noch die Koalition in
den Griff und bleibt auch die versprochenen Reformen schuldig. Und so steht
die Frage im Raum: Kann Merz überhaupt Kanzler?
Als Joachim-Friedrich Martin Josef Merz ins Kanzleramt einzieht, ist er 69
Jahre alt. Er hat sich in die Politik zurückgekämpft und den Kampfmodus
bislang nie ganz abgelegt. Merz habe „den unbedingten Willen zur Macht“,
sagte Merkel über ihn, durchaus anerkennend.
## Keine Regierungserfahrung
Merz hat bei Amtsantritt keinerlei Regierungserfahrung, dafür hat er in der
Wirtschaft viel Geld verdient. Auch dort hatte er nie operative
Verantwortung. Doch statt den Mangel auszugleichen, wählt er für zentrale
Posten, wie die Leitung des Kanzleramts, nicht erfahrene Leute aus, sondern
solche, die loyal sind – und so ticken wie er. [13][Es sind alles Männer.]
Ein Korrektiv fehlt.
Wie Merz hat sich auch Merkel mit sehr loyalen Mitarbeiter*innen umgeben.
Aber die waren ihr oft auch persönlich lang und eng verbunden. Und Volker
Kauder, der unter Merkel erst Generalsekretär und dann lange Fraktionschef
war, wollte nicht Kanzler werden.
Jens Spahn, der das Amt jetzt inne hat, werden solche Ambitionen dagegen
nachgesagt. Dass Merz und Spahn sich nicht richtig vertrauen, sei zu
spüren, hört man aus beiden Koalitionsfraktionen. In der CDU und im
Kanzleramt fehle das strategische Zentrum, heißt es zudem. Merkel hingegen
habe auf der strategischen Ebene alles im Griff gehabt.
Im Bundestagsbüro von Johannes Winkel, dem Chef der Jungen Union, steht
Ludwig Erhard mahnend im Bücherregal, einer der Väter der sozialen
Marktwirtschaft. Man habe Merz für seinen klaren politischen Kompass
gewählt, damit er Deutschland einen „Restart“ verpasse, sagt Winkel. Davon
sei zu wenig zu spüren.
Gitta Connemann, die Vorsitzende der mächtigen Mittelstands- und
Wirtschaftsunion, hatte in einer 2025 erschienenen Merz-Biografie noch zu
Protokoll gegeben, wie enttäuscht sie über den Schwenk der damaligen
CDU-Vorsitzenden Merkel nach dem Leipziger Parteitag 2003 war: „Ein
Freiheitsversprechen hat da in der Luft gelegen – aber danach ist alles
verwässert worden.“ Die Partei habe unter Merkel den Kurs verloren.
## Banker applaudieren, die SPD schäumt
Und wie sieht sie den jetzigen Kurs des Kanzlers? Dazu äußert sich
Connemann nur im Hintergrund. Der Sprecher des Mittelstandskreises der
Union im Bundestag, Christian von Stetten, bezweifelt inzwischen
öffentlich, dass die Koalition hält. Insbesondere bei Arbeit und Sozialem
müsse jetzt mal richtig gespart werden.
Und so muss Merz hin und her springen – zwischen Teilen seiner Partei, die
ihn als Heilsbringer verklärt haben, und Sozialdemokraten, die ihm im
Wahlkampf den Klassenkampf erklärten. Beim Versuch, beiden gerecht zu
werden, stößt er sie wechselseitig vor den Kopf.
Ein Abend Mitte April, eine Bühne in den Berliner Bolle-Festsälen, der
Bankenverband feiert Jubiläum, gut 500 Banker sind da. Merz ist ganz in
seinem Element, ein Entscheider unter Entscheidern. „Die gesetzliche Rente
wird allenfalls noch die Basisabsicherung sein“, liest er vom Skript ab.
[14][Die Banker applaudieren, die SPD schäumt].
Kurz bevor er mit den Sozialdemokraten wichtige Reformen auf den Weg
bringen will, hat er sie noch mal richtig in Rage gebracht. Eine Geste an
seine parteiinternen Kritiker. Viele in der Union sind der Ansicht, der
Kanzler mache der SPD zu viele Zugeständnisse – vom Koalitionsvertrag bis
heute. Vergessen scheint, dass erst CSU-Chef Markus Söder und dann große
Teile der Union mit ihrem Grünen-Bashing eine weitere Koalitionsoption aus
dem Rennen warfen.
Immer wieder mahnt Merz in den vergangenen Monaten bei der eigenen Partei
Rücksicht auf die Sozialdemokraten an und auch auf die „Sensibilitäten“ von
SPD-Chef [15][Lars Klingbeil].
## Die Lernkurve und das alte Ich
Rücksicht auf den Koalitionspartner SPD habe Merkel selbstverständlich auch
genommen, bestätigen ehemalige Vertraute, das gehöre zum Job. Aber sie tat
dies vorzugsweise intern. Dass Merz sich öffentlich vor die SPD stellt,
verärgert die eigene Klientel und schwächt den Koalitionspartner.
Gleichzeitig ist das vielleicht die steilste Lernkurve bei Merz: Vom
Oppositionsführer, der austeilt, zum Kanzler, der integrieren muss. Ein
Weg, den Merkel in dieser Länge nie gehen musste, Kulturkampf war nicht
ihre Disziplin.
Doch manchmal blitzt Merz’ altes Ich wieder auf. Abfällige Äußerungen, etwa
über Belém in Brasilien oder über das Stadtbild hierzulande, führen zu
Verunsicherung und Empörung. Der Kanzler, dem das Leid von Kindern nahegeht
und der vor Holocaustüberlebenden weint, kommt immer wieder kalt und
empathielos rüber.
Merkel stehe für Beherrschtheit, Merz für Leidenschaft, sagt eine, die
beide lange kennt. Ihm weniger Wohlgesonnene sprechen von einer fehlenden
Impulskontrolle des Kanzlers.
Allerdings war die Welt, als Merkel regierte, noch übersichtlicher: Die
Krisen kamen nacheinander und nicht gleichzeitig, die AfD formierte sich
erst, und Merkel regierte weder mit einer knappen Mehrheit von 12 Stimmen
noch mit einer radikalisierten CDU, an der Merz selbst allerdings gehörigen
Anteil hat.
## Der Transatlantiker und das Abdriften der USA
Und was ist mit dem viel gelobten „Außenkanzler“? Merz ist erst wenige Tage
im Amt, als er mit den Staats- und Regierungschefs aus Polen, Frankreich
und Großbritannien zu einem Solidaritätsbesuch in die Ukraine aufbricht.
Nach einem Telefonat mit Trump scheint ein gemeinsames Ultimatum an Putin
zu stehen: eine bedingungslose Waffenruhe zwischen der Ukraine und
Russland, ab Montag schon. Wenn Putin bis dahin keiner Waffenruhe
zugestimmt habe, drohten neue Strafmaßnahmen. Ein starkes Zeichen. Das
Problem: Donald Trump will von Strafmaßnahmen schnell nichts mehr wissen.
Das Ultimatum, es ist nur heiße Luft.
Die Szene in Kyjiw sagt viel über Merz Außenpolitik: Es ist eine Menge
Performance dabei – und die ist oft gar nicht schlecht. Aber der Einfluss
Deutschlands und Europas in der Welt ist gering – und hat wegen der
deutschen Loyalität zu Israel weiter abgenommen. Durch markige Rhetorik
allein wird sich das nicht ändern.
Das Abdriften der USA weg von dem, was bislang der Westen war, ist für Merz
schwer zu begreifen. „Wir kämen schon klar“, hatte der überzeugte
Transatlantiker über Trump während dessen erster Amtszeit noch gesagt.
Als Kanzler aber sieht er, wie schwierig das ist. Auch in der Außenpolitik:
ein Aufprall von Merz’ Vorstellung von sich und der Welt auf die
Regierungsrealität.
Sein Antrittsbesuch im Oval Office verläuft gut, Trump kann mit ihm –
allein weil er nicht „Angela“ ist. Schon beim zweiten bilateralen Besuch
aber lässt Merz zu, dass der US-Präsident über Großbritannien und Spanien
herzieht. Der Kanzler widerspricht nicht nur nicht. Er pflichtet Trump
sogar bei, dass Spanien zu wenig in die Nato investiere. Es sind Äußerungen
wie diese, die in der EU für Verstimmung sorgen – auch wenn man generell
froh ist, dass Deutschland wieder Initiative übernimmt.
## Was ist die Strategie?
Sich gegen die USA durchzusetzen, fällt der EU schwer. Doch sie verhindert,
dass die USA sich Zugriff auf das in Europa eingefrorene Vermögen der
russischen Staatsbank verschaffen. Und als Trump damit droht, sich Grönland
einzuverleiben, legt Europa zur möglichen Gegenwehr die sogenannte
Handels-Bazooka auf den Tisch. Trump knickt ein.
Peter Neumann, Sicherheitsexperte beim Londoner King’s College, ist
CDU-Mitglied und Merz grundsätzlich wohlgesonnen. „Merz muss diesen Spagat
vollbringen“, sagt Neumann. „Er darf sich nicht kleinmachen, aber Trump
auch nicht provozieren. Er muss verhindern, dass Trump aus der Nato
aussteigt. Das ist das Wichtigste und in deutschem Interesse.“
Inzwischen allerdings ist auch Merz zur Zielscheibe Trumps geworden. „Er
weiß nicht, wovon er spricht“, kofferte der US-Präsident gerade auf seiner
Plattform Truth Social und warf Merz vor, mit iranischen Atomwaffen
einverstanden zu sein – was Unsinn ist. Merz hatte zuvor kritisiert, dass
die USA, für den Irankrieg keine Exitstrategie hätten.
Als Merkel Trump nach dessen erster Wahl im März 2017 besuchte, verweigerte
er ihr vor dem Gespräch im Oval Office öffentlich den Handschlag. Sie
steckte es weg. „Meine Pflicht war es, alles für ein auskömmliches
Verhältnis zwischen unseren beiden Ländern zu tun“, schreibt sie in ihren
Memoiren. Ein Satz, der auch von Merz stammen könnte.
Ein Problem aber sieht auch Politikwissenschaftler Neumann: Dass es der
Bundesregierung an einer Strategie im Umgang mit der sich neu sortierenden
Weltordnung mangele. „Es gibt noch keine Antworten auf die Frage nach neuen
Allianzen. Über die Tagesordnung hinaus zu denken, das kommt zu kurz.“
Das war auch bei Merkel nicht anders. Sie fuhr außenpolitisch auf Sicht,
unterstützte Nordstream II und reagierte zurückhaltend auf eine
Weiterentwicklung der EU, die der französische Präsident 2017 vorschlug. So
vergrößerte sie Europas Probleme.
## Die Landtagswahl in Sachsen-Anhalt
Eine der größten Herausforderungen für Merz aber könnte sich in Magdeburg
abspielen, am 6. September wählt Sachsen-Anhalt einen neuen Landtag. In den
Umfragen liegt die rechtsextreme AfD weit vorn, eine Regierungsbildung ohne
sie und die Linkspartei könnte schwierig werden.
Merz hat sich festgelegt und das glaubwürdig: Eine Zusammenarbeit mit der
AfD darf es auf dieser Ebene nicht geben. Das schließt, ebenso wie mit der
Linkspartei, ein Beschluss des CDU-Parteitags von 2018 aus. Was aber, wenn
die CDU in Sachsen-Anhalt dramatisch verliert? Wenn eine Regierungsbildung
aus demokratischen Parteien scheitert?
In der Landes-CDU träumen längst manche von wechselnden Mehrheiten, auch
mit der AfD. Hat Merz dann Willen und Autorität, eine Zusammenarbeit mit
der AfD zu verhindern? Für die Bundes-CDU kann die Wahl in Sachsen-Anhalt
zu einem Sprengsatz werden.
Als Merz Anfang vergangenen Jahres [16][seine Fraktion in die Abstimmung
mit der AfD führte], hatten einige Abgeordnete Tränen in den Augen. Ein
Tiefpunkt sei das gewesen, sagt eine, die dabei war.
Kurz darauf meldete sich Angela Merkel mit einer Erklärung auf ihrer
Website zu Wort, ein höchst ungewöhnlicher Vorgang: Sie halte die
Abstimmung für falsch. In der CDU-Zentrale wird die Abstimmung inzwischen
als Fehler gesehen, vor allem weil sie bei der Bundestagswahl viele Stimmen
gekostet hat.
## Nach dem Realitätsschock
Wie viel Merkel also steckt in Merz? Nähert sich der Kanzler seiner
Vorvorgängerin an? Die Welt meint ja und spricht vom „merkeln“ bei Merz.
Das aber dürfte vor allem die Funktion haben, von rechts den Druck auf den
Kanzler zu erhöhen.
Wohl eher stimmt: Merz hat sich, nach einem gehörigen Realitätsschock, dem
Amt angenähert. Und der Job des Bundeskanzlers ist es nun mal, die
Koalition beieinanderzuhalten.
Moderierend und verlässlich führen, Kompromisse, die auch Zugeständnisse an
den Koalitionspartner sind, gut zu verkaufen und aus schwierigen
Bedingungen Erzählungen zu schöpfen, das sei heute gute Leadership, sagt
die Politologin Reuschenbach.
Ob Merz das kann? Sei abzuwarten, eine Lernkurve aber könne man
verzeichnen.
Merz wird wohl nie zu „Friedrich Merkel“. Und dennoch könnte es ihm so
ergehen wie ihr: Die Mehrheit der Partei wendet sich gegen ihn. Aber wer
wäre dann der Anti-Merz? Zu befürchten ist: Er käme von weiter rechts.
Anm. d. Red: In einer früheren Version hieß es, der Bundestag habe das
Sondervermögen für Infrastruktur und die Bereichsausnmahme von der
Schuldenbremse für Verteidigung auch mit Stimmen der Linken beschlossen.
Das ist nicht korrekt. Wir bitten den Fehler zu entschuldigen.
2 May 2026
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