# taz.de -- Ein Jahr Schwarz-Rot mit Friedrich Merz: Kann er Kanzlerin?
       
       > Als Bundeskanzler klingt Friedrich Merz manchmal fast schon
       > merkelianisch. Liegt’s am harten Aufprall in der Regierungsrealität?
       
 (IMG) Bild: Friedrich Merz am 6. Mai 2025, samt Ernennungsurkunde und Frank-Walter Steinmeier
       
       Ständig begegnet er ihr. Neulich erst, als Friedrich Merz über die
       Industriemesse in Hannover flanierte, begrüßte ihn ein Manager mit
       „Herzlich willkommen, Herr Merkel, äh Herr Bundeskanzler Merz“.
       Ausgerechnet Angela Merkel – die ewige Rivalin. Merz ließ sich nichts
       anmerken.
       
       Oder Anfang März, als der [1][Bundeskanzler den US-Präsidenten zum dritten
       Mal im Weißen Haus besuchte]: Da fing Donald Trump schon wieder mit
       „Angela“ an. Merz sei das Gegenteil, lobte ihn Trump. Der Kanzler kräuselte
       die Mundwinkel und nickte zweimal leicht mit dem Kopf. So soll es sein: Er,
       der Anti-Merkel.
       
       Als solcher hat Merz im dritten Anlauf den CDU-Vorsitz erobert und nach nur
       drei Jahren in der Opposition das Kanzleramt. Doch Merkel lässt sich nicht
       so einfach abschütteln.
       
       Beide verbindet ein Vierteljahrhundert herzlicher Abneigung. Sie
       entmachtete ihn 2002 als Fraktionschef, was ihn so sehr traf, dass er sich
       jahrzehntelang an ihr abarbeitete. 2019 nannte er ihre Regierung
       „grottenschlecht“, und [2][noch im Februar], als Merkel erstmals seit dem
       Ende ihrer Amtszeit wieder zum Bundesparteitag kam, setzte er dem langen
       Beifall für die Ex-Kanzlerin ein Ende.
       
       ## Steckt mehr Merkel in Merz, als er wahrhaben will?
       
       Aber war der warme Applaus in der Stuttgarter Messehalle nicht auch
       Ausdruck einer Sehnsucht nach mehr Merkel bei Merz? Sie regierte 16 Jahre
       mit ruhiger Hand und stoischer Miene. Er ist jetzt ein Jahr als
       Bundeskanzler im Amt. Und über 80 Prozent der Menschen sind mit seiner
       Arbeit unzufrieden.
       
       Damals wie heute sind in Deutschland grundlegende Reformen notwendig:
       Gesundheit, Pflege, Rente, Infrastruktur. Vieles ist liegen geblieben –
       auch weil Merkel zu häufig vor allem verwaltete.
       
       Auf dem CDU-Parteitag 2003 trat die spätere Kanzlerin noch als
       Wirtschaftsliberale an: mit radikaler Kehrtwende in der Sozial- und
       Steuerpolitik und einer Kopfpauschale im Gesundheitswesen. Das hätte sie
       fast die Wahl gekostet. Danach führte ihr Weg in die Mitte. Und strebt
       nicht auch Merz, der um Verständnis für die SPD wirbt, inzwischen dorthin?
       Steckt nicht viel mehr Merkel in Merz, als dieser wahrhaben will?
       
       Die taz ist dieser Frage nachgegangen. Wir haben mit CDU-Politiker:innen
       von der Merkelianerin bis zum Merz-Fan gesprochen, mit Sozialdemokraten und
       Grünen und Politikwissenschaftler:innen: über [3][Reformen, Krisen und
       Koalitionskrach].
       
       Merz, der Anti-Merkel, hat seit seinem Wiedereinstieg in die Politik große
       Erwartungen geweckt. Seiner Partei versprach er die Erlösung von der
       Merkel-CDU und die Versöhnung mit ihrer konservativen Seele. Dem Wahlvolk
       sagte er die Abwicklung der Ampelpolitik zu und wetterte, [4][ganz
       Kulturkämpfer, gegen „grüne und linke Spinner“]. Seinen Vorgänger Olaf
       Scholz beschimpfte Merz als „Klempner der Macht“ und suggerierte, die
       Wirtschaft würde schon anziehen, wenn endlich ein richtiger Macher ins
       Kanzleramt einzieht. Die Christdemokraten beschworen im Wahlkampf „CDU
       pur“, ihr Programm strotzte vor Zusagen – Steuern und Sozialabgaben radikal
       runter –, die bestenfalls in einer Alleinregierung umsetzbar gewesen wären.
       
       ## Außenpolitische Großlagen und eine Notkoalition
       
       Doch „CDU pur“ prallt auf die Regierungsrealität: auf außenpolitische
       Großlagen mit einem irrlichternden US-Präsidenten und eine Notkoalition mit
       einer verunsicherten SPD. Der Kanzler hat sich über- und die Größe der
       Aufgaben unterschätzt.
       
       Von „einem Enttäuschungsberg“, den Merz vor sich herschiebe, spricht
       inzwischen die Politikwissenschaftlerin Julia Reuschenbach und warnt davor:
       „Das ohnehin angeknackste Vertrauen in die Lösungskompetenz der Politik
       erodiert so weiter.“
       
       In seiner ersten Regierungserklärung im vorigen Mai versprach Merz, dass
       die [5][Bürger schon im Sommer spüren würden]: „Hier verändert sich langsam
       etwas zum Besseren, es geht voran.“ Voran geht es vor allem bei
       CSU-Innenminister Alexander Dobrindt. Grenzkontrollen, beschleunigte
       Abschiebungen, die Aussetzung des Familiennachzugs: Dobrindts
       Verschärfungen der Geflüchtetenpolitik müssen immer wieder als Beispiel
       herhalten, dass die Bundesregierung liefert. Nur: In den Zustimmungswerten
       der Union schlägt sich das nicht nieder.
       
       In der Villa Borsig, malerisch in Berlin am Ufer des Tegeler Sees gelegen,
       wollte die Koalitionsspitze nach Ostern ein großes Reformpaket schnüren.
       Doch Merz und SPD-Vizekanzler Lars Klingbeil stritten sich so sehr, dass
       das Treffen unterbrochen werden musste. Statt einer Aufbruchsagenda kamen
       am Ende nur zwei Akutmaßnahmen gegen die steigenden Spritpreise raus.
       
       ## Angetreten als Wirtschaftskanzler
       
       Merz, der als Wirtschaftskanzler angetreten war, macht es nun wie sein
       sozialdemokratischer Vorgänger. Er greift in die Staatskasse, um die Folgen
       der Krise abzumildern. Statt der Scholz’schen „Bazooka“ gibt es bei Merz
       zwar [6][nur den Tankrabatt und eine Prämie für Arbeitnehmer, die die
       Arbeitgeber zahlen sollen] – aber auch das kostet zweistellige
       Steuermilliarden. Und bedeutet mehr Markteingriff, als seine Unterstützer
       gutheißen.
       
       Wer verstehen will, wie sehr sich Merz inzwischen selbst widerspricht, muss
       einen Blick in sein Buch „Mehr Kapitalismus wagen“ werfen. „Der politischen
       Klasse fällt es sehr schwer, ihren Fürsorgedrang zu bändigen und ihre
       Aufmerksamkeit auf diejenigen zu richten, welche die Hilfe einer
       solidarischen Gesellschaft wirklich benötigen“, schreibt der 53-jährige
       Merz. Der Hinterbänkler von damals wäre wohl der schärfste Kritiker des
       heutigen Kanzlers.
       
       Merz veröffentlichte sein Werk 2008, kurz bevor er für mehr als ein
       Jahrzehnt aus dem Bundestag ausschied. Das Buch ist nur noch antiquarisch
       verfügbar. Genauso antiquiert lesen sich auch einige seiner Analysen. Merz
       singt ein Loblied auf das neoliberale Paradigma der 90er Jahre: So wenig
       Staat wie nötig, so viel Markt wie möglich. Dass es dabei ungleich zugeht,
       ist durchaus gewünscht. Die wahre Ungerechtigkeit bestehe darin, so der
       spätere Kanzler, „in der Bevölkerung eine unfinanzierbare Bequemlichkeit
       und Versorgungsmentalität zu fördern“. Merz’ Buch ist auch eine Abrechnung
       mit der CDU unter Merkel, die sich nach der Bundestagswahl habe verleiten
       lassen, der SPD Konkurrenz von links zu machen.
       
       Merkels Vertrauen in den Markt wurde in der Finanzkrise 2008 schwer
       erschüttert. Ein solches Versagen habe sie sich nie vorstellen können,
       schreibt sie in ihrer Biografie.
       
       ## Und dann kam Trump
       
       Für Wirtschaftsliberale wie Merz sind freie Märkte und Wettbewerb
       Voraussetzung für Demokratie und wirtschaftlichen Erfolg. Dass ein
       demokratisch gewählter Präsident in den USA per Dekret Zölle einsetzt und
       Völkerrecht außer Kraft setzt und der Nato mit dem Austritt droht, war in
       seinem Weltbild nie vorgesehen.
       
       Kaum ist Trump im Januar 2025 im Amt, erklärt sein [7][Vize JD Vance den
       Europäern auf der Münchner Sicherheitskonferenz], die eigentliche Gefahr
       gehe nicht von Russland, sondern von ihnen aus. Jetzt schwant auch den
       [8][treuesten Transatlantikern in der Union: Um die eigene Verteidigung
       muss sich Europa besser selber kümmern.] Und das wird teuer.
       
       Bis zur Bundestagswahl am 23. Februar 2025 wiederholt Merz dennoch
       mantraartig, es gebe überhaupt keine Notwendigkeit über zusätzliche
       Schulden zu diskutieren. Kaum aber hat die Union die Wahl gewonnen, leitet
       Merz die 180-Grad-Wende ein.
       
       Noch vor seiner Wahl zum Bundeskanzler beschließt der alte Bundestag mit
       den Stimmen der Grünen rund 1 Billion Euro neue Schulden für Verteidigung
       und Infrastruktur. Für seine Anhänger ist das ein Schock. Ein riesiger
       Vertrauensbruch mit Folgen.
       
       Am 6. Mai 2025 [9][wird Merz zum Kanzler gewählt. Und fällt im ersten
       Wahlgang durch.] Die Koalition aus Union und SPD hat eine Mehrheit von 12
       Stimmen, 18 Abgeordnete aus den eigenen Reihen haben Merz die Gefolgschaft
       verweigert.
       
       ## Kampfmodus und schlechte Stimmung
       
       Die Koalitionspartner schieben sich die Schuld wechselseitig zu. Die
       Stimmung ist schlecht und wird noch schlechter. Eine
       Verfassungsrichterinnenwahl wird im Sommer 2025 zur Koalitionskrise,
       [10][weil die Unionsfraktion die SPD-Kandidatin nicht wie versprochen
       mitträgt.] Das erste Rentenpaket scheitert im Herbst fast [11][am
       Widerstand der Jungen Union]. Die Unionsfraktion ist unzuverlässig
       geworden. „Das hätte es unter Merkel nicht gegeben“, sagt die grüne
       Fraktionschefin Britta Haßelmann.
       
       Bundesbildungsministerin Karin Prien, stellvertretende CDU-Vorsitzende,
       sagt [12][beim taz.lab], die Art und Weise, wie in Berlin Politik gemacht
       werde, finde sie abstoßend. „Diese Unfähigkeit, sich zumindest in den
       ersten drei Jahren darauf zu konzentrieren, was man gemeinsam zustande
       bringt.“ Stattdessen sei man im Gewinnen-und-Verlieren-Modus und gönne sich
       nicht das „Schwarze unter den Fingernägeln“.
       
       Merz, der Manager, bekommt weder die eigene Fraktion noch die Koalition in
       den Griff und bleibt auch die versprochenen Reformen schuldig. Und so steht
       die Frage im Raum: Kann Merz überhaupt Kanzler?
       
       Als Joachim-Friedrich Martin Josef Merz ins Kanzleramt einzieht, ist er 69
       Jahre alt. Er hat sich in die Politik zurückgekämpft und den Kampfmodus
       bislang nie ganz abgelegt. Merz habe „den unbedingten Willen zur Macht“,
       sagte Merkel über ihn, durchaus anerkennend.
       
       ## Keine Regierungserfahrung
       
       Merz hat bei Amtsantritt keinerlei Regierungserfahrung, dafür hat er in der
       Wirtschaft viel Geld verdient. Auch dort hatte er nie operative
       Verantwortung. Doch statt den Mangel auszugleichen, wählt er für zentrale
       Posten, wie die Leitung des Kanzleramts, nicht erfahrene Leute aus, sondern
       solche, die loyal sind – und so ticken wie er. [13][Es sind alles Männer.]
       Ein Korrektiv fehlt.
       
       Wie Merz hat sich auch Merkel mit sehr loyalen Mitarbeiter*innen umgeben.
       Aber die waren ihr oft auch persönlich lang und eng verbunden. Und Volker
       Kauder, der unter Merkel erst Generalsekretär und dann lange Fraktionschef
       war, wollte nicht Kanzler werden.
       
       Jens Spahn, der das Amt jetzt inne hat, werden solche Ambitionen dagegen
       nachgesagt. Dass Merz und Spahn sich nicht richtig vertrauen, sei zu
       spüren, hört man aus beiden Koalitionsfraktionen. In der CDU und im
       Kanzleramt fehle das strategische Zentrum, heißt es zudem. Merkel hingegen
       habe auf der strategischen Ebene alles im Griff gehabt.
       
       Im Bundestagsbüro von Johannes Winkel, dem Chef der Jungen Union, steht
       Ludwig Erhard mahnend im Bücherregal, einer der Väter der sozialen
       Marktwirtschaft. Man habe Merz für seinen klaren politischen Kompass
       gewählt, damit er Deutschland einen „Restart“ verpasse, sagt Winkel. Davon
       sei zu wenig zu spüren.
       
       Gitta Connemann, die Vorsitzende der mächtigen Mittelstands- und
       Wirtschaftsunion, hatte in einer 2025 erschienenen Merz-Biografie noch zu
       Protokoll gegeben, wie enttäuscht sie über den Schwenk der damaligen
       CDU-Vorsitzenden Merkel nach dem Leipziger Parteitag 2003 war: „Ein
       Freiheitsversprechen hat da in der Luft gelegen – aber danach ist alles
       verwässert worden.“ Die Partei habe unter Merkel den Kurs verloren.
       
       ## Banker applaudieren, die SPD schäumt
       
       Und wie sieht sie den jetzigen Kurs des Kanzlers? Dazu äußert sich
       Connemann nur im Hintergrund. Der Sprecher des Mittelstandskreises der
       Union im Bundestag, Christian von Stetten, bezweifelt inzwischen
       öffentlich, dass die Koalition hält. Insbesondere bei Arbeit und Sozialem
       müsse jetzt mal richtig gespart werden.
       
       Und so muss Merz hin und her springen – zwischen Teilen seiner Partei, die
       ihn als Heilsbringer verklärt haben, und Sozialdemokraten, die ihm im
       Wahlkampf den Klassenkampf erklärten. Beim Versuch, beiden gerecht zu
       werden, stößt er sie wechselseitig vor den Kopf.
       
       Ein Abend Mitte April, eine Bühne in den Berliner Bolle-Festsälen, der
       Bankenverband feiert Jubiläum, gut 500 Banker sind da. Merz ist ganz in
       seinem Element, ein Entscheider unter Entscheidern. „Die gesetzliche Rente
       wird allenfalls noch die Basisabsicherung sein“, liest er vom Skript ab.
       [14][Die Banker applaudieren, die SPD schäumt].
       
       Kurz bevor er mit den Sozialdemokraten wichtige Reformen auf den Weg
       bringen will, hat er sie noch mal richtig in Rage gebracht. Eine Geste an
       seine parteiinternen Kritiker. Viele in der Union sind der Ansicht, der
       Kanzler mache der SPD zu viele Zugeständnisse – vom Koalitionsvertrag bis
       heute. Vergessen scheint, dass erst CSU-Chef Markus Söder und dann große
       Teile der Union mit ihrem Grünen-Bashing eine weitere Koalitionsoption aus
       dem Rennen warfen.
       
       Immer wieder mahnt Merz in den vergangenen Monaten bei der eigenen Partei
       Rücksicht auf die Sozialdemokraten an und auch auf die „Sensibilitäten“ von
       SPD-Chef [15][Lars Klingbeil].
       
       ## Die Lernkurve und das alte Ich
       
       Rücksicht auf den Koalitionspartner SPD habe Merkel selbstverständlich auch
       genommen, bestätigen ehemalige Vertraute, das gehöre zum Job. Aber sie tat
       dies vorzugsweise intern. Dass Merz sich öffentlich vor die SPD stellt,
       verärgert die eigene Klientel und schwächt den Koalitionspartner.
       
       Gleichzeitig ist das vielleicht die steilste Lernkurve bei Merz: Vom
       Oppositionsführer, der austeilt, zum Kanzler, der integrieren muss. Ein
       Weg, den Merkel in dieser Länge nie gehen musste, Kulturkampf war nicht
       ihre Disziplin.
       
       Doch manchmal blitzt Merz’ altes Ich wieder auf. Abfällige Äußerungen, etwa
       über Belém in Brasilien oder über das Stadtbild hierzulande, führen zu
       Verunsicherung und Empörung. Der Kanzler, dem das Leid von Kindern nahegeht
       und der vor Holocaustüberlebenden weint, kommt immer wieder kalt und
       empathielos rüber.
       
       Merkel stehe für Beherrschtheit, Merz für Leidenschaft, sagt eine, die
       beide lange kennt. Ihm weniger Wohlgesonnene sprechen von einer fehlenden
       Impulskontrolle des Kanzlers.
       
       Allerdings war die Welt, als Merkel regierte, noch übersichtlicher: Die
       Krisen kamen nacheinander und nicht gleichzeitig, die AfD formierte sich
       erst, und Merkel regierte weder mit einer knappen Mehrheit von 12 Stimmen
       noch mit einer radikalisierten CDU, an der Merz selbst allerdings gehörigen
       Anteil hat.
       
       ## Der Transatlantiker und das Abdriften der USA
       
       Und was ist mit dem viel gelobten „Außenkanzler“? Merz ist erst wenige Tage
       im Amt, als er mit den Staats- und Regierungschefs aus Polen, Frankreich
       und Großbritannien zu einem Solidaritätsbesuch in die Ukraine aufbricht.
       Nach einem Telefonat mit Trump scheint ein gemeinsames Ultimatum an Putin
       zu stehen: eine bedingungslose Waffenruhe zwischen der Ukraine und
       Russland, ab Montag schon. Wenn Putin bis dahin keiner Waffenruhe
       zugestimmt habe, drohten neue Strafmaßnahmen. Ein starkes Zeichen. Das
       Problem: Donald Trump will von Strafmaßnahmen schnell nichts mehr wissen.
       Das Ultimatum, es ist nur heiße Luft.
       
       Die Szene in Kyjiw sagt viel über Merz Außenpolitik: Es ist eine Menge
       Performance dabei – und die ist oft gar nicht schlecht. Aber der Einfluss
       Deutschlands und Europas in der Welt ist gering – und hat wegen der
       deutschen Loyalität zu Israel weiter abgenommen. Durch markige Rhetorik
       allein wird sich das nicht ändern.
       
       Das Abdriften der USA weg von dem, was bislang der Westen war, ist für Merz
       schwer zu begreifen. „Wir kämen schon klar“, hatte der überzeugte
       Transatlantiker über Trump während dessen erster Amtszeit noch gesagt.
       
       Als Kanzler aber sieht er, wie schwierig das ist. Auch in der Außenpolitik:
       ein Aufprall von Merz’ Vorstellung von sich und der Welt auf die
       Regierungsrealität.
       
       Sein Antrittsbesuch im Oval Office verläuft gut, Trump kann mit ihm –
       allein weil er nicht „Angela“ ist. Schon beim zweiten bilateralen Besuch
       aber lässt Merz zu, dass der US-Präsident über Großbritannien und Spanien
       herzieht. Der Kanzler widerspricht nicht nur nicht. Er pflichtet Trump
       sogar bei, dass Spanien zu wenig in die Nato investiere. Es sind Äußerungen
       wie diese, die in der EU für Verstimmung sorgen – auch wenn man generell
       froh ist, dass Deutschland wieder Initiative übernimmt.
       
       ## Was ist die Strategie?
       
       Sich gegen die USA durchzusetzen, fällt der EU schwer. Doch sie verhindert,
       dass die USA sich Zugriff auf das in Europa eingefrorene Vermögen der
       russischen Staatsbank verschaffen. Und als Trump damit droht, sich Grönland
       einzuverleiben, legt Europa zur möglichen Gegenwehr die sogenannte
       Handels-Bazooka auf den Tisch. Trump knickt ein.
       
       Peter Neumann, Sicherheitsexperte beim Londoner King’s College, ist
       CDU-Mitglied und Merz grundsätzlich wohlgesonnen. „Merz muss diesen Spagat
       vollbringen“, sagt Neumann. „Er darf sich nicht kleinmachen, aber Trump
       auch nicht provozieren. Er muss verhindern, dass Trump aus der Nato
       aussteigt. Das ist das Wichtigste und in deutschem Interesse.“
       
       Inzwischen allerdings ist auch Merz zur Zielscheibe Trumps geworden. „Er
       weiß nicht, wovon er spricht“, kofferte der US-Präsident gerade auf seiner
       Plattform Truth Social und warf Merz vor, mit iranischen Atomwaffen
       einverstanden zu sein – was Unsinn ist. Merz hatte zuvor kritisiert, dass
       die USA, für den Irankrieg keine Exitstrategie hätten.
       
       Als Merkel Trump nach dessen erster Wahl im März 2017 besuchte, verweigerte
       er ihr vor dem Gespräch im Oval Office öffentlich den Handschlag. Sie
       steckte es weg. „Meine Pflicht war es, alles für ein auskömmliches
       Verhältnis zwischen unseren beiden Ländern zu tun“, schreibt sie in ihren
       Memoiren. Ein Satz, der auch von Merz stammen könnte.
       
       Ein Problem aber sieht auch Politikwissenschaftler Neumann: Dass es der
       Bundesregierung an einer Strategie im Umgang mit der sich neu sortierenden
       Weltordnung mangele. „Es gibt noch keine Antworten auf die Frage nach neuen
       Allianzen. Über die Tagesordnung hinaus zu denken, das kommt zu kurz.“
       
       Das war auch bei Merkel nicht anders. Sie fuhr außenpolitisch auf Sicht,
       unterstützte Nordstream II und reagierte zurückhaltend auf eine
       Weiterentwicklung der EU, die der französische Präsident 2017 vorschlug. So
       vergrößerte sie Europas Probleme.
       
       ## Die Landtagswahl in Sachsen-Anhalt
       
       Eine der größten Herausforderungen für Merz aber könnte sich in Magdeburg
       abspielen, am 6. September wählt Sachsen-Anhalt einen neuen Landtag. In den
       Umfragen liegt die rechtsextreme AfD weit vorn, eine Regierungsbildung ohne
       sie und die Linkspartei könnte schwierig werden.
       
       Merz hat sich festgelegt und das glaubwürdig: Eine Zusammenarbeit mit der
       AfD darf es auf dieser Ebene nicht geben. Das schließt, ebenso wie mit der
       Linkspartei, ein Beschluss des CDU-Parteitags von 2018 aus. Was aber, wenn
       die CDU in Sachsen-Anhalt dramatisch verliert? Wenn eine Regierungsbildung
       aus demokratischen Parteien scheitert?
       
       In der Landes-CDU träumen längst manche von wechselnden Mehrheiten, auch
       mit der AfD. Hat Merz dann Willen und Autorität, eine Zusammenarbeit mit
       der AfD zu verhindern? Für die Bundes-CDU kann die Wahl in Sachsen-Anhalt
       zu einem Sprengsatz werden.
       
       Als Merz Anfang vergangenen Jahres [16][seine Fraktion in die Abstimmung
       mit der AfD führte], hatten einige Abgeordnete Tränen in den Augen. Ein
       Tiefpunkt sei das gewesen, sagt eine, die dabei war.
       
       Kurz darauf meldete sich Angela Merkel mit einer Erklärung auf ihrer
       Website zu Wort, ein höchst ungewöhnlicher Vorgang: Sie halte die
       Abstimmung für falsch. In der CDU-Zentrale wird die Abstimmung inzwischen
       als Fehler gesehen, vor allem weil sie bei der Bundestagswahl viele Stimmen
       gekostet hat.
       
       ## Nach dem Realitätsschock
       
       Wie viel Merkel also steckt in Merz? Nähert sich der Kanzler seiner
       Vorvorgängerin an? Die Welt meint ja und spricht vom „merkeln“ bei Merz.
       Das aber dürfte vor allem die Funktion haben, von rechts den Druck auf den
       Kanzler zu erhöhen.
       
       Wohl eher stimmt: Merz hat sich, nach einem gehörigen Realitätsschock, dem
       Amt angenähert. Und der Job des Bundeskanzlers ist es nun mal, die
       Koalition beieinanderzuhalten.
       
       Moderierend und verlässlich führen, Kompromisse, die auch Zugeständnisse an
       den Koalitionspartner sind, gut zu verkaufen und aus schwierigen
       Bedingungen Erzählungen zu schöpfen, das sei heute gute Leadership, sagt
       die Politologin Reuschenbach.
       
       Ob Merz das kann? Sei abzuwarten, eine Lernkurve aber könne man
       verzeichnen.
       
       Merz wird wohl nie zu „Friedrich Merkel“. Und dennoch könnte es ihm so
       ergehen wie ihr: Die Mehrheit der Partei wendet sich gegen ihn. Aber wer
       wäre dann der Anti-Merz? Zu befürchten ist: Er käme von weiter rechts.
       
       Anm. d. Red: In einer früheren Version hieß es, der Bundestag habe das
       Sondervermögen für Infrastruktur und die Bereichsausnmahme von der
       Schuldenbremse für Verteidigung auch mit Stimmen der Linken beschlossen.
       Das ist nicht korrekt. Wir bitten den Fehler zu entschuldigen.
       
       2 May 2026
       
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