# taz.de -- Schwarz-rotes Chaos-Krisenmanagement: Es sind mehr als nur nervöse Missstimmungen
> Als Krisenmanager ist Schwarz-Rot ein Ausfall. Zu den anstehenden
> Sozialreformen formulieren SPD und Union Erzählungen, die sich
> widersprechen.
(IMG) Bild: Auf der Arbeitsebene läuft zwischen den Fraktionen vieles rund, im Kabinett und öffentlich wird gestritten
Koalitionen aus Union und SPD haben den Ruf, stabil und krisentauglich zu
sein. Davon ist in der Irankriegskrise nichts zu merken. Als die
Benzinpreise in die Höhe schnellten, ordnete die Regierung an, dass
Tankstellen nur noch einmal am Tag die Spritpreise erhöhen dürfen. Das
hatte keinen positiven Effekt. Jetzt senkt Schwarz-Rot die Benzinsteuer für
zwei Monate um 17 Cent, um die Gemüter zu beruhigen. Die Konzerne sollen
die Preissenkung vollständig an die Autofahrer weitergeben. Ob das
geschehen wird, ist offen. [1][Dass das renovierte Kartellrecht dafür
sorgen wird, glaubt noch nicht mal der Chef der Kartellbehörde.]
In Krisen kann die Regierung Handlungsstärke demonstrieren. Notlagen
schweißen Koalitionen oft zusammen. Bei Schwarz-Rot wirkt die
Irankriegskrise indes wie ein Enzym, das den Zerfallsprozess beschleunigt.
CDU-Wirtschaftsministerin Katherina Reiche schoss gegen SPD-Vizekanzler
Lars Klingbeil, weil dieser [2][Übergewinne von Mineralölkonzernen] wieder
einkassieren will.
Kanzler Merz zählte Reiche daraufhin an. Das hatte einen erstaunlichen
Effekt: Sie wurde in der Unionsfraktion, im CDU-Vorstand und bei der Jungen
Union demonstrativ als neue Jeanne d’Arc des Wirtschaftsliberalismus
gefeiert. Der Beifall für Reiche war auch eine Botschaft von frustrierten
Merz-Anhängern an ihr früheres Idol: Der Kanzler soll aufhören, nett zur
SPD zu sein.
## "Allenfalls als Basis"
Merz zog kurz darauf gegen die gesetzliche Rente vom Leder, die künftig
[3][„allenfalls als Basisabsicherung“] zu gebrauchen sei. Das diente auch
dazu, die Enttäuschten in der Union zu besänftigen.
Also mögliche Privatisierung der Rente? Die SPD kann solche neoliberale
Kampfrhetorik vom Kanzler brauchen wie eine Migräne. Sie muss unbedingt den
Eindruck vermeiden, dass Reform des Sozialstaats dessen schnöden Abbau
meint. Wenn Merz von seinem Redemanuskript abweicht, gehen beim
Koalitionspartner die Alarmglocken an.
Die Unionsfraktion, glauben SPD-Linke, bestehe mittlerweile zu drei
Vierteln aus Wirtschaftsliberalen, die keine Konsensreform des Sozialstaats
wollen, sondern eine neoliberale Revolution – mit radikalem Sparkurs und
mehr Geld für Unternehmen. Dabei hat die SPD schon die Senkung der
Unternehmensteuer durchgewunken, die den Staat 23 Milliarden Euro jährlich
kosten wird. Merz, so der Eindruck von SPD-Abgeordneten, lasse sich von den
Reiche-Ultras treiben. Beim letzten schwarz-roten Gipfel in der Villa
Borsig soll der Kanzler den Vizekanzler angebrüllt haben.
## Effektiver machen oder zur Axt greifen?
Dies sind mehr als nur nervöse Missstimmungen. Die Erzählungen von SPD und
Union, warum man Sozialstaat, Gesundheitssystem und Rente reformiert,
berühren sich kaum. Die SPD behauptet, die Systeme effektiver, billiger zu
machen – weitgehend ohne Leistungskürzungen. Die Union hält den Sozialstaat
für nicht finanzierbar und will, wenn nicht zur Kettensäge, so doch zur Axt
greifen.
Eine Probe, ob die Koalition noch einen gemeinsamen Nenner hat, ist die
Krankenkassenreform, die CDU-Ministerin Nina Warken am Mittwoch ins
Kabinett bringt und die fast 20 Milliarden Euro jährlich einsparen soll.
Die obere Mittelschicht mit einem Einkommen um die 70.000 Euro im Jahr soll
mehr zahlen. [4][Doch die SPD hält Warkens Einsparung bei den
Pharmakonzernen mit ihren großen Gewinnmargen für zu dürftig] und die
verdoppelten Zuzahlungen bei Medikamenten für Versicherte für ein No-Go.
## Reiche gegen Klingbeil, Merz gegen die SPD
Dabei läuft zwischen den Fraktionen auf der Arbeitsebene vieles rund. Wenn
sie im Wahlkreis zu Hause erzählten, wie harmonisch sie mit manchen
Christdemokraten zusammenarbeiten, berichten SPD-Parlamentarier, würden sie
bei vielen GenossInnen auf ungläubiges Staunen stoßen. Das öffentliche
Erscheinungsbild von Schwarz-Rot ist anders. Reiche gegen Klingbeil, Merz
gegen die SPD.
Steht Schwarz-Rot vor dem Zerfall? Auch SPD-Linke weisen darauf hin, dass
man ja Großes tut. Keine Regierung hat sich gleichzeitig an einer Reform
des Sozialstaats, der Rente und des Gesundheitssystems versucht. In der SPD
beschwören viele die staatspolitische Verantwortung. Das ist die Chiffre
für: Wir sind leiden gewohnt. Außerdem gibt es etwas, das in Krisenzeiten
noch schlimmer ist als eine schwache, streitende Regierung: gar keine
Regierung – samt einer AfD im Aufwind. Das schweißt noch zusammen, was
auseinanderstrebt.
25 Apr 2026
## LINKS
(DIR) [1] https://www.zdfheute.de/wirtschaft/spritpreise-kartellamt-massnahmen-100.html
(DIR) [2] /Irankrieg-Oelkonzerne-machen-ueber-37-Mio-EUR-Zusatzgewinn-pro-Tag/!6171138
(DIR) [3] /Allenfalls-noch-Basisabsicherung/!6172741
(DIR) [4] https://www.tagesschau.de/faktenfinder/kontext/krankenkassen-reform-warken-100.html
## AUTOREN
(DIR) Stefan Reinecke
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