# taz.de -- Publizist zu konservative Rechtsdrift: „Die Milieugrenzen sind fließend“
> Schon 2015 warnte der Publizist Andreas Püttmann vor einer
> Rechtsradikalisierung der Union. „Die Nashörner kommen“, nannte er
> seinen Text. Was sagt er heute?
(IMG) Bild: Zumindest das Kreuz an der Wand ist christlich: Blick in den Fraktionssaal der CDU/CSU Ende Januar
Vor gut zehn Jahren veröffentlichte der Publizist Andreas Püttmann in
Anlehnung an ein Theaterstück des Dramatikers Eugène Ionesco, das vom
Aufkommen des Totalitarismus erzählt, [1][einen hellsichtigen Text über das
sich abzeichnende Kippen des konservativen Milieus]: „Die Nashörner
kommen“. Selbst im Katholizismus verwurzelt, streitet Püttmann seither
entschieden gegen die Rechtsdrift.
taz: Herr Püttmann, 2015 erschien Ihnen die Dynamik der
Rechtsradikalisierung in Ihrer konservativen Umgebung „bedrohlich“. Wie ist
es heute?
Andreas Püttmann: Beim Erscheinen meiner „Nashörner“ stand die AfD bei 10
bis 12 Prozent, heute doppelt so hoch. Ein Viertel der Gesellschaft ist
eine kritische Größe, die politischen Institutionen ächzen schon unter dem
Zwang zu „artfremden“ Koalitionen. Die ersten Opportunisten knicken ein,
vereinzelt sogar ehemals dezidierte AfD-Gegner. Andererseits stagnieren die
Rechtsradikalen auf hohem Niveau.
taz: CDU-Generalsekretär Carsten Linnemann hat kurz vor Trumps zweitem
Amtsantritt gesagt, dieser mache „richtig gute Politik“. Auch bei Jens
Spahn ist eine Lust zu spüren, sich nicht von Trump zu distanzieren. Wie
sehr wird Trump als positiver Bezugspunkt gesehen?
Püttmann: Bis vor wenigen Monaten liebäugelten manche in der Union,
beeindruckt von Trumps Wahlsiegen oder aus Angst, es sich mit den USA zu
verderben, mit einer MAGA-Adaptation für Deutschland oder einer
opportunistischen Unterwürfigkeit, die Christdemokraten eigentlich unwürdig
ist. Auch in Ionescos Drama spielt die Bewunderung der Stärke der Nashörner
ja eine korrumpierende Rolle. Der Rechtspopulismus hat viel mit zügelloser,
toxischer und zugleich fragiler Männlichkeit zu tun. Deshalb werbe ich
schon lange für mehr Frauen in der Politik, nicht primär aus
„Gendergerechtigkeit“, sondern wegen unser aller Überlebensinteresse.
taz: „Toxische Männlichkeit“ ist für einen Konservativen ein ungewöhnlicher
Begriff.
Püttmann: Man muss doch sehen, dass die AfD die Partei mit dem höchsten
Männeranteil ist. Und in meinem Umfeld sehe ich, welche Typen sich der AfD
zugewandt haben. Es ist eine bestimmte Art von Maskulinität, die eher
gröber, impulsiver, weniger geisteswissenschaftlich gebildet ist und häufig
ein schwieriges Frauenbild hat. Das geht bis in den Phänotyp, wie man sich
stylt und breitbeinig auftritt. Da erscheint die Rede von toxischer
Männlichkeit nun mal plausibel.
taz: Viele sehen die Regierung heute als rechts entgleist, etwa in der Art,
wie Wolfram Weimer als Kulturstaatsminister agiert, oder wenn
Familienministerin Karin Prien das „Demokratie leben!“-Programm
zusammenstreicht. Das erscheint als eine Form des Kulturkampfs, in dem die
Union sich von der AfD hat anstecken lassen.
Püttmann: Es gibt einen AfD-getriebenen Unions-Strang, für den der Begriff
„Ansteckung“ passt. Karin Prien zähle ich nicht dazu. Zum jüngsten
Streitfall: Sexuelle Varianz stellt sich natürlich ein. Die muss
tatsächlich nicht staatlich gefördert werden. Es gilt aber, die Demokratie
sowie Menschen gegen Diskriminierung zu schützen, auch mit
steuerfinanzierten Projekten. Wer vom Verfassungsschutz kritisch erwähnt
wird, sollte keine staatlichen Preisgelder erhalten. Da wird Weimer auch
bei Unions-Leuten Zustimmung gefunden haben, die nicht zu den üblichen
Verdächtigen gehören, es mit der Abgrenzung zur AfD nicht so genau zu
nehmen. Nicht korrekt war aber, dass man bei der Absage an die drei
Buchläden ein angebliches Juryvotum vorgeschoben hat.
taz: Inwiefern ist aber „Ansteckung“ richtig?
Püttmann: Unions-Politiker lesen ja auch Nius oder geben Tichys Einblick
Interviews. Die Milieugrenzen sind fließend. Da ist nicht immer leicht zu
trennen, was alter, eigener Unions-Bestand an antilinken Haltungen ist und
was opportunistisch von der AfD nachgeahmt wird. Die anstehenden Kürzungen
bei den NGOs würde ich so deuten, dass Karin Prien in der eigenen Partei
unter Druck steht, Ansagen aus der Oppositionszeit nun auch umzusetzen. Ich
tue mich aber schwer, das nur unter dem Stichwort AfD-Imitation zu sehen,
auch wenn es rechts außen gefällt.
taz: Bisweilen heißt es, eine der zentralen Triebfedern der Konservativen,
sich zur AfD zu öffnen, sei die Sehnsucht nach der Zeit, als Männer mit
Doktortitel, Einfamilienhaus und Mercedes in der Garage allein entschieden,
wie es gesellschaftlich zu laufen habe.
Püttmann: An diesem Bild stört mich die Fokussierung auf „gutbürgerliche“
Milieus. Die Bataillone des Rechtsrucks sind längst mehr kleinbürgerliche
Schichten ohne Eigenheim, zwei Pkws und Doktortitel. Akademische Bildung
ist einer der stärksten Resilienzfaktoren gegen die rechte Agitation.
Soweit die Oberschicht da anfällig ist, hat sie meistens keine
geisteswissenschaftliche Ausbildung, gehört, wenn überhaupt, eher der
technischen Intelligenz an und leitet aus ökonomischem Erfolg politische
Kompetenz ab. Das ist aber ein Irrtum, wie uns die Fälle Lucke, Henkel und
andere zeigen, die sich superschlau wähnten und dann jammerten, sie hätten
„ein richtiges Monster erschaffen“, wie Henkel sagte.
taz: Besitzstandswahrung spielt also keine Rolle?
Püttmann: Doch, natürlich gibt es heute wie in den dreißiger Jahren auch
viele gut Situierte, die aufgrund ihres Wohlstandsegoismus schon immer
primär antilinks waren und ihre Feindbildpriorität angesichts der neuen
Herausforderung von rechts nicht ablegen können. Für die sind
Rechtsradikale bloß etwas ungezogenere Verwandte, die aber im Prinzip das
Richtige wollen und endlich den Linken mal ordentlich eins draufgeben. Die
Vernichtung des eigenen Wohlstands durch die Faschisten kommt ja erst viel
später durch Rechtlosigkeit oder Krieg.
taz: Merz hat Trump lange geschmeichelt, seit dem Irankrieg dann doch
offensivere Töne angeschlagen. Wo führt das hin?
Püttmann: Bei Merz kann man tatsächlich ein gewisses Learning by Doing
unter dem Druck von Sach- und Koalitionszwängen beobachten. Trotz
gelegentlicher Rückfälle wie jüngst in der Fragestunde des Bundestags beim
Thema digitale Gewalt gegen Frauen erscheint mir der Kanzler Merz besser
als der Fraktionschef der Ampeljahre. Vielleicht hat er nach dem unerwartet
schwachen Wahlergebnis 2025 auch endlich begriffen, dass die Union durch
AfD-Mimikri nicht erfolgreicher wird. Im Gegenteil.
taz: Führende Unions-Politiker sind jetzt deutlich auf Distanz zur Kirche
gegangen. Der ehemalige Leiter der CDU-Fachkommission „Wertefundament“,
Andreas Rödder, will das C aus dem Namen tilgen. Wie attraktiv ist diese
Vorstellung heute für die CDU?
Püttmann: C-Parteien waren und sind konzeptionell zwar nicht einfach
Transmissionsriemen der Kirchen, aber selbstverständlich müssen sie sich
interessieren für die ethischen Orientierungsmarken der legitimen
Institutionen des Christentums. Im neuen CDU-Grundsatzprogramm, das unter
der Ägide von Andreas Rödder entstand, wurden die bisher zwei Bezüge auf
die christliche Sozialethik getilgt, das religiöse Wortfeld von Gott,
Kirche, Christentum, Nächstenliebe deutlich reduziert und eine
„bürgerliche“ Zweitidentität erfunden. Noch weiter gehende Ausdünnungen
konnten der christlich-liberale und der christlich-soziale Flügel abwenden.
Das C im Namen wurde per Umfrage von einer Dreiviertelmehrheit der
Mitglieder bekräftigt, es steht nicht zur Disposition. Ob es
erkenntnisleitend für die Entwicklung politischer Positionierungen bleibt,
ist eine andere Frage.
taz: Robert Habeck sagt, die neue große politische Demarkationslinie
verlaufe nicht mehr zwischen links und rechts, sondern autoritär und
liberal. Was bedeutet das für die Union?
Püttmann: Links und rechts sind zwar durchaus noch relevante politische
Kategorien, aber die heute entscheidende Kluft verläuft zwischen den
Verteidigern der liberalen Demokratie und den autoritär Gestimmten
unterschiedlicher Provenienz. Wer in der Union nicht kapiert hat, dass der
„Hauptgegner“ die rechten Extremisten sind, und stattdessen fast
ausschließlich auf demokratischen „Linksgrünen“ herumhackt, der ist aus der
Zeit gefallen und läuft geradewegs in die Papen-Falle.
taz: Der Reichskanzler der konservativen Zentrumspartei, der 1932 Hitler
den Weg an die Macht bahnte. Heute ist immer wieder die Rede von einer
gläsernen Decke für die AfD, schon immer seien rund 20 Prozent der Menschen
offen für rechtsextreme Gedanken gewesen, sie hätten halt nun eben ihre
eigene Partei.
Püttmann: Vor zehn Jahren wurde der AfD ein Deckel bei 20 Prozent
prognostiziert. Nun sind es doch bis zu 26. Der Anteil ideologisch
überzeugter Anhänger wächst, jener der sogenannten Protestwähler sinkt.
taz: Sprechen Ungarn oder Polen dafür, dass das Pendel wieder in die andere
Richtung schlägt?
Püttmann: Jein. In Polen folgte kurz nach dem Umschwung ein Rückschlag bei
der Präsidentenwahl, obwohl die PiS sich am Rechtsstaat versündigt hatte.
An die nächste Unterhauswahl in Großbritannien und an Frankreichs kommende
Wahlen mag ich gar nicht denken. Ob die Midterms in den USA wirklich noch
fair sein werden, ist fraglich. Weltweit sinkt die Zahl der echten
Demokratien. Derzeit spricht mehr für ein heraufziehendes autoritäres
Zeitalter als für eine erfolgreiche Selbstbehauptung der
freiheitlich-demokratischen Systeme. Trotzdem darf man politisch nicht in
Depression verfallen, sondern sollte kognitiven Pessimismus mit habituellem
Optimismus verbinden, zumal als Christ.
26 Apr 2026
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