# taz.de -- Merz bei Miosga: Wer bringt hier wen um?
> Merz versucht, die Kritiker in den eigenen Reihen mit markigen Worten in
> Richtung SPD zu besänftigen. Aber wurde die Union bisher tatsächlich über
> den Tisch gezogen?
(IMG) Bild: Wenn drei sich streiten, wer freut sich dann? Merz, Klingbeil und Bas bei einer Kabinettssitzung in der Villa Borsig
Die SPD ist von Kanzler [1][Friedrich Merz] einiges gewohnt. Vor einem
halben Jahr erklärte der Kanzler beim Parteitag der CDU Niedersachsen der
SPD, was sie zu tun habe. Die Sozialdemokraten müssten einfach
„migrationskritisch und industriefreundlich“ auftreten, dann hätten
Klingbeil & Co auch „eine Chance, in der Regierung Tritt zu fassen“. Solche
Ratschläge, Betonung auf den letzten beiden Silben, sind unter
Koalitionspartnern eher ungewöhnlich.
Bei der Talksshow „[2][Miosga]“ am Sonntagabend klang Merz nicht so
arrogant wie im August. Bei Ruhe und Konstanz in der Regierungsarbeit tue
man sich schwer, sagte Merz in der ARD. Zwar habe die Regierung viele Dinge
gemeinsam und geräuschlos hinbekommen – aber noch nicht genug.
Merz hat Grund, nervös zu sein. Nach einem Jahr im Amt ist die schwarz-rote
Koalition so unbeliebt wie die Ampel in ihrer Endzeit. In der Regierung
läuft es nicht rund. Der öffentliche Eindruck ist oft ähnlich wie bei
Scholz und Lindner: viele ungelöste Konflikte und Gereiztheiten.
CDU, CSU und SPD haben nach eigenen Angaben seit Mai 2025 rund 175 Gesetze
und Maßnahmen beschlossen. Letzte Woche einigte sich die Regierung auf eine
Finanzreform der gesetzlichen Krankenkasse und Eckpunkte für den Haushalt
2027. Beides sind hochkomplexe, störanfällige Vorhaben. Aber statt das
öffentlich als Erfolg zu feiern, streitet man weiter um jedes Komma. Union
und SPD haben es nicht leicht miteinander.
## Ein „Abgrund“
Dieses Bild hat sich – zum Schaden von Union und SPD – verfestigt. Was auch
an der immerzu scharfkantigen Rhetorik des Kanzlers liegt. Er sei bislang
sehr geduldig mit der SPD gewesen, so Merz bei „Miosga“. „Die SPD muss aber
auch wissen, Kompromisse sind keine Einbahnstraße, die müssen wir beide
machen.“ Es gebe in der Union „einen größer werdenden Unmut“ über die SPD,
so Merz.
Das kann man schwer anders denn als Drohung in Richtung [3][Klingbeil] und
[4][Bas] verstehen. „Ich habe keine Vollmacht, die CDU umzubringen“, so
Merz. Einigungen mit der SPD sind, folgt man dem Kanzler, also eine
existenzielle, todbringende Gefahr für die CDU – das ist nach einem Jahr
des gemeinsamen Regierens kein so günstiges Resümee.
Merz klang da so wie seine Fanbasis in der Union, die mittlerweile
öffentlich den Koalitionspartner attackiert: Die SPD sei zu störrisch und
dominant. Der Sprecher des einflussreichen Parlamentskreises Mittelstand
(PKM) in der CDU-Bundestagsfraktion, Christian von Stetten, hatte eine
Woche zuvor, beim Zukunftswiesen-Summit im baden-württembergischen
Ilshofen, Bemerkenswertes kundgetan: Die Koalition werde keine vier Jahre
halten. „Wir werden am Ende des Tages zu dem Ergebnis kommen, dass diese
zwei Parteien nicht miteinander können und das Land nicht nach vorne
bringen.“ Es bringe nichts, so von Stetten, „diesen Abgrund weiter zu
verwalten“.
Abgrund? Drohung mit dem Aus der Regierung? Harte Worte. Und von Stetten
ist kein Hinterbänkler. Der Parlamentskreis Mittelstand hat, laut eigenen
Angaben, 80 Prozent der Unionsabgeordneten hinter sich.
Von Stetten wurde auf einer Bühne gefilmt und wusste, dass seine Botschaft
in Berlin ankommt. Braut sich da eine Revolte gegen Merz zusammen? Hört man
sich beim PKM um, dann zielte von Stetten nicht auf den Kanzler, sondern
auf die SPD. Die Botschaft sollte sein: Bewegt euch endlich, oder – ja, was
dann?
## Eine schwarz-rote Bilanz
Merz hat am Sonntag ein Szenario kristallklar ausgeschlossen. Die Union
werde nicht in einer Minderheitsregierung mit der AfD gemeinsame Sache
machen.
Trotzdem oder gerade wegen dieser Ansage wächst in der Unionsfraktion der
Unmut über die SPD. Dass SPD-Chefin und Arbeitsministerin Bärbel Bas bei
einer Rede zum Ersten Mai Angriffe auf den Sozialstaat „zynisch und
menschenverachtend“ nannte und dabei vielleicht auch an Merz gedacht haben
könnte, trägt nicht zu Abkühlung bei.
Aber ist an dem Bild, dass die SPD die Union in der Koalition bisher über
den Tisch gezogen habe, etwas dran?
Dass Große Koalitionen in der Vergangenheit eher die Handschrift der SPD
getragen haben, stimmt schon. Meist hatten die Sozialdemokraten
Reformagenden, während etwa Kanzlerin Merkel auf Sicht fuhr. Und bei der
Merz-Regierung?
Das Beispiel Steuerpolitik zeigt ein anderes Bild. Dass die
regierungserfahrene SPD die administrativ eher anfängerhafte Merz-Truppe
übervorteilte, lässt sich nicht sagen. Die Fakten: Die
Merz-Klingbeil-Regierung fördert seit 2025 Investitionen. Unternehmen, die
in Ausrüstung investieren, sparen massiv Steuern. Der Fachbegriff heißt: 30
Prozent degressive Sonderabschreibungen. Das wollten Union und SPD, um die
notorische Investitionsschwäche der deutschen Wirtschaft zu korrigieren.
## Comeback der Gießkanne
Die SPD wollte zudem Unternehmen mit einem „Made in Germany“-Bonus
entlasten, einer Prämie für Investitionen in Maschinen und
Klimatechnologien. Daraus wurde so nichts. Die Union setzte dafür die
Senkung der Körperschaftsteuer für Unternehmen durch. Die sinkt ab 2028
jedes Jahr um 1 Prozent – insgesamt von 15 auf 10 Prozent im Jahr 2032. Dem
Staat werden 2032 damit rund 15 Milliarden Euro jährlich fehlen. Die Union
drängt zudem darauf, anders als im Koalitionsvertrag vereinbart, diese
Steuer schon ein Jahr vorher zu senken. Die SPD will das nicht – auch mit
Blick auf die ohnehin beängstigenden Löcher im Haushalt.
Fazit: Die Steuerpolitik trägt bislang eine zum Teil neoliberale
Handschrift. Auf der einen Seite massive Senkungen mit der Gießkanne, auf
der anderen Senkungen, die an Investitionen gekoppelt sind.
Auch bei Migration und Bürgergeld ist das Bild schwarz und nicht rot
eingefärbt. Alexander Dobrindt (CSU) exekutiert, fast ohne kritische
Kommentare der SPD, den angekündigten Kurs: Grenzen dicht im Rahmen des
gesetzlich Möglichen, womöglich sogar darüber hinaus. Auch die Abwicklung
des, allerdings auch in der SPD zum Teil ungeliebten, Bürgergeldes nahm die
SPD-Fraktion klaglos hin. Der SPD-Linke Ralf Stegner sagt der taz: „Ich
hätte gern einen Triumphzug der SPD in der Regierung. Aber den gibt es
nicht.“
Auch die Sozialdemokraten haben Punkte gemacht. Zum Beispiel beim
Tariftreuegesetz, das Unternehmen, die Tariflöhne zahlen, bevorzugt. Beim
Heizungsgesetz hat die SPD einen passablen Schutz von Mietern erwirkt, um
sie vor Belastungen durch steigende Kosten von fossilen Heizungen zu
schützen. Und die SPD hat in den Koalitionsverhandlungen die Beibehaltung
des Soli für Reiche durchgesetzt, der 13 Milliarden Euro pro Jahr bringt.
Den allerdings will die Union bei der anstehenden Reform der
Einkommensteuer am liebsten kippen.
Die wird die nächste Baustelle der Regierung werden. Laut Koalitionsvertrag
sollen kleine und mittlere Einkommen weniger Steuern zahlen, die SPD will
Reiche mehr belasten. Merz hat genau das in der ARD am Sonntag scharf
zurückgewiesen.
## Was treibt Spahn?
Eine zentrale Rolle bei der schwierigen Steuerreform wird Jens Spahn
spielen, der am Dienstagnachmittag voraussichtlich wieder zum Fraktionschef
der Union gewählt wird. Dabei hat Spahn zur Instabilität in der Koalition
einiges beigetragen. Vor der Sommerpause 2025 schlitterte das Bündnis in
die erste große Krise, als die Unionsfraktion trotz vorheriger Zusage die
Staatsrechtlerin Frauke Brosius-Gersdorf nicht zur Richterin am
Bundesverfassungsgericht wählte. Spahn hatte die Fraktion nicht im Griff
und hatte die Brisanz der Entwicklung unterschätzt.
Auch den internen Konflikt um das erste Rentenpaket hat Spahn zu spät
erkannt, die „Renten-Rebellen“ von der Jungen Union bekam er nur mühevoll
eingehegt, zum Teil mit Einzelgesprächen bei Pizza und Rotwein in seiner
Privatwohnung. Die Fraktion ist schwerer zu führen als früher, zumal die
knappe Mehrheit der Koalition von nur zwölf Stimmen ein mächtiger Hebel für
Abweichler ist.
Zwischendurch kursierte das Gerücht, dass Merz Spahn den Fraktionsvorsitz
abnehmen würde. Schnee von gestern. Spahns Wiederwahl gilt als sicher. Das
sagen auch Unionsabgeordnete, die ihm nicht unbedingt zugeneigt sind. Denn:
Es gibt schlicht keine Alternative.
Spahns Loyalität zum Kanzler gilt als zweifelhaft. Zuletzt soll er bei den
Koalitionsgesprächen in der Villa Borsig eine Annäherung in Sachen
Reichensteuer verhindert haben, während Merz kompromissbereiter mit der SPD
war.
Das illustriert ein Problem der Union: Es fehlt an einem strategischen
Zentrum, Kanzleramt, Fraktion und Partei arbeiten zu oft nebeneinander her.
Für Merz wäre, statt den Fraktionschef zu feuern, ein engeres Miteinander
gewinnbringender. Vielleicht wären die Erregungskurven der Union dann auch
weniger heftig.
## SPD: Bloß kein Öl ins Feuer gießen
In der Staatspartei SPD nimmt man die Hektik in der Union und Merz’
Drohungen recht gelassen hin. SPD-Fraktionschef Matthias Miersch erklärte
bei NTV, Merz stehe „unter Druck wie wir auch“, und gab die Losung aus:
„Wir müssen alle aufeinander Rücksicht nehmen.“
SPD-Mann Stegner glaubt, dass der dramatische Satz, Merz werde die CDU
nicht umbringen, „erkennbar an die eigenen Leute gerichtet“ war. Die SPD
sei gut beraten, das „zur Kenntnis zu nehmen“ – mehr nicht. Prominente
SPD-Politiker wollten auf taz-Anfragen Merz’ Auftritte lieber nicht
kommentieren. Lieber kein Öl ins Feuer gießen.
Der Brand aber schwelt von alleine weiter.
4 May 2026
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