# taz.de -- Ökonom über hohe Energiepreise: „Die Spritnachfrage klug verringern“
       
       > Der Irankrieg treibt die Energiepreise in die Höhe. Der Ökonom Gregor
       > Semieniuk hat ein paar mehr Ideen zur Krisenbewältigung als die
       > Bundesregierung.
       
 (IMG) Bild: Fest im Griff: Iraner gehen in Teheran an einer großen Plakatwand vorbei, die auf die Straße von Hormus verweist
       
       taz: Herr Semieniuk, Sie warnen vor einem noch nie da gewesenen
       Energiepreisschock. Die Bundesregierung hat Anfang der Woche angekündigt,
       die Energiesteuer zu senken. Ist dieser [1][Tankrabatt] eine angemessene
       Reaktion auf die hohen Preise? 
       
       Gregor Semieniuk: Nein. Es ist zwar gut, dass Entlastungen kommen, die
       sofort wirken. Doch diese müssten auch helfen, die Nachfrage nach Sprit
       klug zu verringern, also so, dass Not vermieden wird. Wir bewegen uns auf
       echte Spritknappheiten zu. Subventionen, die für jeden getankten Liter von
       jedem gelten, sind keine Antwort auf das eigentliche Problem.
       
       taz: Das heißt, die Bundesregierung verkennt den Ernst der Lage? 
       
       Semieniuk: Während des Jahres 2020 hat die Welt im Schnitt circa 9
       Millionen Barrel Öl pro Tag weniger verbraucht – weil wegen der
       Coronapandemie die Weltwirtschaft einbrach und wir uns alle im Vergleich zu
       sonst wenig fortbewegt haben, zum Beispiel nicht verreist sind. Jetzt
       fehlen uns als Weltwirtschaft über 10 Millionen Barrel Öl pro Tag, aber es
       gibt keine Lockdowns. Damals lag es daran, dass wir das Öl nicht benutzt
       haben. Jetzt ist es brenzlig, weil wir das Öl gern nutzen würden, aber
       nicht können, weil die [2][Straße von Hormus geschlossen ist]. Das Ausmaß
       merken wir hier noch kaum: Der Angebotsschock ist nämlich so schnell, wie
       die Tanker über die Ozeane fahren. In Asien ist der Schock deshalb schon
       angekommen, in Europa fast gar nicht.
       
       taz: Aber die Benzinpreise sind doch schon gestiegen? 
       
       Semieniuk: Weil Benzin über die Finanzmärkte global gehandelt wird und die
       Tankstellen deswegen gleich mal ihre Preise erhöhen. Aber wenn zum Beispiel
       in [3][Südkorea wegen Ölmangels] weniger Plastik produziert wird, mit dem
       Güter verpackt werden, die in China für Deutschland hergestellt werden –
       das bekommen wir erst in einigen Monaten mit. Noch länger wird es dauern,
       bis die nächste Ernte eingefahren wird, die wegen der rasant steigenden
       [4][Düngerpreise] eventuell kleiner ausfällt. Und dann haben wir in den
       letzten Wochen alle gelernt, dass es Nebenprodukte bei der Öl- und
       Gasproduktion gibt, insbesondere Helium und Schwefel, die knapper werden.
       Die größte Aluminiumfabrik der Welt steht in Katar und wurde auch
       beschädigt. Das steht uns alles noch bevor.
       
       taz: Und wenn die Straße von Hormus wieder offen ist? 
       
       Semieniuk: Selbst dann ist nicht von heute auf morgen alles wie früher. Man
       kann Öl und Gas ja nicht einfach irgendwo rumliegen lassen, da gibt es
       spezialisierte Tanks und Behälter. Die sind irgendwann voll. Dann muss man
       die Produktion einstellen. Und Öl und Gas kommen mit Druck aus dem Boden.
       Das heißt, man muss so ein Ölfeld versiegeln und erst mal gucken, ob alles
       noch funktioniert, wenn man es wieder öffnet. Das dauert Wochen bis Monate.
       Einige Anlagen wurden ja auch beschädigt, die bekannteste ist die größte
       [5][Flüssiggasproduktionsanlage der Welt in Ras Laffan]. Da fallen 3,5
       Prozent des weltweit gehandelten Flüssiggases mindestens drei Jahre lang
       einfach weg.
       
       taz: Sie haben dazu geforscht, wer von den hohen Energiepreisen 2022 nach
       dem russischen Angriff auf die Ukraine profitiert hat. Wer verdiente damals
       an der Krise? 
       
       Semieniuk: Alle, die Öl und Gas fördern konnten, konnten höhere Preise
       verlangen, aber die Kosten der Produktion sind nicht gestiegen. Dadurch
       wurden enorme Profite generiert. Und diese Profite fließen den Unternehmen
       zu, die in den Sektoren tätig sind, und dann deren Aktionären.
       
       taz: Wird das jetzt wieder so laufen? 
       
       Semieniuk: Ja. Wir haben einen Krieg, der einen Teil der Produktion
       lahmlegt. Alle Produzenten, die noch übrig sind, verlangen wieder hohe
       Preise. Wenn pro Tag 100 Millionen oder 90 Millionen Barrel Öl vertrieben
       werden und der Preis steigt um 50 US-Dollar pro Barrel, sind das 5
       Milliarden US-Dollar mehr für die Öl- und Gasförderer, jeden Tag. Diese
       Gewinne werden noch konzentrierter sein als 2022, weil die Öl- und
       Gaskonzerne des Nahen und Mittleren Ostens nicht teilhaben. Zwar haben auch
       westliche Ölkonzerne wie Shell und Exxon Förderanlagen in der Golfregion,
       aber sie pumpen eben auch das Nordseeöl und das Öl in Guyana und das Öl in
       Texas. Equinor in Norwegen ist auch ganz groß mit dabei.
       
       taz: Und wer sind die Aktionär*innen dieser Konzerne? 
       
       Semieniuk: Leute, die genügend Geld haben, um Aktien zu kaufen, und Leute
       in Ländern mit vom Kapitalmarkt mitgedeckter Rente. Letztlich reflektiert
       die Verteilung dieser Gewinne, die dann durch Dividenden und
       Aktienrückkäufe an die Anleger weitergegeben werden, die bestehende
       Vermögensverteilung. Sie sind sogar noch ungleicher verteilt, weil zur
       Vermögensverteilung Immobilien gehören, die etwas gleicher verteilt sind
       als Aktien.
       
       taz: Aber die Aktienmärkte sind doch abgeschmiert, als der Ölpreis
       gestiegen ist. 
       
       Semieniuk: Für 2022 haben wir berechnet, dass nur ungefähr die Hälfte der
       Übergewinne in Öl und Gas durch Verluste anderswo wieder wettgemacht
       wurden.
       
       taz: Was bedeuten diese Profite für die Energiewende? 
       
       Semieniuk: Das ist ein Riesenproblem. Sie setzen das Signal: Fossile
       Energien sind der Rettungsanker für unsere Kapitalgewinne und unsere
       Dividenden. Selbst wenn es gleichzeitig einen Boom bei den Erneuerbaren
       gibt, sollte man nicht unterschätzen, dass diese hohen Profite zu neuen
       Investitionen in die Öl- und Gasförderung führen.
       
       taz: Was kann man gegen die hohen Gewinne tun? 
       
       Semieniuk: Einfach wäre es, eine [6][Übergewinnsteuer] einzuführen. Die EU
       hat das im Herbst 2022 gemacht, die Steuer lief bis Ende 2023. Die hat
       ungefähr 38 Milliarden Euro eingespielt für die EU.
       
       taz: Zu einer Übergewinnsteuer konnte sich die Bundesregierung bislang
       nicht durchringen. 
       
       Semieniuk: Das ist ein Fehler. Wenn man die Übergewinne abschöpft und
       gerechter verteilt, sendet man das Signal: Dieser Sektor – der ja zur
       Klimawandelvermeidung stark schrumpfen muss – soll nicht mehr als nötig
       expandieren, stattdessen sollten die Alternativen ausgebaut werden.
       
       taz: 2022 war der Energiepreisschock ein starker Inflationstreiber. Wird
       das jetzt wieder passieren? 
       
       Semieniuk: Diese Knappheiten übertragen sich in alle möglichen Sektoren.
       Waren, die von Lastwagen transportiert werden müssen – also alle –, werden
       wegen der steigenden Dieselpreise teurer. Die Düngerpreise haben sich
       verdoppelt. Dazu kommt das Plastik, das in alles reingeht und für
       Verpackungen gebraucht wird. 5 oder 6 Prozent Inflation kann ich mir gut
       vorstellen.
       
       taz: Die Inflation 2022 und 2023 hat bei vielen Wahlen zu Stimmengewinnen
       Rechtsextremer geführt. 
       
       Semieniuk: Zunächst muss man leider annehmen, dass in Deutschland die AfD
       und anderswo rechte Parteien Aufwind bekommen. Außer natürlich, andere
       Oppositionsparteien sagen: Wir machen das anders; uns könnt ihr vertrauen,
       dass wir das Problem lösen. Oder die Regierungsparteien schreiten diesmal
       beherzter ein.
       
       taz: Wie sähe das aus? 
       
       Semieniuk: Man muss damit umgehen, dass Öl und Gas tatsächlich knapp sind.
       Die Standardantwort des Ökonomen ist natürlich: Das regeln die Preise. Die
       steigen, und dann geht das Öl zu denen, die es am meisten brauchen, denn
       die sind bereit, am meisten dafür zu zahlen. Das Problem entsteht, wenn die
       Leute ungleich viel Geld zur Verfügung haben, sodass einige sich nicht mal
       mehr das Nötigste leisten können und in echte Not geraten: wenn sie mit dem
       Auto zur Arbeit fahren müssen, das aber nicht mehr können; oder wenn
       Lebensmittel zu teuer werden, weil das Monatsbudget durchs Tanken so
       dezimiert wurde. Es geht also darum, einen Teil des Produkts so zu
       verteilen, dass niemand Not leiden muss. Den Rest kann der Markt regeln.
       Und da gibt es in Deutschland eine tolle Vorlage: die [7][Gaspreisbremse].
       
       taz: Damit wurde eine bestimmte Menge Gas für jeden Haushalt von der
       Bundesregierung subventioniert. Wer mehr verbraucht hat, musste den hohen
       Marktpreis zahlen. Das ist recht leicht auf Benzin übertragbar, aber bei
       Verpackungen, Dünger und Lebensmitteln ist die Umsetzung doch
       komplizierter. 
       
       Semieniuk: Es gibt keinen Grund, warum das mit Lebensmitteln nicht
       funktionieren sollte. Jeder kriegt soundso viele Grundnahrungsmittel
       günstig, beim Rest herrscht der Marktpreis. Wenn die Situation kritisch
       wird, muss man Rationierungspläne vorbereiten. Und: Deutschland kann seit
       Dezember 2024 mit dem Direktauszahlungsmechanismus Geld an seine Bürger
       überweisen. Das ist vielleicht nicht so elegant wie die Gaspreisbremse oder
       gezielte Subventionen. Aber man kann erst mal allen einen gleichen
       Geldbetrag überweisen. Das führt dazu, dass Menschen, die wenig Geld zur
       Verfügung haben, anteilig viel mehr bekommen und mit den hohen Preisen für
       den Grundbedarf zurechtkommen können.
       
       taz: Das ist sehr teuer. 
       
       Semieniuk: Wir sind in einer Krise. Da kann man auch mal die Schuldenbremse
       aussetzen und Geld aus dem Haushalt auf den Tisch legen – außerdem könnte
       man sich den Tankrabatt sparen.
       
       18 Apr 2026
       
       ## LINKS
       
 (DIR) [1] /Geplanter-Tankrabatt-Industrievertreter-und-Umweltverbaende-enttaeuscht/!6170183
 (DIR) [2] /Blockade-der-Strasse-von-Hormus/!6171113
 (DIR) [3] /Energiekrise-in-Suedkorea/!6165789
 (DIR) [4] /Agrarwissenschaftler/!6170589
 (DIR) [5] /Strasse-von-Hormus/!6167117
 (DIR) [6] /Irankrieg-Oelkonzerne-machen-ueber-37-Mio-EUR-Zusatzgewinn-pro-Tag/!6171138
 (DIR) [7] /Entlastungspaket-der-Bundesregierung/!5889018
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Jonas Waack
       
       ## TAGS
       
 (DIR) Schwerpunkt Iran-Krieg
 (DIR) Straße von Hormus
 (DIR) Energiepreise
 (DIR) Bundesregierung
 (DIR) Subventionen
 (DIR) Weltwirtschaft
 (DIR) wochentaz
 (DIR) GNS
 (DIR) Energiepreise
 (DIR) Energiepreise
 (DIR) Energie
       
       ## ARTIKEL ZUM THEMA
       
 (DIR) Ölkonzerne kassieren ab: 37 Millionen Euro Zusatzgewinn pro Tag
       
       Nach einer Studie von Greenpeace bauen die Ölkonzerne ihre Übergewinne
       während der Waffenruhe im Nahen Osten aus. Der Lobbyverband bestreitet das.
       
 (DIR) Entlastungen bei Energiepreisen: Comeback der Ampel-Ideen
       
       In der Krise greift selbst Friedrich Merz zum Besteck der abgewählten
       Vorgängerregierung. Wie es dazu kam und wem das alles nicht schmeckt.
       
 (DIR) Entlastungspaket der Bundesregierung: „Fossile Antworten auf fossile Krise“
       
       Der geplante Tankrabatt stößt nicht auf Begeisterung bei Umweltverbänden.
       Auch Industrievertreter:innen sind enttäuscht – nur die IG Metall
       nicht.