# taz.de -- Entlastungen bei Energiepreisen: Comeback der Ampel-Ideen
> In der Krise greift selbst Friedrich Merz zum Besteck der abgewählten
> Vorgängerregierung. Wie es dazu kam und wem das alles nicht schmeckt.
(IMG) Bild: Vertrauen getankt: Die zuletzt zerstrittene Bundesregierung einigte sich auf Maßnahmen gegen die hohen Energiepreise
Christian Lindner dürfte sich ins Fäustchen lachen. Dass die schwarz-rote
Koalition sich so ungeniert aus dem Instrumentenkasten des einstigen
Ampel-Finanzministers bedienen würde, kann der heutige Autohändler als
späte Genugtuung betrachten. Ampel und FDP hat er gegen den Baum gefahren,
aber immerhin ist seit dem Wochenende der Tankrabatt zurück, den die FDP im
Sommer 2022 durchsetzte. Am Montagmorgen verkündeten die Vorsitzenden von
Union und SPD im Kanzleramt die Senkung der Energiesteuer um 17 Cent auf
Diesel und Benzin.
Dass die Koalitionäre ausgerechnet mit diesem greifbaren Ergebnis aus ihrer
Wochenendmarathonsitzung am Tegeler See in Berlin gehen würden, war nicht
absehbar. Noch am Donnerstag hatte der Bundeskanzler die Erwartungen
gedämpft und erklärt, [1][kurzfristige Entscheidungen seien nicht zu
erwarten]. Parallel lieferten sich Wirtschaftsministerin Katherina Reiche
(CDU) und Finanzminister Lars Klingbeil (SPD) einen öffentlichen
Schlagabtausch über gute und schlechte Ideen gegen die horrenden
Spritpreise. Klingbeil brachte neben dem Tankrabatt auch einen Preisdeckel
und eine Übergewinnsteuer ins Spiel. Reiche nannte diese Vorschläge abwegig
und kassierte prompt einen Rüffel von Merz wegen ihrer lauten Kritik.
Die von der Wirtschaftsministerin vorgeschlagene Erhöhung der
Pendlerpauschale hat bei den internen Gesprächen am Wochenende aber dem
Vernehmen nach keine Rolle gespielt. Zu teuer und zu spät wirksam. Auch
andere Vorschläge wie Benzingutscheine, ein Preisdeckel oder
Härtefallzuschüsse wurden schnell verworfen: zu aufwendig und teuer. Die
Wirtschaftsministerin saß selbst gar nicht mit am Tisch. Reiche war nicht
eingeladen und musste daher auch nicht absagen.
Dafür sorgten die internationalen Nachrichten in der Villa Borsig für
Unruhe: Die Friedensgespräche zwischen den USA und dem Iran waren geplatzt,
eine angekündigte Blockade der Straße von Hormus durch die Amerikaner.
Diese Entwicklungen zwangen Union und SPD endgültig in den Krisenmodus. Mit
dem Tankrabatt und einem steuerfreien Krisenbonus von 1.000 Euro für
Beschäftigte wollen sie nun Handlungsfähigkeit demonstrieren.
## „Geht in Ordnung“
Ob die Steuersenkung auf Diesel und Benzin wirklich, wie Merz am Montag
versprach, „sehr schnell die Lage für die Autofahrer und die Betriebe im
Land verbessert“, ist umstritten, zumal es sich bei den Autofahrern, die
Merz meint, nur um jene handelt, die einen Verbrenner fahren. Auch der
Entlastungsbonus hängt vom guten Willen der Arbeitgeber ab, die Linke
kritisiert das als „sozial ungerecht“.
Der Direktor des gewerkschaftsnahen Instituts für Makroökonomie und
Konjunkturforschung, Sebastian Dullien, bekannte dennoch, die angekündigten
Maßnahmen der Koalition seien als Sofortpaket „in Ordnung“. Sie senkten
kurzfristig die Inflation und entlasteten Haushalte und Unternehmen.
Die Ampel-Koalition hatte 2022 auf die Energiepreiskrise nach dem
russischen Überfall auf die Ukraine ebenfalls mit Entlastungsprämien und
einem Tankrabatt reagiert. Damals senkte sie die Energiesteuer auf Benzin
um 35 Cent und auf Diesel um 17 Cent pro Liter für drei Monate.
Diese Ermäßigung [2][war nach Einschätzung des Leibniz-Instituts für
Wirtschaftsforschung zunächst an die Verbraucher:innen weitergegeben
worden,] später jedoch immer weniger. Der CDU-Abgeordnete Tilman Kuban
hatte Ende März im Bundestag noch daran erinnert, dass der letzte
Tankrabatt drei Milliarden Euro gekostet habe, die zu 70 Prozent in die
Kassen der Konzerne geflossen seien.
## Merz skeptisch, Söder für Übergewinnsteuer
Der neue Rabatt soll 1,6 Milliarden Euro kosten. SPD-Finanzminister
Klingbeil will das Geld mit einer Übergewinnsteuer zurückholen. Eine solche
Steuer auf außergewöhnlich hohe Gewinne prüft derzeit die EU-Kommission.
Bereits 2022 und 2023 hatte die EU Gasproduzenten und Mineralölkonzerne mit
einer solchen Abgabe belegt, was Deutschland einer Anfrage der Grünen
zufolge 2,5 Milliarden Euro einbrachte.
Für Reiche und Teile der CDU bleibt die Übergewinnsteuer jedoch „teuer,
wirkungsschwach und verfassungsrechtlich fragwürdig“. Bayerns
Ministerpräsident Markus Söder hält eine Prüfung hingegen für sinnvoll, wie
er am Montag betonte. Merz hingegen meinte, er bleibe skeptisch bei der
„sogenannten Übergewinnsteuer“, wohl auch, damit ihm die eigenen Leute
nicht an die Gurgel gehen.
Denn im Grunde hat der Kanzler den Weg für eine solche Steuer frei gemacht.
Im Ergebnispapier haben sich Union und SPD auf die Formulierung geeinigt,
die Gegenfinanzierung der steuerlichen Entlastungen erfolge „durch
kartellrechtliche oder steuerrechtlich abgesicherte Maßnahmen gegenüber den
Mineralölwirtschaftsunternehmen“. Im Klartext heißt das: Die Konzerne
sollen mit bezahlen.
Für den geplanten steuerfreien Krisenbonus müssen bereits die
Raucher:innen blechen – über eine Erhöhung der Tabaksteuer noch in
diesem Jahr. Die 1,2 Milliarden Euro hierfür waren ursprünglich für die
gesetzliche Krankenversicherung vorgesehen.
Um die nötigen kartellrechtlichen Schärfungen soll sich nun das
Wirtschaftsministerium kümmern. Eine Anfrage der taz, was genau geplant
sei, blieb bis Redaktionsschluss unbeantwortet.
## Preisdämpfende Wirkung erwartet
Für die finanzpolitische Sprecherin der Grünen, Katharina Beck, ist die
Übergewinnsteuer das richtige Instrument in zweifacher Hinsicht. „Die
Preistransparenz zeigt eindeutig, es gibt sehr klare und extrem hohe, rein
krisenbedingte Mitnahmegewinne, die auf Kosten der Autofahrerinnen und
Autofahrer eingefahren werden von den Konzernen“, sagte Beck und
[3][verweist auf Daten des Portals benzinpreis.de]. Demnach verdienten die
Konzerne nach Abzug von Steuern und Kosten am 1. März noch 42 Cent pro
Liter Diesel, aktuell sind es 79 Cent, also fast doppelt so viel. Zudem
hätte eine wirksam gestaltete Übergewinnsteuer eine preisdämpfende Wirkung,
sagt Beck. „Sie hat auch 2022 und 2023 gut gewirkt.“
Auch die Linken-Fraktionsvorsitzende Heidi Reichinnek fordert eine
Übergewinnsteuer, „um die Spirale der Gier zu durchbrechen und damit eine
Entlastung der Mehrheit zu finanzieren“.
Um nachhaltige Entlastungen für die Mehrheit der Menschen ging es bei den
Spitzengesprächen am Tegeler See ebenfalls. Ausführlich diskutierten der
Kanzler und seine Koalitionspartner:innen über die geplante
Einkommenssteuerreform. Nach SPD-Vorstellungen soll sie vor allem Menschen
mit kleinen und mittleren Einkommen entlasten, also jene, die überhaupt
Steuern zahlen und mehr als 12.348 Euro zu versteuerndes Einkommen pro Jahr
haben.
Nach [4][Berechnungen des Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung würde
eine Entlastung für 95 Prozent der Steuerzahler:innen, wie sie Klingbeil
vorschwebt rund 15 Milliarden Euro kosten]. Das ließe sich nur durch eine
Erhöhung des Spitzen- und Reichensteuersatzes finanzieren, die derzeit bei
42 und 45 Prozent liegen. SPD-Co-Parteichefin Bärbel Bas erklärte am
Montag: „Nichts ist ausgeschlossen.“
Für große Teile der Union bleiben Steuererhöhungen jedoch ein Tabu.
Angesichts eines Haushaltslochs von 20 Milliarden Euro für 2027 erscheint
eine Steuerreform ohne Gegenfinanzierung jedoch unrealistisch.
Es gibt also noch einiges zu bereden, Merz kündigte an, die
Marathonverhandlungen am Wochenende seien nur der Anfang gewesen und „der
Auftakt zu einer ganzen Reihe von Beratungen“.
Nach dem Koalitionsausschuss ist vor dem Koalitionsausschuss.
13 Apr 2026
## LINKS
(DIR) [1] /Koalitionsstreit-um-Energiepreise/!6170020
(DIR) [2] https://www.rwi-essen.de/presse/wissenschaftskommunikation/pressemitteilungen/detail/rwi-weitergabe-des-tankrabatts-im-jahr-2022-nahm-ueber-die-zeit-stark-ab-und-fiel-je-nach-region-sehr-unterschiedlich-aus
(DIR) [3] https://benzinpreis.de/de/statistiken
(DIR) [4] https://www.zeit.de/wirtschaft/2026-03/einkommensteuertarif-spitzensteuersatz-stefan-bach-diw
## AUTOREN
(DIR) Anna Lehmann
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