# taz.de -- Ex-Politiker Graichen über Energiewende: „Deutschland braucht eine fossile Unabhängigkeits-strategie“
> Patrick Graichen war als Staatssekretär Robert Habecks Mann für die
> Energiewende. Schwarz-Rot kritisiert er scharf. Und die Fehler der Ampel?
(IMG) Bild: Will eine Bürgerbewegung gegen ein Energiewenderollback: Patrick Graichen
taz: Herr Graichen, haben Sie noch Kontakt zu Ihrem Trauzeugen Michael
Schäfer?
Patrick Graichen: Natürlich! Warum fragen Sie?
taz: Weil Sie seinetwegen Ihre politische Karriere verloren haben: Sie
saßen in der Findungskommission für den Posten des neuen Leiters der
Deutschen Energieagentur, für den er sich beworben hatte, und haben die
persönliche Verbindung nicht von Anfang an offengelegt. Diese
„Trauzeugenaffäre“ [1][kostete Sie im Mai 2023 Ihren Job] als
Wirtschaftsstaatssekretär von Robert Habeck (Grüne).
Graichen: Das war der zentrale Fehler in meiner Zeit als Staatssekretär.
Ich habe dafür bezahlt und trage seitdem eine Narbe in meinem Lebenslauf.
Das Leben geht aber weiter.
taz: Wir fragen Sie das vor dem Hintergrund der aktuellen Hausleitung: Auch
Bundeswirtschaftsministerin Katherina Reiche (CDU), die zuvor Managerin bei
einer Tochter des Fossilkonzerns Eon war, werden Interessenskonflikte
vorgeworfen.
Graichen: Die Tatsache, dass Katherina Reiche zuvor in der Wirtschaft
gearbeitet hat, ist erst mal kein Skandal. Ich finde es allerdings schon
sehr seltsam, dass ihr Haus eine Firma ihres Lebensgefährten, dem früheren
Bundeswirtschaftsminister Karl Theodor zu Guttenberg, fördert – und das
wird achselzuckend hingenommen. Aber der eigentliche Skandal ist natürlich
Reiches Politik.
taz: Am Mittwoch hat Bundesumweltminister Carsten Schneider (SPD) [2][das
neue Klimaschutzprogramm der Bundesregierung vorgelegt]. Wie bewerten Sie
es?
Programme sind im Grunde nur Absichtserklärungen. Wichtig ist, was in
Gesetzen steht und wie viel Geld für Förderprogramme bereitgestellt wird.
Hier muss man ja leider bei den zentralen Themen – Gebäudeenergiegesetz,
Erneuerbare-Energien-Gesetz, Stromnetzpaket, Wärmepumpenförderung – das
Schlimmste befürchten, denn Katherina Reiche plant überall den Rollback.
Womöglich schlägt sie jetzt noch vor, das Befüllen der Gasspeicher über den
Klimafonds zu finanzieren, anstatt die Gaskonzerne zur Kasse zu bitten. Die
Bewährungsprobe für den Umweltminister ist insofern, ob er Reiches Pläne
verhindert.
taz: Welches Fazit ziehen Sie nach fast einem Jahr Schwarz-Rot?
Graichen: Es ist deutlich schlimmer gekommen als erwartet. Andererseits ist
jetzt klar, was Sache ist: Diese Regierung verfolgt die Interessen der
Gaslobby und will die Bundesrepublik in neue Abhängigkeiten zwingen. Damit
kommt es jetzt auch zu einem Aufwachen derjenigen, die die Energiewende
wollen. Das wiederum stimmt mich zuversichtlich.
taz: [3][Die Ministerin hat allerhand vor, etwa die Reform des
Gebäudeenergiegesetzes (GEG)], des sogenannten Heizungsgesetzes, und des
Erneuerbares-Energien-Gesetz (EEG). Mit dem „Netzpaket“ will sie den Zugang
zum Stromnetz neu regeln. Was ist am schlimmsten?
Graichen: Man muss das Gesamte sehen. Das Netzpaket richtet sich gegen neue
Windparks und große Solaranlagen, sie sollen bis auf wenige Ausnahmen nicht
mehr ans Netz angeschlossen werden können. Die Reform des EEG zielt auf
Solardachanlagen, die nicht mehr gefördert werden sollen. Und die Eckpunkte
zum Gebäudeenergiegesetz zielen gegen die Wärmepumpe. Das alles ergibt ein
Gesamtbild: Frau Reiche macht eine Politik zugunsten der Gaslobby, und
gegen die Erneuerbaren und die Elektrifizierung.
taz: Inwieweit ändert sich die Lage durch den Irankrieg?
Graichen: Reiche steht jetzt vor dem Scherbenhaufen ihrer Energiepolitik.
Denn die rasanten Öl- und Gaspreissteigerungen aufgrund des Irankriegs
führen ja aller Welt vor Augen, wie irre es ist, wieder auf diese
Energieträger zu setzen.
taz: Was wäre die richtige Alternative?
Graichen: Deutschland braucht eine fossile Unabhängigkeitsstrategie. Das
heißt: alles auf Erneuerbare und Stromanwendungen setzen. Das ist unsere
günstige heimische Energie, damit werden wir unabhängig von teuren und
unsicheren Öl- und Gasimporten.
taz: Die von Reiche [4][geplante Entkernung des Heizungsgesetzes sieht]
vor, dass Öl- und Gasheizungen weiterhin eingebaut werden dürfen. Erleben
wir eine Renaissance dieser Heizungen?
Graichen: Das glaube ich nicht. Die Leute wissen, dass eine Gasheizung eine
falsche Investition ist. Erst die Grönlandkrise, dann der Irankrieg – bei
jeder geopolitischen Krise schießt der Gaspreis in die Höhe. Dazu kommt,
dass eines Tages Trump sagen könnte: Wir liefern kein Gas mehr nach Europa,
weil ihr KI und Google regulieren wollt. Dass Gas teuer und riskant ist,
ist inzwischen Allgemeingut. Deswegen war die Wärmepumpe im vergangenen
Jahr erstmals die meistverkaufte Heizung auf dem gesamten Heizungsmarkt.
Diesen Trend müssen wir jetzt verstärken. Das ist meine Hoffnung: Wir
lassen uns nicht an Trump und die Gaslobby ausliefern, wir machen das jetzt
selbst.
taz: Wer ist wir?
Graichen: Zum Beispiel diejenigen, die früher den Atomausstieg
vorangetrieben haben. Die sagen: Damals haben wir den Atomausstieg selbst
gemacht, jetzt machen wir die Energiewende selbst.
taz: Das heißt: Es ist egal, dass das Verbot für den Einbau neuer Öl- und
Gasheizungen fällt?
Graichen: Es heißt, wir müssen es selber machen, wir können uns nicht auf
die Regierung verlassen. Die Frage ist: Lassen wir uns ausliefern oder
setzen wir jetzt den Kontrapunkt? Schaffen wir es, eine Bürgerbewegung
gegen die Öl- und Gaslobby zu gründen? Das ist die Aufgabe, die jetzt
ansteht. Ich würde sagen, die Chancen stehen nicht schlecht.
taz: Woran machen Sie das fest?
Graichen: An dem einhelligen Aufschrei gegen die Änderungen am
Gebäudeenergiegesetz. Der geht ja vom Institut der deutschen Wirtschaft und
dem Bundesverband der Deutschen Industrie bis zum Heizungsbauer in
Oberbayern und einmal quer durch die gesamte Umweltszene. Außer der
Gaslobby will niemand diesen Rollback. Und obendrauf kommt, dass neue
Solaranlagen nicht mehr gefördert werden sollen. Ich werbe dafür, aus einer
Opferhaltung herauszu kommen. Statt zu sagen, schwarz-rot macht jetzt alles
kaputt, sollten wir zu einer Haltung kommen: Erstens verhindern wir diesen
Rollback, zweitens machen wir die Energiewende selbst.
taz: In Brandenburg sagt jeder Installateur: Die Wärmepumpe ist Quatsch. Es
gibt eine Haltung bei vielen Menschen: Die wollen uns was wegnehmen. Das
spiegelt sich in AfD-Wahlergebnissen.
Graichen: Die Frage ist: Was ist unsere Antwort darauf? Ich würde sagen:
Solar auf dem Dach. Selbst in Gebieten mit hohen AfD-Wahlergebnissen finden
ja alle Solaranlagen gut. Solar auf dem Dach hat auch der AfD-Wähler. Und
wer eine Solaranlage auf dem Dach hat, will den Strom lieber selber nutzen,
als ihn ins Netz abzugeben. Dann ist der Schritt zur Wärmepumpe und zum
E-Auto folgerichtig. Deshalb liegt es jetzt an uns, eine
Energiewende-Bürgerbewegung zu gründen. Die muss sehr breit sein, das darf
keine links-grüne Sache sein.
taz: Zielt das nicht in erster Linie auf die, die sowieso dabei sind? Was
ist mit denen, die partout keine Energiewende wollen.
Graichen: Da ist viel an Überzeugungsarbeit zu leisten, und es gibt auch
finanziellen Hürden. Sie sind aber alle überwindbar. Die Förderung für neue
Wärmepumpen ist gut, letztes Jahr wurden 300.000 Stück installiert. Sollte
sich die Regierung trauen, sie zu kürzen, wird sie einen Aufstand erleben.
taz: Wie wollen Sie Leute gewinnen, die die Energiewende ablehnen?
Graichen: Es muss klar werden: Die erneuerbare Lösung ist billiger als die
fossile. Das ist in vielen Fällen heute schon so, es zu verstärken ist
Aufgabe der Politik.
taz: Das setzt voraus, dass alle rational handeln. Aber gerade in
Klimafragen ist das oft nicht der Fall. Leute bauen Gasheizungen ein, weil
sie andere Lösungen einfach nicht wollen. Dieses irrationale Element gibt
es immer wieder.
Graichen: Ich glaube, das ist eine Minderheit. Den allermeisten geht es um
den Geldbeutel. Wenn ein Verbrennerauto und eine Gasheizung
unwirtschaftlich sind, dann werden sie auch abgeschafft. Es ist ja auch
verständlich, wenn Leute Sorgen haben, weil sie für die Installation einer
Wärmepumpe erheblich mehr Geld zahlen müssen als für eine Gasheizung.
Amortisieren wird sich das über günstigere Heizkosten in 10 Jahren,
Nutznießer sind dann erst die Kinder. Diesen Mechanismus müssen wir
knacken.
Wärmepumpe und Gasheizung sollten etwa gleich viel kosten, und weil Heizen
mit Strom billiger ist als Heizen mit Gas, setzt sich das dann durch. Damit
kriegen wir drei Viertel der Leute. Und das letzte Viertel steigt am
Schluss ganz von allein um, weil deren Netzentgelte explodieren, wenn nur
noch wenige am Gasnetz hängen.
taz: Was hätte die Ampel besser machen können?
Graichen: Ich bin fest davon überzeugt, das Gute setzt sich durch, wenn es
das Günstige ist. Das ist in Schweden zu sehen, wo alle mit Wärmepumpen
heizen. Die Gasheizung ist dort nicht verboten, es war einfach viel
billiger, mit Strom und Wärmepumpe zu heizen. In Norwegen ist der
E-Auto-Durchbruch gekommen in dem Moment, in dem das E-Auto billiger war
als der Verbrenner. Die Gesellschaften, in denen der Umstieg von Öl und Gas
auf heimischen Strom geklappt hat, waren ökonomisch getrieben. Insofern
hätten wir einen noch stärkeren Schwerpunkt darauf legen müssen, Strom
billiger zu machen und die Kosten für Stromanwendungen, auch in der
Industrie, zu senken.
taz: Den Bündnisgrünen wird häufig vorgeworfen, gerade in der
Energiepolitik das Soziale nicht genug zu beachten. Würden Sie da mitgehen?
Graichen: Nein. Das sehe ich nicht so. Wir haben ja damals beim Thema
Wärmepumpenförderung ein Konzept gehabt, das 80 Prozent Förderung für
Haushalte mit niedrigen Einkommen vorgesehen hat. Der Gedanke, dass man
Ordnungsrecht immer mit einer sozial sehr ausgewogenen Förderung
kombinieren muss, war von Anfang an da. Das Problem ist eher: Der grüne
Habitus ist der des akademischen Großstädters, da gehöre ich ja auch zu.
Das zu überwinden und eine andere Ansprache und in dem Sinne auch
gemeinsame Entwicklung von Politik zu betreiben – das fehlt viel mehr.
taz: Wenn die Ampel das versprochene Klimageld eingeführt hätte, hätten die
Leute im Portemonnaie Klimaschutz gemerkt und die Akzeptanz für
Klimapolitik wäre größer.
Graichen: Das bezweifle ich.
taz: Warum?
Graichen: Die Kanadier haben genau das gemacht, einen CO₂-Preis eingeführt
und ein ausgleichendes Klimageld. Das ist verhetzt worden und ihnen um die
Ohren geflogen. Die Hoffnung, wenn es 200 Euro Klimageld pro Person im Jahr
gibt – das haben wir ja damals auch vorgeschlagen – stellt man Akzeptanz
her, erfüllt sich nicht. Die Bild-Zeitung wird immer noch ihre Kampagne
fahren, wenn der Preis an der Tankstelle hoch ist. Das ist eingängig, egal
ob auf dem Konto 200 Euro auftauchen oder nicht. Deswegen bin ich davon
überzeugt, dass staatliche Unterstützung am besten da angelegt ist, wo sie
dafür sorgt, dass das Gute das Günstige ist.
26 Mar 2026
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